Seit Rosa aus dem Krankenstand zurückgekehrt war, merkten alle, daß sie verändert war. Reifer, älter, härter und auf gewisse Weise gefährlicher. Jeden Morgen ging sie hinunter in den Hades und Dr. Gangl wechselte ihre Verbände. Sie schmunzelte, weil Dr. Gangl so verliebt ihre kleinen, runden Brüste mit den spitzen Zitzen betrachtete. Er grinste, kein bisschen peinlich berührt. "Quasimodo war ein ganzer Mann, unter dem Buckel und den zerfetzten Lumpen." Rosa lächelte milde und verständnisvoll. Sie erledigte die alltäglichen Dinge rasch und unkompliziert, und dann hängte sie sich in den Frank-Halter-Fall wie ein blutrünstiger Tiger. Sie zerlegte jedes Dokument bis zu den Molekülen, hatte sich Halters Anruf bei Ron wohl hundertmal angehört und las auf dem Transkript Wort für Wort mit. Ja, sie flüsterte manchmal mit Alfred, weil der Computer nur logisch dachte und nicht von Gefühlen beeinflußt wurde.
Ron hatte geschmunzelt, als Alfred um sein Einverständnis bat. Doch auch das war völlig logisch, Alfred war eigentlich ihm als persönlicher Assistent zugeteilt. Er saß nun manchmal neben Rosa und hörte ihrer Diskussion mit dem schlauen Computer zu. Es war sehr interessant, aber sie kamen nicht viel weiter. Alfred hatte Millionen von Möglichkeiten durchgespielt. Er fragte, ob er eine Anmerkung machen dürfe. "Ich sehe, daß Sie und Ronald beisammen sitzen. Also äußere ich meine Vermutung, sie ist völlig abwegig, aber es wäre vielleicht einer Überlegung wert. Den Boden des Kellers im Hause Halter haben Sie natürlich untersucht. Aber es gibt inzwischen eine neuartige Art von Boden-Radar, die unter dem Begriff Lidar firmiert. Sie erkennt minimalste Dinge unter dem Boden, unter dem Betonboden des Kellers. Die Kepler-Universität in Linz hat so ein Ding. Nur so ein Gedanke, aber vielleicht findet man etwas. Soll ich Sie mit dem dortigen Institutsleiter verbinden?" Ron und Rosa sahen sich perplex an und sagten mit einer Stimme, "Aber sicher doch!"
Der Professor in Linz war begeistert, sein Spielzeug einzusetzen, vor allem weil Präsident Wallner zustimmte, daß der Professor bei Erfolg auf die Kriminalpolizei Bezug nehmen dürfe, natürlich erst nach Abschluß des Falles. Drei Mann hoch kamen sie aus Linz, das Lidar sah wie ein Rasenmäher aus. Doch nun fuhren sie den Kellerboden ab. Und siehe da, der Professor zeichnete ein Rechteck mit Kreide auf den Boden, es gab einen unterirdischen Tunnel, der unter dem Haus entlangführte, von dort kommend und nach da weiterführend. Ron starrte auf die Kreidemarkierung. Genau unter dem Rechteck schien es einen großen Metallklumpen und Elektronik zu geben. Der Professor kratzte sich am Kopf. "Kein Eingang zu sehen." Rosenthal fiel der Kaffeebecher auf den Boden, und er wollte sich schon entschuldigen. Doch Ron hatte sich auf den Boden gelegt und starrte auf die Soße aus Kaffee und Staub. Es zeichnete sich allmählich eine haarfeine Ritze ab, wo die Soße versickerte. Der geheime Eingang. Bodnar sagte, "wir lassen die Jungs von der Spurensicherung die Elektronik hacken, okay?" Präsident Wallner beugte sich vor, "Ganz recht, Bodnar, ganz recht. Vorher aber hol die Spitzhacke aus dem Van, wir machen's Russisch."
Bodnar schwang die Spitzhacke und riß den Beton auf. Der Professor steckte Kopf und Taschenlampe in das Loch. "Eine Metallleiter, eine stillgelegte Kanalisation. Ah! Eine Metallkonstruktion, möglicherweise der Türöffner samt Elektronik. Simpel, aber effektiv." Alle guckten in das Loch, dann schlug Bodnar das Rechteck ganz aus. Sie gingen einzeln hinunter, Rosenblatt ging entlang der Kanalisation zum Ende, es gab eine verschlossene Eisentür zur Straße. Rosa fotografierte die gesamte Szenerie akribisch. Das Geheimnis war gelüftet, der Halter würde es wohl bald entdecken und fluchen. Rosa war der Meinung, daß Frank's Beziehung zu seiner Mutter seit Gefängnis und Urlaub noch inniger geworden war, sie würden also die hautnahe Überwachung fortsetzen, mit besonderem Augenmerk auf den Geheimeingang. Sie setzte sich mit Bodnar und Rosenblatt in Vieraugengesprächen hin, um ihnen die Leviten zu lesen. Es diente nicht der Aufklärung, wenn sie an Kerzendochts Honigtöpfchen leckten. Beide reagierten nur mit Achselzucken. Wird sie es an die große Glocke hängen? Nein? Dann machen wir weiter. Natürlich hatten Bodnar und Rosenblatt alles bereits abgesprochen. Sie waren sich sicher, nicht gekündigt zu werden. Der Wallner brauchte jeden einzelnen Mann. Rosa ließ die Schultern hängen. Doch seither hing der Haussegen zwischen ihr und Bodnar schief, sie wurde aggressiv und knurrig.
Bodnar und Rosenblatt saßen nun öfter in der Kaffee-Ecke und tuschelten. Ein aufmerksamer Beobachter wüßte bald, daß Bodnar den Rosenblatt in Sachen Inzest ausfragte und verhörte. Bodnar besah sich die Aktbilder der Schlampe und dann auch die mit Elli mit glühenden Augen und Speichel im Mundwinkel. Die Bilder tanzten Cha-cha-cha in seinem armen Hirn. Aber nein, er würde es niemals mit seiner Tochter treiben, niemals, sagte Bodnar. Ja, auch er hatte Nacktbilder von Frau und Tochter. Rosenblatt überflog die Bilder von Bodnar's unscheinbarer Frau. Aber er schnalzte mit der Zunge, als er die freche, obszön posierende Tochter aufmerksam betrachtete. Bodnar sah ihn nur an.
Rosa wußte natürlich Bescheid, daß Bodnar seine Hand unter den Hosenbund seiner Tochter steckte, ganz unschuldig, natürlich. Rosa gab ihm richtige Kopfnüsse, keine Klapse, schon lang nicht mehr. Manchmal wollte sie ihm die Faust in die Fresse schlagen, doch sie wollte oder konnte ihn nicht zurückstoßen. "Mensch, wach doch endlich auf!" schrie sie ihn an, wenn sie allein waren. "Es gibt kein ach so unschuldiges Fingerspiel, du Dummkopf! Das Gesetz ist da unmissverständlich, es ist Inzest, Unzucht mit Kindern, usw. Warum tust du, als ob das Gesetz für dich nicht gelte?" Bodnar wand sich. Es hat sich so ergeben. Es war ein Ersatz für den Geschlechtsverkehr, an dieser Grenze hielt er eisern fest. Die Tochter ließ ihn in Ruhe, wenn er das Fingerspiel machte, und akzeptierte auch, daß er für Geschlechtsverkehr nicht zu haben war. Seine Tochter hatte in der Schule gelernt, wie man es den Jungs machte. Ihre Hand stahl sich zu Bodnar und sie machte ihm ganz ungeniert das Happy Ending mit der Faust. Bodnar grinste wie ein Idiot. Ja, seit mehreren Wochen. Rosa sah ihn wütend an. "Du bist so ein Esel, mein Schatz. Du rutscht bereits auf der abschüssigen Ebene, nimmst es aber nicht zur Kenntnis. Ich werde dich verlassen, wenn du unten angelangt bist, du Idiot! Verlassen ohne Diskussion!"
Ron gab Fatme immer grünes Licht, Frank Halter ließ sich bei ihr nicht blicken, obwohl er sicher wußte, wo sie arbeitete, wie der Zuhälter hieß und wußte dessen Telefonnummer auch mit Sicherheit. Er hatte wirklich ein flaues Gefühl im Magen, das war sicher. Er hatte die Situation mit Alfred besprochen und ihn mit der lückenlosen Überwachung betraut. Alfred sollte ohne Beschränkung überwachen, die Privatsphäre aller Beteiligten war ein so einem Fall nachrangig. Alfred meinte, er solle zumindest den Präsidenten einweihen, denn er mußte alles protokollieren und konnte das eigene Protokoll nicht verfälschen. Ron nickte, er werde den Präsidenten verständigen, aber er tat es nie.
Bodnar betrat das Büro des Präsidenten. "Ich hätte etwas Privates zu besprechen, Chef." Wallner nickte und deutete auf den Stuhl. Bodnar ließ die Jalousien herunter, es sollte ja privat bleiben. Wallner schob die Papiere beiseite, zündete sich eine Zigarette an und wartete aufmerksam. "Herr Präsident, ich bitte um meinen Abschied. Vielleicht die Frühpension, das wäre sehr nett." Wallner signalisierte, daß er kein Wort verstand. "Herr Präsident, ich bin nun 56, ich war über 35 Jahre ein treuer Staatsdiener, wenigstens bis vorgestern. Ich bin unehrlich geworden, ich bin kein treuer Staatsdiener mehr, ich habe meine Ehre und die meiner Familie beschmutzt. Ich würde nur eine Belastung in deiner Kolonne sein, Herr Präsident". Wallner lehnte sich zurück. "Reden wir über die Kerzendocht oder über deine Tochter?" Bodnar fiel aus allen Wolken. Dem Präsident entging offenbar nichts. Er holte tief Atem, doch Wallner sprach weiter. "Was Du und Rosenblatt mit der Kerzendocht treibt, wäre natürlich ein Grund, euch schwanzgesteuerte Esel fristlos zu feuern, wenn ich Bescheid wüßte. Aber ich weiß nicht Bescheid, ich will da gar nicht Bescheid wissen. Sind wir fertig, gehst du wieder an die Arbeit?"
Bodnar blieb sitzen, ließ die Schultern vorwärts sinken. "Ich wollte nicht die Kerzendocht-Sache zur Sprache bringen, Herr Präsident. Rosenblatt und ich verdienen es, als pickelige Pennäler angesehen zu werden. Die Kerzendocht bietet sich ja an wie eine Schlampe, sie ist aber mit Sicherheit keine. Nein, es ist die andere Sache, um die ging's mir eigentlich." Wallner ließ sich im Stuhl zurückfallen. "Deine Tochter also? Laura?" Bodnar nickte unglücklich. "Ich habe meine Familie entehrt. Ich habe einen ordentlichen Arschtritt redlich verdient, die Rosa hat mich gewarnt. Und nun ist alles aus. Ich bin kein anständiger Polizist mehr, schon gar kein treuer Staatsdiener. Ich bitte dich um eine einfache Entlassung, damit ich wenigstens die Pension nicht verliere." Wallner lehnte seinen Kopf an die Wand. Daß er mit Kindsköpfen wie Bodnar und Rosenblatt arbeiten mußte, nun ja, ... "Hören Sie mir gut zu, Bodnar (er Siezte Bodnar nicht ohne Grund), hören Sie mir zu. Sie waren und sind immer noch ein guter und anständiger Polizist gewesen, und ein guter Kripo-Mann dazu, muß ich sagen. Ich denke nicht im Traum daran, Sie zu entlassen oder sonst was Blödes. Sie gehen zurück an die Arbeit, und das ist mein letztes Wort."
Bodnar saß wie ein begossener Pudel da, der Präsident hatte ihn sein Leben lang geduzt, und mit dem unerwarteten Sie betonte er seine Autorität und seinen Schiedsspruch. Bodnar war wie gelähmt, es hatte eine unerwartete Wendung genommen. Wallner lehnte sich vor, seine römische Nase ließ erahnen, warum er früher der Falke genannt wurde. "Schau mal, Bodnar. Rosenblatt treibt es mit seiner Tochter, und er macht gar kein großes Geheimnis daraus. Habe ich ihn gefeuert? Habe ich ihn ins Archiv versetzt? Nein, siehst du, ich erkenne einen fähigen Kripo-Beamten, wenn ich ihn sehe. Es ist mir völlig Schnurz, wo wie und mit wem Rosenblatt es macht. Er leistet sehr gute Arbeit, also wozu sollte ich mir bitte selbst ins Bein hacken, nur weil er ein Privatleben hat, das mich strenggenommen gar nichts angeht, solange seine Tochter kein Verbrechen begeht? Zum Teufel mit ihm, zum Teufel mit dir! Ihr arbeitet für mich, und damit Basta. Vielleicht hängst du den Inzest mit Laura nicht dermaßen an die große Glocke wie der Rosenblatt, das wäre anständig. Ich mache KEINEN Vermerk in deiner Personalakte, habe ich beim Rosenblatt auch nicht. Ich weiß nicht Bescheid, ich wills gar nicht wissen, und es geht mich gottverdammt auch nichts an. Und nun an die Arbeit, du hast sicher genug zu tun!" Wallner griff nach dem Stoß Papiere und würdigte Bodnar mit keinem Blick mehr. Bodnar ging schweigend, in Gedanken versunken.
Ron saß neben Rosa und sie gingen die Aufnahmen aus dem Keller durch. Rosa sagte unvermittelt, "Ich habe gestern mit dem Bodnar Schluß gemacht, ganz im Ernst." Ron fuhr auf. "Schluß gemacht? " Rosa nickte. "Ich hatte ihn gewarnt, Inzest würde ich auch als Geliebte nicht tolerieren." Ron sah sie an. "Inzest?" Rosa nickte. "Rosenblatt und Bodnar, diese Blödmänner, vernaschen nicht nur die Kerzendocht zweimal in der Woche, sie treiben es auch mit ihren Töchtern. Beide. Ich bin gewiß nicht prüde oder verklemmt, aber das ist ein roter Strich für mich und ich hatte Bodnar gewarnt, daß ich dann weg bin, wenn er sich nicht zurückhalten kann. Wenigstens bist du kein schwanzgesteuerter Blödmann, Ronald."
Ron legte seinen Kopf in beide Hände. "Wie sicher bist du, Rosa?" Sie legte den Kopf zur Seite. "100%. Bodnar hat es mir selbst gesagt. Er ist mit vollem Galopp in ihre Falle geritten und hat sie zur Frau gemacht, bevor er nüchtern wurde. Halb schwanger gibt's auch nicht, Ronald. Also, 100%." Rosa legte ihre Stirn in Falten. "Jahrelang hat er ihr schrittweise nachgegeben. Erst nur die Hand unter dem Hosenbund hineingesteckt und sie sanft gestreichelt, sonst nichts. Das ging eine Weile gut. Dann brachte sie ihn dazu, das Fingerspiel zu machen. Da habe ich ihn schon das zweite Mal angeschrieen und gewarnt. Sie hat es den Jungs schon gemacht, also machte sie es ihm auch, volles Programm mit Happy Ending. Sie melkt seinen Samen fleißig, jeden Abend, schon seit einem halben Jahr. Ich verpaßte ihm ordentliche Kopfnüsse und schrie Zeter und Mordio, wie du dir denken kannst. Und vor zwei oder drei Tagen, da ließ sie die Falle zuschnappen und der Depp machte sie zur Frau. Ich weiß, wie man das provoziert, ich war auch mal 15. Aber mein Vater hat mich in seine Arme geschlossen und gesagt, "Das lassen wir mal schön bleiben, junges Fräulein." Und ich bin ihm dankbar dafür, daß er kein schwanzgesteuerter Blödmann war, Gott hab' ihn selig."
"Und wie tun wir weiter?" fragte Ron. Rosa dachte kurz nach. "Bodnar wollte mit Wallner über seinen Abschied reden. Ich prophezeie, der Wallner staucht ihn ordentlich zusammen, und von Abschied und so will er gewiß nichts hören. Der Präsident ist überzeugt, daß wir 4 die Besten sind. Er wird keinen von uns zwischen den Stationen abspringen lassen. Nicht, solange wir den Halter nicht haben. Danach - wer weiß?!" Ron legte den Kopf schief. "Ob's uns gefällt oder nicht, wir sind in zwei Gruppen gespalten. Du und ich und Alfred, Rosenblatt und Bodnar. Die beiden werden solidarisch sein, weil sie beide mit ihren Töchtern reiten und weil sie beide die Kerzendocht auch besteigen." Rosa zuckte leicht. "Was, du weißt es auch?" Er blickte sie belustigt an. "Ich bin Kriminalinspektor, kein Parksünder-Polizist. Ich weiß es seit der ersten Woche der Observierung, als die Kerzendocht nackt und wirklich prächtig vor mir auf dem Küchentisch lag. Bodnar und Rosenblatt, sie sind gut, aber sexuell unzuverlässig. Ich zählte eins und eins zusammen und kam auf drei. Und der Präsident wußte es auch sofort. Aber er muß als Vorgesetzter wegschauen oder beide feuern. Feuern? Nie im Leben!"
Rosa und Ron waren sich einig, die hautnahe Observierung fortzusetzen, jetzt wo sie wußten, wie Halter heimlich ins Haus gelangen konnte. Die Schlinge zog sich enger um den Halter zusammen. Der Präsident nickte die Observierung ab, nur weiter so!
Ron's Telefon summte. Es war Frank Halter. Ron hob seine Hand und alle verstummten augenblicklich. Alfred schaltete alle über Lautsprecher zu. "Gott zum Gruß, Halter, was verschafft mir die Ehre?" Frank Halter schwieg überrascht. "Gott? Welcher Gott? Der meinen Vater im Gefängnis ermorden ließ, oder der, der mich nicht aufhält, obwohl er meine Aktionen sicher nicht lustig findet?" Ron war gut aufgelegt. "Beide, Frankie, beide. Aber du wolltest mit mir sicher nicht nur philosophieren?" Halter schwieg kurz. "Na, endlich habt ihr meinen speziellen Eingang gefunden, ein herzliches Bravo von mir. Es hat zwar ein Jahr gedauert, aber gut Ding braucht Weil', nicht wahr?" Ron wurde ernst. "Du bist kein Geist mehr für uns, Frank. Ein simpler Bühnenzauberer, der uns mit Tricks und falschen Tapetentüren zum Staunen bringt. Aber wir haben deinen Trick gefunden, Du kannst nicht mehr den Verschwindibus spielen." Frank antwortete sofort. "Ihr habt es mit der Spitzhacke demoliert, Mutter hat's mir erzählt." Ron fragte lauernd, "Haben wir deinen Aktionsradius etwa eingeschränkt?" Frank lachte. "Wenn ich nicht darauf vorbereitet wäre, dann hättet ihr mich tatsächlich ausgesperrt. Daß dem nicht so ist, solltest du eigentlich wissen, Ronald. Ich sehe meine Mutter und die Rachel, wann immer ich mag. Daß ich es gerne mit Frauen treibe, wird dir die Morgentau bestätigen, ich hatte sie mir zu jeder Tages- und Nachtzeit genommen." Ron lachte gezwungen. "Ja, seitdem hat die Morgentau eine Tube Gleitgel in der Handtasche, falls du sie wieder holst, Frankie." Frank dachte einen Augenblick nach. "Ich hätte die Morgentau schon an Ort und Stelle erwürgen sollen, die Undankbare! Sie hat gejauchzt, Ronald, gejauchzt wie Julia bei Romeo! Wir wollen nichts unterschlagen. Wahr ist wahr und bleibt wahr. Sie hat gequiekt wie ein Schweinchen und zum Schluß gejauchzt! Oder steht das nicht in ihrem Bericht!?" Ron sah aus den Augenwinkeln, wie Rosa zusammenzuckte.
Er beschloß, zu widersprechen. "Bis auf das Quieken steht alles im Protokoll, fein säuberlich. Und daß du einen Kompass tätowiert hast, direkt dort, sonst würde dein Ding nicht wissen, wo's lang geht." Er wartete, hatte er einen Nerv getroffen? Frankie kicherte. "Ach das! Die Windrose hat mir ein Boss aus Jakutsk verehrt, als er mich kurz geschnappt hatte. Gilt bei den Russen als Zeichen der Schande, als Kinderschänder. Der Kerl hatte auch allen Grund, ich habe sein wohlbehütetes Töchterlein zur Frau gemacht. Ich habe ihm und seiner Frau die Kehlen aufgeschlitzt und drei liebestolle Tage später auch dem Töchterlein, ich konnte sie nicht mehr gebrauchen." Ron schwieg lange. "Du bist ein widerlicher Kinderschänder und Mörder, aber das wissen wir beide." Frank antwortete nicht. "Nun, zurück zum Eigentlichen. Was war genau der Grund deines Anrufs?" fragte Ron.
Er konnte Frank's leises Lachen hören. "Tja, ich habe mich gefragt, ob du einen Gerichtsbeschluss hattest, als du mein Haus, mein Eigentum demoliert hast? Mit Gerichtsbeschluss?" Ron klärte ihn auf. "Für diese Aktion braucht die Kripo weder einen Gerichtsbeschluss noch das Einverständnis deiner Mutter, die nach Artem Galebnikow die rechtmäßige alleinige Eigentümerin ist. Und sie stand daneben, mit offenem Maul. Du kannst nicht mitreden, das Haus gehört nicht dir, mein oberschlauer Freund. Dir gehört nur die Zelle, in der wir dich wegsperren und den Schlüssel wegwerfen werden." Man hörte, wie Frank die Luft scharf einsog. "Die Nürnberger henken keinen, sie hätten ihn denn zuvor. Ein kluger Spruch. Erstmal müsstet ihr mich fassen, und das spielt's nicht." Ron wagte sich erneut aufs dünne Eis. "Die Frauen stehen unter Überwachung. Wir sind auch nicht blöde und setzen einen Uniformierten vor die Haustür. Überwachung, habe ich gesagt, Frankie. Geister, die du nie sehen wirst. Und wir schnappen dich ganz einfach, sobald du den Perimeter betrittst. Du verursachst nur erhebliche Personalkosten, aber wir stemmen das schon. Für das gute Gefühl, dich gefesselt zu seinen Füßen zu sehen, ist dem Herrn Polizeipräsidenten nichts zu teuer. Ja, da nickt der Herr Präsident und schlägt sich vor Vergnügen auf die Schenkel."
Frank reagierte weder rasch noch voreilig. Ron's Drohungen prallten an ihm ab. "War nett, mit dir zu plaudern, Ronald. Ich melde mich wieder, wenn es mir paßt. In Ordnung?" Klack, er hatte aufgelegt. Ron blickte sich um. Der Präsident hatte seine Glastür geöffnet und zeigte ihm ein Daumen hoch. Bodnar knurrte, "Die Rosa mit Dreck bewerfen, genau das wollte er. Durchsuchungsbeschluss. Das ist lächerlich." Rosa stand auf und ging zur Toilette. Rosenblatt, der sich eifrig Notizen gemacht hatte, sagte nun, "Es war definitiv nur Geplauder. Er wollte uns wissen lassen, daß es ihm egal ist, daß wir den geheimen Eingang gefunden haben. Er hat offenbar vor, weiter seine Mutter und die Kerzendocht aufzusuchen und zu stempeln. Er meint, wir könnten ihn nicht daran hindern. Alles andere war nur Gequatsche. Es gibt keinerlei Hinweise, daß er jemals einem russischen Gangsterboss und seiner Frau und deren Tochter die Kehle durchgeschnitten habe. Es kann sein, es kann auch genauso gut Seemannsgarn sein. Auf unsere Untersuchung hat es keine Auswirkung."
Ron ging in die Damentoilette. Rosa hockte auf dem Boden, die Augen gerötet und verheult. Sie sagte nichts, als er sich zu ihr setzte. Er überwand seine Scheu und griff nach ihrer Hand. Ihre Tränen flossen wieder reichlich. "Es ist wahr, was Frank gesagt hat, Ron. Jedes Wort. Verdammt, ich bin eine Frau und mein Körper reagiert, wie ein Frauenkörper nun mal reagiert. Egal, was mein Geist dazu sagt. Ich habe ihn jedesmal angespuckt, aber das kam aus meinem Hirn, nicht aus dem Bauch." Sie lehnte ihren Kopf an seinen Oberarm. "Ich schäme mich vor euch allen, Ron. Ich habe euch verschwiegen, wie lustvoll und ekstatisch mein Körper reagiert hat. Ich habe nur berichtet, daß ich ihn angespuckt hätte, voller Verachtung. Das stimmt auch, so hat mein Geist, so hat meine Würde reagiert."
Ron hielt immer noch ihre Hand. "Es geht uns allen so, Rosa, gräme dich nicht. Erinnere dich, wie mein Körper damals reagiert hat. Mein Körper reagierte auf die umwerfend sexuell attraktiven Formen der Hanna Rosenstingl, das war Eros pur. Mein Geist, mein Verstand sah die Eingeweide, die ungeheuerliche Gewalt, die einem Menschen angetan wurde, das war Thanatos. Mein Gesichtsausdruck hat dich fasziniert, weil letztendlich Eros die Oberhand hatte. Zuletzt ist mir das in der Schule passiert, als ich entdeckte, daß die Musiklehrerin keine Unterwäsche trug. Bei jeder Musikstunde gewann Eros, hämisch grinsend. Urteile nicht über dich selbst, schon gar nicht dermaßen falsch. Jeder in unserer Abteilung hat Verständnis für deine Reaktion, Rosa." Er setzte nach, "So einfach dividiert uns kein Frank Halter auseinander."
Ron hatte keine Ahnung, ob sein Bluff mit der Überwachung Wirkung hatte. Natürlich hatte Rosa alle nur irgendwie mit der Gerichtssache Artem Galebnikow oder Frank Halter involvierten Frauen und Männer verglichen, aber sie fand keine einzige Übereinstimmung mit den Leuten auf Frank Halters Killerliste im Weinkeller. Ja, bis auf Fatme natürlich. Ron versuchte, sich in Frank hineinzuversetzen. Frank wollte Rosa quälen, das hatte er zugegeben. Könnte es nicht sein, daß er Portraits völlig unbeteiligter, willkürlicher Personen aufhängte, nur um Rosa glauben zu machen, daß er noch ein Dutzend Menschen auf seiner Killerliste hatte? Dann allerdings war sein Bluff als heiße Luft entlarvt.
Er brachte dieses Dilemma am nächsten Tag im Aquarium zur Sprache. Die Reaktionen waren zwiespältig. Rosenblatt und Rosa fanden, daß der Bluff geplatzt war. Wallner und Bodnar waren überzeugt, daß Frank dem Bluff aufgesessen war. Ron selbst glaubte, daß beides möglich war. Er stand auf. "Wenn Frank uns innerhalb der nächsten 10 Tage oder zwei Wochen eine Leiche vor die Füße wirft, dann war der Bluff völlig wirkungslos. Falls es keine Leiche gibt, besteht die Chance, daß der Bluff gewirkt hat. Es kann aber auch sein, daß die ganze Killerliste nur ein Schwindel war, um unserer Rosa einen mächtigen Schrecken einzujagen. Meine Freundin Fatme auf die Liste zu setzen würde die Wirkung auf Rosa nur verstärken. Den Kerl zu durchschauen, das ist mir zu hoch. Ich geb's zu."
Die hautnahe Überwachung hielten sie strikt ein. Das Haus war nur zwischen Mitternacht und 6 Uhr früh unbewacht. Da saß nur ein Uniformierter vor der Haustür auf der Bank, las Zeitung oder döste. Bodnar und später auch Rosenblatt verloren jegliche Scheu. Frau Halter blieb unnatürlich passiv und verbarg ihr Gesicht in einem Kissen, wenn die beiden auch sie sich vornahmen. Natürlich war es Frau Kerzendochts Idee gewesen, doch die Kerle griffen freudig zu. Die Kerzendocht wollte doch nur, daß ihre Freundin auch am sexuellen Glück teilnahm, und deren Alter spielte wirklich keine Rolle. Es war ein billiges Schlampentheater. Ron packte die Kerzendocht am Arm, als sie morgens vorbeihuschen wollte. Er verhörte sie hart und unnachgiebig in der Küche und es war ihm wurscht, daß Frau Halter sich zu Tode genierte. Ron's erster Gedanke dazu war, daß das, genau das, Frank Halter zur Weißglut treiben würde, wenn Rosas Analyse der Mutter-Sohn-Beziehung auch nur annähernd stimmte.
Die Kerzendocht war eine Fundgrube. Den Frank Halter hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, sie kannte ihn eigentlich gar nicht richtig. Aber der liebe Herr Dr. Weißmann, der kam beinahe jede Nacht, um sie und Roxane glücklich zu machen. Ihre Äuglein strahlten, nein, sie war keine Schauspielerin, sie war eine einfach gestrickte Hausfrau, die auf Wolken schwebte, wenn es um Dr. Weißmann ging. Nein, sagte sie, Bodnar und Rosenblatt waren beide beschnittene Juden, so daß sie überhaupt kein Problem damit hatte, sich mit beiden zu paaren, egal wie oft. Und, sagte sie mit schu gesenktem Blick, der Herr Doktor sei der erste Unbeschnittenen, in den sie sich verliebt hatte, obwohl sie ein sehr schlechtes Gewissen deswegen hatte. Nein, sagte sie, Bodnar und Rosenblatt waren beide beschnittene Juden, so daß sie überhaupt kein Problem damit hatte, sich mit beiden zu paaren, egal wie oft. Und, sagte sie mit scheu gesenktem Blick, der Herr Doktor sei der erste Unbeschnittene, in den sie sich verliebt hatte und sich ficken ließ, obwohl sie ein sehr schlechtes Gewissen deswegen hatte. Und der Herr Doktor war ziemlich sauer, als er erfuhr, daß die Herren Beamten sich auch mit Roxane amüsierten. Der Stämmige und der mit der Glatze, ja, die kümmerten sich auch um Roxane. Ja, sie paarten sich auch mit Roxane unablässig, steckten ihn ganz tief rein und stießen sie recht ordentlich, sagte Rachel mit Klarheit und Deutlichkeit zum Doktor, weil er es nicht glauben wollte. Mehrmals natürlich, was Roxane Zornestränen in die Augen trieb. Ja, sagte die verliebte Rachel dem ergrimmten Doktor, beide Kerle pumpten die Roxane mehrmals hintereinander richtig fest durch, und sie könne es überhaupt nicht verstehen, warum ihre Freundin sich so vehement gegen den Höhepunkt sträubte, obwohl sie dann doch meist davon überrascht wurde. Ja, sagte der Doktor grimmig, dagegen kann sich kein Mensch wehren.
Ron sprach Wallner sofort drauf an, die Überwachung auch auf die ganze Nacht auszudehnen, aber Wallner winkte müde ab. "Hofstätter, Mitternacht bis 6 Uhr früh? Das könnten wir nur mit richterlichem Auftrag und müßten jede Nacht einzeln, stichhaltig und schriftlich begründen. Ein Horror, sage ich. Wir müßten jede Nacht einen Richter aus dem Bett klingeln. Die Politiker haben gerade jetzt ein kritisches Auge auf diese richterlichen Anordnungen, seit dem Skandal in Klagenfurt. Nein, ein oder zweimal, das ginge vielleicht, aber sicher nicht jede Nacht. Und mach keine Alleingänge, Hofstätter, man wird uns anhand der Heiligen Uhrzeiten am Schlaffittchen aufknüpfen, da wird uns kein Innenminister helfen können. Wir gehen alle Streife und teilen Strafzettel für Falschparker aus." Ron fragte, ob der Herr Präsident es nicht auch hörte? Den Amtsschimmel wiehern. Wallner fand es gar nicht lustig und knurrte, "Ich höre sogar zwei, den Amtsschimmel und das fette Brauereipferd der Politik."
Ron beriet sich mit Rosa. Sie blätterte durch die Gesetze am Bildschirm, befragte sogar eine KI und Alfred auch. Das Gesetz war klar. Mitternacht bis 6 Uhr war offizielle Ruhezeit der Bürger und ja, das mit der richterlichen Anordnung war wirklich so, wie Wallner gesagt hatte. Ron fragte sie direkt, "Und was, wenn wir, nur so ganz zufällig... ?" Morgentau spreizte ihre 10 Finger, um den Belzebub abzuwehren. "Mensch, Ronald, ich gehe nicht mehr auf Streife und schreibe auch keine Strafzettel mehr. Auf meiner Karriereleiter geht's nur aufwärts, nie nach unten. Ich mache das nicht, und ich rate dir auch dringend ab. Kein Polizeipräsident und kein Innenminister werden deinen Fall abbremsen. Du fällst voll auf den Arsch, mein Lieber." Ron gab den Gedanken widerstrebend auf. "Amtsschimmel, Brauereipferd und Morgentau gegen mich, da habe ich wohl keine Wahl," sagte er kopfschüttelnd. "Und Frank, dieser Kerl, weiß das ganz genau. 6 Stunden gibt ihm reichlich Zeit, beide Weiber zu .... ähm ... massieren." Rosa rügte ihn, "Ron, was für eine Wortwahl!" Sie lachten beide schallend.
Man hatte die hautnahe Observation wieder aufgenommen. Dem Präsidenten zuliebe hatte Ron die Mitternacht nur bis 3 Uhr verschoben, und die Ablösung kam meist schon um 5 Uhr 30 am Morgen. Frank Halters Zeitfenster war empfindlich geschrumpft. Bodnar und Rosenblatt wurden immer frecher, lagen nun neben den liebestollen Frauen und nutzten die Ruhepausen ungeniert zum Vögeln aus. Rosa ging in den Keller, wenn die Damen eindösten und saß neben dem aufgebrochenen Boden, Taschenlampe und Pistole im Bereitschaft. Sie muß einen Augenblick unaufmerksam gewesen sein, denn ein behaarter Arm packte sie und riß sie in das Loch hinunter. Taschenlampe und Pistole kullerten über den Ziegelboden der alten Kanalisation. Wehrlos lag sie auf dem Boden, ihre letzte Stunde hatte geschlagen. Die Pistole irgendwo außer Reichweite. Sie war Frank Halter ausgeliefert.
Frank fetzte ihren Uniformrock und das Höschen herunter. Im Schein seiner Taschenlampe konnte sie ihn gut erkennen. Er lachte dröhnend, als er seine Hose herunterzog. "Mir ist bewusst, es wäre besser, dich gleich zu killen, Rosa. Doch heute reizt mich nicht dein Blut, sondern ... Ich bin ganz wild auf knackiges Weiberfleisch, und du hast es mir immer sehr schön gemacht, mein Täubchen! Sei also friedlich, und ich werde dich heute nicht killen. Versprochen." Rosas Erstarrung löste sich. Sie griff vorsichtig nach ihm und machte ihn steif. Dann zwängte sie es seufzend und fluchend in sich hinein. Ja, sie quiekte wie ein Schweinchen und jauchzte und jubilierte in der Ekstase. Er machte weiter, sein Faß war übervoll. Er vergewaltigte sie ein zweites und drittes Mal, dann hörte man Rosenblatt das Haus polternd betreten. Frank riß sich bei der 4. Runde los und rannte zum vorderen Ausgang der Kanalisation hinaus.
Rosa zog sich wieder an und kletterte wieder hinauf, in den Keller, nachdem sie Taschenlampe und Pistole wieder eingesammelt hatte. Rosenblatt fragte, warum sie so ramponiert aussähe, aber Rosa gab keine Antwort. Rosenblatt setzte sie vor ihrem Haus ab. Rosa kam erst zu Mittag ins Büro. Sie schrieb alles in den Bericht, das Quieken, Jauchzen und Jubilieren natürlich nicht. Die Vergewaltigung sehr wohl und daß Frank nicht vorhatte, sie zu killen. Ron hatte den Bericht gelesen und befragte sie, aber er konnte seinen Kopf nur schütteln. "Und dann hast du plötzlich die Drahtschlinge um den Hals, Rosa." Sie schüttelte den Kopf, "Nein, ich glaube ihm, daß er mich nicht mehr killen will. Ich spüre es deutlich, Ron, er will sich mit mir nur sexuell amüsieren."
Rosa behielt recht. Frank schien ganz genau zu wissen, wann sie Dienst hatte, und sobald sie sich zum Loch im Betonboden setzte, riß er sie hinunter und vergewaltigte sie "nur". Rosa hatte schon eine Menge Männer gehabt, aber so viel Quieken, Jauchzen und Jubilieren hatte sie bei keinem gemacht, bisher. Sie behielt ihre Pistole im Halfter, aber solange er sie nicht bedrohte, sondern "nur" vergewaltigte, sah sie keinen Grund, Frank zu erschießen. Ron's Kopfschütteln am nächsten Tag nahm sie zur Kenntnis, aber sie hielt den Kurs wochenlang bei. Hätte sie gewußt, was für Scheußlichkeiten er noch vorhatte, sie hätte ihn verhaftet, ganz sicher sogar.
Natürlich blieb Rosa auf der Hut, denn wie schnell seine Stimmung umschlagen konnte, das stand für sie außer Zweifel. Sie ließ Frank immer mitbekommen, daß sie ihre Pistole im Halfter entsicherte und schußbereit machte. "Ich habe wirklich nicht vor, dich zu killen, Rosa," maulte Frank wehleidig, "ich steh' doch auf dein Quieken, Jauchzen und Jubilieren" sagte er jedesmal, wenn sie die Pistole provokativ vor seinen Augen entsicherte. "Nur für den Fall, daß du es dir anders überlegst, Frank. Ich würde nur ungern einem guten Stecher eine Kugel ins Hirn jagen, das wäre eine bedauerliche Verschwendung guten Materials" sagte Rosa mit eiskalter Miene. Er sollte wissen, warum sie ihn nicht erschoß, aber auch, daß sie es unzweifelhaft tun würde. Es beeindruckte ihn, daß sie so taff war. Der Präsident hatte ihre Berichte sicher gelesen, doch er ließ Rosa an der langen Leine. Er hatte keine Idee, was Rosa vorhatte.
Rons Hand blieb mitten in der Bewegung hängen, als sein Telefon zirpte. Charly, der Zuhälter. "Charly, du rufst mich im Büro an!" schimpfte er los. Charly blieb kleinlaut, Ron's Fäuste in seinem Gesicht hatte er noch nicht vergessen. "Inspektor, Chef, es könnte wichtig sein. Ich sollte heute Nachmittag das Appointment mit Fatme durchgehen, eine sehr heikle Kundschaft, das besprechen wir immer vorher, immer. Nun, sie hebt nicht ab, bei deinem Telefon geht nur das Tonband ran. Ich bin zu deinem Haus gegangen und habe unten Sturm geläutet. Nichts. Ich bin hinaufgegangen, deine Türe stand sperrangelweit offen, keine Fatme. Ich weiß nicht weiter, Chef. Es wäre dringend. Vielleicht weißt du, wo sie sein kann." Ron hörte Charly aufgeregt schlucken. "Sperrangelweit? Du bist nicht mit dem Dietrich rein?" fragte Ron mißtrauisch. Charly schwor Stein und Bein. "Sperrangelweit, sag ich doch. Kein Witz, Chef." Ron's Magen rebellierte. "Ich ruf dich an, Charly!" und legte auf. Er blickte auf Rosa hinunter. "Fatme!" Ron rannte in die Männertoilette und übergab sich.
Er mußte sich setzen. Er setzte Alfred ins Bild. Als erstes mußte er mit der türkischen Gemeinde anfangen. Er gab Alfred Namen und Nummern von denen, die ihn nicht so gut kannten. Alfred sollte kurz und präzise fragen und jeder Unterhaltung aus dem Weg gehen. Innerhalb einer Stunde hatten sie alle durchtelefoniert, etwa 70 Leute. Alle versprachen, die Augen offen zu halten. Er rief alle an, die in seinem Haus wohnten. Bei der Frau Walotschek dann ein Hinweis. Sie hatte Fatme gesehen, sie schien krank zu sein und der Freund mußte sie stützen und halb tragen. Er brächte sie zum Arzt, sagte der Freund. Ja, es war kurz vor 12, kurz vor dem Mittagsläuten, weniger als 5 Minuten vorher. "Warum, ist was passiert?" Ron beruhigte die Frau Walotschek und fragte nach dem Freund. Sie beschrieb Frank Halter recht genau. "Ein wirklich fescher Mann, in den besten Jahren!" seufzte sie, denn sie hielt sich bekanntermaßen nicht sehr strikt an ihr eheliches Treuegelöbnis. Ron dankte und legte auf. "Rosa, Frank hat Fatme verschleppt, wir haben eine Zeugin. Vor ziemlich genau 4 Stunden, exakt um 12."
Ron rief alle in den Konferenzraum und setzte sie in Kenntnis. Wallner ließ sofort die Fahndung rausgehen. "4 Stunden Vorsprung, Hofstätter, das ist viel. Du hast die Leitung. Leute, laßt alles liegen und stehen, Fatme zu finden hat Vorrang." Ron's Telefon zirpte. Es war Fatmes Nummer. Er hob ab und hörte Frank's widerliches Lachen. Ron hob die Hand und Alfred schaltete alle auf Lautsprecher. "Routing weltweit," schrieb Alfred aufs Display. Frank lachte. "Nein, ich benutze nicht ihr Telefon, ich gaukle dir nur ihre Nummer vor, um rasch Gehör zu finden. Spoofing." Rons Stimme zitterte leicht. "Laß sie sofort frei, und du bekommst einen wichtigen Pluspunkt. Ich verbürge mich dafür, daß es beim Gerichtsverfahren positiv vermerkt wird. Laß sie gehen, sie ist ein Zivilist, kein Soldat. Laß sie bitte frei, Frank. Ich bitte dich. Mach nichts Unüberlegtes, sonst siehst du deine Mutter und die Rachel nie wieder, zumindest nicht lebendig. Sie werden sehr qualvoll sterben, beide. Mein Wort darauf." Ron hatte es sehr ernst gesagt, nun aber zitterten seine Hände und das Handy drohte ihm zu entgleiten. Rosa setzt sich neben ihn und legte ihre Hand auf seinen Handrücken. Das Zittern hörte schnell auf.
Frank sprach zu Fatme. "Begrüße deine Freunde, Fatme," sagte er zu ihr. Sie rief auf Türkisch, "Hakim, der Sauhund hat mich ..." Frank stieß sie offenbar zurück und sagte mahnend, "Kein Englisch, Fatme, nur Deutsch!" Fatmes Stimme war klar, sie war nicht in Panik. "Ronald, noch bin ich unversehrt und der Gast hat mich nicht schlecht behandelt. Ich ... " Frank stieß sie offenbar zurück und übernahm. "Ronald, alter Kumpel, ich werde mit Fatme eine tolle Hochzeitsreise machen. Natürlich diesmal nicht nach Spanien. Ich werde sie gut behandeln, wenn sie nicht kratzt und beißt. Ich wollte dir nur Bescheid geben, daß du sie nicht zum Abendessen erwartest. Ich rufe dich wieder an, wenn ich Bock darauf habe." Klack, die Leitung war tot. Ron legte seine Stirn auf seinen Unterarm und schloß die Augen.
Rosa sagte, "Alfred, spiel es nochmal ab und könntest du die Hintergrundgeräusche verstärken, hervorheben, bitte? " Sie drehte die Lautstärke auf Maximum. Rosa neigte ihren Kopf zum Lautsprecher und schloß die Augen. Sie achtete wenig auf die gesprochenen Worte, sondern auf die Nebengeräusche. Das laute Rauschen von Badewasser, das im Bad eingelassen wurde, übertönte alles. Keine anderen Geräusche auszumachen. "Gerissen," maulte Rosa und richtete sich wieder auf. "Ron, seine Mutter und die andere zu bedrohen, war gesetzwidrig, das muß dir klar sein. Vielleicht dreht er durch. Vielleicht auch nicht, vielleicht nimmt er es wörtlich und wird Fatme nicht gleich umbringen. Vielleicht hast du ein bisschen Zeit herausgeschunden." Ron richtete sich auf. "Rosa, ich meinte jedes Wort, genauso. Es ist mir wurscht, ob ich dann in den Häfen komme. Wenn er Fatme umbringt, dann." Rosa rann ein kalter Schauer über den Rücken. Wallner kam herbei. "Morgentau, hast du es ihm gesagt? Wir werden seine blödsinnige Drohung aus dem Band schneiden müssen. Sowas geht gar nicht, Hofstätter, obwohl ich es natürlich verstehen kann. Aber als Kripo-Mann mußt du deine Gefühle im Griff haben, sonst muß ich dich abziehen, im Ernst." Ron blickte Wallner ins Gesicht, er schluckte den ersten Absatz hinunter und brachte nur den zweiten. "Ich verstehe, Herr Präsident. Ich habe mich ab sofort im Griff und will die Leitung behalten. Sie ist meine Verlobte, der Fall gehört mir. Gefühle werde ich erst wieder haben, wenn wir sie frei bekommen haben. Ehrenwort, Herr Präsident. Bitte ziehen Sie mich nicht ab." Wallner ging.
Ron blickte auf Rosa. "Legen wir los?" Rosa nickte, Bodnar und Rosenblatt rollten Stühle herbei, und so saßen sie in der Runde. "Was Fatme zuerst auf Türkisch gesagt hat, begann Ron, heißt, "Der Schweinehund hat mich..." dann brach es ab. Ihr habt gehört, was sie danach gesagt hat. Ein Hinweis von ihr war, daß er sie bereits vergewaltigt hat, aber ohne sie zu verletzen. Beim Escort-Service spricht man von Gast, wenn er Beischlaf für Geld will. Fatme weiß, es ist klüger, sich vergewaltigen zu lassen als ihn grob werden zu lassen. So geht es meist glimpflich aus." Bodnar pflichtete ihm bei, so hielt man es auch bei der Sitte. Ron blickte in die Runde. "Keine weiteren Hinweise. Mehr haben wir nicht." Er blickte klar und wirkte professionell. "Wir haben beinahe nichts. Nun gilt es, Klinken zu putzen, alle Informanten kontaktieren, Fatmes und Halters Foto verteilen, eine Belohnung versprechen, sagen wir 50 Riesen für einen entscheidenden Hinweis. Laßt Geld ins Spiel herein, ich nehms auf meine Kappe. Küßt Ärsche oder tretet sie, ganz egal. Kein Kerl kann sich so gut verstecken, daß es niemand spitzkriegt. Irgendwer hat irgendwas gesehen, hat irgendwas von einem Urlaub oder einer Reise mitbekommen. Leute, ihr wißt, wie das läuft, also legen wir los!"
Sie alle vier legten sich ins Zeug, die Telefone glühten. Bodnar ging in diese oder jene Bar, spendierte Bier und blieb dran. Rosenblatt wühlte sich durch Hotel- und sonstige Anmeldungen. Frank mußte unauffällig sein, also meldete er sich an, wenn er ein Zimmer nahm. Rosenblatt fegte los, Hotel Beethoven in der Laimgrube, doch die Gäste entsprachen zwar der allgemeinen Beschreibung, aber sie waren's nicht. Der Vater stand in Unterhosen sehr verlegen da, sein Töchterlein saß splitterfasernackt gespreizt auf dem Doppelbett und lachte Rosenblatt provokativ ins Gesicht. Stunde um Stunde verrann, sie machten ihre Arbeit mit höchster Konzentration. Natürlich wußten sie alle, was Frank Halter mit Hochzeitsreise meinte. Er würde Fatme vergewaltigen, wie er auch Rosa vergewaltigt hatte, ein ums andere Mal. Keiner sprach es aus, aber sie hatten Mitleid mit Ronald. Er behielt seine Sorgen für sich, er klapperte die türkische Gemeinde ab. Sein guter Ruf half ihm sehr bei der Arbeit. Tips könnten auch von hier kommen, Klatsch, Tratsch und echte Informationen könnten auch von den Türken kommen. Und wenn Hakim Elbagr sie um Hilfe bat, dann nahmen sie es ernst. Hunderte Augen und Ohren, das klang beruhigend. Ron ging erst gegen Mitternacht heim, er mußte Essen, Duschen, Schlafen.
Nichts. Es war entmutigend, aber Ron hielt sie auf Trab. Es war nicht das erste Mal, daß man sich durch die Halbwelt, durch unterschiedliche Schichten der Bevölkerung arbeiten mußte. Rosa hatte am Spätnachmittag endlich eine interessante Anruferin am Apparat. Sie schickte der Frau die Bilder von Fatme und Halter. "Ja, das waren sie, eindeutig. Sie hatten das Appartment online gebucht und eine Woche im voraus bar bezahlt. Nein, nicht mit Karte, sondern bar. Der Herr war persönlich gekommen, um die 800 in bar zu bezahlen und hatte dann die Schlüssel bekommen. Das war eher ungewöhnlich, ich hatte die Scheine gleich in der Sparkasse prüfen lassen, keine Blüten. Sie fuhren einen schönen, dunkelblauen VW Passat, eher neu. Kennzeichen habe ich natürlich notiert." Ein Leihwagen von Hertz Alt Erlaa, Führerschein Wien, auf Ing. Karl Lebknecht, nein, nicht Liebknecht. Rosenblatt und Ron saßen vor benachbarten Schirmen und prüften alles in Echtzeit, während Rosa die Angaben laut wiederholte. Die Frau sagte, sie wären heute morgen weitergefahren, hatten ihr die Schlüssel und einen Zettel in den Briefkasten geworfen. Sie hatten die Landstraße nach Süden genommen. Sonst war nichts mehr zu berichten.
Rosenblatt sah von seinen Notizen und dem Bildschirm auf. "Anna Frühwirth, geb. 21.4.1998, ledig, keine Kinder. Hauptschulabschluss Wiener Neustadt, 1 versiegelte Jugendakte. Prostitution mit 16, Ermahnung, keine Strafe. Bau eines Apartmenthauses in 2018, 6 Apartments zur Vermietung. Sie sitzt 2018 für 4 Wochen ein, plus Geldstrafe 25.000 Euro, unter anderem wg. Prostitution und Errichtung Prostitutionsring mit Mittelschülerinnen. 4 Frauen leben mit ihr in ihrem Haus. Vermerk Bezirkspolizei 2021: Vermutlich Geheimprostitution. Aber zur Vermietung d. Apartments keine Beanstandungen. Das ist alles." Ron nickte Rosenblatt zu. "Danke. Ein feines Früchtchen, aber genaue Beobachtungsgabe."
Alfred zirpte. "Fahrzeug gefunden, BP-Tankstelle im Süden Wiener Neustadt. Bildmaterial von Tankstellen-Überwachunskamera." Alle starrten auf ihre Bildschirme. Ganz am Rand des Parkplatzes der dunkelblaue Passat, ein Mann lehnte an der Fahrertür. Es war nicht zu erkennen, ob es Frank Halter war, aber das Kennzeichen stimmte überein. Etwa 8 Minuten später rollt ein amerikanischer Oldtimer heran, ein Cabriolet wie aus den 40-er Jahren, violett und weiß. Keiner kannte die Marke. Nach kurzem Gespräch steigen Frank und Fatme in das Cabrio, sie anscheinend in Handschellen. Das Cabrio fährt zur westlichen Ausfahrt und verschwindet. Ron dreht sich zu Rosenblatt, um ihm den Auftrag zu erteilen, doch Rosenblatt knurrt nur, "Bin schon dabei!". Es gab zwei Oldtimer in violett und weiß im Bezirk Wiener Neustadt. Er druckt zwei Adressen aus und reicht sie Bodnar, der bereits mit der Kripo Wiener Neustadt telefoniert und sie umfassend informiert. Bodnar gibt die zwei Adressen durch. Dann warten sie angespannt. Noch nie waren sie Frank Halter so dicht auf den Fersen.
Der erste, ein bulliger Rocker, war schon am Vormittag auf seiner Harley Davidson auf Tour gefahren, in Lederkluft und mit entsprechender Braut auf dem Sozius. Die mürrische Nachbarin hatte keine Ahnung, zu welchem Chapter er gehörte, eines mit Totenkopf, das wußte sie sicher. Hinter dem Haus standen 4 amerikanische Oldtimer, blitzblank gepflegt, unter ihnen der gesuchte Cabrio. Die mürrische Alte hatte keine Ahnung, womit er sein Geld verdiente, meist lag er unter einem Oldtimer und schraubte. Mehr war da nicht. Die Motorhaube des Cabrios, ein Cadillac Fleetwood Eldorado, war kalt.
Der zweite Kerl war ebenfalls nicht da. Die Nachbarin sprudelte wie ein Wasserfall. Er war vor 10 Tagen nach Vietnam geflogen, er hatte es ihr selbst gesagt und hatte ihr die Schlüssel gegeben, Pflanzen gießen und Katzen füttern, wie immer. Er fuhr drei oder viermal im Jahr nach Vietnam, hatte dort vermutlich seinen Schatz, kicherte die wunderliche Alte. Meist brachte er eine oder zwei Mädchen aus Vietnam mit, kleine Schulmädchen. Die hatten keine Scham im Leibe, zeterte sie, die sonnten sich pudelnackt hinten im Garten, wo man sie nicht sehen konnte. Tage später waren sie verschwunden. Sie hatte den Freddy Eder darauf angesprochen und er tat sehr erstaunt. "Die gehen doch in die Gastronomie arbeiten" hatte er gesagt. Sie waren nicht seine Freundin, obwohl sie so einiges vermutete.
Der Eder war sicher kein Kostverächter, sagte sie, die nackten Schulmädchen brachten sein Blut zum Kochen, das jedenfalls war ganz sicher. Sie konnte es mehrmals beobachten, daß das Schulmädchen es dem Eder im prallen Sonnenschein mit der Hand und den Abschluss mit dem Mund machte, wie es sich ja auch gehört. Nein, natürlich war es jedesmal ein anderes Mädchen, Herr Inspektor! Oft konnte sie beobachten, daß das kleine Mädchen auf ihn kletterte und es ihm richtig besorgte, von Anfang bis zum Ende, natürlich jedesmal eine andere. Im prallen Sonnenschein, unerhört! Jedenfalls war er seinem Schatz in Vietnam nicht treu, der Windbeutel! Er war mit all den jüngeren Ehefrauen der Siedlung per du, das sagt doch auch einiges. Ihr Redeschwall versiegte, mehr war nicht zu erfahren. Die unsteten Augen der Nachbarin irrlichterten umher, sie schien es gar nicht zu merken, daß sie das Ausspionieren der Privatsphäre vom Freddy Eder ohne Not zugegeben hatte. Der Beamte konnte ihr das Eingeständnis entlocken, wie empört sie war, daß der Eder nur mit den vietnamesischen Mädchen Sex hatte, sie aber nicht nahm, obwohl sie sich ihm mehrmals eindeutig angeboten hatte. Vorsichtig ging der Beamte mit dem Verhör weiter. Was sie für's Pflanzen gießen und Katzen füttern bekäme? Sie war unvorsichtig, unsere Spionin. Sie beugte sich vor und flüsterte in sein Ohr. Der Freddy Eder mache es ihr doch, jeweils einmal vor und einmal nach dem Urlaub, in seinem Badezimmer, im Whirl-Pool, immer mehrmals hintereinander. Er stieß sie so oft, bis er weich wurde, kicherte die Alte. Das war alles, was sie für Pflanzen und Katzen bekäme, sagte sie, rot vor Scham. Der Cabrio parkte vor dem Haus, ein Buick Electra 225 Convertible, notierte der Polizist. Der Beamte hatte leider nicht überprüft, ob der Motor noch warm war. Bodnar dankte dem Kollegen und legte auf. "Kein Treffer", raunzte er enttäuscht.
Ron wandte sich an die Runde. "Wir können annehmen, daß der Halter irgendwo einen anderen Wagen genommen hat, über den es keine Belege gibt. Fatme war noch am Leben und das ist ein gutes Zeichen. Er ließ sich Zeit und hatte sie nicht getötet. Wie bereits in anderen Fällen verbringt er einige Hochzeitsnächte mit seinen Opfern, bevor er sie erwürgt. Wir dürfen hoffen, daß Fatme also noch etwas Zeit hat. Alfred wird die Aufzeichnungen aller Verkehrskameras rund um die beiden Adressen durchgehen, vielleicht finden wir heraus, was für einen Wagen wir suchen. Rosenblatt, schicke Fotos von Fatme und Halter an jeden Polizisten in und um Wiener Neustadt, gib einen Text dazu. Alles, was wichtig sein könnte. Dasselbe an jedes Hotel, Pension etc. im Umkreis, die sollen die Augen ebenfalls offenhalten. Bodnar, mach mir eine Liste aller Immobilien und Liegenschaften von Artem Galebnikow, Frank Halter und Roxane Halter. Jeden noch so kleinen Schuppen."
Ron und Rosa tippen das Protokoll gemeinsam. Er war so froh, daß sie 150% gab, obwohl Fatme eher eine Nebenbuhlerin sein mußte. Er setzte sich eine halbe Stunde zu Präsident Wallner und besprach mit ihm jedes Detail. Wallner würde den Innenminister briefen, wie bei jeder Großfahndung erforderlich.
Ron blieb mit dem wachsamen Alfred in Verbindung, während er nach zwei Tagen duschte und frische Klamotten anzog. Er wollte gerade zu kochen anfangen, als die Türklingel bimmelte. Es war Rosa. Sie kam in die Wohnung, hatte in einer Tasche ihren Laptop dabei. "Ich leiste dir Gesellschaft, sonst nichts." Ron sagte, "Es gibt geröstetes Hackfleisch mit Spaghetti und Soße aus der Dose. Ähnlich Spaghetti Bolognese." Rosa nickte, "gern, ich habe so richtig Appetit." Sie arbeitete am Laptop, während er kochte. Sie aßen ohne Hast, er hatte kaltes Bier serviert. "Der Kühlschrank ist voller Bier, wir müssen Platz für Karotten schaffen," schmunzelte er, als er das dritte Bier holte. Ihr einziges Thema war Fatmes Entführung, bis tief in die Nacht.
"Ich schlafe auf dem Sofa," verkündete Ron, doch Rosa widersprach. "Wie sagst du immer? Wir brauchen dich morgen frisch ausgeschlafen und gebügelt. Das Bügeln übernehme ich. Nein, keine Sorge, ohne jeden romantischen Scheiß. Nur eine Freundin, die mit Eros dient, diesmal aber ohne Thanatos. Eine freundliche Handreichung, wie es der Wallner bezüglich der Ludmilla ausgedrückt hatte. Also, sei kein dummer Frosch und komm ins Bett!" Ron zögerte. Rosa, im Negligé mit nichts darunter, lächelte ihn freundlich und ehrlich an. "Fatme würde es verstehen," seufzte er schließlich, legte sich ins Bett und löschte das Licht.
Seine Hand glitt über Rosas Rücken. Der war vernarbt, wahrscheinlich häßlich vernarbt. "Er hat dich verunstaltet, das macht es sehr persönlich für dich, Rosa. Er schuldet dir etwas, und du wirst Genugtuung bekommen, du wirst ihn tüchtig auspeitschen und ich werde wegschauen, versprochen. Er fügt mir gerade auch Narben zu, das elende Schwein. Es wird mir Genugtuung geben, wenn der Richter ihn vor Gericht ordentlich zerlegt und wegsperrt." Sie schwiegen und rauchten stumm.
Alfred hatte nichts wirklich Greifbares finden können. "Aufgefallen ist mir nur ein schmutzig-gelber Mercedes 220 D und ein dunkelgrüner Range Rover neueren Datums. Beide mit gleicher Wahrscheinlichkeit, ich würde trotzdem auf den Range Rover tippen." Den Mercedes hatte er auf dem Weg in den Wienerwald verloren, der Range Rover fuhr schnurstracks nach Süden, wo sich seine Spur auf den Landstraßen verlor. Ron dankte dem Computer, es war ein gutes Gefühl, so ein wachsames Auge hinter sich zu wissen. Rosenblatt klemmte sich hinter den Bildschirm, aber ohne Erfolg. Mercedes wie auch Range Rover gab es Zehntausende. Bodnar, unausgeschlafen, durchleuchtete Freddy Eder, ob es eine Verbindung zum Halter gab. Er fand nur heraus, daß Eder regelmäßig vietnamesische Mädchen an Massagesalons etc. verkaufte. Er schrieb einen extra Bericht und mailte ihn an die Sitte. Aber sie kamen nicht weiter. Abends merkte Rosa an, "Heute bin ich dran, ich bringe Steaks und tiefgekühlte Pommes Frites. Rotwein?" Ron lächelte breit. "Spanischer ist niemals fehl am Platze." Er ging heim und übernahm das Kochen, etwas was er besser konnte als Rosa.
Man hatte die hautnahe Überwachung des Halter-Hauses eingestellt, seit Frank Fatme entführt hatte. Bodnar war fahrig und nervös, offensichtlich nahm ihn die Tochter scharf ins Gebet. Ron ärgerte sich manchmal, ein Kripo-Mann hatte weder fahrig noch nervös zu sein. Da beschloß er, Bodnar öfters in die Bars zu schicken, eine Fährte zu Halter oder seinen Gehilfen zu finden. Es war eine Nuller-Aktion und es kam auch nichts dabei heraus, aber die Abteilung arbeitete ruhiger und konzentrierter, wenn der triebgeplagte Mensch aus dem Weg war.
Die Woche verging, eine zweite und eine dritte.
Rons Telefon zirpte. Er hob ab, es war Frank Halter. Ron hob die Hand, es galt sofortiges Silentium, Alfred schaltete die Lautsprecher ein, Präsident Wallner war aufgesprungen und starrte durch die Glastür. Rons Puls raste, als er Franks Stimme hörte, die Anspannung von drei Wochen ließ seine Knie zittern. Frank forderte Fatme auf, Ron zu grüßen. Ron hörte Fatme's Stimme zum ersten Mal nach Wochen, nach einer Ewigkeit. "Ich bin unverletzt" sagte Fatme, "der Gast hat gesagt, heute sei mein letzter Tag. Ich danke dir für alles. Leb wohl! Leb wohl!" Frank nahm das Telefon an sich. "Ich bin geradezu gerührt, Ronald. Doch ich muß dir sagen, die Fatme taugt nicht viel, von einem Escort-Girl habe ich mir mehr erwartet, viel mehr." Franks Lachen ging in ein nervöses Meckern über. "Nun, hat's dir die Sprache verschlagen, Ronald?" Ron war ruhig wie ein Eisblock. "Ich werde dich deine eigenen Eier fressen lassen, du Abschaum."
Ron beachtete das Fuchteln des Präsidenten nicht. "Das gebe ich dir auch schriftlich, du mieses Schwein. Gegenüber Frauen den starken Macho zu spielen, wie? Bei einem echten Mann scheißt du dich an, da kriechst du bestimmt wie ein Wurm." Frank meckerte. "Meine Eier fressen? Dazu wird's nicht kommen, nicht in einer Million Jahren." Er holte tief Luft. "Fatmes goldener Glanz entpuppte sich als billiger Modeschmuck. Das war sehr enttäuschend und ernüchternd. Unter anderen Umständen würde ich sie dir vor die Füße werfen und sagen, du kannst sie behalten, die taugt nicht viel." Frank atmete schwer. "Heute war mir ihr passives Desinteresse zuwider, das kann ich dir sagen. Ich beschloß, unsere Hochzeitsreise abzukürzen. Ich verpasse ihr eine aus Rosas prächtiger Heckler & Koch, gleich nachdem ich dich erledigt habe."
Ron sagte, "Wenn du das tust, entscheidest du dich für eine Kugel, man wird dich nicht gefangen setzen. Deine Entscheidung, und sie ist weder brilliant noch klug." Wallner streckte die Arme in Verzweiflung zum Himmel. Halters Ermordung kündigte man nicht an. Sowas sprach man nicht laut aus, verdammt nochmal! Ron fühlte, wie eine kalte Hand sein Herz zusammenpreßte. "Tja, wenn sonst nichts ansteht..." doch Frank unterbrach ihn hastig. "Langsam, Ronald, warte noch einen Moment. Wenn ich es richtig sehe, ist jetzt High-Noon. Ich will dir gegenüberstehen und in deine Augen sehen, wenn ich dir eine Kugel ins Hirn jage. Nimm also dein Gewehr zur Hand, gottverdammt nochmal, und mache dich auf den Weg. Auf dem Gasometer C, unter freiem Himmel, da erwarten wir dich, Fatme und ich. Oben, auf dem Dach." Klacks, die Leitung war tot.
Wortlos griff Ron nach seiner Jacke und rannte hinter Rosenblatt hinunter. Sie schnappten sich den erstbesten Streifenwagen und Rosenblatt raste mit Blaulicht und Sirene nach Osten, überfuhr rote Ampeln ohne den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Ron nahm seine Pistole aus dem Halfter und überprüfte sie sorgfältig. "Ich gehe allein hinauf, laß rund um den Gasometer einen undurchdringlichen Kordon errichten. Laßt keine Maus durch, sollte Halter gewinnen. Ihr müsst ihn einfach kriegen, verflixt und zugenäht. Sehr schlau von ihm, der Gasometer ist bis oben hin voller Wohnungen, so plant er also zu entkommen. Also, seid gründlich." Rosenblatt nahm die Augen nicht von der Straße und den Fuß nicht vom Gaspedal. "Der erste Schuß, direkt zwischen die Augen. Fackle nicht lange, erledige ihn ein für allemal." Er raste weiter im Henkerstempo, hatte die anderen Polizeiwagen schon weit hinter sich gelassen.
Mit kreischenden Reifen hielten sie vor dem Gasometer C. Die Stadt Wien hatte vor 150 Jahren drei riesige Gasspeicher errichtet, inzwischen waren sie umgewidmet worden, Geschäfte, Wohnungen, eine Disco. Sie stiegen aus dem Wagen und blickten hinauf. "Nimm den Lift, sonst zittern deine Hände," war Rosenblatt zu hören. Ron nickte und deutete mit dem Kinn auf den Parkplatz. "Bildet einen Kordon, rundherum!", dann rannte er in das imposante Gebäude. Der Lift wartete unten, er fuhr ganz hinauf. Er brachte seine Atmung unter Kontrolle, sein Puls raste dennoch. Er fand die Tür mit der Aufschrift Wartung und trat die Tür brutal mit seinen Schuhen ein. Die Höhenangst nahm ihm die Luft, als er das größere Fenster mit der Eisenleiter sah. Es half nichts, das war der einzige Zugang zum Dach. Er kletterte hinaus, überwand all seine Ängste und kletterte die Eisenleiter hoch, die Pistole zwischen den Zähnen. Er lugte vorsichtig umher, als er das Dach erreichte. Dort, genau gegenüber, stand Fatme, ihr Fetzenkleid flatterte im Wind. Sie hielt sich mit beiden Händen am mannshohen rostigen Abblasventil fest, hinter ihr versteckte sich Frank gebückt, eine Hand um ihre Taille gelegt, die andere hielt die Pistole im Anschlag.
Ein wohlmeinender Handwerker hatte einen Fetzen Teppichrest ausgelegt, um einen sicheren Stand zu haben. Das dick lackierte, ehemals absenkbare und abgerundete Silodach war feucht und glitschig wie Glatteis. Ron krabbelte hoch und stellte sich auf den Teppichrest, ohne Fatme und Frank aus den Augen zu lassen. Auf dem Teppichrest hatte er einen guten Stand und knickte die Knie ab, die andere Hand stützte die Pistolenhand und er ging in Schußposition. "Hey, ich bin da, Frank!" schrie er und visierte über den Lauf. Der eiskalte Wind trug Franks Lachen davon. Ron überlegte, ob er an Fatme vorbeischießen konnte, aber der Mörder nutzte sie als Deckung gut. "High-Noon, Ronald, High-Noon!" schrie Frank siegessicher und meckerte beim Lachen. "Nur wir zwei, Mann gegen Mann!" Frank war berauscht von seinem Sieg. "Ach ja, und die Fatme. Wirst du sie erschießen, um an mich heranzukommen?" Ron konnte nicht mal einen Zentimeter von Frank sehen, denn der duckte sich geschickt hinter Fatme.
"Bölünme!" schrie Ron, (mach die Grätsche!). Bevor Frank wußte, wie ihm geschah, grätschte Fatme ihre Beine weit. Ron sah Franks Beine und schoß sofort, zweimal. Die Kugeln zerfetzten Franks Knie, ließen die Kniescheiben förmlich explodieren und traten, verheerende Krater hinterlassend, bei den Kniekehlen wieder aus. Fatme schrie gellend auf und sprang erschrocken zur Seite, ohne das rostige Metallrohr loszulassen. Frank stand noch, ungläubiges Grauen im Gesicht. Rons dritte Kugel traf Frank in den Unterleib. Frank schrie wie am Spieß und riß die Arme hoch. Rons letzte Kugel fetzte über Franks Schädel und spaltete den Schädelknochen. Die hochgerissenen Arme rissen Frank rückwärts und hoch wie eine Puppe. Er fiel in Zeitlupe nach hinten, sein lebloser Körper schlug an der Kante des Daches auf und rutschte dann über die Kante. Frank segelte wie ein schwarzer Vogel flatternd in die Tiefe und schlug nach 75 Metern auf dem Asphalt auf.
Ron richtete sich auf. Fatme hatte sich die Seele aus dem Leib geschrieen und verstummte, dann lief sie vorsichtig um das Halbrund des Daches und fiel Ron um den Hals. Rosa kroch nun über die Dachkante hoch und steckte ihre Pistole ins Halfter. "Du blutest, Ronald, du blutest!" schrie Rosa in den Wind. Fatme ließ Ron los und blickte an ihm hinunter. "Da ist ein Loch in deiner Hose, Hakim!" sagte sie fassungslos und starrte Rosa an. Rosa sagte, "Ein Schuß im Oberschenkel, wir müssen ihn abbinden." Sie blickte umher und erblickte Fatmes Textilgürtel. "Deinen Gürtel, Fatme!" befahl sie und löste ungeduldig Fatme's Gürtel selbst. Rosa kniete sich hinter Ron und band seinen Oberschenkel dicht unter der Schambeuge ab und zurrte es fest, so fest sie nur konnte. "Wir müssen hier schnell verschwinden, er muß ins Krankenhaus, auf schnellstem Weg." Rosa klomm als erste, dann Ron und Fatme die Eisenleiter hinunter, das schwierigste Stück war geschafft. Nachdem sie durch das Fenster geklettert waren, blickte Ron zu Rosa. "Ich spüre gar nichts, überhaupt keinen Schmerz." Rosa knuffte ihn in die Seite. "Klar, Herr Holzbein. Es ist das Adrenalin, das dir bis zu den Haarspitzen steht, nur das Adrenalin!" Rosa stützte Ron. "Ich zielte über den Lauf meiner Pistole und ich hätte ihm eine Kugel ins Gesicht gejagt, wenn du daneben geschossen hättest, Ron. Aber vier gezielte Schüsse in unter fünf Sekunden, das überraschte mich wirklich." Während sie auf den Lift warteten, reichte Rosa Fatme die Hand. "Ich bin Rosa, Rosa Morgentau, Rons Kollegin und Freundin." Fatme erwiderte den Händedruck. "Fatme, Fatme Ökdemir. Ich bin ebenfalls Rons Freundin. Ich freue mich sehr, dich kennenzulernen. Ron spricht in den höchsten Tönen von dir, Rosa."
Fatme saß neben Rons Bett im Krankenhaus. Die Kugel hatte die große Beinarterie nur knapp verfehlt und steckte im Oberschenkel. Die Operation hatte über eine halbe Stunde gedauert, die Kugel war draußen und der Verband saß fest. Eine Infusion lief in seinen Arm. Ron schlief noch. Rosa wollte Fatme mitnehmen, aber die schüttelte den Kopf entschieden. "Wenn er wach ist, wenn ich seine Stimme hören kann." Rosa nickte, sie käme in drei Stunden wieder.