Frühlingsmord

von István Rudas © 2026

Es war am 14. April. Ron rannte die Stiegen hinunter und zu Herrn Edmund in die Portiersloge. Ein Kuvert lag auf Edmunds Schreibtisch. "Ich habe es nicht angefaßt, Ronald. Ich habe dich sofort angerufen. Der Schröder muß es hingelegt haben, als ich kurz ausgetreten bin. Ich habe ihn nicht gesehen, obwohl ich sofort auf die Straße gegangen bin. Auf dem Überwachungsband sieht man ihn auch nicht, der erfaßt nur die Autos. Ich habe sofort nachgesehen, aber da ist nichts. Gar nichts." Ron lobte seine rasche Reaktion und brachte das Kuvert ins Labor. Fingerabdrücke nur vom Halter und ihm selbst. Man öffnete das Kuvert vorsichtig, es könnte ja eine Briefbombe sein. War es natürlich nicht. Eine dicht beschriebene Seite in schöner Kinderschrift. Ron ging hinauf in den Konferenzraum und ließ Rosa es auf die Projektionswand projizieren.

Zu Handen Kriminalinspektor Ronald Hofstätter.

Da sind wir wieder, unser Spiel kann weitergehen. Ich war mit meiner Mutter ein halbes Jahr in Spanien, das wissen Sie sicher schon, ihre Gestapo-Beamtin hat ja meine Mutter vorgestern und gestern schon verhört, ohne sie niederträchtig prügeln zu müssen. Kein Dank dafür, sie macht die Polizeiarbeit ja nur nach Vorschrift.

Was sie natürlich nicht erfahren konnte, ist, wo ich die Hanna Rosenstingl abgelegt habe. Abgelegt ist ja wohl auch das falsche Wort. Breitenfurter Allee 12. Sie hatte viel Freude mit mir und sie mußte auch keine Schmerzen erleiden. Wir haben zwei Tage wie im Liebesrausch zugebracht, sie hat in vielen Raten ihre Schulden bezahlt, in vielen vielen feinen Raten und ich habe sie blitzschnell getötet, am Höhepunkt ihrer schönsten Lust. Die Rosenstingl hat meinen Vater und mich im Zeugenstand richtig tief eingetunkt, wie Sie sicher nachlesen können. Und das, obwohl Artem und ich sie zuvor mit offenen Armen empfangen haben. Ich habe sie nicht gequält, obwohl sie es redlich verdient hätte. Der schöne Urlaub hat mich wohl milde gestimmt.

Halali, wie immer Ihr

Frank J. Halter

Das Kleeblatt fuhr mit Blaulicht und Sirene in die Breitenfurter Allee. Nummer 12 war ein verlassenes Haus. Die Tür war nur angelehnt. Eine rauhe Betonstiege ging zum Keller hinunter. Dort, wo die Stiege eine 180° Wendung machte, dort fanden sie die Hanna Rosenstingl. Sie war wie eine Heilige nackt an die Holzvertäfelung genagelt, an Händen und Füßen biblisch angenagelt. Ihre Eingeweide waren herausgequollen, er hatte sie vom Hals bis zum Schambein mit einem einzigen Schnitt aufgeschlitzt. Der bucklige Gerichtsmediziner, Dr. Gangl richtete sich auf, "Gott sei Dank!" Ron blickte ihn verständnislos an. Dr. Gangl blinzelte, begriff wie unpassend es klingen müsse. "Er hat sie mit der Gitarrensaite erdrosselt, sie war augenblicklich tot. Das Aufschlitzen und das Annageln erfolgten post mortem, da war sie bereits tot. Die Vagina zeigt oberflächlich keine Merkmale einer gewaltsamen Vergewaltigung. Darum habe ich aufgeatmet, die Arme mußte wirklich nicht leiden. Mehr dann nach der Obduktion." Er nickte Ron zu und ging hinaus, zu seinem Wagen.

Rosa hielt Ron in ihren Armen auf, bevor er umkippen konnte. Bodnar hüstelte hinter ihnen. Ron war das egal, er war völlig von der Rolle. Rosa hatte ihn aufgefangen, sie preßte seinen Körper an ihren Unterleib und in diesem Augenblick entlud sich Ron in seine Unterhose, ruckweise und stoßend entleerte er seinen Samen. Rosa starrte ihn an, sie muß es hautnah mitbekommen haben. Er hatte Dr. Gangls Finger aus nächster Nähe gesehen, die die Hanna Rosenstingl zwecks Inspektion spreizten. Zugleich sah er die Eingeweide und es wurde ihm schlecht. Ron stammelte, "Ich werde mich nie an sowas gewöhnen. Niemals." Bodnar klopfte ihm auf die Schulter. "Das kommt schon, Ron. Die Rosenstingl hat's überstanden." Ron löste sich von Rosa nur ungern, denn er konnte die Konturen ihres Slips und ihren Venushügel seltsamerweise deutlich durch den Stoff spüren. Aber Bodnar, dieser Arsch, sollte mit dem Hüsteln endlich aufhören.

Rosa trat zur Leiche und ihre Hand glitt mehrmals prüfend über die weiblichen Rundungen. "Kein einziges Härchen, nicht mal ein Flaum. Frank hat sich große Mühe gemacht, vielleicht mochte er sie sogar." Ron nickte, "Das ist mir auch schon aufgefallen. Der gesamte Körper glatt rasiert wie ein Babypopo." Bodnar blickte mißtrauisch von einem zum anderen. "Wovon sprechen die Damen, bitte?" Rosa schenkte ihm einen Blick, einen dieser Blicke. "Wenn du schon einmal eine rasierte Freundin gehabt hättest, wüßtest du, daß sie kleine, fast unsichtbare Stoppeln haben müßte. Kein Damenrasierer kann es dermaßen gründlich entfernen. Frank hat sie nach ihrem Tod von Hand rasiert, und zwar sehr gründlich." Bodnar bekam einen roten Kopf und grummelte. "Und das ist wichtig, weil ....?" Rosa blitzte ihn an, kein Blick wie sonst. "Der Täter ändert sein Schema, erstens. Und zweitens schien er die Rosenstingl irgendwie gemocht zu haben. Er hat sie von oben bis unten sehr gründlich gewaschen, aber nicht mit Desinfektionsmittel, um seine DNA zu entfernen. Nein, eher wie ein Liebhaber." Bodnar schnaubte. "Ich habe dich noch nie gewaschen, Rosa." Sie schoß ihm einen Blick zu, der es in sich hatte. "Du bist aber nicht er. Du bringst keine Frauen um, du wäscht sie aber auch nicht. Liebhaber tun das, üblicherweise. Wir sollten diesen neuen Aspekt in seinem Profil berücksichtigen, mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Denk daran, wenn du das Protokoll tippst, Bodnar." Rosa wandte sich brüsk ab, und es war ihr egal, daß sie dem Dienstälteren gerade einen Auftrag gegeben hatte.

Ron stellte sich neben Rosenblatt. "Was meinst du?" Rosenblatt war zwar auch bleich um die Nase, aber er machte sich Notizen. "Ron, was ich überhaupt nicht begreife, wozu dieser brutale Schnitt, wo sie doch schon tot war?" Ron nickte grimmig, "Wir werden ihn fragen, Rosenblatt, sobald wir ihn haben. Wir werden ihn fragen." Rosenblatt stellte sich vor den Leichnam. "Ein sauberer, glatter Schnitt, wie von einem japanischen Schwert. Habe ich nicht Recht, Ron? Denn das war mein erster Gedanke. Vielleicht liege ich aber auch weit daneben. Überlassen wir es dem Doktor, was er in den Obduktionsbericht schreibt." Ron ging mit zu Rosenblatts Wagen. Er wollte weder Rosa noch Bodnar sehen, nicht jetzt.

Rosa projizierte ihre Zusammenfassung auf die Wand des Konferenzraums. Präsident Wallner rauchte nervös. "Was haben wir über unsere Nummer acht?" Rosa blickte stur auf die Wand. "Jedenfalls mehr, sie ist mehr als nur eine Nummer, Herr Präsident. Hanna Rosenstingl, 34 Jahre alt, Polizeimeisterin in Kagran. Sie ist von ihrem Gruppenleiter vor 4 Tagen als vermißt gemeldet worden. Ich habe mit ihm gesprochen, sie war fleißig und immer pünktlich zum Dienst erschienen. Daher die rasche Vermißtenanzeige. Aufgewachsen im 9. Bezirk, sie lebte mit ihrem Vater allein. Die üblichen Gerüchte um die beiden in der Nachbarschaft, vielleicht, vielleicht auch nicht. Unverheiratet, keine Kinder. Jahrgangsbeste auf der Akademie. 11 Ermahnungen unter Verschluss. Ich habe sie natürlich gelesen, 11 mal Beschwerden wegen schamloser Promiskuität. Ihre Vorgesetzte hat sie dennoch als Jahrgangsbeste weiterempfohlen. Nicht ungewöhnlich sofern, Frauen bewundern und beneiden eine, die sexuell so ungeniert ist. Jährlich beste Bewertungen, man hatte sie für höhere Positionen empfohlen. Sie war Informantin in Sachen Artem Galobnikow und Frank Halter. Sie hat vor Gericht ihre sexuelle Beziehung zum Artem und zum Frank detailreich und wahrheitsgetreu geschildert, sie hatte sowohl mit Vater als auch Sohn heftigen sexuellen Verkehr, getrennt oder manchmal auch zugleich mit einem sowie dem anderen. Kein bestimmter Freund oder Lebensgefährte, einige Namen sind aktenkundig, keiner sticht heraus." Rosa blickte auf. "Ich werde den trauernden Vater nicht wegen des Inzests befragen, es hat keine Bedeutung mehr."

Sie zog noch ein Blatt aus ihrer Mappe. "Im Überwachungsprotokoll habe ich etwas seltsames gefunden." Sie legte das Blatt in den Projektor. Das Gekritzel konnte kein Mensch entziffern. Rosas Kugelschreiber deutete auf eine bestimmte Zeile. "Da steht's. Offenbar übernachtet die Rachel Kerzendocht bei der Halter, seit mehr als einer Woche. Ich habe sie dort aber nicht gesehen." Bodnar stocherte in seinem Gedächtnis. "Die Frau, die die Halter im Grauen Haus ersetzt hat" schubste Ron Bodnar an. Ahhh, klar. Ron tauschte einen Blick mit der Morgentau. "Vermutungen, Spekulationen?" Rosa hielt seinen Blick stand. "Entweder ist die Halter urplötzlich lesbisch geworden, was mich sehr erstaunen würde. Oder Frank Halter kann durch Wände gehen oder sich rein und raus beamen. Wir haben immer noch keine Ahnung, ob er wirklich Zuhause schläft und wie er ins Haus kommt. Ich neige dazu, anzunehmen, daß die Kerzendocht wegen ihm kommt und dort übernachtet. Das macht Sinn, aber es ist pure Spekulation."

Ron nickte zustimmend. "Jedenfalls war das auch mein erster Gedanke, Rosa. Die Kerzendocht hat sich im Anwaltszimmer in den Dr. Weißmann verguckt, soviel Spekulation habe ich mir schon genehmigt. Prosit, Rosa!" Wallner und Rosenblatt nickten zustimmend, nur Bodnar guckte wie ein defektes Bahnhofssignal. "Daraus folgt, daß wir sie zur Einvernahme abholen?" schoß Bodnar seine Signalpatrone auf gut Glück ab. Präsident Wallner räusperte sich. "Einen Teufel werden wir, Bodnar. Ich folge deinem Gedanken, er ist ja naheliegend. Doch wir haben ein erstes Fünkchen Vorsprung. Nein, Rosa wird sich an die Halter halten wie eine Klette und herausfinden, woher wohin und wer mit wem? Morgentau, du hast einen Auftrag. Mach's auf deine Weise, mit der Hundepeitsche oder Schalmeienklängen, es ist mir egal. Nur bleib dran und finde heraus, so viel du kannst. Okay?" Rosa nickte, denn natürlich wußte sie schon vorher, daß sie es so anlegen mußte. "Ich werde dem Herrn Innenminister eine Stange Zigaretten in Rechnung stellen, die Halter raucht beim Verhör wie ein Schlot. Meine Zigaretten, wohlgemerkt." Wallner starrte zur Projektionswand. Er wußte beim besten Willen nicht, wie ernst die Rosa es meinte. "Ich genehmige den Ankauf von Verhörzigaretten aus der Kaffeekasse." Nun mußten alle herzlich lachen.

Rosas Handy zirpte, "Ach, der Obduktionsbericht." Sie blickte zu Wallner, ob sie vorlesen sollte, und Wallner nickte. Früher, zu seiner Zeit, brachte ein Laufbursche bzw. ein Frischling das Dokument im Schweinsgalopp. Jetzt war alles anders, es ging alles so schnell, nur mit einem Zirpen des iPhones. Er hörte aufmerksam zu. Rosa nickte und nickte. "Ja, Dr. Gangl bestätigt alles, was wir schon am Tatort gesehen haben. Auffällig nur, wie sorgfältig Frank die Tote gewaschen und rasiert hat. Schwanger war die Rosenstingl nicht, sie hatte auch noch nie geboren. Okay, das wissen wir auch. Der Schnitt, mit dem er den Torso geöffnet hatte, war äußerst präzise, saubere Schnittkanten. Vermutlich ein Skalpell, schreibt Gangl. Die Rosenstingl war kerngesund und wirklich fit, vermutlich Lauftraining. Sie war mit einer Gitarrensaite von hinten erwürgt worden, tiefer Schnitt durch Hals, Luft- und Speiseröhre, sie war sofort tot. Rechtshänder. Außer den Kreuzigungsspuren an Handgelenken und den Knöcheln keine weiteren Verletzungen. Keinerlei Vergewaltigungsspuren in der Vagina. Wenn sie Sex hatte, dann ohne erkennbare Gegenwehr. Bla-bla-bla. Alkohol 2,7 Promille, sie muß zum Zeitpunkt ihres Todes sturzbesoffen sein. Bla-bla-bla. Laut Toxikologie war auch sie bis zu den Haarspitzen voll von Poppers wie die anderen zuvor auch. Bla-bla-bla. Gezeichnet, Dr. Gangl etc."

Rosa blickte auf. "Ein völlig verändertes Täterverhalten. Wie bei den anderen Obduktionen gab es viel Alkohol und Mengen von Drogen, Poppers massenweise. Aber er hat sie nicht wie ein Tier vergewaltigt wie die anderen. Der Sex mußte einvernehmlich gewesen sein. Er hat sie gewaschen und sorgfältig rasiert. Ein völlig verändertes Täterprofil. Wegen des Spanien Urlaubs? Weiß der Kuckuck. Ich muß erst darüber nachdenken. Änderungen im Täterprofil bedeuten selten etwas Gutes, Leute." Rosa blickte in die Runde. Wallner schaute sehr gespannt, die Jüngste hatte das Steuer übernommen. Zu seiner Zeit hatte es keine Frauen bei der Kripo gegeben, die Rosa hatte ihm der Innenminister aufs Auge gedrückt und er fragte nicht, warum. Vielleicht hatte sie mal was mit dem Innenminister, der war bekanntermaßen kein Frauenhasser.

Ron beobachtete Rosa ganz genau. Sie hatte anzüglich gelächelt, als er sich am Tatort in seiner Unterhose ergossen hatte. Natürlich hat sie es bemerkt, aber sie hatte es nicht mehr erwähnt. Ron konnte sich nicht vorstellen, was sie an Bodnar fand. Er war ein großer Brummbär, ein ausgebuffter Kriminaler zwar, aber er hatte Tage, wo ihm nichts glückte. Und er hatte ein gewaltiges sexuelles Problem mit seiner pubertierenden Tochter, deswegen hackte er so gnadenlos auf Rosenblatt ein. Weil Rosenblatt das Problem aus der Welt geschafft hatte und es ganz selbstverständlich mit seiner Tochter trieb, der Kerl. Ron war kein Hellseher, aber er wußte, sie würden Bodnar verlieren, wenn seine Tochter den Zweikampf gewinnen würde, und sie würde. Definitiv. Ron hielt sich an die unmarkierten Grenzen, sowohl gegenüber Bodnar wie auch Rosenblatt. Kandidaten, die wie hypnotisiert auf die Guillotine starrten, wo ihr Kopf dereinst rollen wird.

Ron konnte jedoch die Rosa nicht einordnen. Sie war das, was man sich mit geschlossenen Augen vorstellt, wenn man zu einem "eine kleine, zierliche Jüdin" sagt. Ja, das war sie. Doch mehr als ihren Sex Appeal bewunderte Ron ihre Kampfkunst, wenn sie eingreifen mußte. Die Kerle irrten sich alle. Klein, zierlich? Nichts davon, sie konnte explodieren wie Bruce Lee und jeden noch so großen Brocken auf die Dielen werfen. Und dann ihr seltsamer Drang, jeden Mann auf ihre Matte zu ziehen. Sie hatte ihn auch auf ihre Matte gezogen, vor langer Zeit. Mit einer Leichtigkeit und einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen suchte. Nein, aus Rosa wurde er nicht schlau. Er hatte, den Körper fest an den ihren gepreßt, sich in seine Unterhose ergossen. Nur die Götter wußten, wieso und warum.

Rosa hatte die Frau Halter interviewt. Nur Ron war noch da, er brütete gemeinsam mit Alfred am Verfassen eines Berichts für den Innenminister, Auftrag vom Präsidenten. Rosa ließ sich auf den Stuhl sinken. "Ich habe jetzt ein relativ klares Bild, Ron. Magst du zuhören?" Ron nickte, alles war besser als ein Bericht an den Innenminister. Rosa paffte nun ebenso ungeniert wie der Wallner, obwohl striktes Rauchverbot in den heiligen Hallen bestand. Ron schupfte den Blumentopf mit der unsichtbaren Pflanze über den Tisch, das war der Aschenbecher. "Also, der Frank Halter schläft fast jede Nacht daheim, bei seiner Mutter. Sie hat wirklich keine Ahnung, wie er ins Haus kommt. Manchmal kommt er vom Dachboden herunter, wo ihr Schlafzimmer ist, manchmal kommt er über die Kellerstiege herauf. Er kommt nie zur Haustür herein, da sitzt ja unser Beamter. Ich glaube ihr, daß sie keine Ahnung hat, wie der Zaubertrick funktioniert. Den Inzest überspringen wir mal, das ist ja schon aufgeklärt.

Das mit der Rachel Kerzendocht ist wohl eines der seltsamsten Dinge. Ja, die übernachtet jede Nacht im Schlafzimmer unterm Dach, in Frau Halters Bett. Sie kommt, um es mit dem Dr. Weißmann zu treiben. Ich schwöre, Ron, das ist die Wahrheit. Die beiden Frauen sind seit Jahren befreundet, doch seit dem Gefängnis und Spanien hat sich alles geändert. Sie schlafen zu dritt auf den großen Matratzen und er treibt es mit beiden abwechselnd. Nein, schüttele nicht deine Locken, Ronald, ich erzähle dir nur, was ich als wahr einordnen kann. Frank treibt es mit beiden Frauen abwechselnd, die drei haben keine Scham voreinander. Ein Trio Infernale, aber ohne den Belzebub. Die Halter wollte es nicht gleich zugeben, aber die beiden Frauen treiben es auch miteinander, vor allem wenn sie auf ihn warten. Die Halter sagt, die Kerzendocht sei die erste Frau, bei der sie diese komischen Gefühle hat. Sie war völlig fertig, als ich es ihr Stück für Stück aus der Nase zog. Girl-Sex war für die Halter nie etwas Freiwilliges, nur schamerfüllter Teil ihrer Vergangenheit als Artem Galebnikows Frau und Hure.

Sie schämte sich furchtbar mir gegenüber, aber sie hat es zugegeben, hat es zugeben müssen. Sie hat mich ganz komisch angesehen, Ron. Ich habe ihre Hand genommen und gesagt, sprich es aus. Das ist der Sinn hinter der Beichte, wenn du es laut gesagt hast, erleichtert es dich. Das ist die Vergebung, nach der sich jede Sünderin sehnt. Ja, sagte die Halter, es wird wohl so sein. Sie gab sich einen Ruck. "Sie haben Artem nie kennengelernt, Frau Morgentau. Seine Anordnungen befolgte man, wollte man am nächsten Morgen wieder erwachen. When London say frog, you jump. So war er, das war einer seiner Lieblingssprüche. Als junge Frau war ich Artems Hure, und ja, ich hüpfte brav, was immer es war. Wenn er sagte, ich solle mit dieser oder jener Frau etwas anfangen, dann tat ich es eben, obwohl mich Frauen niemals sexuell angezogen haben. Wenn Artem mit einem Kerl nicht klar kam, befahl er mir, seine Frau und Töchter zu ruinieren. Ich verführte, ich ruinierte die Frau oder die Tochter und warf sie dann einfach auf den stinkenden Misthaufen. Ich sage das, um meine Sicht auf Frauen zu erklären. Ich habe seit 30 Jahren kein Mädchen mehr angerührt."

"Doch mit Rachel war es ganz anders. Ja, ich habe sie zum Übernachten eingeladen, damit sie Frankie als Dr. Weißmann wieder für sich hatte. Die ersten Tage haben wir uns nicht berührt, wir waren nur Freundinnen. Rachel ist fast 20 Jahre jünger und ich bin eine verwelkte Alte, sie aber in der Blüte ihres Lebens. Ich streichelte mit klopfendem Herzen ihre samtweiche Haut, ihre weiblichen Formen und meine Gefühle fuhren Achterbahn, tagelang. Ich war wie gelähmt, als Rachel mich das erste mal intim berührte. Doch es fühlte sich wunderbar an, so richtig und so schön wie ich es nie erwartet hätte. Wir machen Liebe, wenn wir auf Frankie warten müssen. Ich bereue nichts davon, keine einzige Sekunde, Frau Morgentau. Ein lang verschüttetes Portal hat sich geöffnet, und ich bin hindurchgeschritten."

So spricht keine Verbrecherin, Ronald, sondern eine Frau von 70 und noch etwas, deren Sexualität ein Erdbeben erlebt. Es wird schwierig sein, darüber einen Bericht zu schreiben. Mit Schalmeienklängen klappte das bei der Halter ganz gut, das mit der Hundepeitsche war ein blöder Einfall unseres verehrten Herrn Präsidenten."

Ron blickte in Rosas Augen. Ihr Blick war offen und ehrlich, sie sah ihn wie eine Freundin an. "Und du wirst es so in deinen Bericht schreiben, natürlich dem Wallner zuliebe in hochdeutschem Getänzel, ohne Porno." Rosa nickte, "Ja, genau. Ihr alle haltet nicht viel von Psychologie, aber ich habe einen echten Doktortitel, echt und ehrlich erarbeitet. Ich weiß mit Sicherheit, wir kommen nur zu Ergebnissen, wenn wir die Seele des Frank Halter seziert haben. Das FBI ist uns da Meilen voraus, Ron. Psychologie sollte Hauptfach an unserer Akademie sein, nicht nur ein zweistündiger Diavortrag über Sigmund Freuds Praxis in der Berggasse. Das ist Mummenschanz. Nicht die einfachen Beamten, sondern unsere Offiziere, die müssen einen Blick für das Psychologische bekommen. Wir müssen dazulernen, sonst treten wir nur auf der Stelle wie mein guter Bodnar."

Ron war erstaunt über die Dringlichkeit in ihrer Stimme. "Was ist, Ron?" Er legte seine Füße auf den Schreibtisch. "Irgendwie scheint es mir, daß du Recht hast, Rosa. Aber wie wir das einem Wallner oder dem Innenminister verkaufen, das ist mir schleierhaft." Rosa lachte gurrend, es war ein bedrohliches, eiskalt klirrendes Lachen. "Den Innenminister überlaß mir nur getrost, ich war mit in der Gruppe auf der Studienreise beim FBI. Den Harald habe ich schon in meiner Tasche, ich überlasse dir liebend gerne den Präsidenten kostenfrei. Seit der komischen Sache mit dem CIA hält er große Stücke auf dich, da hast du sein dreckiges Herz im Sturm erobert. Bei Gelegenheit mußt du mir die Details der CIA-Sache erzählen, wenn wir mal Zeit zum Verschnaufen haben. Jetzt sehe ich, daß dich der Schuh ganz woanders drückt. Nur raus damit, Ron. Ich kann auch mal schweigend zuhören, das mit den Halters und der Kerzendocht ist praktisch gegessen." Rosa blickte ihn durch den Zigarettenrauch an.

Ron wußte, wann er schweigen mußte und wann er den Mund aufmachen mußte. "Das am Tatort, als du mich aufgefangen hast. Will mir nicht aus dem Kopf, Rosa." Sie lächelte wie der Cheshire Cat. "Nun, was soll da gewesen sein? Du warst am Umfallen, die Eingeweide haben dich umgeworfen, das ist normal, wenn man kein Metzgermeister ist. Geht mir nicht viel anders. Ja, es ist dir einer abgegangen, ist mir nicht entgangen. Ist das das Problem?" Ron neigte den Kopf. "Ja, teilweise zumindest. Mir schien, du hast dich köstlich amüsiert, verdammt nochmal. Eros und Thanatos, beide zugleich. Es hat mich kalt erwischt." Rosa lächelte geheimnisvoll. "Ja, Ron, ich konnte es in deinen Augen sehen, es hat ja einige Augenblicke gedauert bis du fertig warst. Ich habe dich an meinen Unterleib gepreßt, ich wollte jede Sekunde des Kampfes zwischen Eros und Thanatos hautnah erleben. Es tut mir leid, daß es dir peinlich ist. Daran ist gar nichts Peinliches, außer Bodnars eifersüchtigem Gehüstel."

Ron merkte, wie heiß es ihm plötzlich war. "Ich konnte durch den Stoff deinen Slip fühlen, deinen mons pubis." Rosa lächelte nicht mehr, sie war ernst. "Ja, weil ich es so wollte. Ich habe mich an dich gepreßt, ich wollte dir bei deiner Erregung ganz nahe sein. Verdammt, ich bin eine Frau, Ron, falls du es noch nicht geschnallt hast." Rosa nahm eine Zigarette, es war die letzte und sie zerknüllte die leere Packung wie die Gurgel eines Gangsters. Mit automatisierten Bewegungen nahm sie die nächste Packung aus ihrer Handtasche.

Ron hatte Zeit gehabt, über ihre Worte nachzudenken. "Rosa, hör zu. Es hat nichts mit dem Bodnar zu tun, nur mit dir und mir. Ich bin vergeben, Rosa, ich gehöre mit Haut und Haar der Fatme, sie ist es, sie ist meine Miss Right, ich bin mir da ganz sicher. Bitte, bitte, laß die Finger von mir, wenn du es gut mit mir meinst." So, jetzt war es heraußen, er hatte es Rosa gesagt, klar, unmissverständlich trotz zitternder Stimme.

Rosa zündete sich die nächste an. "Ich bin nicht gut im Verlieren, Ron. Meist getraut sich niemand, mich abzuweisen. Ich bin den Erfolg gewöhnt, wie ein verwöhntes Kind, dem man immer nachgibt. Ich weiß, wie defekt ich in dieser Beziehung bin. Ich beneide dich und Fatme um diese Sicherheit, einander zu haben. Ich hatte eine Menge Männer, aber ich hatte keinen einzigen so wirklich, wie Fatme dich hat. Du bist ein Glückspilz, Ronald. Und ich beneide und bewundere dich, mein Guter. Als du in meine Arme gesunken bist, dort am Tatort, da hat mein Herz eine kleinen Hüpfer gemacht, ohne Scheiß. Ich preßte dich an mich, zwischen meine verdammten Schenkel, die so gierig jeden Mann rasend machen. Ich sah Eros und Thanatos in deinen Zügen kämpfen, der schönste Moment, den mir ein Mann überhaupt schenken kann. Ja, damals wollte ich dich, ich wollte dich wirklich und ich ließ dich die Konturen spüren, jene mit denen ich mir alle Männer unterwerfe. Doch du hast nicht auf mich reagiert, sondern nur auf Eros und Thanatos. Bognars Hüsteln ließ die Luft aus diesem Luftballon raus. Es war nur ein Luftballon. Ich war traurig und bin es heute noch. Ich verliere nicht gerne, nicht wirklich, mein Guter."

Ron spürte eine Sicherheit in seinem Gemüt, wie wenn er nur geradeaus auf der Autobahn führe. "Rosa, ich denke ich verstehe dich wirklich. Aber ich gehöre Fatme, mit Haut und Haar. Vor meiner Entführung hatte ich diese Sicherheit noch nicht in seiner ganzen Pracht erkannt. Bis dahin wäre ich Wachs in deinen Händen gewesen. Doch nun haben wir soviele Stufen zusammen genommen, daß ich gar nicht mehr zurückschauen mag. Es schwindelt mir nicht, Fatme hält mich an der Hand und ich vertraue ihr mein Leben an. Bitte verstehe es und gib mich frei. Ich würde dir nur mit gebrochenen Flügeln ins Gebüsch folgen." Sie sahen sich stumm an, lange. Die Zigarette verbrannte Rosas Finger. Sie schrak zusammen. "Ja, Ronald, ja. Ich weiß, wann ich verloren habe. Du gehörst der Fatme, ich werde mich daran halten." Ron streckte beide Arme über den Schreibtisch und ergriff ihre Hände. "Ich danke dir, Rosa."

Rosa rauchte, ganz in Gedanken verloren. "Ach, da ist noch etwas, Ronald. Aber es wird nicht in meinem Bericht stehen. Auf dem Rückweg ritt mich der Teufel, ich besuchte Hanna Rosenstingls Vater. Ich habe meine Doktorarbeit über klassische und moderne Verhörmethoden geschrieben und wenn ich es heute aufschlage, schäme ich mich über meine rotzfreche Arbeit, meine grünschnäbelige Arroganz. Aber sie haben es gefressen, diese Affen. Dies fällt mir ein, weil ich nicht vorhatte, den alten Herrn zu verhören. Ich wollte nur mein Beileid persönlich aussprechen, schon gar nicht am Telefon. Doch der gute Mann war der Polizei gegenüber positiv eingestellt, schon Hanna zuliebe. Er hielt meine Hände und die Tränen kullerten über sein faltiges Gesicht. Ja, die Hanna lag bei ihm, seit sie mit 16 ihre Mutter verloren hatte. "Ich habe gezittert wie Espenlaub, als ich meine Hanna zur Frau gemacht habe. Sie hatte danach immer viele Liebschaften, aber nachts lag sie bei mir und wir liebten uns. Wir haben eine sagenhafte Vater-Tochter-Beziehung, Frau Inspektor. Eine, die dem Herrn wohl gefällig ist. Wir haben uns jeden Abend dort hingekniet und haben unsere Gebete spontan erfunden. Wir haben den Herrn um seinen Segen gebeten, denn ich habe meine Hanna sehr gläubig erzogen. Und oft dankte Hanna dem Herrn für das Feuer in ihrem Arsch, für sie war es ein Geschenk, eine Bevorzugung. Sie liebt unseren Herrn wie einen gütigen Vater."

"Das kommt nicht ins Protokoll, Ronald. Ich will der Hanna Rosenstingl ihre letzte Würde nicht nehmen. Sie war eine von uns, eine Polizistin." Ronald nickte gedankenverloren. Ja, es war richtig und gut. Es war erstaunlich, wie feinfühlig Rosa sein konnte. "Ich kann deine Gedanken lesen, Ronald. Ich bin Bodnars Geliebte, weil er in mir eine Tochter sieht. Ich weiß um seinen Kampf mit der Pubertät seiner Tochter, ja. Ich schätze gerade diese Aufrichtigkeit am Bodnar. Er wird den Kampf letztlich verlieren, ohne Zweifel. Seine Tochter wird über ihn herfallen wie eine Hyäne, kein Zweifel. Aber ich habe beschlossen, die Stellung zu halten, bis zum bitteren Ende. Die Sturheit hat man zu mir in die Wiege gelegt." Ron nickte zustimmend. "Ich habe mich tatsächlich oft gefragt, was du an diesem Holzfäller findest. Gut, es jetzt zu wissen oder zu erahnen."

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