Das Ende

von Lena A. Lien © 2023

Ich heiße Bruno Prantner, bin 17 Jahre alt und ging bis vor kurzem beim Notar Mayerhofer in die Lehre. Ich habe angefangen, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben und hoffe, jemand findet dies und gibt sie meiner Mutter oder Onkel Frieder, der Rechtsanwalt in der Maximilianstraße Nr. 47 ist. Ich bin müde und habe nichts zu essen oder zu trinken. Es ist stockfinster und mir ist kalt. Und wenn niemand meine Hilferufe hört und ich das Gitter nicht doch noch irgendwie überwinden kann, werde ich hier elend sterben.

Meine Mutter fehlt mir sehr.

Meine Hilferufe verhallten ungehört. Ich weiß nicht, ob ich meine Mutter, Anni und den kleinen Bruno Wilhelm je wiedersehen werde. Ich bezweifle es, denn ich bin schon über eine Woche in meinem Versteck, das zu meinem Gefängnis geworden ist. Ein Gefängnis, in das mich das Schicksal und die Götter gebracht hatten — ich bin Hermes deswegen nicht böse.

Ich habe geschrieen, bis mir die Stimme versagte. In meiner Verzweiflung bin ich sogar bereit, mich zum Umsiedlungsprogramm in den Osten zu melden — sie haben gesagt, daß eines Tages alle Juden nach Osten aussiedeln werden und dort ein neues Leben aufbauen können. Ich habe das anfänglich für ein Hirngespinst gehalten, aber nun ist ja alles verloren und ich bin hier eingesperrt. Jetzt würde ich mit Freuden in den Osten gehen und mich dort als Siedler niederlassen. Besser wär's, als hier jämmerlich umzukommen, jedenfalls.

Die letzten beiden Kapitel habe ich mit einem Bleistift, den ich mit den Zähnen nachspitzen mußte, im diesigen Dämmer hingekritzelt. Entschuldigt, wenn man es nicht gut lesen kann, aber man sieht hier kaum eine Hand vor den Augen. Über vieles konnte ich nicht mehr berichten. Wie es war, wenn meine Mutter krank war und ich sie pflegte, wie ich für sie Suppe aufwärmte und einkaufen ging und ihren Tee zubereitete. Wie sehr sie mich geliebt und gepflegt hat, wenn ich krank war. Wie aufmerksam sie zuhörte, als ich lesen gelernt hatte und ihr vorlas, über die griechischen Götter und Odysseus und den ganzen trojanischen Schlamassel. Über Anni müßte ich auch noch viel erzählen. Es tut mir leid, daß das jetzt alles vorbei sein soll. Eine Chance, hier heil herauszukommen, sehe ich nicht mehr.

Um Anni und den kleinen Bruno tut es mir ehrlich leid. Wir sind fast wie eine kleine Familie zusammengewachsen, und Anni mag mich wirklich, obwohl sie mir nie sagen wollte, wer Klein-Brunos Vater wirklich ist. "Dummer, großer dummer Junge!" pflegte sie nur zu antworten und meine Haare lieb zu kraulen. Ich mochte das gerne und fragte sie immer wieder, obwohl ich wußte, daß sie nichts verraten würde. Aber sie kraulte meine Haare, wenigstens.

Und Willi, den großen Lackel, den hätte ich auch gerne irgendwann nach dem Krieg wiedergesehen. Vielleicht könnte ich ihn darüber hinwegtrösten, daß er nicht Brunos Vater, aber mein liebster Freund und ein großartiger Kumpel war.

Eines hat mich sehr gewundert. Einiges, was wir bei der Hitlerjugend gelernt haben, mußte falsch sein, grundfalsch. Volker, dieses miese Schwein, war Arier und hatte schwarze Haare und stechende, schwarze Augen. Anni, der kleine Bruno und ich hatten strohblonde Haare und hellblaue Augen, meine waren genauer gesagt hellgrau wie die meiner Mutter, die eigentlich meine Großmutter ist. Auch sie hatte einst blonde Haare, die jetzt aschblond und ein bißchen grau sind. Der ganze Quatsch, den sie uns über rassische Merkmale und rassische Zugehörigkeit erzählt haben, muß wohl ein kompletter Schwachsinn sein. Andernfalls bliebe ja nur noch, daß sich die Behörden geirrt hatten, gründlich und grausam geirrt hatten, als sie meiner Großmutter und mir keinen Ahnenpaß ausstellten und wir zu Juden gemacht wurden.

Meine Mutter fehlt mir sehr. Ich sehe sie noch vor mir, als ich sie zuletzt sah. Sie stand neben Onkel Frieder und lehnte ihren Kopf an seine Brust. Sie mochte ihn und fühlte sich bei ihm geborgen und sicher, obwohl das jetzt vielleicht anders sein mochte. Trotzdem hat sie immer zu mir gehalten und auch ihm nichts verraten. Immer wieder hatte sie mir eingeschärft, daß die Leute es für eine Todsünde hielten, wenn wir miteinander fickten und daß wir es gegenüber jedermann geheimhalten müßten. Sie gegenüber Onkel Frieder, ich gegenüber Anni, und das haben wir beide gehalten. Die Einzigartigkeit unserer Liebe blieb unser Geheimnis.

Sie fehlt mir wirklich sehr.

Ich weiß, daß die Götter mich hierher geleitet haben. Es hat mich immer gewundert, mit welcher Leichtigkeit und Überheblichkeit die Götter sich in menschliche Schicksale einmischten, sie manipulierten und betrogen, was das Zeug hielt. Sie konnten manchmal auch ganz schön fies sein und einen Erdenmenschen vernichten, so nebenbei und ohne viel Federlesens. Wenn ein Gott oder eine Göttin so richtig brünstig war, dann mußte der Erdenmensch oder das Erdenmädchen herhalten, egal, ob er oder sie dabei draufging. Vor einigen Tagen in dieser Finsternis habe ich mir ganz fest eingebildet, daß ich mit Hermes reden kann, es war wegen der Leda, und da sagt er doch tatsächlich, daß das Mädchen sich froh und glücklich schätzen könne, es mit Gottvater Zeus höchstpersönlich getrieben zu haben. Daß Leda ziemliche Schwierigkeiten bekam, weil die anderen Menschen Zeus nicht erkannten und nur sahen, daß sie mit einem Schwan fickte, das kümmerte Hermes nicht. Wir haben dann einige Tage lang nicht mehr miteinander gesprochen. Die Intrigen und Betrügereien, die die Götter wegen ein bißchen Sex machten, waren oft erbärmlich.

Ich weiß, daß die Götter mich hierher geleitet haben, daß sie mein Schicksal und meine Schritte bis in dieses Verlies gelenkt haben — im stockfinsteren Verlies, von den Göttern geblendet, die eifersüchtig und neidisch auf meine schöne Liebe waren und mich deswegen zu dem haben werden lassen, der ich geworden bin.

Ich weiß, daß ich der blinde Ödipus bin.