Ich hatte schon zwei Jahre der Lehrzeit bei unserem alten Notar hinter mir, fuhr Tag für Tag mit dem Fahrrad die 8 Kilometer zu seiner Kanzlei. Der gute alte Herr Mayerhofer stammte selbst aus einem winzigen Kaff und hatte sich emporgearbeitet. Er sah mich oft mit seinen klugen, gütigen Augen hinter den Brillengläsern an und meinte, ich würde mich genauso hocharbeiten wie er, und wie sehr ihn das freue. Da ich die Kanzleiarbeiten schnell und präzise erledigte, blieb mir viel Zeit, um die Bücher in seinen Regalen zu lesen. Im dritten Lehrjahr verschaffte er mir eine halbe Stelle bei einem befreundeten Notar in der Hauptstadt, und ich konnte nun mit der Mutter mitfahren und zwei Tage pro Woche bei diesem Notar lernen. Dr. Fenderl, so hieß der Notar, war ganz anderer Ansicht als der Herr Notar Mayerhofer und bearbeitete mich, ich solle ein Universitätsstudium machen, nur so würde ich ein guter Notar werden. Ich tat immerzu willig, aber ich wußte ganz genau, daß ich nie und nimmer Jura studieren konnte. Wichtig war mir, daß ich einen guten Beruf erlernte und später einmal genug verdiente, um für meine Mutter und mich selbst zu sorgen. Vielleicht auch für Anni und ihren Kleinen.
In der Stadt bekam ich natürlich mehr vom Krieg mit, und je mehr ich darüber hörte, desto dankbarer war ich, daß Onkel Frieder über einige Freunde meine vorläufige Freistellung vom Militärdienst erreichte. Fast war ich soweit, ihm zu verzeihen, daß er mit meiner Mutter schon so lange ein Verhältnis hatte. Andererseits machte ich mir große Sorgen um Willi, denn ich hatte seit Monaten nichts mehr von ihm gehört.
Wir wohnten immer noch bei Frau Ogawa, wenn wir in der Stadt waren, denn das Haus gehörte eigentlich Onkel Frieder und Frau Ogawa mußte uns ein Zimmer ohne Miete geben. Im Lauf der Zeit begriff ich, wie sich die Dinge nahtlos ineinanderfügten. Ich war inzwischen erwachsener geworden und wenn meine Mutter fortblieb, huschte ich hinunter zu Frau Ogawa, die mich nie zurückwies. Im Gegenteil, sie war ja nicht mehr ganz jung und bekam kaum noch Liebhaber, und wenn, dann höchstens ein paar alte Veteranen. Das hatte sie mir selbst gesagt, und da sie ganz süchtig nach Ficken war, kam sie mich holen — so oft es ging — und ließ mich tüchtig schwitzen. Aber zum Ficken taugte sie immer!
Da ich gerade die Ilias las, über Prinz Paris, die drei Göttinnen und den goldenen Apfel, überlegte ich, wem ich wohl den Apfel geben würde, und da kam Frau Ogawa genau nach meiner Mutter und vor Anni, denn Anni war zärtlich und lieb, aber nicht sehr raffiniert, was das Ficken betraf. Würde ich allerdings die Reihung danach ausrichten, wie aufregend das Sichtbare des sonst Unsichtbaren war, dann würden Anni und Frau Ogawa Platz tauschen müssen, denn Frau Ogawa hatte den kleinsten und engsten Schlitz von allen und einen so winzigen Kitzler, daß er fast immer unsichtbar war. Selbst Annis Kitzler war oft schwer auffindbar, doch der von Mutter konnte fast so lang wie ein halbes kleines Fingerglied werden und richtete sich steif wie ein kleiner Penis auf, sobald sie die kapuzenartige Hautfalte mit den Fingern energisch zurückzog und rieb. Ich liebte ihre Busen, jedes der drei Paare, aber auch hier wäre Anni zwischen Mutter und Frau Ogawa zu reihen. Müßte ich aber die Willigkeit gesondert bewerten, dann läge wiederum die alte Japanerin an erster Stelle, denn ich brauchte nur anzuklopfen und einzutreten, und schon legte sie sich wortlos flach; selbst Anni wollte manchmal erobert beziehungsweise herumgekriegt werden. Als ich so hin und her grübelte, fiel mir auf, daß mir das Alter der Frauen in keiner Weise als Kriterium in den Sinn kam. Als ich noch weiter grübelte, war ich mir sicher, daß ich lieber doch nicht wählen wollte; alle waren richtig, richtig für mich. Und die Sache mit Paris ist ja auch ziemlich schief gelaufen, wie man so hört.
Meiner Mutter gegenüber verschwieg ich meine Affären mit Frau Ogawa, doch Anni sah es mir gleich an und sagte es mir auf den Kopf zu. Ich wand mich zwar innerlich, aber ich gab alles zu, denn Anni war nie lange eifersüchtig. Ein Schlingel sei ich, hauchte Anni mir manchmal ins Ohr, ein Schlingel, jawohl, der mit alten Japanerinnen bumst! Ich grinste, weil sie nichts über mich und meine Großmutter wußte. Eigentlich wollte sie immer nur ganz detailliert erfahren, was die alte Ogawa und ich trieben, weil sie davon schrecklich geil wurde und gleich gebumst werden mußte, also erzählte ich gutmütig alles und nach dem Bumsen noch einmal und schmückte es noch mehr aus, damit sie noch geiler wurde. Das machte ich absichtlich, obwohl ich meist schon zu müde war, weil sie es sich selbst sofort machen mußte, und gemeinerweise machte ich sie genau dann geil, wenn ihr kleiner Schatz an ihrer Brust lag. Sie schalt mich scherzhaft einen geilen Schelm und überließ mir lächelnd den Kleinen, damit sie ungestört masturbieren konnte.
Ein oder zweimal pro Woche übernachtete ich bei Anni. Ihre Mutter mußte dann auf der Couch schlafen, während wir es uns auf dem großen Bett gemütlich machten. Wir warteten gespannt im Dunkel, bis sie einschlief, aber ich bemerkte manchmal, daß sie uns beim Bumsen beobachtete. Irgendwie war es mir egal und an manchem Sonntagmorgen bumsten wir heimlich unter der Decke, obwohl sie bereits wach war. Anni fürchtete sich und stand Höllenängste aus, obwohl ihre Mutter tat, als ob sie nichts bemerkt hätte. Manchmal stach mich der Hafer, dann deckte ich Anni auf und geilte sie mit den Fingern auf, bis sie ihre Mutter vergaß und nur noch ans Bumsen dachte; jetzt schwang ich mich auf sie und machte es so, daß die Alte alles mit ansehen mußte. Ich grinste manchmal zur Alten hinüber, die mit hochrotem Gesicht zu uns herüberguckte und verdächtig unter der Decke zappelte.
Meine Mutter war tief betroffen, als Onkel Frieders Frau starb. Sie hatte ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen und bangte zugleich, ob Onkel Frieder seine ernsten Absichten wohl wahr machen würde. Sie war auch bedrückt, weil Onkel Frieders einziger Sohn ziemlich verärgert reagierte, als sein Vater ihn über seine Beziehung zu meiner Mutter aufklärte. Er war inzwischen Jugendführer in der Hitlerjugend geworden und ein glühender Uniformträger. Bei ihrem bisher einzigen Zusammentreffen hatte er meiner Mutter unverblümt ins Gesicht gesagt, daß er sie verachte und daß sie für ihn ehrlos sei.
An dieser Stelle hätten die Götter eingreifen müssen, aber sie balgten sich im Olymp und kümmerte sich nicht die Katastrophe, in die wir stürzten. Die Götter buhlen um die Gunst schöner Göttinnen oder vernaschen schöne Erdenkinder, jedenfalls haben sie allesamt Wichtigeres zu tun, als sich um unser Schicksal zu kümmern. Vielleicht sitzen sie auch gelangweilt auf ihren vergoldeten Marmorbänken über den Wolken und betrachten das geschäftige Treiben der Menschen. Wenn sie alle Trauben in ihren vergoldeten Obstschüsseln vertilgt haben, stehen sie auf und schlurfen zur nächsten Orgie bei Zeus. Menschen, pah! Ein wahrlich mißlungenes Experiment!
Lange vor Ablauf des Trauerjahres verkündete Onkel Frieder, er würde meine Mutter heiraten. Er legte die Papiere vor und war sich sicher, damit wäre alles in Ordnung. Aber es war nicht alles in Ordnung. Meine Mutter mußte einen neuen Ahnenpaß, einen neuen Ariernachweis, beibringen.
Eines Abends, als ich gerade vom alten Mayerhofer kommend zur Anni radeln wollte, stand Mutter vor dem Haus und winkte mir zu, ich solle zu ihr kommen. Wortlos und mit steinernem Gesicht legte sie einen Brief auf den Tisch, ich solle ihn lesen.
Es war wie ein Schlag in den Magen.
Meine Großmutter und ich waren keine Arier.
Wir waren Juden.
Bisher war mir das Ariersein nicht bewußt gewesen. Ja, natürlich waren immer wieder "die Juden" ein Thema, aber ich plapperte das bei der HJ auswendig Gelernte nach, ohne lange über die Bedeutung der Worte nachzudenken. Es war irgendwie ein realitätsfernes Ritual, man schimpfte über "die Juden" und "das Weltjudentum" und "Zion" und damit hatte es sich. Bei uns im Ort gab es keine Juden, und in der Stadt kümmerte ich mich um meine Angelegenheiten und beachtete die grauen Gestalten mit dem gelben Stern nicht.
Meine Mutter legte zwei gelbe Sterne auf den Tisch und wisperte, wir müßten die jetzt immer tragen, wenn wir das Haus verließen. Dann legte sie sich ins Bett und heulte.
Ich lief zum Jugendführer, aber der wußte es schon und riet mir, ich solle nie mehr zu ihm und zu den Heimabenden kommen; mein Abgang von der Hitlerjugend würde still und heimlich erfolgen, damit kein schlechtes Licht auf ihn fiele.
Ich lief zu Anni, aber die wußte es auch schon. Sie hatte völlig verweinte Augen und wich an der Tür vor mir zurück. Sie versteckte Klein Bruno an ihrer Brust und heulte: "Was hast du uns angetan, was hast du uns angetan!". Ich umarmte sie trotz ihrer Angst und streichelte ihren Rücken, bis sie nicht mehr weinte. Ich küßte beide auf die Stirn und lief schnell heim. Ich hatte ihr nichts angetan, aber mich, mich hatte man ermordet.
Ich radelte am nächsten Morgen tränenblind zu Herrn Mayerhofer, und der wußte es auch schon. Er ließ mich freundlich ein und bat mich zum Tisch, wo er mir eine Tasse Tee anbot — das erste Mal in über zwei Jahren Lehrzeit.
"Die Welt ist ein Irrenhaus", murmelte er und trank einen Schluck Tee. "Da macht man seine Arbeit und lernt brav und fleißig, um später ein guter und gewissenhafter Notar zu werden, und da kommen diese ungebildeten Halbidioten und machen aus einem ehrlichen Christenmenschen einen Juden, weil es ihnen jetzt gerade so paßt. Und außerdem, Jude — was soll das schon sein?! Bist du etwa über Nacht zu einem Monster geworden?"
Ich saß an seinem Tisch, rührte den Tee nicht an und schielte zwanghaft auf meinen Revers, auf dem der gelbe Stern angeheftet war. Ich verstand nichts und murmelte, daß ich jetzt alle meine Lieben verliere und nicht mehr ein und aus weiß. Herr Mayerhofer trank seinen Tee bedächtig und schob die Porzellantasse mit den Keksen näher zu mir.
"In so einem kleinen Kaff kann ich nichts für dich tun, Bruno" sagte er, "ich kann hier nichts für dich tun. Aber vielleicht kann dir dein Onkel Frieder oder der Dr. Fenderl weiterhelfen." Er dachte eine Weile nach, dann sagte er: "Ich habe heute früh beide angerufen und sie gebeten, dir zu helfen. Ich weiß nicht, ob sie wollen, und ich weiß auch nicht, ob sie können. Problematisch ist es auf jeden Fall!"
Ich hörte nur mit halbem Ohr hin. Der Alte murmelte noch eine Weile vor sich hin und beklagte die herrschenden Umstände, ich aber schrie stumm zum Olymp empor, wo sie denn seien, die Götter, und wo jetzt ihre Hilfe sei, die sie einst Odysseus und Philemon und all den anderen so großzügig gewährt hatten. Die Götter, das vermeinte ich ganz deutlich zu sehen, saßen weiterhin auf ihren vergoldeten Marmorbänken über den Wolken und futterten Trauben aus vergoldetem Porzellangeschirr, blickten steinern mit ihren blauen Arieraugen zu mir herab und warteten ab, was mir dazu noch einfiele.
Der alte Mayerhofer schlurfte zu einer Kommode und kam mit einem Kuvert zurück. "Dein Zeugnis und dein Geld," murmelte er und schob es mir auf der Tischplatte zu, "dein Geld habe ich dir bis zum Jahresende vorausbezahlt, also sei klug und verklopfe nicht gleich alles auf einmal!" Er blickte mich traurig hinter seinen Brillengläsern an, und als ich mich pflichtschuldigst bedankte, leuchteten das erste Mal an diesem Morgen seine Augen. "Ist schon recht, mein Junge" sagte er und machte eine beschwichtigende Handbewegung, "es ist wohl das Mindeste, was ich für dich tun kann!"
Ich lag stundenlang angezogen auf dem Bett und starrte zur Decke. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, ich war mit diesen Tatsachen völlig überfordert. Ich hielt meine Mutter fest umarmt und wärmte sie, denn sie hatte allen Lebensmut verloren, weinte und fror.
Wir schlossen uns tagelang ein und blieben im Bett. Wir hielten uns fest, wir umarmten uns und wir liebten uns ohne Fröhlichkeit und ohne Lust, sondern voller Trauer. Mit dem liebevollen Ficken trösteten wir uns gegenseitig wie verlorene Seelen an ihrem letzten Tag, voller Angst und voll Verzweiflung.
Unser Leben war in einem einzigen Augenblick zerbrochen worden.