Der erste Schuß

von István Rudas © 2026

Frank Halter war nicht zu fassen. Wie ein Geist erschien er und verschwand wieder.

Polizeipräsident Johannes Wallner war nach der Beerdigung noch mit Hanna Rosenstingls Vater zusammengesessen. Müde und abgespannt kam er Stunden nach den anderen ins Büro und ächzte, als er den unbequemen schwarzen Mantel ablegte. Er ging stumm in den Konferenzraum, steckte zwei Finger zwischen die Lippen und pfiff schrill, dreimal. Seine Leute ließen alles liegen und stehen und rannten in den Konferenzraum, in das Aquarium. Der Präsident hatte sie noch nie so unflätig zu sich gerufen. Rosa hatte geistesgegenwärtig die Telefonanlage stumm geschaltet.

Präsident Wallner stellte sich vor sie. Seine Rede wollte er so kurz und knapp wie möglich halten. "Leute, wir jagen nun schon fast ein Jahr lang hinter dem Frank Halter her. Ja, wir sind immer noch hinten, und er ist immer einen halben Schritt vor uns. Der Beamte vor seinem Haus döst gemächlich, wir könnten es gar nicht besser machen, bei Gott. Jede elektronische Überwachung geht ins leere, der Halter nutzt keine elektronischen Geräte, zahlt alles bar und hat offenbar kein Handy. So weit wir wissen. Wir haben das Haus dreimal durchsucht, aber nichts als gebrauchte Damenstrümpfe gefunden. Wir sind die Speerspitze der österreichischen Kriminalpolizei, verdammt nochmal, und keine pickeligen Pennäler!" Bei den letzten Worten hatte er seine Faust auf die Tischplatte gedonnert, und Bodnar zuckte zusammen.

Wallner drückte seine Schultern zurück. "Ich ordne an: von jetzt an wird jeder einzelne von Euch einen ganzen Tag im Haus der Halters sitzen, vom Sonnenaufgang bis in die Nacht. Im Radl, jeden Tag ein anderer, bis wir ihn haben. Guckt, stöbert, durchsucht, verhört und seid lästig. Packt ihn, wie auch immer. Legt ihn mir gut verschnürt vor meine Füße. Und damit wir uns richtig verstehen, ich werde stichprobenartig kontrollieren. Und sollte ich einen von euch dösend oder schlafend ertappen, dann ist er oder sie automatisch fristlos entlassen. Keine Diskussion. Säuft Kaffee oder schluckt Pillen, es ist mir egal, aber bleibt hellwach wie die Wachhunde und faßt den Kerl. Rosa, Du übernimmst und teilst die Schichten ein. Das wär's, Leute." Wallner drosch die Tür hinter sich zu, als er aus dem Aquarium in sein Büro stapfte. Die Vier starrten sich an.

Rosa sprach als erste. "Bodnar, du beginnst Morgen um 6 Uhr, nimm dir Futter und Getränke mit, wir fallen der Frau Halter nicht zur Last. Dann Rosenblatt, Hofstätter und ich. Das ist das Radl, und wenn ihr tauschen wollt, gebt mir vorher Bescheid. Macht das Maul zu, ihr habt's gehört, wir sind eine Speerspitze und keine pickeligen Pennäler, selbst du nicht, Rosenblatt." Der grinste nur, "Jawohl, Frau Chefinspektor - oder heißt es, Inspektor-Chefin?" Sie verteilten sich auf ihre Schreibtische und ordneten ihre Dinge, denn nun würden sie mindestens einen Tag pro Woche, eher zwei, mit der hautnahen Observierung verlieren.

Ron schlenderte an Rosas Schreibtisch vorbei. "Wir hätten es schon vor einem Jahr so machen sollen, da hat der Chef Recht. Aber wir haben uns noch niemals ins Wohnzimmer eines Verdächtigen einquartiert, seit Kaisers Zeiten nicht." Rosa nickte grimmig zustimmend. "Der Wallner mag alt sein, verknöchert ist er noch lange nicht. Er reißt das Steuer beherzt herum und fährt einen völlig neuen Kurs. Das überrascht mich im positiven Sinne. Wir kriegen diesen Halter noch, das ist sicher." Rosa wählte eine Nummer auf ihrem Handy. "Ja, Frau Halter, hier Morgentau, von der Kriminalpolizei. Ja, Danke, gleichfalls. Nun, ich will Sie nur verständigen, daß ab morgen früh jeweils ein Kollege zu Ihnen kommt, ganztags. Nein, Sie brauchen nichts vorzubereiten, wir bringen unsere Sachen selbst mit, Essen, Getränke, alles. Bitte machen Sie keine Umstände, Morgen früh kommt Kriminalhauptinspektor Bodnar, Sie kennen ihn ja. Ja, Frau Halter, jeden Tag ab morgen, ganztags. Wir suchen nur Ihren Sohn, es geht sicher nicht gegen Sie. Ja, ich weiß, Frau Halter. Natürlich wird er es mitbekommen, aber wir wollen ihn packen, koste es was wolle. Ja, Danke, Ihnen auch einen schönen Tag." Rosa legte auf.

"Sie wird es ihm diese Nacht stecken, Rosa" sagte Ron. Rosa nickte. "Schon klar, Ron. Aber ich bin nicht mehr bereit, Frau Halter wie ein Stück Dreck zu behandeln. Nicht sie ist unser Killer, ihr Sohn ist es. Und keine Sippenhaftung, Wallner hin oder her. Er hat mich mit der Leitung betraut, und ich leite eben, wie ich zu leiten gedenke." Ron nickte, gottergeben. "Hoffentlich haben wir da keinen Bock geschossen, Rosa. Aber es stimmt schon, Du leitest und wir folgen dir gerne. Du bist eine fähige Kriminalistin, außer Frage." Ron ging zu seinem Schreibtisch und murmelte mit Alfred. Alfred hatte alles mit angehört und gesehen. "Morgentau's ethisches Verhalten ist tadellos, 100 Punkte. Strategisch gesehen völlig daneben, Ronald. Kein Jäger wird dem Reh zupfeifen und zuwinken, bevor er zielt. Morgentau hat dem Frank Halter gerade mitgeteilt, er solle keinen Schritt auf das Haus zu machen. Bedauerlich, sehr bedauerlich. Frank Halter werdet ihr dort nicht mehr vorfinden, er ist sehr klug und strategisch geschickt." Ron sagte, "Ganz meine Worte. Aber du hast es gehört, die Morgentau leitet die Kampagne. Wallner's Befehl." Alfred sagte, "Deine Leute sollen ihr Ladegerät mitnehmen und die Handys nicht abschalten, Standby genügt. Ich werde Augen und Ohren sein, Ronald."

Bodnar mochte Ecken und Scharten haben, er war ein guter Kripo-Mann. Er begrüßte Frau Halter höflich und erklärte ihr seinen Auftrag. Er war hellwach, von Dösen keine Spur. Er blieb ständig in Bewegung, vor allem im Keller stellte er alles auf den Kopf. Hier irgendwo mußte ein geheimer Eingang sein, doch seine Durchsuchung blieb ergebnislos, so gewissenhaft er auch war. Er stellte das ganze Haus auf den Kopf. Durchwühlte alle Schränke und Laden. Bis auf das Rasierzeug im Badezimmer gab es keine einzige Spur von Frank Halter. Am Abend schließlich setzt er sich zu Frau Halter und befragte sie, verglich im Geiste die Aussagen mit dem Akt, den er auswendig kannte. Sie mochte dies und das vergessen haben, aber im Wesentlichen fand er nichts neues. Sie hatten friedlich zu Abend gegessen und Bodnar nahm ein Schnäpschen an. "Bin zwar im Dienst, aber was soll's." Er hatte schon das vierte, als Rachel Kerzendocht kam. Bodnar's Augen weidete sich an der kurvenreichen Frau.

Bodnar preßte alles aus den beiden Damen, meiner Seel'! Mit Leichtigkeit brachte er alles an den Tag, wie die beiden Damen sich Frank gütlich teilten, wie sie Liebe machten, bis er ankam. Es war ein unfairer Kampf, zwei einfach gestrickte Hausfrauen gegen einen Verhörspezialisten. Die Luft war sexgeschwängert und Rachel Kerzendocht legte Kleidungsstück um Kleidungsstück ab, der katalanische Kräuterschnaps machte seine Sache gut. Bodnar legte seine Jacke über sein Telefon, das sollte Alfred nicht sehen. Die Rachel lag völlig nackt auf dem Küchentisch und lockte den Kommissar. Rachel atmete auf, denn Bodnar war beschnitten, hatte aber doch noch recht viel Vorhaut. Rachel schob die Vorhaut ganz zurück und preßte seinen Schwanz ganz hinein. Die Natur nahm ihren Lauf, Frau Halter starrte stumm auf die Entehrung Rachels. Tränen liefen über ihr Wangen, als Bodnar die Rachel stieß und pumpte, nur Zentimeter vor ihren Augen. Sie starrte mit tränenblinden auf Bodnars Schwanz, der tief in Rachels Loch steckte und heftig seinen Samen hineinpumpte. Roxane legte weinend ihre Finger iauf Rachels Schamberg, als diese mit dem Finger den Orgasmus auslöste. Bodnar, wieder ernüchtert, war sich klar , daß es ein kapitaler Bock war, den er geschossen hatte. Aber niemand würde es erfahren. Als die Damen zu schmusen begannen, jagte er sie entrüstet hinauf, ins Schlafzimmer unterm Dach. Er setzte sich auf die oberste Stufe und schaute zu, wie die beiden Frauen jauchzend Liebe machten.

Bodnar schreckte hoch, er war eingeschlafen. Halb vier, er rief einen Streifenwagen und ließ sich nach Hause fahren. Um halb 9 saß er bereits im Büro und tippte seinen Bericht anhand seines Notizblocks. Der Bericht übersprang alles ab dem ersten Kräuterschnaps und endete unspektakulär um drei Uhr morgens, Schichtende. Bodnar war bestens gelaunt, er hatte dem Präsidenten eine Nase gedreht und mindestens zwei Kündigungsgründe umschifft. Er war daheim angekommen, sein Töchterchen schlief tief und fest in seinem Bett und er legte sich voll angezogen neben sie, seine Hand glitt unter den Hosenbund ihres Pyjamas, dann schlief er ein.

Rosenblatt löste ihn ab, er begrüßte Frau Halter schon um 7 Uhr 30, früher konnte er sich nicht von Elli losreißen. Auch er durchwühlte das Haus fachgerecht, auch er fand keinen geheimen Eingang im Keller. Abends rief ihn seine Tochter an, doch er kam hier nicht weg, mochte sie nun eine Schnute ziehen oder nicht. Er mußte mindestens bis Mitternacht bleiben, daran war nicht zu rütteln. Auch er konnte sich nicht dem Kräuterschnaps widersetzen. Er kam richtig in Fahrt, als er den beiden Frauen freimütig den Umgang mit seiner Elli schilderte. Sie zuckten mit keiner Miene, Inzest, okay, na und? Rachel machte wieder ihren ungelenken Hausfrauen-Strip, und als sie verlockend und einladend nackt auf dem Küchentisch lag, lief Rosenblatt das Wasser im Mund zusammen. Die Kerzendocht inspizierte seinen Schwanz ganz genau, denn sie wollte nicht recht glauben, daß er beschnitten war, da er noch sehr viel Vorhaut hatte. Aber er überzeugte sie und sie stöpselte ihn mühsam ein. Frau Halters Tränen flossen, als Rosenblatt zu pflügen begann. Die weinende Halter legte ihre Hand auf Rachels Venushügel, als Rosenblatt seinen Samen stoßweise entleerte. Ihre Tränen versiegten erst, als Kerzendochts Finger den Orgasmus auslöste. Wir wollen es hier schnell überspringen, auch Rosenblatt setzte sich auf den Treppenabsatz und betrachtete die beiden, die jubelnd und schmatzend Liebe machten. Nein, Rosenblatt schlief nicht ein, zehn Minuten vor Mitternacht rief er den Streifenwagen, um sich heimchauffieren zu lassen.

Ron war exakt um 6 Uhr bei Frau Halter. Sie rieb sich die letzten Schlafkörnchen aus den Augen, und Rachel Kerzendocht huschte an ihnen vorbei, ohne zu grüßen. Ron machte es wie die anderen, auch er durchsuchte das Haus gründlich, Zentimeter für Zentimeter. Auch er fand keinen geheimen Eingang, dafür eine externe Festplatte unter ihren gebrauchten Unterhosen. Bei einer gründlichen Untersuchung mußte man sich eben die Nase zuhalten, so steht's im Handbuch. Die Festplatte enthielte nur private Urlaubsfotos, meinte Frau Halter. Sie diktierte ihm geduldig alle Paßworte, die ihr einfielen. Nach einer halben Stunde endlich, das richtige Paßwort. Er ging Bild für Bild durch, es war langweilig. Wirklich nur Urlaubsfotos, sonst nichts. Sein Laptop kopierte heimlich alle Bilder und als sie sagte, sie würde ihm die Festplatte nur unter Protest überlassen, trat er vom Ansinnen zurück. "Wissen Sie, einen Gerichtsbeschluss zu erwirken, ist ein Papierkrieg. Ich habe alle Fotos gesehen, das muß dann reichen."

Den Kräuterschnaps lehnte er dankend ab, "Ich bin im Dienst!" und ließ Frau Halter und Frau Kerzendocht allein trinken. Er zuckte nicht mal mit den Augenlidern, als die beschwipste Kerzendocht ihren Strip-Tease begann. Er betrachtete die Nackte auf dem Küchentisch mit Kennerblick und gab zu verstehen, daß sie einen sehr schönen Körper habe. "Ach, wissen Sie, Ich bin fest vergeben, richtig fest. Für mich sind andere Frauenkörper nur Fleisch, Haare und ein Furzloch. Ich bin wie blind, mein Puls hat sich keinen Schlag beschleunigt." Frau Kerzendocht machte eine Schnute, doch das war ihm bei Gott egal. Er folgte den Damen hinauf, ins Schlafzimmer unterm Dach. Auch er setzte sich auf den Treppenabsatz und schaute ihnen beim fröhlichen Liebemachen zu. Er erinnerte sich, am Anfang ihrer Beziehung hatte Fatme ihre Flamme, die Elif, mit ins Bett gebracht und er hatte ihnen mit großen Augen zugeschaut. Damals hatte er es sowohl mit Fatme als auch Elif gemacht, es war eine fröhliche Zeit. Elif verschwand, Fatme blieb. In diesen Monaten hatte er zum ersten Mal den Girl-Sex live erlebt, die Praxis war viel aufregender als jede Theorie. Er hatte es unter "Sonstige Erfahrungen" abgelegt und abgehakt. Fatme hatte seither keinen Girl-Sex mehr, und das war ihm ganz Recht.

Ron saß bis Viertel nach 3 auf dem Treppenabsatz, war hellwach geblieben und hatte die beiden dutzende Male fotografiert. Für den privaten Gebrauch, natürlich, aber er würde es im Bericht erwähnen. Er rief einen Streifenwagen und ließ sich heimfahren. Fatme schlief schon, er weckte sie nicht.

Auch Rosa kam pünktlich um 6, sah erstaunt die Kerzendocht vorbeihuschen. "Grüß Sie auch, Frau Kerzendocht" rief Rosa ihr nach. Der Tag verlief wie immer, auch Rosa lehnte den Kräuterschnaps dankend ab. Als Kerzendocht dann ihren Strip-Tease begann, legte Rosa ihre Hand auf den Arm, ohne die prächtigen Brüste aus den Augen zu lassen. Nein, sie habe kein Interesse, Danke. Die beiden Frauen gingen kichernd hoch, in das Schlafzimmer unterm Dach. Auch Rosa setzt sich auf den Treppenabsatz, fotografierte und erinnerte sich an den Girl-Sex in ihrer Jugend. Jedenfalls, soviel wußte sie, sie würde Bodnar und Rosenblatt hochnotpeinlich befragen. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Rachel den Strip hinlegte, alarmierte sie aufs Höchste.

So verlief das Radl, Tag für Tag. Rosa konnte weder Bodnar noch Rosenblatt zu einem Geständnis bringen. Beide nahmen Kerzendocht in Anspruch, natürlich, denn sie waren nicht blöde und auch keine Kostverächter. Wenn Rosa ihren Dienst im Hause Halter hatte, spürte sie manchmal den heißen Atem des Raubtiers in ihrem Nacken. Doch es war nur ihre überreizte Fantasie. Zwei Monate lief die hautnahe Überwachung ohne greifbares Ergebnis. Ron hatte gemeinsam mit Rosa die Urlaubsbilder durchgesehen. Kein Hinweis, vielleicht die Blonde am Strand, die sich mit Frank im Sande balgte. Aber ihr Gesicht war nicht zu erkennen. Also wieder nichts.

Rosa hatte wieder Dienst. Sie tigerte durchs Haus, wieder vermeinte sie den heißen Atem des Raubtiers im Nacken zu spüren. Dann, wie aus dem Nichts, legte sich eine Pranke um ihren Mund, sie atmete Chloroform ein. Ihre Hand, auf halbem Weg zu ihrer Waffe, fiel leblos herab. Sie stürzte in einen Abgrund, immer tiefer.

Bodnar, der am nächsten Tag kam, wunderte sich, daß Rosa ihr Telefon und ihre Tasche hier vergessen hatte. Mit einem flauen Gefühl im Magen rief er im Büro an. Ron sprang alarmiert auf und lief zu Wallner, erstattete Bericht. Wallner schloß die Augen müde. Nur ein Schluß war möglich, Rosa war entführt worden. Bodnar nahm die Halter in die Zange, aber sie wußte rein gar nichts. War selbst verwundert, daß Frau Morgentau ihren Dienst mittendrin verlassen hatte. Es war ihr aufgefallen, als sie auf Frau Kerzendocht wartete, so etwa um 19 Uhr. Bodnar lief wie ein gefangenes Tier auf und ab. Endlich, endlich rief Ron zurück. Er würde mit Rosenblatt und dem Präsidenten kommen und Spuren suchen. Bodnar's Herz sank zu Boden. Rosa war entführt worden, verdammt nochmal!

Keine Spur von Rosa. Wallner gab eine Großfahndung raus, an alle Dienststellen und jeden Polizisten in Wien und im Umkreis von 50 Kilometern. Bild und Beschreibung, Kriminalbeamtin entführt, wahrscheinlicher Täter Frank Halter. Ron übermittelte ein aktuelleres Bild von Frank von den Urlaubsfotos. Ron's Bauchgefühl sagte ihm, der Halter hatte einen großen Fehler gemacht. Der Fahndungsaufruf wurde von den Medien gedruckt und in den Fernsehnachrichten gesendet. Kein brauchbarer Hinweis, nur viele gut gemeinte Anrufe und noch mehr nicht gut gemeinte, denen sie akribisch nachgingen. Ron raste zu einer Baustelle, aber der Verdächtigte war nicht Frank, nur frappant ähnlich. Zwei Wochen lang 24-Stunden-Schichten, Ron schlief im Büro, den Kopf auf der Tischplatte. Alfred hatte das Telefon stumm geschaltet und nahm seine Anrufe freundlich entgegen. Es war nie etwas Wichtiges, und wenn Fatme anrief, sprach Alfred mit Computerstimme und beruhigte sie, Ronald schliefe und werde morgen früh zurückrufen. Fatme wußte natürlich über Alfred Bescheid und war einigermaßen beruhigt. Sie kannte die Rosa nicht persönlich, aber sie wußte, daß sie mehr als nur eine Kollegin war, sie war eine Freundin.

Zwei Wochen nach der Entführung kam Kommissar Zufall zu Hilfe. Oder waren die Nornen zerstritten, ob sie Rosas Lebensfaden nun zerrissen oder nicht? Drei Witwen, Hermine Knobloch, Erni Warnecke und Josi Tiefenthaler, waren eine eingeschworene Truppe resoluter Damen, die beschlossen hatten, nicht im Sumpf der Witwenschaft unterzugehen. Sie trafen sich jeden Vormittag im Café Rubin in der Breitenfurter Straße, das war ihr Stammtisch, ihr Hauptquartier. Sie schwangen große Reden und schwangen ihre Gläser mit Chardonnay, das verbindende Element aus Gottes Weingarten in Frankreich. Nach drei oder vier Stunden und so manchem Gläschen einigten sie sich, welchen Mißstand die Josi daheim in ihren Laptop hämmern und an Bezirksvorstand und das Wiener Rathaus mailen solle. Ja, so waren sie, unsere streitbaren Musketiere.

Auf dem Heimweg blieb Hermine stehen, sie war die Jüngste und hörte noch recht gut. "Ja, hört ihr denn nichts? Da schreit doch eine Frau, dort von der Baustelle her!" Sie schubste die beiden anderen über die Straße, um eine Jungfrau in Not zu erretten. Ja, jetzt hörten es die anderen auch, es war keine Einbildung. Vom Chardonnay mutig geworden schritten sie voran. Ein unwirklicher Anblick. Dort unten, im halbfertigen Kellergschoß, eine Jungfrau angekettet an den Stahlstreben, ein Mann prügelte mit einer Lederpeitsche auf ihren blutigen Rücken ein, und das Mädchen brüllte heiser vor Schmerzen. Erni und Hermine stürzten vor zur provisorischen Brüstung und brüllten aus Leibeskräften Zeter und Mordio. Josi, die praktisch veranlagte, riß drei Latten aus dem Wust an Baumaterial heraus und bewaffnete die Musketiere. Sie rannten lattenschwingend und brüllend, so schnell sie konnten, zum anderen Eck der Baustelle, wo eine unbefestigte Betontreppe nach unten führte. Alle drei schrieen aus Leibeskräften. Als sie unten ankamen, war der Henkersknecht bereits über alle Berge.

Sie rannten zu dem Mädchen, nein, es war eine junge, schmächtige Frau. Sie lösten die Fesseln, und Rosa fiel zu Boden. Nackt, mit wildem Blick und halb von Sinnen. "Ist er fort?" krächzte sie und Josi beugte sich über sie. "Ja, der Kerl ist weg!" Rosa versuchte, ihre Blößen mit den Händen zu bedecken. "Telefon?" brachte sie mit heiserer, krächzender Stimme hervor. Hermine reichte ihr das Handy. Sie wählte das Büro. Es war Alfred, er sprach als einziger mit Meidlinger Zungenschlag. "Ich bin's , Alfred, man hat mich befreit. Bitte holt mich ab" sie unterbrach kurz, "Wo sind wir hier?" Erni sagte, die Baustelle hinter der Breitenfurter Allee 73, und Rosa wiederholte die Adresse für Alfred. "Und Ronald, er soll mir was zum Anziehen bringen, ich bin nackt, Alfred." Sie gab das Handy zurück. Sie bedeckte ihre Brüste ganz geschwind und blickte zu ihren Retterinnen auf. "Ich bin Rosa Morgentau, Kriminalbeamtin. Er hat mich zwei Wochen lang entführt und gefoltert. Die Kollegen kommen gleich." Erni reichte ihr ihren Schal, um ihre Blöße zu bedecken. Josi zog ihre Jacke aus und legte sie um Rosas Schultern. "Können Sie aufstehen, Frau Morgentau? Wir sollten nach oben gehen und dort auf ihre Kollegen warten." Sie halfen zu dritt, und Rosa stand endlich auf eigenen Beinen, wackelig zwar, aber auf eigenen Beinen. Sie führten sie zur Betontreppe. "Er hat mich gefoltert, aber nicht gebrochen." Sie wiederholte diesen Satz unaufhörlich, bis sie oben waren.

Der Streifenwagen kam mit Blaulicht und Sirene herangerast, ihm folgte Rosenblatts Mercedes. Rosenblatt, Bodnar und Ron sprangen aus den Wagen, ihnen folgten zwei Uniformierte, die Pistolen in Schußbereitschaft. Bodnar nahm sie vorsichtig in die Arme, er brachte keinen Ton heraus. Rosa starrte zu Ron. "Er hat mich gefoltert, konnte mich aber nicht brechen. Er war fuchsteufelswild und ich habe ihn nur ausgelacht. Wenn er mich schon umbringt, dann soll er es mit saurem Gesicht machen. Ich habe sein Grinsen aus seinem Gesicht gewischt." Ron trat neben Bodnar und reichte Rosa einen Trainingsanzug. "War das Einzige auf die schnelle, mein Liebes. Schon dich jetzt, wir reden später, okay?" Bodnar führte sie hinter eine Bauhütte und half ihr beim Anziehen. An Schuhe hatte natürlich keiner gedacht. Ron gab seine Befehle. "Bodnar, du fährst sie sofort ins AKH (Allgemeine Krankenhaus). Laß sie nicht aus den Augen, Halter könnte euch abfangen wollen, also sei auf der Hut! Rosenblatt, du nimmst die Personalien der drei Damen auf und fährst ins Büro, du bist unsere Schaltstelle. Rufe von unterwegs die Spurensicherung, großes Besteck. Ich bleibe und sichere den Tatort. Ich rufe sofort den Präsidenten selber an. Also los, Marsch-Marsch!"

Ron rief zuerst bei sich daheim an, Fatme hob nicht ab. Er sprach drei Sätze auf Tonband und rief den Präsidenten an. "Herr Wallner, Rosa ist frei und am Leben. Sie hat einen zerschundenen Rücken und Bodnar fährt sie direkt ins AKH. Eventuell sollten wir zwei Polizisten dorthin abstellen, der Halter taucht vielleicht auf. Rosenblatt ist auf dem Weg ins Büro, er soll die Schaltstelle sein. Ich bleibe hier und warte auf die Spurensicherung. Sie werden jeden Stein umdrehen, denn der Halter mußte überstürzt abhauen und hat mindestens seine Werkzeugtasche zurücklassen müssen. Könnten Sie eventuell Fahndung, Medien und Innenminister übernehmen, Herr Präsident? Wir sind unterbesetzt." Ron holte tief Luft. Wallner lachte ins Telefon. "Mensch, Hofstätter, sie ist frei! Frei! Und sie lebt, unsere Rosa! Sie haben ja keine Ahnung, wie erleichtert ich bin. Zerschundener Rücken? Wird sie wieder?" Ron versicherte ihm, Rosa sei ungebrochen. "Ihr Rücken sieht wie Hackfleisch aus, aber das ist nur oberflächlich. Sie wird wieder, Herr Präsident!" Wallner grinste ins Telefon, als ob Ron es sehen könnte. "Der Halter mußte abhauen, kam nicht mehr dazu, sie umzubringen? Das ist gut, er ist nicht mehr zwei Schritte vor uns. Wir haben eine wertvolle Überlebende. Wir haben vielleicht gleichgezogen." Wallner legte auf.

Ron wartete auf die Spurensicherung. Großes Besteck. Sie kämen mit mindestens zwei Einsatzwagen, vollgestopft mit allen Gerätschaften, mindestens sechs Mann. Vielleicht hatten sie einen Spürhund dabei, blöd daß er es nicht gleich angeordnet hatte. Seine Augen glitten über die Szenerie, ihm würde nichts entgehen. Seine Gedanken schweiften zu Rosa. Nein, sie war nicht gebrochen, sie hatte ihren Verstand nicht verloren. Ihr Rücken war Hackfleisch, das war zu sehen. Ein paar Wochen Krankenstand, okay. Er nahm sich vor, von hier direkt ins AKH zu fahren, er wollte selbst mit ihr reden. Bodnar war ihre Stütze, aber für eine nüchterne Befragung war er zu dicht dran. Er rief im Büro an, Rosenblatt war da. "Bodnar hat sie unbehelligt eingeliefert und sitzt bei ihr. Wallner hat zwei Beamte zu ihrem Schutz ins AKH beordert. Wallner ist auf dem Weg zum Innenminister. Alles ruhig hier, Ronald. Kannst entspannen."

Die Polizei hatte Vorrang im AKH. Rosa wurde geröngt und von Kopf bis Fuß untersucht. Bodnar hatte darauf bestanden, eine große Toxikologie zu machen. Er traute dem Mistkerl von Halter einiges zu, vielleicht hatte er die Rosa vergiftet. Er erklärte der Ärztin die Sachlage und seine Vermutung. Sie begriff sofort. "Wird gemacht, Herr Kommissar. Ich veranlasse das Nötige persönlich und sage Ihnen Morgen gegen 14 Uhr Bescheid, ich habe ja Ihre Karte." Rosas wunder Rücken sah schlimmer aus, als er medizinisch gesehen war. Sie wurde mit einer dicken Schicht einer Salbe eingecremt und erhielt einen straffen Verband. Eine Stunde später saß sie aufrecht im Bett, an einer Fusion hängend. Bodnar hielt ihre Hand und hörte ihr zu. Rosa erzählte alles, beginnend mit dem Chloroform. Bodnar hatte keine Hand frei, um sich Notizen zu machen, aber er merkte sich jedes Detail. Er hatte nur eine Frage zu Anfang. "Hatte die Frau Halter was damit zu tun?" Rosa schüttelte den Kopf. "Nein, die saß am Küchentisch und löste Kreuzworträtsel. Nein, sie wußte vorher nichts vom Überfall. Später ... nun ja, das mußt du aus ihr herausprügeln, aber nicht mit Gewalt, da läuft nichts. Erst ihr Vertrauen gewinnen, dann Fragen stellen. Klassisches Verhör, ohne Fäuste. Bei Gewalt macht sie den Laden herunter."

Ron kam eine Stunde später und löste Bodnar ab. "Schlaf dich richtig aus, wir brauchen dich morgen früh frisch gewaschen und gebügelt." Bodnar schluckte eine Erwiderung und trollte sich. Ron setzte sich zu Rosa. Er hatte Notizblock und Stift in der Hand. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, zum Händchenhalten hatte er keine Nerven. Er notierte sich alles, wirklich alles. Den Überfall mit Chloroform. Ja, er mußte aus dem Keller gekommen sein. Sie stand mit dem Rücken zur Kellerstiege. Sie erwachte mit dröhnendem Schädel in einem Weinkeller. "Ein sehr alter Weinkeller, nur einige riesige uralte Weinfässer. Ich war mit Handschellen an eine Wasserleitung gekettet. Der Weinkeller war nur 5 Autominuten von der Breitenfurter Allee entfernt, bei der letzten Fahrt nahm er keine Umwege, er wollte mich dort umbringen." Ron blickte von seinen Notizen hoch. "Ja, bestätigte Ron,, wir haben in seiner Tasche Gitarrendraht gefunden. Der Spürhund hat seine Fährte 150 Meter zu einem Parkplatz verfolgt, dort endete die Spur." Rosa sagte, es war ganz sicher ein Ford Transit, weiß. Sie konnte unter der Augenbinde alles sehen. "Den Ford hat er inzwischen abgefackelt, keine Frage" sagte Ron. Rosa meinte, den Weinkeller dürfte er öfter benutzen oder benutzt haben. "Er hatte dort einen Haufen Utensilien, das war kein zufälliger Ort wie die Baustelle. Wer weiß, wie viele Opfer er auf der alten Matratze vergewaltigt hat, auf der ich sitzen und schlafen konnte. Er hat mich dann an eine etwas längere Kette gehängt, so konnte ich den Eimer benutzen und vom Wasser aus der Leitung trinken und mich halbwegs waschen."

Rosa biß die Zähne zusammen. "Ich bekam zweimal am Tag zu essen, aufgewärmte Tiefkühlkost. Er muß einen Kühlschrank und eine Mikrowelle haben, aber ich konnte es nicht sehen. Die schwache Glühbirne brannte Tag und Nacht. Er gab mir eine alte, stinkende Decke, mit der ich mich zum Schlafen zudecken konnte. Essen brachte er auf einem Blechteller und einem Plastiklöffel. Massenware. Er hat mich jeden Tag vergewaltigt, mehrmals, 6 oder 8 Mal, weiß nicht genau. An manchen Tagen viel öfter. Ich blieb passiv und wehrte mich nicht, ich wollte weiterleben. Zwischen Bauchnabel und Schwanz hatte er einen seltsamen Kompass tätowiert, nur die Strahlen, die in die Windrichtungen zeigen, kein Kreis. 12 oder 13 Zentimeter im Durchmesser, in dunkelblauer Farbe. Solche Sterne habe ich schon bei Russen gesehen. Meine Hände waren gefesselt und er hatte immer große Mühe, seinen Prügel hineinzuzwängen. Er ist nicht beschnitten wie die Juden. Er rammelte mich immer lange, 10 bis 15 Minuten. Er grinste schief, wenn ich zum Höhepunkt gekommen war. Ich habe ihm danach immer ins Gesicht gespuckt, aber das hat er kommentarlos hingenommen. Wir sprachen kaum. "Du wirst noch darum betteln, daß ich's dir mache", das war sein Standardspruch. Da habe ich ihn angespuckt, das reichte mir als Antwort.

Er hört den ganzen Tag den Polizeifunk. Er liest jeden Morgen den Tages-Anzeiger. Ich habe ihn beobachtet, jemand versorgt ihn mit Informationen im Anzeigenteil. Alle zwei-drei Tage findet er eine Anzeige, dann setzt er sich mit Notizblock und Stift hin und dechiffriert manuell. Die Anzeigen sind nie an der gleichen Stelle, gut ausgeklügelt. Zwei oder dreimal am Tag bekommt er einen Anruf, er sagt immer "Einen Moment bitte" und geht hinaus. Er ist vorsichtig, gibt keine Blöße zu erkennen. Er muß oberhalb des Weinkellers zumindest ein Badezimmer haben, denn er ist jeden Tag sauber geduscht, rasiert und leicht parfümiert. Old Spice oder etwas ähnliches. Er ist sehr reinlich, der Weinkeller jedoch ist ein Drecksloch. Oberhalb der provisorischen Arbeitsplatte, die ihm als Ablage und Schreibtisch dient, hat er zwei Spanplatten angebracht. 19 weibliche Portraits, 8 sind rot ausge-ixt, unsere Mordopfer. Auf der anderen Spanplatte 8 Männer, drei rot ausge-ixt. Die drei Richter, die wir gefunden haben. Ich habe die Gesichter stundenlang angestarrt, aber ich kenne ganz sicher keine und keinen von ihnen."

Ron klappte seinen Notizblock zusammen. "Du brauchst Ruhe und Schlaf, es strengt dich wahnsinnig an. Schlaf ein bisschen, Rosa. Die zwei Beamten vor der Tür lassen keinen durch, den sie nicht persönlich kennen, Ausweise interessieren nicht. Wir wissen, wie leicht der Halter einen Ausweis fälschen kann. Eine sehr gute Vorsichtsmaßnahme vom Wallner. Der dreht noch Pirouetten, weil wir dich lebendig wiederhaben." Rosa hielt ihn zurück. "Ron, hast du ein Foto von Fatme, ein Portrait vielleicht?" Ron zeigte ihr mehrere Bilder auf seinem Handy. "Ja, das ist sie! Die letzte Frau auf seinem Speiseplan! Ich bin mir sicher, todsicher." Rosas Augen füllten sich mit Tränen. "Er meint es ernst, Ron. Weder Wallner noch sonst einer von uns ist auf seiner "Liste", nicht einmal ich. Aber Fatme ist die letzte in seiner Reihe. Oh mein Gott!" Rosa griff nach seiner Hand. "Die Fatme! So ein Schweinehund! Wenn man jemandem wirklich langfristig weh tun will, bringt man sein Liebstes um. Das ist keine höhere Mathematik, das ist eine Verbrecherregel. Oh Ron, paß bloß auf sie auf!" Er versprach, Morgen wieder zu kommen. Ron ging, bis ins Mark erschüttert.

Ron fuhr direkt ins Büro. Er tippte seinen Notizen stichwortartig auf den Schirm, schrieb "provisorische Einvernahme Rosa Morgentau" darüber, das Datum und die Uhrzeit. Teil 1, schrieb er daneben. Er stellte das Dokument ins Intranet, so daß alle Kollegen es lesen konnten. Alle waren schon gegangen, er rauchte noch eine Zigarette, dann noch eine und fütterte den leeren Blumentopf, den mit der unsichtbaren Pflanze, mit Zigarettenasche und dachte über alles nach. Bodnar war seinem Befehl nachgekommen und hatte sich früh schlafen gelegt. Später legte sich sein Töchterlein neben ihn und er wachte halb auf. Seine Hand glitt unter den Hosenbund ihres Pyjamas, die einzige Konzession, die sie ihm bislang abgetrotzt hatte. Das leichte Fingerspiel hatte für ihn keine Bedeutung, kein Gewicht. Für den Inzest würde er sich nie hergeben, er hatte es ihr schon hundertmal gesagt. Er schlief tief bis zum Morgen. Ron schlenderte nach Hause, er würde noch vor Fatme da sein und zwei Steaks in die Pfanne werfen.

Fatme kam kurz vor Mitternacht, duschte heiß und sie machten sich über die Steaks und dem Fladenweißbrot aus der türkischen Bäckerei her. Ein Glas spanischer Rotwein rundete das Essen ab. Fatme hatte seine Nachricht abgehört und war glücklich, daß man Rosa lebendig befreit hatte. Ron legte sein Besteck beiseite und lehnte sich vor. "Fatme, du bist in Lebensgefahr. Der Killer hat dein Foto zu seiner Opferliste hinzugefügt. Ich sag's nicht gern, aber er will Ernst machen. Könntest du mir vor dem Escorting ein Bild vom Gast schicken? Ich will sichergehen, daß er dich nicht ganz normal bucht und in seine Griffel bekommt. Geld hat er genug, der Sauhund." Fatme atmete tief ein. "Okay, ich werde es so machen, der Zuhälter macht ein Bild vom Gast, neue Sicherheitsvorschriften, bla-bla-bla. Und du schickst mir ein SMS, "ok" oder "Lauf um dein Leben". Ja, das können wir machen. Das wird wohl auch reichen. Allerdings, wäre ich der Killer, ich würde ein Foto vom Taxifahrer schicken, ich bin ja nicht blöde."

Natürlich hatte Fatme recht. Für jede Maßnahme gab es eine Gegenmaßnahme, das war ihnen beiden klar. Aber man mußte alles tun, was möglich war, selbst wenn die Idee löchrig war wie Schweizer Käse.

Kaum hatte Ron am nächsten Tag sein Büro betreten, summte sein Telefon. Er hob ab. Es war Frank Halter. Alfred schrieb auf dem Display der Telefonanlage: "Über ein Dutzend Relais um den ganzen Globus. Keine Chance." Ron nickte grimmig. "Ich hätte eher einen Brief von dir erwartet, Frank" sagte Ron provokativ und hob seine Hand. Alfred schaltete alle Telefone der Abteilung auf Lautsprecher. "Ach, sind wir schon per du, Herr Kriminalinspektor? Na gut, meinetwegen. Ich möchte mich eigentlich nach der Rosa erkundigen, ich hoffe, sie ist wohlauf?" Ron bewahrte die Ruhe. "Danke der Nachfrage. Du hast sie nur schlimm verprügelt, aber sie ist okay und ist bald wieder auf deiner Fährte. Es sollte dich eigentlich närrisch werden lassen, denn dies war dein erster Schuß, der so katastrophal daneben gegangen ist. So habe ich es auch protokolliert. Du machst Fehler, Sportsfreund. Morgentau wird uns zu deinem Weinkeller führen, wir werden dich ganz gemütlich hopps nehmen und für immer wegsperren." Ron machte eine Pause und schaute durch die Glasplatten, wo seine Kollegen atemlos mithörten. Selbst der Präsident war aufgesprungen und starrte auf sein Telefon.

"Der Punkt geht an euch, Ronald. Ich darf doch Ronald sagen? Und was den Weinkeller anlangt, er ist seit gestern Nacht leer und verlassen. Ich hatte nie vor, Rosa am Leben zu lassen, das war sicher kein gute Idee. Andererseits wollte ich sie leiden lassen und zeigte ihr mit Absicht meine noch offene Liste. Sicher hat sie es erwähnt." Ron überlegte kurz und ließ ein gekünsteltes Lachen hören. "Ja, das war wirklich keine gute Idee. Wir werden die Damen ausfindig machen und observieren. Ich bin sicher, du bist blöde genug, dich auf diese Weise erwischen zu lassen. Eigentlich enttäuschend, dieses Spiel ist echt langweilig geworden. Wenn sonst nichts anliegt, dann Adieu." Ron wußte, daß sein Bluff auf sehr dünnem Eis stand. Er wollte Frank Halter provozieren, vielleicht verlor der jetzt die Nerven. "Na gut, lieber Ronald , dann sehen wir uns ja bei meiner Verhaftung. Ich werde dich wieder anrufen, denn ich habe noch einiges vor. Adieu." Knacks, die Leitung war tot. Alfred ließ sich hören. "Er hat von einem nicht registrierten Handy angerufen, hat seinen Anruf über ein Dutzend Relais rund um die Welt geschickt, da bin ich machtlos." Ron nickte, Alfred hatte sicher sein Bestes gegeben. Woher hatte der Halter all diese skills? Er verwendete doch keine elektronischen Geräte, das haben wir uns gedacht. Aber dieser Anruf bewies, daß er mehr auf dem Kasten hatte als wir dachten. Oder Helfershelfer, von denen wir rein gar nichts wissen.

Die Wochen flossen dahin, Frank Halter war untergetaucht, Rosa Morgentau war nach Wochen wieder im Sattel. Nein, lehnte sie das Angebot des Präsidenten ab, länger frei zu nehmen, Traumaverarbeitung. "Ich arbeite weiter, denn jetzt hat er es persönlich gemacht, der Saukerl. Ich will ihm selbst eine Kugel zwischen die Augen jagen. Er bettelt geradezu darum. Aber danke für Ihre Fürsorge, Herr Präsident." Wallner gab nach, insgeheim bewunderte er die junge Frau, sie hatte das Herz eines Kripo-Mannes und wirklich Schneid. Natürlich wußte er, daß sowohl Bodnar wie auch Rosenblatt am Honig der Kerzendocht naschten, Woche für Woche. Doch er konnte die beiden nicht so leicht feuern, wie sie es verdienten. Er würde seine Speerspitze halbieren, er konnte nicht. Nicht jetzt.

Fatme wurde immer verletzlicher, immer dünner. Ron konnte nur der Fels in der Brandung sein, die starke Eiche, an deren Stamm Fatme sich festhalten und ausweinen konnte, ohne ihre Tränen erklären zu müssen. Regelmäßig sagte er dem Zuhälter ab und boxte sie frei. Auf Madame Florence's Gejammer ging er gar nicht ein. Fatme war dankbar, daß sie jeden Nachmittag zu ihrem Vater konnte. Ron fand es richtig, daß Fatme ihren Vater beim Sterben zur Seite stand. Eines späten Nachmittags kam er heim, Fatme saß regungslos auf dem Stuhl und starrte ins Leere. Sie hatte nicht mal ihre Jacke ausgezogen. Sie blickte ihn groß an. "Hakim." Sie starrte auf ihre Finger. "Ich habe den Imam angerufen, er hat meinen Vater immer geschätzt. Er übernimmt alles, den Amtsarzt, die Behörden, das Begräbnis Morgen am Islamischen Friedhof in Liesing. Gehst du mit mir, Hakim?" Ron bejahte sofort. "Ich nehme mir den Tag frei und werde nicht von deiner Seite weichen, Liebes."

Ron zog ihre Jacke aus und legte sich mit ihr aufs Bett. Fatme barg ihr Gesicht in seiner Halsbeuge. Nun erst konnte sie weinen. "Er ist in meinen Armen gestorben, friedlich und sanft. Ich habe ihn erst mit meinem Mund und meiner Zunge steif gemacht, er ist immerhin ein alter Mann und es dauerte sehr lange, bis er steif genug war. "Danke, daß du so gut für mich sorgst, Kind" sagte er und streichelte meinen Kopf. Ich habe ihn dann bestiegen und ganz andächtig und ganz sanft geritten, wohl eine halbe Stunde lang, wie meist in letzter Zeit. Ich ha mich zu ihm gebeugt und seine Lippen gekürt, während er abspritzte. Er öffnete seine Augen wieder und flüsterte, "Danke, daß du mich so glücklich machst, Fatme." Er schloß die Augen wieder und hörte auf, zu atmen. Gott oder Allah oder Jahwe hat meine Bitte gehört, er starb in meinen Armen, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich saß eine Weile und verabschiedete seine Seele, sie flog zum Fenster hinaus. Ich habe den Imam angerufen und er übernimmt alle notwendigen Schritte. Ich solle heimgehen und weinen, sagte der Imam. Ich habe sonst niemanden angerufen, auch die Tanten nicht. Ich will diese Harpyien nie wieder sehen. Ich bin mit offenen Augen, aber blicklos durch die Innenstadt geirrt. Ich wollte dich bei der Arbeit nicht stören, denn du bist der einzige, den ich noch auf dieser Welt habe." Ron hielt sie fest, streichelte ihren Rücken und murmelte beruhigende Worte, sinnlose unzusammenhängende Worte. Er hatte ihren Vater nie kennengelernt, er war nur wegen Fatme traurig. Ja, er würde ihr Vater, Bruder und Geliebter sein. Der Gedanke ließ seine Knie zittern. Er rief sofort Madame Florence's Zuhälter an. "Halt's Maul, Charly! Fatme kommt mindestens eine Woche nicht, ein Todesfall. Und ruf sie nicht an, sie ruft dich an, wenn sie wieder arbeiten kann."

Er ging als Hakim Elbagr an Fatmes Seite auf den Friedhof, sie hatte sich untergehakt und ließ ihn nicht los, nicht für eine Sekunde. Erstaunlich, wie viele gekommen waren, um sich vom Vater zu verabschieden. Er erwiderte jedes Lächeln, die Gemeinde liebte ihn. Selbst der jüdische Bäckermeister war gekommen, festlich gekleidet und mit seinem großen, schwarzen Hut. Ron ging zu ihm und reichte ihm die Hand. "Danke, daß Sie gekommen sind, Herr Mejer" brummte er. Die Reihe der Menschen, die vorbeizogen und Fatme die Hand gaben, war lang. Er kannte die Tanten nicht, aber Fatmes Körpersprache sagte es ihm. Ihr Gesicht wie versteinert, sie reichte ihnen nur widerwillig die Fingerspitzen. Sie nahm die Krokodilstränen nicht zur Kenntnis, selbst jetzt waren ihre Tränen verlogen und niederträchtig. Der Gastwirt war nicht sehr erfreut, als die Muslime zum Essen kamen. Sie aßen, aber sie tranken nicht, zumindest nicht auf dem Friedhof, diese Muslime. Er seufzte, wie hirnrissig es war, sein Gasthaus am Islamischen Friedhof zu eröffnen. Andere Wirte vergoldeten ihre Nasen, bei den Getränken lag ihr eigentlicher Gewinn.

Fatme stürzte sich auf ihr Studium, sie hatte es in den letzten Wochen vernachlässigt. Nun gab sie Vollgas, es war schon Ende Mai und Mitte Juni ging das zweite Semester zu Ende. Parallel dazu schrieb sie an einem privaten Essay, den sie ihrem Vater widmete. Sie begann mit ihren frühesten Erinnerungen und wollte mit dem Tod des Vaters schließen. Es handelte nur von drei Personen, sie, Vater und Mutter. Fatme beließ es dabei, alles wahrheitsgetreu niederzuschreiben, jedes noch so kleine Detail, auch die sexuellen schrieb sie wahrheitsgetreu auf. Wie sie sich an dem Körper ihrer Mutter festklammerte, weil sie Papa liebte und von ihm geliebt werden wollte, sanft gestoßen werden wollte wie Mama. Wie die Mutter allmählich starb und sie den Platz der Mutter übernahm und seine Frau wurde. Ron durfte es natürlich lesen. Er bekam einen Blick tief in das Schlafzimmer der Familie, ungeschönt und sehr klar. Aber es beantwortete so viele nicht gestellte Fragen. Und es entlarvte die sexuelle Gier und Enttäuschung der sogenannten Tanten, die Papa nach dem Tod seiner Frau ernüchtert aus dem Schlafzimmer verbannte. Ron drückte Fatme an sich.

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