Meine Apathie und Trauer verflog in dem Augenblick, als mir plötzlich bewußt wurde, daß ich unsere Geschichte aufschreiben mußte. Ich war mir so sicher, daß ich keine Sekunde zögerte und sofort damit begann. über eine Woche saß ich fast Tag und Nacht am Küchentisch und schrieb ein Schreibheft nach dem anderen voll, etwa bis dorthin, wo ich regelmäßig Anni und den kleinen Bruno besuchen ging. Die Ereignisse überstürzten sich danach aber dermaßen rasant, daß ich nicht mehr dazu kam, alles aufzuschreiben. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, dessen bin ich mir bewußt, also erzähle ich nur noch, was für den Ausgang der Geschichtevon Bedeutung ist.
Etwa eine Woche verging, in der wir, meine Mutter und ich, wie gelähmt zu Hause verharrten und keine Idee hatten, wie es weitergehen würde. Eines Morgens beschloß meine Mutter, zum Kaufmann hinüberzugehen und Onkel Frieder anzurufen. Als sie heimkam, war sie wie ausgewechselt. "Komm, schnell, wir fahren zum Onkel Frieder!" Als ob die Katastrophe nicht existierte, schminkte sie sich und zog ihre besten Kleider an. Ich machte mich still reisefertig und kurz darauf saßen wir im Autobus. Ich hatte meine lederne Aktentasche mit meinen Papieren, dem Zeugnis von Herrn Mayerhofer und meine Schreibhefte dabei. Vielleicht, dachte ich, würde ich gleich irgendwo neu anfangen können.
Stunden später eilten wir durch die Straßen auf Onkel Frieders Haus zu. Das Erste, was mein Mißtrauen weckte, waren die beiden Uniformierten, die vor seinem Haus standen, gerade so, als ob hier ein Amtshaus wäre. Wir verlangsamten unsere Schritte, und ich merkte, daß meine Mutter plötzlich wieder fror. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern und hielt sie fest umarmt, während wir langsam auf das Haus zugingen. Die Posten ignorierten uns, als wir vorbeigingen.
Als wir die Treppe hochstiegen, nahm ich die kleine Bronzestaue mit dem kleinen Marmorsockel aus meiner Aktentasche. Onkel Frieder hatte sie mir zum Geburtstag geschenkt, es war Hermes, der Götterbote und Gott der Kaufleute. Er wußte, wie sehr mich die griechische Sagenwelt faszinierte. Doch nun wollte ich sie ihm vor die Füße werfen, ihm, dem Verräter, der meine Mutter in tiefster Not im Stich ließ. Ich weiß jetzt, wie ungerecht ich ihm gegenüber war, aber damals dachte ich noch so.
Meine Mutter ging zielstrebig auf Onkel Frieders Arbeitszimmer zu; sie wußte offenbar, wo wir erwartet wurden. Sie öffnete die große, schwere Holztür und wir traten ein. Das Zimmer war verdunkelt, jemand hatte die schweren Vorhänge zugezogen. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, wieso. Hinter dem großen Schreibtisch stand Onkel Frieder und versuchte, sein Gesicht zu verbergen. Irgend jemand hatte ihn geschlagen und sein Gesicht übel zugerichtet.
Eine kleine Bewegung im Hintergrund alarmierte mich und lenkte meinen Blick auf Volker, den Sohn Onkel Frieders. Er war mehr als zwei Jahre älter als ich, aber klein und schmächtig. Ich sah ihn erst zum zweiten Mal, doch seine Uniform und sein strammes Auftreten machten mich wieder unsicher und bang; denn er wirkte immer wie ein gereizter Tiger, zum Sprung bereit. Ich fürchtete mich vor ihm, weil ich fühlte, daß er heimtückisch und gefährlich war.
Meine Mutter ging spontan auf Onkel Frieder zu, um ihn zur Begrüßung zu umarmen, doch verhielt sie ihren Schritt, als Onkel Frieder einen Schritt zurückwich. Er sah kurz zu Volker, dann blickte er sie lang und fest an und flüsterte mit leiser Stimme: "Meine Liebe!" Mutter senkte den Kopf und weinte stumm.
"Aus dem Heiraten wird nichts!" bellte Volker und kam mit knallenden Stiefelsohlen auf mich zu, "ich werde es nicht zulassen, daß mein Vater eine Judenhure heiratet!" und im selben Augenblick, als ich dieses Wort hörte, sah ich Blitze vor meinen Augen, schlug wild und unbeherrscht in dieses verhaßte Gesicht, drosch auf das Wort blindlings ein. Das häßlich knackende Geräusch, als Hermes ihm die Nase brach, werde ich nie vergessen. Blut schoß aus seiner Nase, er schrie wie am Spieß und ich ließ Hermes zu Boden fallen. Entsetzt und voller Panik starrte ich zu meiner Mutter und zu Onkel Frieder hinüber, sie war an seine Brust geflüchtet und schaute mich mit schreckgeweiteten Augen an.
Volker schrie wie am Spieß und brüllte, daß er mich umbringen würde. Ich warf noch einen letzten Blick auf meine Mutter, dann wandte ich mich um und rannte hinaus. Volker wankte hinter mir ins Treppenhaus hinaus und schrie "Überfall!", "Mord!", "Haltet ihn!" und "die Judensau flieht!".
Ich floh, flog wie ein Vogel die Treppe hinunter und an den verdutzten Uniformierten vorbei auf die Straße. Wut und Angst verliehen mir ungeahnte Kräfte, als ich die Straße hinuntersprintete und ins Gassengewirr rannte. Ich schlug Haken wie ein Hase und stand bald am Ufer der Isar. Ich lief über die Uferstraße bis zum nächsten Abgang und rannte die Stufen hinunter. Ich hörte über mir das Geschrei der Verfolger und das Getrappel ihrer Stiefel. Ich blickte links, ich blickte rechts, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich lief einige Schritte weiter, drehte wieder um und rannte flußaufwärts. Als ob die Götter mein verzweifeltes Flehen erhört hätten, bog am gegenüberliegenden Ufer eine schwarze Limousine majestätisch in die Uferstraße ein. Die Sonne spiegelte sich auf der Windschutzscheibe, der Strahl blendete mich einen Augenblick und leuchtete dann weiter, auf die Uferbefestigung, ein langer, goldener Zeigefinger der Götter, der auf einen winzigen, dunklen Eingang wies. Dann verschwand das Licht wieder, der Wink hatte genügt und die Götter wandten sich wieder ihren Göttinnen zu oder verführten Erdenmädchen und vergaßen mich völlig.
Im Laufen hob ich meine blutverschmierte Hand hoch und dankte ihnen. Ich zwängte mich durch den schmalen Eingang und tastete mich vorsichtig den dunklen Gang entlang. Bereits nach wenigen Metern war er zu Ende, doch links befand sich eine kleine Kammer. Als meine Augen sich an das Dunkel gewöhnten, entdeckte ich neben dem Eingang das schwere Eisengitter, mit dem der Raum verschlossen werden konnte. Ohne lang nachzudenken trat ich in den Raum und zog das Gitter von innen zu. Es ging sehr schwer, und als es endlich zu war, hörte ich, wie ein Bolzen von oben einrastete. Noch dachte ich nicht weiter über den Bolzen nach, denn ich war hier vermutlich sicher, und das hatte jetzt Vorrang. Der Steinboden war kalt und feucht, ich setzte mich trotzdem hin, drückte meine Aktentasche an mich und wartete.
Draußen lärmten sie, rannten auf und ab. Nach einiger Zeit hörte ich, daß sie Hunde mitgebracht hatten. Die Hunde fanden erst nach einiger Zeit meine Spur und führten sie zu dem dunklen Gang, in dem mein Versteck lag. Ich verbarg mich in der Ecke hinter dem Eingang und hielt die Luft an.
Sie kamen näher, die Hunde bellten wie verrückt.
Das Fackellicht leuchtete in den Gang, es wurde immer heller. Einer kam bis zum Eisengitter, rüttelte daran und rief über die Schulter, daß er nicht hier sei, weiter, weiter! Er rüttelte nochmals am Gitter und ich hörte, daß der Bolzen knirschend tiefersackte und mit einem hellen Klang irgendwo einrastete. Der Häscher leuchtete nochmals in meinen Raum und beruhigte seinen Schäferhund, der tief und siegessicher knurrte. "Dummer Hund, was knurrst du denn, es ist ja niemand da," dann wandte er sich um und lief den anderen nach.
Bald verstummten die Geräusche, mein Herklopfen ließ nach und ich setzte mich wieder auf den Boden und wartete. Das bißchen Helligkeit stammte vom Tageslicht, abends aber wurde es stockfinster. Ich schlief im Sitzen ein und wachte erst am nächsten Morgen auf. Ich wartete, während es etwas heller wurde und begann, über meine Lage nachzudenken. Meine Verfolger hatten mich am Nachmittag einige Stunden lang gesucht, hatten dann aber offenbar aufgegeben. Jetzt war es ruhig, eigentlich zu ruhig.
Ich inspizierte das Eisengitter am Eingang meines Verstecks. Eine schwere Eisenkonstruktion, kein Teil dünner als ein Finger. Und dann war da noch der Bolzen, irgendwo oben versteckt angebracht und von innen nicht sichtbar. Ohne Werkzeug würde ich die Tür nicht aufkriegen. Ich versuchte stundenlang, den Bolzen zu finden.
Er mußte irgendwie von oben an der Außenmauer vor das Gitter gerutscht sein. Ich konnte zwar ein oder zwei Finger durch das Gitter strecken, aber nicht bis zum Bolzen. Selbst, als ich einen Bleistift mit zwei Fingern hindurchschob und oben alles abtastete, erreichte ich den Bolzen nicht. Die Stunden vergingen, doch ich bekam den Bolzen nicht zu fassen. Als es wieder finster wurde, weinte ich.
Ich war gefangen.
Ich schlief sehr unruhig und wachte mitten in der Nacht auf. Es war stockfinster. Ich grübelte und dachte über meine Situation nach. Vielleicht hatte ich Glück und konnte befreit werden, ohne daß mich Volker und seine Häscher in die Finger bekamen. Ich schrie um Hilfe und lauschte angestrengt, aber ich hörte nichts und wurde nicht gehört.
Ich konnte mich noch eine Zeitlang damit trösten, daß irgendwer doch noch meine Rufe hören und mich aus meiner mißlichen Lage befreien würde. Ich hatte keine Armbanduhr, versuchte trotzdem ein Zeitgefühl zu entwickeln und rief alle Viertelstunden dreimal um Hilfe, dann lauschte ich minutenlang. Dazwischen setzte ich mich wieder hin und schrieb weiter, so gut es in diesem Dämmerlicht ging.