Er wußte ebensogut wie Lin, daß die nächste Aufgabe weitaus schwieriger war als die erste. Den weltweiten Hunger zu bekämpfen, das würde eine sehr komplizierte Angelegenheit werden. Sie badeten im Meer und ließen sich von der künstlichen Sonne trocknen. Er besprach mehrere Ideen mit Lin, sie argumentierten hin und her und sie verwarfen die Pläne. Es war sinnlos, den Hunger mit Hokuspokus zu bekämpfen. Die Menschheit mußte erkennen, daß der Planet alle ernähren konnte. Die Verteilung war das große Problem und die kluge Produktion von Lebensmitteln in der Region. Es war beispielsweise nicht klug, Lebensmittel in Kraftwerken zu verfeuern, um Strom zu produzieren, sagte Ray. Das selbe galt für das Wasser.
"Gib dem Hungernden keinen Fisch, sondern eine Angelrute!" Lin zitierte diesen klugen Spruch des Lao Tse immer wieder. Ray wußte, wie sehr sie recht hatte. Doch der Mensch mußte die Angelrute selbst entwickeln, ihnen Hokuspokus aufzuzwingen war sinnlos. Auch die Jareel hatten Jahrtausende gebraucht, ihre Weltbevölkerung zu ernähren, als sie noch Körper hatten. Die Menschheit mußte den gleichen Weg gehen, sie mußte selbst die notwendigen Schritte entwickeln.
Ray bestand darauf, den Hungernden Fisch zu geben. Er konnte nicht mit ansehen, daß weitere Millionen Menschen verhungerten, während laufend Meetings und Konferenzen über den Welthunger abgehalten wurden. Vielleicht sollte man etwas Konkretes tun, anstatt zu diskutieren. Er hatte in Asien, Südamerika und Afrika den Hunger gesehen und es war für ihn das nächste dringende Problem. Er legte seine Gedanken Lin vor und sie merkte, daß er stur dabei blieb. Es war ein sehr einfacher, überhaupt nicht genialer Plan. Doch Ray erinnerte Lin daran, wie es mit dem Krieg abgelaufen war. Die Menschen haben sich seinem Diktat gebeugt und waren in der Not erfinderisch geworden. Sie erfanden nicht den Krieg aufs Neue, sondern sie erfanden, wie sie mit dem Frieden umgehen konnten. Die Entwicklung war neu und man wußte nicht, ob sie von Dauer war. Lin nickte schließlich, sie sollten es zumindest probieren.
Zeus schrieb an die Regierungen in Washington, Brüssel und Beijing gleichlautend. Er bestellte je eine Diplomatin auf den Platz vor ihren Regierungssitzen in drei Tagen, sie sollten eventuelle Fragen schriftlich mitbringen und keine elektronischen Geräte tragen. Er garantierte ihre Sicherheit.
Bei den Regierungen liefen die Leitungen heiß. Anne Kilpatrick war jederzeit bereit, eine Diplomatin in Brüssel und eine in Beijing wurden in gemeinsamen Konferenzschaltungen mit Anne vorbereitet. Fragen hatte man keine, die Diplomatinnen mußten ad hoc improvisieren. Man wußte ja nicht, was Zeus wollte.
Ray und Lin bereiteten sich ebenfalls vor. Ray hatte eine sehr kurze Ansprache vorbereitet, die er notfalls vom Prompter ablesen würde. Lin sagte, es wäre nicht notwendig, die Position des Raumschiffes zu verlegen, man würde die Diplomatinnen gleichzeitig hierher teleportieren. Es sollte ganz genau gleich wie bei Anne Kilpatricks Besuch ablaufen. Der Tag kam, die Diplomatinnen verschwanden gleichzeitig. In Washington und Beijing klapperten die winzigen Wanzen zu Boden. Brüssel hatte es gar nicht versucht, die erste Erfahrung Kilpatricks hatte sie überzeugt, daß die Technik des Donnergottes der menschlichen weit überlegen war. Die Diplomatin in Brüssel hätte sich wahrscheinlich geweigert, dumme Spielchen mitzumachen.
Die Diplomatinnen mußten sich ausziehen und eine weiße, durchsichtige Tunika anziehen. Lin ließ sie lange im beleuchteten Kreis zwecks Scannens stehen, damit Ray sich sattsehen konnte. Dann folgten sie den Leuchtdioden in den Thronsaal. Sie blieben überwältigt stehen, der Saal war hell erleuchtet und die Pracht verschlug ihnen den Atem. Sie bewunderten den Thronsaal minutenlang. Sie folgten den Leuchtdioden zu den drei Bänkchen und Zeus forderte sie einladend auf, Platz zu nehmen. Drei Kopien der wunderschönen Griechin streuten Blumen um Zeus' Thron. Sie schoben kleine Tischchen vor die Diplomatinnen, servierten Eiswasser und nippten daran. Dann setzten sie sich zu Füßen des Gottes.
Zeus begrüßte Anne Kilpatrick, Carin van der Velde und Wen Shi Seun namentlich. "Seid gegrüßt, meine Damen, seid in Frieden willkommen!" Sie antworteten in ihrer Muttersprache und verbeugten sich. Zeus blickte ihnen in die Augen und ließ seinen Blick über die Leiber gleiten. Ray starrte begehrlich auf die Nacktheit der Frauen.
Zeus hielt seine kurze Ansprache. "Die Menschheit lernt gerade, ohne Krieg und in Frieden miteinander auszukommen. Sagt euren Regierungen meinen Dank!" Zeus machte eine lange Pause, dann setzte er fort.
"Es ist sehr bedrückend, daß Millionen Menschen hungern, während die anderen sich sattessen können. Ich habe zwei Forderungen an euch, und verbreitet meine Botschaft an alle Regierungen. Gebt von eurem Überfluß an die Hungernden ab und zweitens, lehrt sie, zeigt ihnen, wie sie sich in Zukunft selbst ernähren können." Wen Shi meldete sich zu Wort.
"In meinem Land ist der Hunger besiegt, niemand muß hungern!" Zeus fiel Wen ins Wort und aus seinem Stab zuckten Blitze, als er donnerte: "Erspare uns deine Parteipropaganda, Wen Shi Seun! In deinem Heimatland hungern derzeit mehr als 163 Millionen Menschen oder haben gerade nur so viel zu Essen, daß sie nicht verrecken! Wir können verstehen, daß deine Regierung diese Tatsache verschweigt, aber ich will, daß du meine Botschaft überbringst!" In Wen's Geist rasten Bilder von hungernden Chinesen in einem Sekundenbruchteil vorbei. Es war überwältigend und Wen Shi wußte im selben Augenblick, daß das die Wahrheit war. Sie fiel quasi wie Saulus vom Maultier, als ihn die Erkenntnis Gottes wie ein Blitz traf. Sie riß die Augen auf, dann nickte sie, sie erkannte die Tatsachen augenblicklich.
Zeus' Finger spielten mit den Locken seines Bartes. Er setzte fort: "Es war euch bisher gleichgültig, denn der Hunger war schon immer in der Welt und die Hungernden forderten nicht laut genug! Doch das müßt ihr jetzt ändern, sofort!" Zeus machte eine kurze Pause und Ray starrte auf Wen Shis Leib.
"Anne Kilpatrick, wirst du auf deine Regierung einwirken, um den Hunger zu beenden?" Es war keine rhetorische, sondern eine direkte Frage. Anne räusperte sich und antwortete, sie wolle seine Botschaft überbringen und darauf drängen, daß etwas Konkretes geschah. Sie wich seinem Blick aus und ergänzte: "Ehrlich gesagt halte ich es für unwahrscheinlich, daß sie etwas Greifbares tun werden!" Sie senkte den Kopf.
Zeus fragte Carin van der Velde, wie sie es sehe. Sie antwortete sofort: "Ich werde ebenso wie Anne deine Botschaft überbringen, aber die 30 europäischen Staaten werden es, fürchte ich, einfach nur zerreden. Ich bin leider genauso wie Anne pessimistisch."
Zeus fragte Wen Shi Seun, was sie zu sagen hätte. "Ich habe diese Bilder gesehen und fürchte mich um meine Zukunft. Die Partei kennt diese Bilder nicht, die meisten Politiker glauben an jene Wahrheit, die ihnen vorgegeben wird. Ich werde deine Botschaft natürlich überbringen, aber man wird mich ignorieren, vielleicht zum Schweigen bringen! Ich habe keinerlei Hoffnung, daß irgendetwas, was ich sage, von Bedeutung sein kann." Wen Shi senkte den Kopf und wischte sich trotzig die Tränen aus den Augen. Es war das erste Mal, daß die blutjunge Karrierendiplomatin und treue Parteisoldatin im Dienst weinte. Zeus sagte beruhigend, es werde ihr nichts geschehen.
Zeus blickte lächelnd auf die Diplomatinnen und nickte bedächtig. "Ich habe Eure Antworten genau so erwartet und bin überhaupt nicht überrascht, ich kenne ja die Menschen. Hört also den zweiten Teil meiner Botschaft. Ich werde ab morgen jeden Tag alle Lebensmittel von 10 willkürlich ausgewählten Großstädten direkt an die Hungernden verteilen. 10 Städte, jeden Tag! Ich sage euch nicht, welche Städte, das überlasse ich meinen Gehilfen Hermes und Loki. Die Städte werden sich am Tag danach wieder versorgen, da habe ich keine Zweifel, und keiner kommt zu Schaden. Der Lebensmittelraub wird nur dort aufhören, wo das Teilen mit den Hungernden energisch, wirksam und nachhaltig erfolgt!" Zeus blickte von einer zur anderen.
"Der letzte Teil meiner Botschaft ist wichtig: lehrt die Hungernden, sich selbst zu versorgen, gebt und helft ihnen großzügig, sich selbst zu ernähren!"
Er machte eine Handbewegung, die Bänkchen hoben sich in die Luft, die Diplomatinnen strampelten ängstlich mit den Beinen und hielten sich an den Bänken fest. Sie schwebten einige Meter hoch, bis sie auf Augenhöhe mit dem Donnergott waren.
"Habt Dank, daß ihr gekommen seid!" Die Diplomatinnen starrten auf den Leib des Gottes, der für seine Sexabenteuer berühmt war. "Geht in Frieden und überbringt meine Botschaft! Ihr findet in euren Kleidern einen USB‐Stick, auf dem alles aufgezeichnet ist. Geht in Frieden!" Die Sitzgelegenheiten senkten sich sanft zu Boden.
Die Diplomatinnen verbeugten sich und murmelten, er möge in Frieden leben. Sie blickten sich an, unsicher, ob sie noch etwas sagen sollten, dann folgten sie den Leuchtdioden zu den Umkleidekabinen. Sie blinzelten und befanden sich wieder vor ihren Regierungssitzen. Sie wurden von Regierungsleuten und Geheimdienstlern umringt und weggeführt. Sie wurden, wie schon Anne zuvor, nach allen Regeln der Kunst gescannt und spielten die Audio Datei den versammelten Größen vor. Wen Shi Seun wurde in Beijing zunächst schief angeschaut, aber am Ende der Übertragung erhob sich der Vorsitzende und klatschte direkt in ihre Richtung. Er applaudierte minutenlang und sagte, Wen Shi habe sehr klug gesprochen. Wie Zeus gesagt hatte, es passierte ihr nichts.
Die Video Datei sah sich zunächst nur die Diplomatin und der Chef an, doch das Intimste der Diplomatinnen und des Zeus waren geblurrt, so daß die Aufnahmen freigegeben werden konnten. Man erkannte zwar die Nacktheit der Diplomatinnen, aber nichts, was ihr Privates explizit zeigte.
Lin sagte zu Ray, der Auftritt sei sehr gut gewesen, nun werde man sehen, wie die Regierungen reagierten. Er nickte und rauchte nervös. Sein Plan war primitiv, aber war er vielleicht zu primitiv? Zu naiv? Lin lächelte beruhigend und sagte, man werde sehen, ob genug Druck auf die Regierungen zukämen. Lin kraulte in der gewohnten Art seine Nackenhaare und meinte leichthin, sie hätte zwei Überraschungen für ihn. Er blickte überrascht auf und vergaß seine Nervosität für einen Augenblick. "Die erste Überraschung!" kündigte Lin an und setzte sich zum großen Bildschirm.
Sie hatte mit drei "Kameras" die Leiber der Diplomatinnen in Großaufnahme filmen lassen. Ray starrte mit wachsender Erregung auf die Aufnahmen. "Ich danke dir!" und preßte Lin fest an sich. Die Aufnahmen zeigten alles haarklein und ließen keinen Wunsch offen. Lin beobachtete ihn und seine Reaktionen ganz genau. Nach einer Stunde hatten sie die Aufnahmen durchgesehen, Ray schwitzte beinahe fiebrig. Lin stand auf und ging zum Bett. "Die zweite Überraschung, Ray!" rief sie leise. Wen Shi Seun ließ Lins Kleid fallen und legte sich ins große Bett. Ray konnte sein Glück beinahe nicht fassen. Nach dem Abendessen mit Lin planschten sie im Meer, dann gingen sie zu Bett. Carin van der Velde, die älteste der Diplomatinnen, erwartete ihn dort neugierig mit einem sexy Augenaufschlag.
Am nächsten Morgen erwachte er neben Anne Kilpatrick, die ihn noch vor dem Frühstück umarmte. Er frühstückte mit Lin und setzte sich mit ihr zum Bildschirm. Die Jareel informierten ihn auf einer gesonderten Anzeige, welche zehn Städte all ihre Lebensmittel gespendet hatten.
Alle Lebensmittel in den Städten, aus allen Haushalten, Supermärkten und Verteilzentren waren morgens verschwunden, die Restaurants und Cafés mußten schließen. Die Menschen waren überrascht, obwohl die Aufnahmen mit Zeus' Botschaft überall zu sehen waren und sie alle Bescheid wußten. In den armen Zonen Asiens, Afrikas und Südamerikas tauchten die Lebensmittel auf und Hunderttausende konnten sich sattessen. Natürlich konnten sich die Städte anderntags wieder versorgen. Doch selbst ein einziger Tag ohne Lebensmittel machte die Bevölkerung der Städte nervös und panisch. Zeus war offenbar nicht zu Späßen aufgelegt. Selbst der gleichgültigste Mensch war nach einem Tag unfreiwilligen Fastens hungrig und erbost. So nahm der Druck auf die Politiker zu. Das ging nur sehr langsam und Carin, Anne und Wen Shi hatten es auch richtig vermutet. Es gab mehr Konferenzen und Meetings als Lebensmittellieferungen. Es wurde sehr viel geredet und lange nichts getan. Einige Politiker kritisierten die drei Diplomatinnen, sie hätten sich Zeus widersetzen müssen und sein Vorhaben irgendwie verhindern müssen. Präsident Andrews trat diesem Unsinn energisch entgegen und telefonierte mit Anne. Sie hatte ihren Job gut gemacht und alles andere sei Unsinn. Zeus hatte eine Botschaft ausrichten lassen und es gab nichts zu diskutieren, nicht mit Zeus. Mehrmals verteidigte er sie in aller Öffentlichkeit und jedem medialen Auftritt. Hätte sie etwa sagen sollen, das kannst du doch nicht machen!? Natürlich konnte er es, wie man sah. Wie, bitteschön, hätte man mit Zeus diskutieren oder verhandeln können? Zeus habe seine Botschaft verkündet, der quasi ein Befehl war, er war nicht zum Diskutieren gekommen. Andrews donnerte in die Kameras, man möge gefälligst seinen Verstand einschalten, bevor man Anne Kilpatrick kritisieren wollte!
Dänemark und die Beneluxstaaten waren die ersten, die konkrete Pläne in Brüssel vorlegten und die Lieferungen in großem Stil auf den Weg brachten.
Lin legte eine Liste der Städte an. Unerbittlich kamen täglich 10 neue Städte hinzu. Sie verfolgte wie Ray die Debatten und Artikel, die größtenteils klug und fundiert waren. Benelux baute eine riesige Brotfabrik in der Sahelzone und generierte viele neue Arbeitsplätze. Natürlich mußte man anfänglich das Mehl etc. aus Europa liefern, aber man investierte große Summen, um die Bauern der Umgebung zu unterstützen. Es sollte noch ein Jahr dauern, bis die regionale Landwirtschaft genug Erträge abwarf, um das Mehl in der Region zu produzieren.
Neue Gesetze in Europa verboten es, die Lebensmittelabfälle nach Afrika zu exportieren und damit die lokale Wirtschaft zu zerstören. Ebenso wurde das Abfischen in den afrikanischen Gewässern durch europäische Fabrikschiffe verboten oder sehr engagiert eingeschränkt. Es war schmutziges Geld, das da verdient wurde, und es waren die ersten Gesetze, die die Moral über den Gewinn stellten. Unerhört! USA, Mexiko und Russland zogen zähneknirschend nach, die Politik brauchte diese Pluspunkte. Über Nacht zogen weitere Staaten nach, der Druck des Wahlvolks war zu gewaltig. Regierungen und Unternehmen lieferten sich Wettrennen, Fabriken und Arbeitsplätze entstanden in den Hungergebieten Asiens, Afrikas und Südamerikas. Es sollten noch drei Jahre vergehen, bis die Jareel den Lebensmittelraub in großen Teilen der Welt beenden konnten. China gehörte zu den starrköpfigsten Staaten, selbst das kriegsbeschädigte Russland war früher eingeknickt. Die chinesische Führung ließ Wen Shi Seun zu allen Konferenzen fahren, wo sie eine gefragte Rednerin war, doch die Staatsmedien berichteten nichts. Der Hunger in der Welt konnte in diesen drei Jahren um 75 bis 85% gesenkt werden.
Jede Woche telefonierte Zeus einzeln mit den drei Diplomatinnen, um sich über ihre nächsten Schritte zum Thema Hunger informieren zu lassen. Anne und Carin hatten weitreichende Pläne und waren sehr erfolgreich dabei, die Regierungen zu weiteren konkreten Schritten zu treiben. Die Bevölkerung der USA und Europas wurde medial erfolgreich auf die weltweite Hungerkrise aufmerksam gemacht und die Hilfsprogramme bekamen von vielen Zustimmung. Die beiden Blöcke brachten tatsächlich viele gemeinsame Projekte zusammen, die vor allem die regionale Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion ankurbelten. Sie hatten ausreichend Kapazitäten, finanziell großzügig zu helfen.
Zeus ermahnte bei einem Telefonat die Diplomatinnen, die Menschheit wisse sehr gut, wie man aus Meerwasser Trinkwasser macht, die Anstrengungen seien aber nicht ausreichend und das Trinkwasser werde immer knapper. Die Diplomatinnen brachten auch das zur Sprache und bereits wenig später wurde ein riesiges Entsalzungswerk an der italienischen Adriaküste, in Norddeutschland und an der californischen Pazifikküste errichtet. Ein weiteres wurde in Saudi‐Arabien geplant.
Wen Shi hatte es am schwersten, denn die mächtigste Partei der Welt war stur und nur wahnsinnig schwer zu bewegen. Doch Zeus sprach freundlich tröstend mit der Chinesin, ihre Umarmungen waren ja die besten, dafür waren Zeus und Ray dankbar. Wen Shi wußte natürlich nicht, warum der Donnergott sie so freundlich behandelte, aber nach jedem Gespräch war sie voller Kraft und neuem Elan. Sie werde die nächste Landwirtschaftsministerin oder Entwicklungshilfeministerin, orakelten westliche Kaffeesatzanalysten.
Lin war eine ausgezeichnete Gesprächspartnerin, sie war eine gute Verbindung zu den Jareel. Sie war sehr erstaunt, wie gut sich der Plan gegen den Hunger entwickelte. Wenn die Menschen sich gezwungen sahen, etwas zu unternehmen, wurden sie erstaunlich erfinderisch. Lin sagte, sie würde nicht dazu beitragen, den Menschen technologisch mit Hokuspokus unter die Arme zu greifen. Die Jareel hatten das schon auf einem Planeten probiert und es war nicht gut gelaufen. Die Menschen mußten schrittweise ihr Zusammenleben auf ihrem Planeten weiterentwickeln, den Weltraum selbst entdecken und die interstellare Raumfahrt entwickeln. Der Zusammenbruch der militärischen Komplexe machte Finanzen, Ressourcen und Brainpower in bisher nicht gekannten Dimensionen frei, also besiegt den Hunger! Lin und die Jareel sagten Ray, er hätte damit der Welt einen sehr großen Dienst erwiesen. In früheren Zeiten hätte man ihn zum König gemacht, lächelte Lin und küßte ihn auf die Lippen. Ray errötete und murmelte, der Job eines Königs sei beschissen, den wolle er nicht haben. Er sei zufrieden damit, wie es gerade sei. Ray wollte Ray bleiben.
Die nächsten drei Jahre beobachtete er mit Lin die Entwicklungen. Die Götter Hermes und Loki, die er nie kennenlernte, tobten sich ordentlich aus. Sie waren unerbittlich und zogen ihre Spur durch die Städte der Satten. Es hungerten immer noch Millionen Menschen und nur ein kleiner Teil konnte sich samt seinen Kindern an einem Tag an den Lebensmitteln einer Stadt sattessen. Sie teilten ganz selbstverständlich mit den Nachbarn, weitaus großzügiger als die Menschen der satten Zonen. Ray und Lin hatten alle Hände voll zu tun, die Lebensmittel auch in jene entlegenen Dörfer zu teleportieren, wo Alte und Kranke nicht in die Verteilzentren gehen konnten. Sehr hilfreich war das gut verborgene System, mit dem sie arbeiteten. Es lotste sie, wo genau in einem Dorf die Hungernden waren. Und es führte später die Befehle automatisch aus, wenn sie ein Dorf mit Lebensmitteln versorgt hatten und sagten, es müsse weiter beliefert werden.
Nur der beginnende künstliche Sonnenuntergang mahnte sie, die Arbeit zu beenden. Lin hatte selbst nach einem langen Tag noch die Power der Jareel und bereitete Ray einen schönen Feierabend. Sie speisten jeden Abend fürstlich, die besten Köche aus aller Welt gaben ihr Bestes. Ein kurzes Bad im Meer, ein gemeinsamer Filmabend oder ein Buch bei Whisky oder Gin lesen — Ray ging immer gut erholt und entspannt zu Bett. Er verwandelte sich, wenn sie es wollte, sie ebenfalls. Lin sorgte klug dafür, daß das Feuer im heimischen Herd nie erlosch. Sie überraschte ihn gerne mit dem Leib, dem Esprit und den Liebeskünsten einer völlig Unbekannten, denn auch er liebte die Abwechslung. Anfangs hatte sich Lin selbst verwandelt, doch immer wieder teleportierte sie jemanden von der Erde und schaute den beiden zu. Lin kannte ihn ganz genau und suchte sich ein Mädchen oder eine junge Frau sehr umsichtig aus. Sie las in seinem Herzen, ob es eine Junge oder Erfahrene sein sollte. Sie wußte natürlich, daß er keine Kinder zeugen wollte. Wenn das Mädchen am Morgen auf die Welt zurückkehrte, hatte sie alles vergessen. Manchmal wünschte er sich, daß Wen Shi sich zu ihm legte, denn er genoß ihre lieblichen und kindlichen Liebeskünste sehr. Wen Shi wußte am Morgen oft nicht, mit wem sie die Nacht verbracht hatte, aber sie fühlte jedesmal tiefes Glück im Herzen.
Ray und Lin hatten zufällig am gleichen Tag Geburtstag. Lin sorgte dafür, daß sie fürstlich frühstückten, faul am Tag in der Sonne lagen und sowohl Mittags als auch Abends fürstlich speisten. Jedes Jahr gab es eine Riesenbowle Eis mit Schlagsahne, das liebten sie beide. Sie schenkten sich eine Kleinigkeit, nichts Großes, aber immer etwas Überraschendes. Lin betrog nicht, wenn er sein Geschenk bei den Jareel bestellte und hielt sich demonstrativ die Ohren zu. Die leise Musik war immer feierlich und stimmungsvoll. Sie brauchten sich nur in die Augen zu schauen, dann gingen Zeus und Wen Shi mit strahlenden Augen zu Bett.
Auch nach drei Jahren gab es immer noch Hunger, aber die Investitionen zeigten allmählich Wirkung. Noch immer saßen Ray und Lin tagtäglich vor dem Bildschirm und teleportierten Lebensmittel in die entlegenen Dörfer. Sie blieben nicht mehr nur in Washington, viele Menschen wollten das Raumschiff mit eigenen Augen sehen. Sie ließen das Raumschiff in geringer Höhe über die Landschaft gleiten.
In China diskutierte das Volk immer offener über die Hungerkrise. Die allmächtigen Parteibonzen kamen nicht umhin, zumindest die Diskussionen zuzulassen. Wen Shi hielt sich so gut es ging von öffentlichen Auftritten fern und ließ ihre Botschaft von anderen aus dem Volk vertreten. Sie zog die Fäden im Hintergrund und ließ Anne Kilpatrick und Carin van der Velde immer wieder in China medienwirksam auftreten. Noch war der mächtige Führer nicht bereit, öffentlich Stellung zu beziehen und schickte Untergebene ins Feuer. Offiziell gab es in China keine Hungernden, punktum!
Einige Male diskutierten Lin und Ray die Frage eines gezielten Auftritts Zeus' in den chinesischen Fernsehkanälen in den chinesischen Sprachen. Aber sie kamen irgendwie immer zu dem Schluß, daß es kontraproduktiv war. Die chinesische Mentalität vertrug keine äußere Einmischung, das hatte nichts mit der Partei zu tun. Sie konnten nur abwarten, bis das chinesische Volk von sich aus genug Druck aufbaute. Lin hatte selbst genug Einsicht und Kenntnis der chinesischen Mentalität und war eine große Bereicherung in diesen Gesprächen. Beide verfolgten sehr aufmerksam die Bemühungen Wen Shis. Lin erkannte immer rechtzeitig, wenn ein Parteiapparatschik Wen Shi ans Leder wollte und lähmte dessen Absichten energisch. Zeus hatte es gesagt und hielt Wort.
Ray rief seine Mutter mindestens einmal im Monat an. Er videophonierte in seinem ersten Gespräch aus seinem Büro/Wohnzimmer. Sie bewunderte sein gemütliches, schönes Wohnzimmer und er erzählte ihr von seinem Leben. Es war alles gelogen, aber er mußte sich eine gute Legende ausdenken. Er war als juristischer Berater in Übersee gefragt und Ray sagte nur so wenig wie möglich, er log seine Mutter nicht gerne an. Viel wichtiger war ihm, daß seine Mutter sich darum kümmerte, daß die Haushälterin sein Haus in Schuß hielt. Die Mutter berichtete in allen Einzelheiten darüber, sie war sehr streng mit der Haushälterin. Sie erwähnte auch seinen großzügigen Scheck, den sie und sein Vater monatlich erhielten. Es sei viel zu viel, sagte sie, sie wüßten schon gar nicht mehr, was sie damit machen sollten. Er schlug vor, sie sollten ruhigen Gewissens ein drittes Mal nach Venedig fahren und natürlich auch nach Paris, dort sei es in dieser Jahreszeit wunderschön! Nach und nach bereisten sie ganz Mitteleuropa, nachdem sein Vater in Frühpension gegangen war. Ray freute sich sehr, seine Eltern beschenken zu können. Sie erwähnte in einem Nebensatz, daß die Liebe zwischen ihr und dem Vater noch inniger geworden war, obwohl er kein Interesse mehr am Sex hatte. Ray machte es sehr traurig.
Bereits das zweite Gespräch mit seiner Mutter führte er am Sandstrand und überhörte ihre tadelnde Anmerkung, er wäre nackt. Sie erwähnte es nicht mehr und starrte während des Gesprächs auf seinen Körper. Beim dritten oder vierten Gespräch stellte er Lin vor, die Mutter taxierte den schönen Körper der Asiatin neugierig. Die beiden Frauen unterhielten sich lange und seine Mutter schien sehr zufrieden mit seiner Frau zu sein. Die Mutter hatte sich inzwischen an die Nacktheit der beiden gewöhnt. Lin lächelte: "Sie hat viel Freude mit diesen Aufnahmen."
Ray und Lin videophonierten regelmäßig mit seiner Mutter, manchmal auch mit dem Vater. Er war sehr kurzsichtig und kam nur selten dazu. Einmal hatte er seine Brille extra geholt, um seine nackte Schwiegertochter zu begaffen. Da er trotz Brille kaum etwas erkennen konnte, ging er nach dem Gespräch mit Ray rasch wieder und überließ seiner Frau das Videophonieren. Die Eltern wollten dem kalten Winter in Wien entfliehen und überlegten schon seit Monaten, sich irgendwo im Süden Spaniens einzumieten. Ray hielt nicht viel vom Mieten, er hatte ein schönes Penthouse‐Apartment in Marbella entdeckt und fragte sie, ob es ihnen gefiele. Sie waren begeistert von dem schönen Apartment und der grandiosen Aussicht. Ray zögerte nicht lange und kaufte es. Marbella war zwar sündteuer, aber es gab viele deutschsprachige Bewohner und sie würden vielleicht neue Freunde kennenlernen. Über die Kosten sollten sie sich keine Gedanken machen, das regelte er.
Man baute immer mehr Entsalzungsanlagen in großem Stil und pumpte das Trinkwasser in die Binnenländer. Es war ein gutes Geschäft und viel billiger, als mit der Dürre zu kämpfen. Ray und Lin waren zufrieden mit diesem kleinen Schritt zur Rettung des Planeten. Natürlich waren das nur kleine Schritte, doch es führte dazu, einige Quadratkilometer Wüste zu begrünen, Quadratkilometer um Quadratkilometer. Eigentlich ein Irrsinn, daß gleichzeitig der Amazonaswald unbeirrt geschlägert wurde.
Jeden Monat besuchten die drei Diplomatinnen Zeus, man wollte die nächsten Projekte mit dem Gott persönlich diskutieren. Natürlich hätten Telefonate oder Videophonieren auch gereicht, aber Ray freute sich, die Damen in Fleisch und Blut zu sehen. Lin lächelte wissend und gönnte ihm die Lust. Auch wenn sie mehr als jemals zu tun hatten und die Arbeit nie ausging, sie waren unterm Strich nur zu zweit.
Präsident Andrews war in die zweite Amtszeit mit überwältigender Mehrheit gewählt worden und wollte keinesfalls als lame duck regieren. Er hatte die zehnte Entsalzungsanlage von gigantischen Ausmaßen feierlich eröffnet und riesige Pipelines brachten frisches Trinkwasser in die Mitte der USA. Dort, wo in den 1920er Jahren die Felder verdorrten und Millionen Farmer ins Elend stürzten, wuchs wieder Gras und Hunderttausende begannen von neuem mit der Bewirtschaftung des Landes. Präsident Andrews konnte mit Recht stolz darauf sein. Er plante eine große Rundreise durch Asien, wurde in den Großstädten triumphal empfangen. Er war jetzt in Beijing und trat mit dem großen Führer in einer gemeinsamen Pressekonferenz am Platz Mai'jian auf. Plötzlich gellten Schüsse über den Platz. Der große Vorsitzende brach zusammen, Präsident Andrews wurde am Arm getroffen. Der Schuß fuhr durch seinen Oberarm und traf seinen Stabschef Morris mitten in die Brust, er war sofort tot. Die chinesischen Sicherheitsleute verhafteten zwei der Attentäter und erschossen den dritten. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei.
Der Vorsitzende war nur an der Schulter getroffen worden. Er und Andrews wurden sofort mit dem Helikopter ins Militärspital gebracht und versorgt. Die beiden Staatsmänner diskutierten des Langen und des Breiten in ihrem Spital, wie sie reagieren sollten. Sie wurden sich einig, anderntags um die gleiche Zeit und am gleichen Ort die Pressekonferenz abzuhalten. Sie beschlossen, ihre Verletzungen zu verbergen und so ihre Kraft und Macht zu demonstrieren. Der Vorsitzende war immer noch nicht bereit, über den Hunger in China zu reden und Andrews versprach, das Thema nicht anzusprechen. Mit China friedlich Handel zu betreiben war die einzige Option. Der sinnlose Krieg Russlands gegen die Ukraine hatte der Welt immensen Schaden zugefügt und gezeigt, daß Krieg eine schlechte Option war. Zumal man keine Waffen mehr hatte. Andrews telefonierte eine halbe Stunde lang mit der Witwe des Stabschefs, dieser wurde in eine Kühlkammer der Air Force One gelegt, um daheim feierlich beerdigt zu werden. Die Pressekonferenz fand statt, man hielt kernige, machtvolle Reden und beantwortete keine Fragen zum Attentat. Der große Vorsitzende verkündete, sein Land habe einen Vertrag über 140 Milliarden Dollar mit Präsident Andrews abgeschlossen und die USA würden gigantische Entsalzungsanlagen, Pipeline‐Technologie und Knowhow liefern. Andrews setzte seine Reise über Südkorea und Japan fort und kehrte planmäßig zurück. Der beliebte Stabschef Morris wurde mit einem Staatsbegräbnis in Arlington feierlich zu Grabe getragen.