Ray und Lin beobachteten natürlich das Wirken des Gremiums. Es gab Projekte und Missionen, die ganz erstaunlich waren. Es wurden ungemein wirksame Filter für die großen, industriellen CO2‐Schleudern entwickelt und installiert. Selbst in China. Die Regierungen in Ecuador und Chile rüsteten dreizehn große Fischereiflotten um, die unermüdlich in großem Maßstab das Plastik aus dem Pazifik holten. Die Regierung Brasiliens kooperierte mit den USA in einem ähnlichen Projekt, das Plastik aus dem Atlantik zu fischen. Auch die Staaten am Mittelmeer bemühten sich, ein solches Projekt auf die Beine zu stellen. Die 14 raumfahrenden Staaten schlossen sich zusammen und entwickelten ein System, Weltraumschrott einzufangen und kontrolliert in der Atmosphäre verglühen zu lassen oder die größeren Teile im Ozean zu versenken.
Alle für diese Projekte erforderlichen Techniken waren ja schon seit langem bekannt und verschimmelten in Schubladen. Doch nun waren Jüngere am Ruder, die es durch und durch verstanden, daß diese Dinge dem Fortschritt im Wege standen. Sie ließen die verbohrten, gierigen Alten hinter sich. Wie dumm es war, beispielsweise den Selbstzerstörungsmechanismus für die Weltraumraketen einzusparen, wurde ganz offensichtlich, als es beinahe unmöglich wurde, neue Raketen zu starten. Es gab so viele Fehlschläge, Zusammenstöße und Unglücke, daß die Wissenschaftler die Arbeit mehr als einmal verweigerten und die Raketen am Boden blieben. Es mußte etwas geschehen, jetzt, sofort. Es mußten zunächst Schneisen in den Weltraumschrott geschnitten werden, bevor eine Rakete starten konnte. Es würde noch Jahrzehnte dauern, bis der Großteil des Weltraumschrotts beseitigt war. Es war ökonomischer, den Selbstzerstörungsmechanismus in alle neuen Raketen einzubauen. China machte dabei erst nach internationalem Druck mit.
Die Forschung an plastikfressenden Bakterien erhielt ein großes Fördergeld vom Gremium. Es gab gute Ideen wie das Aufbringen der inaktiven Bakterien schon bei der Produktion, die Bakterien wurden nach einer bestimmten Zeit aktiv und zersetzten das Plastik. Natürlich testete man auch die konventionelle Methode, die Bakterien erst nach der Verwendung auf dem Plastikabfall aufzubringen.
Endlich setzte sich auch die Überzeugung durch, daß es sich auszahlte, die Wasserstoff‐Brennzellentechnologie weiterzuentwickeln. Der Wasserstoff konnte klimafreundlich gewonnen werden, über Pipelines transportiert und in die bestehende Tankstelleninfrastruktur gebracht werden. Die Kosten waren hoch, aber überschaubar. Für große Anlagen wie Schiffe, LKW oder Fabriken war Wasserstoff günstiger als fossile Treibstoffe. Bei PKW mußte noch viel geforscht und entwickelt werden, doch Ray war zuversichtlich, daß es auch in diesem Sektor einen Durchbruch geben würde. Alle namhaften Autohersteller produzierten Elektrofahrzeuge und solche mit alternativen Antrieben. Ebenso war es auf dem Flugsektor noch ein weiter Weg. Also viel gute Forschung, die das Gremium anschob.
Es gab aber auch Projekte und Missionen, die nicht erfolgreich waren, die mit Geld allein nicht erfolgreich sein konnten. Rassismus, Antisemitismus oder Hass, Hetze und böswillige Manipulationen im Internet waren zum Beispiel solche. Demokratische Regierungsformen verfielen zusehends und autoritäre Systeme und Kulte hatten mehr Erfolg als je. Selbst das Auftreten und Wirken des Zeus gab ein falsches Signal. Rotzfrech verwiesen einige Populisten auf Zeus, seht doch, was ein starker Führer zustande brachte! Das war ein Thema, das Ray immer wieder mit Lin diskutierte. Die Entscheidung der Jareel, Ray/Zeus zu aktivieren, war zentral in diesen Diskussionen. Sosehr sich Ray bemühte, es zu verstehen, er hatte in der nachträglichen Betrachtung oft Zweifel, ob Zeus zu Recht aufgetreten war. Lin war sich felsenfest sicher, daß es die richtige Entscheidung der Jareel war.
Die Stimme seiner Mutter am Telefon war völlig panisch, der Vater lag im Sterben. Er blickte zu Lin, aber sie schüttelte den Kopf, seine Lebenszeit war zu Ende. Sie teleportierten sich sofort nach Marbella und fuhren der Tarnung halber eine Station mit dem Bus. Die Mutter holte sie vom Busbahnhof ab und sie saßen drei Tage am Bett des Vaters. Es gab nichts mehr zu sagen, dennoch flüsterten sie leise mit ihm. Er schlief friedlich ein. Ray schlug vor, den Vater nach Wien zu bringen und zu bestatten. Die Mutter schüttelte den Kopf, er sollte in Marbella bestattet werden und sie wollte für immer hier bleiben. Zur Beerdigung kamen fast 100 der neuen Freunde und verabschiedeten Rays Vater feierlich. Ray regelte den Papierkram und ließ sie ein neues Testament machen, er würde sein Geburtshaus in Wien erben. Sie blieben drei Wochen bei der Mutter, bis sie über die ärgste Zeit hinweg war. Sie ließen sie in der Obhut ihres langjährigen Liebhabers Leonardo zurück und teleportierten heim. Ray hatte den Witwer Leonardo, der um 20 Jahre jünger war als sie, schon genau überprüft, der bescheidene Mann war völlig in Ordnung. Und er bereitete ihr sexuelle Freuden, die sie seit dem Magier vermisst hatte.
Sie nahmen ihre Arbeit wieder auf. Abends legte sich Lin neben ihn auf die Couch, legte ihren Kopf in seinen Schoß und er erzählte von seiner Jugend. Wie er seine Begabung entdeckte und entwickelte, wie er Vater und Mutter über ihre sexuellen Eskapaden aushorchte und die Mutter ihm alles Sexuelle zeigte und beibrachte. Lin hörte schweigend zu, denn das alles war ihr bei ihrer Erschaffung eingepflanzt worden und sie erinnerte sich genauer als er an jedes Detail seines sexuellen Erwachens. Er selbst sprach es nicht aus, daß sie ihm das Kindermachen beigebracht hatte, aber Lin sah es ganz deutlichin seinen Erinnerungen. Allmählich wich die Trauer und er gedachte seiner Eltern in ehrlicher Dankbarkeit, sie hatten ihn immer geliebt, unterstützt und vorangebracht.
Monatlich kamen die Diplomatinnen zu Zeus und sie besprachen mit ihm die Ergebnisse des Gremiums. Rays Interesse an der Nacktheit der Diplomatinnen wurde stetig kleiner, er war mehr daran interessiert, die Entwicklungen und Projekte voranzutreiben. Er wußte, daß er viel zu ungeduldig war, aber die Monate perlten dahin, wurden zu Jahren und der Planet war immer noch schwerkrank. Wiewohl er wußte, daß es noch mindestens einhundert Jahre dauern würde, bis man einen Erfolg sehen konnte, war er ungeduldig. Er hatte keine hundert Jahre. Lin hatte sein Altern aufhalten können, aber das Ende nicht, das konnten oder wollten die Jareel nicht.
Ray diskutierte mit Lin des öfteren, ob er der Menschheit das Öl, das Erdgas und vielleicht auch die Kohle per Hokuspokus wegnehmen solle. Das würde die Entwicklung neuer Energiequellen vorantreiben, die Verschmutzung der Erde sofort senken und die Macht der Ölbarone wegpusten. Lin mahnte zur Vorsicht, man sei noch nicht so weit, ein weltweiter Kollaps der Wirtschaft würde zuviel zerstören. Sie war überzeugt davon, daß diese Krise die Weltwirtschaft um viele Jahrzehnte zurückwerfen würde. Aber der Gedanke sei an sich gut, sie müssten nur den richtigen Zeitpunkt abwarten. Ray beobachtete die Entwicklungen auf dem Energiesektor ganz genau, er wollte den Zeitpunkt nicht verpassen. Die Energiekriese, ausgelöst im Krieg zwischen Russland und der Ukraine, war ein Schuß vor den Bug. Aber es führte hauptsächlich dazu, daß die westlichen Staaten sich nach Alternativen für die Lieferung fossiler Produkte umsahen, aber nicht vordringlich die alternative Energiegewinnung forcierten. Es ging ihm alles viel zu langsam.
Eines Tages konnte Ray nicht mehr warten. Er besprach sein Vorhaben mit Lin und wollte es ausprobieren, in kleinem Maßstab. Wenn es schief ging und die Weltwirtschaft in ernste Gefahr kam, konnten sie immer noch abbrechen. Er fragte sie, ob die Jareel die Erdöl‐, Erdgas‐ und Kohleproduktion um ein Viertel kürzen konnten. Es sollte still und heimlich über die Bühne gehen, Zeus würde nichts ankündigen, die Diplomatinnen würden nicht vorab informiert werden. Lin dachte eine Minute lang nach und nickte, es konnte bewerkstelligt werden. Sie gab seinen Wunsch weiter und die Jareel drosselten die weltweite Produktion noch am gleichen Tag um 25%. Er und Lin beobachteten die Reaktionen voller Spannung.
Die Produzenten waren sauer. Sie konnten sich nicht erklären, warum die Produktion zurückging. Die Ingenieure waren ratlos, sie konnten sich auch nicht erklären, warum die Gesamtmenge nicht stieg, obwohl sie die Produktion mit voller Leistung laufen ließen. Es war ein unerklärliches physikalisches Paradoxon. Es vergingen mehrere Wochen, bis es sich nicht mehr verheimlichen ließ. Die Regierungen ordneten an, die eisernen Reserven anzuzapfen. Man konnte keinen Unmut im Wahlvolk gebrauchen. Monatelang konnte man die Knappheit überbrücken, bis die großen Medienunternehmen zu berichten begannen und das Thema die Talkshows und die Leitartikel dominierte. Endlich, endlich wurden die Forderungen lauter, die alternative Energiegewinnung zu forcieren. Ray legte täglich unauffällig ein Schäufchen nach, bis die Gesamtproduktion nur mehr 40% betrug. Weiter konnte er nicht gehen, das rechneten ihm Lin und die Jareel vor.
Beim nächsten Besuch der Diplomatinnen war die Energieknappheit das vorherrschende Thema. Zeus gab zu, etwas damit zu tun zu haben und verlangte, die alternative Energiegewinnung mit großem Einsatz zu forcieren. Das sollte das Gremium durchsetzen. Das Treffen verlief nicht sehr harmonisch, die Diplomatinnen waren nicht glücklich darüber, vor vollendete Tatsachen gestellt zu sein. Ray war es irgendwie egal, er hatte keine hundert Jahre.
Das Gremium pumpte riesige Beträge in innovative Techniken. Die Windparks in der Nordsee wurden um mehr das Doppelte vergrößert, das erfolgreiche und klimafreundliche Wasserstoffprojekt in Namibia wurde von anderen afrikanischen Staaten kopiert, es war gut investiertes Geld. An den Hängen der Anden wuchsen unzählige Windräder empor, Spanien und Frankreich bauten mehrere gewaltige Pipelines für den Wasserstoff aus Afrika. Die Ölbarone und die arabischen Staaten versuchten, ihr Geld in die neuen Projekte hinüberzuretten. Für fossile Energien kam das Aus täglich näher. Ray atmete auf.
Ray und Lin teleportierten sich manchmal zu seiner Mutter und blieben über Nacht. Er war sehr besorgt, ob sie das Witwendasein gut verkraftete. Sie besuchte das Grab des Vaters mehrmals in der Woche und sorgte gut dafür. Sie nahm bereits nach einigen Wochen wieder am Gesellschaftsleben teil und traf die alten Freunde. Ray und Lin hörten jede Nacht die Lust des Paares und das glückliche Seufzen seiner Mutter. Als er einmal allein mit der Mutter darüber sprach, beruhigte sie ihn augenzwinkernd, Leonardo sei seit Jahrzehnten der erste Mann, bei dem sie sich ganz fallenlassen konnte und regelmäßig Höhepunkte bekam. Sie errötete heftig: es sei für Leonardo selbstverständlich, daß sie es sich selbst machte, wenn er eine Pause brauchte. Leonardo war im Alltag ein verläßlicher Partner und treu. Daß er nebenher keine Liebschaften hatte, wußte Ray natürlich aus seiner Recherche.
Ray und Lin teleportierten sich immer häufiger in verschiedene Städte, gingen in die Cafés und plauderten mit den Einheimischen. Die Energieknappheit betraf ja alle und war ein dankbares Thema bei jedem Smalltalk. Alle wußten um die neuen Forschungsprojekte und waren zuversichtlich, aber bis das alles zu ihnen ins Alltagsleben käme, das ging für die meisten viel zu langsam. Für Ray und Lin waren das wichtige Gespräche und sie saugten so viele Eindrücke auf wie sie konnten.