Ein Weckruf

"Herr Inspektor! Herr Inspektor!" schrie der alte Portier und rannte Ron nach, der freundlich genickt hatte. Ron blieb stehen. "Nur gemach, mein lieber Edmund, ich warte ja!" Edmund bremste seine 130 Kilo ab und blieb keuchend stehen . Er zog ein zerknittertes Kuvert aus der Tasche. "Ein Brief für dich, Herr Inspektor. Er liegt seit sicher zwei Wochen bei mir, ich hab ihn einfach vergessen." Edmund, der sein Leben lang im Polizeidienst war und so glücklich war, daß er nach der Pensionierung seine Uniform behalten durfte beim Portierdienst, Edmund also duzte jeden, den Präsidenten genauso wie den Herrn Innenminister. Die Nornen rieben sich die gichtigen Finger, es lief wie geplant. Edmund selbst hatte natürlich keine Ahnung, warum die Nornen ihm, gerade ihm, eine Rolle zugedacht hatten.

Ron's Augen verengten sich zu Schlitzen. Ein Brief vom Frank Halter, und er bekommt ihn erst heute. "Mein lieber Edmund, vielen Dank daß du ihn so sorgfältig aufbewahrst hast. Ich muß aber wissen, wer ihn dir gegeben hat und genau wann?" Edmund dachte angestrengt nach. "Es war der nette Herr von den Wasserwerken, er nannte sich - wart mal - Schröder, von den Wasserwerken. Ein netter Typ , wir haben fast jeden Tag ein bisschen getratscht, die Kaserne liegt ja auf seinem Weg. Er hat mir meist eine Leberkässemmel vom Stand gegenüber spendiert. Ein netter Typ, hab ihn aber eine Zeitlang nicht mehr gesehen. Und es war an dem Tag, wo das Länderspiel gegen Dänemark war, da hat er mir das Kuvert für dich gegeben. Ja sicher, so war es, und danach habe ich ihn eigentlich nicht mehr gesehen, jetzt, wo du mich so fragst, Ronald." Edmund stieg von einem Bein auf den anderen, als Ron einen Gummihandschuh aus der Tasche nahm und dann damit erst das Kuvert anfaßte. "Oh je, Ronald, habe ich da Scheiße gebaut?" Er blickte sehr unglücklich drein, denn so faßt man eigentlich nur Beweisstücke an. "Meine Fingerabdrücke, Ronald, die werden da überall drauf sein. Habe nicht geahnt, daß das so heikel ist."

Ron hielt ihn zurück. "Nein, Edmund, du hast ganz sicher gar nichts falsches gemacht, wie hättest du es auch wissen können." Er suchte auf seinem Handy nach dem Foto Frank Halters. Edmund war ganz aufgeregt, "Ja, das ist er, der Schröder vom Wasserwerk! Nur die Haare, er hat sie jetzt ganz kurz und ein bisschen grau ist auch dabei." Edmund war ganz untröstlich. "Ein Fahndungsfoto, liegt sicher irgendwo in meinem Schreibtisch vergraben. Ich schau die schon lange nicht mehr an, ich bin ja gewissermaßen nicht mehr im aktiven Dienst, Ronald. Weswegen wird nach ihm gefahndet? Mir wird schon ganz mulmig, ich habe mit einem Verbrecher parliert und Leberkässemmel gegessen! Krieg ich einen Anschiß vom Wallner? " Ron beruhigte ihn, dem Wallner sei das so was von Wurscht, also kein Anschiß, Edmund. "Du bist für die Pforte zuständig, und du machst deine Sache tip-top-perfekt. Aber du mußt mir alles übers Parlieren sagen, es kann gottverdammt wichtig sein."

Edmund konzentrierte sich. "Eigentlich hat der Schröder fast nichts über sich gesagt. Er lebt bei seiner alten Tante im 2. Bezirk, Taborstraße. Die hat eine 24-Stunden-Pflegerin aus Bratislava. Einmal hat er augenzwinkernd gesagt, er besteigt manchmal die Tschechin, wenn die Tante eingeschlafen ist, denn die Tschechin ist sexuell völlig ausgehungert. Halt sowas, Ronald, Männer plaudern solche Dinge gedankenlos aus. Er schien völlig unauffällig zu sein, wir alle wünschen uns ja eine kleine Tschechin, ich zumindest. Und ja, sein Hund Roxi ist ein betagter Labrador, blond-weiß. Über die Arbeit hat er kaum was gesagt, er hat einen Kelch mit dem Wawranek, seinem Gruppenleiter. Der muß ja ein Ekel sein, und der Schröder überlegt, zu kündigen." Ron prägte sich alles automatisch ein, im Lügengewebe könnte ja etwas Wichtiges sein.

Er klopfte Edmund jovial auf die Schultern. "Das mit der kleinen Tschechin wollen wir Mal vergessen, du bist doch verheiratet, du Kerl du!" Edmund blickte ihn mit treuen Hundeaugen an. "Verwitwet, Ronald, sie konnte es gar nicht erwarten, zu ihrem Heiland zu kommen, die Hermine! Letztes Jahr im April, da warst du noch gar nicht da, Ronald. Und keine Tschechin weit und breit, als ob ich Aussatz hätte." Ron boxte ihn kameradschaftlich auf die Brust. "Die Hühner werden wohl denken, dein Rohr stamme noch aus der Artillerie vom Kaiser Napoleon!" Edmund grinste schief, aber nicht unsympathisch, weiß der Teufel, wann es den Kaiser Napo ... ach was. "Artillerie klingt zu gut, um wahr zu sein," umschiffte Edmund die Geschichtslücke elegant. "Und ja, ich glaube ich habe ihm von meiner Nachbarin erzählt, der Papouschek, mit der ich schon seit immer ein Pantscherl habe, da gab's die Hermine und den alten Herrn Papouschek noch." Edmund schneuzte sich ausgiebig und meinte, über die Papouschek habe er Recht viel geredet.

Ron sagte, er müsse alles hören. "Die Papouschek, das ist ein heißer Feger! Die hat früher im Moulin Rouge getanzt, in der Walfischgasse. Die sind kilometerlang angestanden, um ein Autogramm zu bekommen, damals. Das Rouge erlaubte ihr nichts sexuelles im Haus, das war ganz streng. Ich hab sie jeden Abend im Streifenwagen nach Hause gefahren und sie hat mich reichlich entschädigt, die liebliche Papouschek." Die Erinnerungen ließen Edmunds Augen feucht werden, oder war's der Staub? "Erst machte sie es mit mir im Streifenwagen, nach einigen Tagen führte sie mich in ihr Schlafzimmer, weitab vom alten Papouschek. So begannen wir ein echtes Gspusi, täglich. Pflichtgemäß meldete ich es dem Gruppenleiter, er vermerkte es in der Akte und zuckte mit den Achseln, es war ihm egal. Weitermachen!"

"Sobald sie das Rouge verlassen hatte, empfing sie zahlende Verehrer daheim, hunderte. Ich mußte die ganze Zeit hinter der spanischen Wand stehen und auf sie aufpassen. Meinen Gruppenleiter interessierte nur, ob sie mich dafür bezahlte, was nicht der Fall war. Ja, das alles habe ich dem Schröder peu a peu erzählt, und daß ich bei hunderten von Treffen Augen- und Ohrenzeuge war. Ja, ich erzählte dem Schröder, daß ich die Hermine jahrelang nicht mehr anrühren durfte, wegen ihres Heilands. Ich war jung und fesch und hatte nicht vor, wie ein Mönch zu leben. Die Papouschek hatte wirklich eine Schwäche für mich und nahm meinen bewaffneten Schutz gerne in Anspruch. Inzwischen sind wir beide älter geworden, die Papouschek hatte recht viel für ihre Rente gespart und konnte mit dem Huren aufhören. Und seit die Hermine nicht mehr ist, bleibe ich die ganze Nacht bei ihr. - Der Schröder erzählte mir nur wenig detailliertes über seine Pflegerin, die Tschechin aus Bratislava. Das einzig Interessante war für mich, daß die Tschechin nur und ausschließlich die Missionarsstellung wollte. Sie jammerte unendlich, weil sie ihn nach der Pause mit dem Mund steif machen mußte. Sie rannte sofort zum Waschtisch, um sich das Maul fluchend auszuwaschen, wenn sie es übertrieben hatte. Sich in ihrem Maul zu ergießen, das fand der Schröder köstlich und lustig. Das ist alles, was mir im Augenblick einfällt, Inspektor." Ron war noch nicht mit ihm fertig. "Du wirst ihm auch dies und das erzählt haben. Das muß ich natürlich auch wissen, und ganz genau sogar."

Edmund wurde unsicher. "Ronald, so viel Neues konnte ich ihm gar nicht sagen. Er hat ja die Wasserleitungen in eurem Trakt erneuert, er kannte natürlich euch alle. Den Präsidenten, Bodnar, Rosenblatt, die Morgentau und dich natürlich. Da warst du schon mit dabei, als er die Wasserleitungen installiert hat. Oder vielleicht nicht? Er kennt jeden in der Abteilung, hat euch wohl an der Kaffeemaschine belauscht, der Schlingel. Wer mit wem, sogar das vom Rosenblatt und seiner Tochter Elli wußte er. Meist hat er geredet, ich habe kaum etwas beigesteuert. Ja, vielleicht das vom Bodnar, das habe ich vielleicht ausgeplaudert. Daß der Bodnar und die Morgentau wohl eine Woche nicht miteinander geredet haben, sonst waren sie ja wie Turteltauben. Die Morgentau sei fremd gegangen, ging die Mär. Aber was genaues weiß ich selbst nicht. Und ja, daß du schon seit Wochen auf Urlaub bist, da hat er die Ohren gespitzt. "Die werden ihn gefeuert haben, keiner von der Kripo bekommt so lange Urlaub, Edmund," hat der Schröder gesagt. Ich habe es nicht bestätigt, ich hätte es gewußt, wenn einer gefeuert wird. Ich bin immer der Erste, der das erfährt, damit ich ihn nicht mehr durchlasse. " Ron blickte Edmund scharf an. "Stimmt das, mit mir und meinem Urlaub?" Edmunds Augen wurden feucht vor Treuherzigkeit. "Damals wußte doch kein Mensch, daß du entführt worden bist, Ronald. Und sowas würde ich auch nicht an die große Glocke hängen. Nein, der Wallner ist extra aus seinem Auto gestiegen und er hat es mir selbst gesagt, daß du auf Urlaub bist, Ronald. Und dem Wallner hab ich's natürlich geglaubt. Er hat kein Wort von Entführung gesagt, unser verschwiegener Herr Präsident. Ich vermute sogar, daß seine Frau schon längst verstorben oder abgehauen ist. So, wie der Wallner auf den Arsch von der Morgentau starrt."

Ron hörte noch eine Weile dem Edmund zu, der zwar weiterschwafelte, aber die Pforte im Auge behielt und jedem salutierte, der durch durfte. Als jemand Unbekannter in die leere Potiersloge starrte, lief er schnell dorthin und Ron ging, ohne auf Edmund zu warten. Er ging direkt ins Labor. Fingerabdrücke vom guten Edmund und Frank Halter, zweifelsfrei. Man öffnet den Umschlag vorsichtig, es könnte ja eine Briefbombe sein. Nein, war es nicht. Zwei Seiten, engbeschrieben, in kindlicher Schönschrift. "Kopie in die Graphologie, zum Akt Frank J. Halter" ordnete Ron an, "die DNA brauchen wir nicht. Ich weiß, wer ihn geschrieben hat. Und zum Dechiffrieren gibt's auch nichts," sagte Ron, ein bißchen enttäuscht. Abweichungen im Täterverhalten waren immer wichtig. Immer. Jetzt erst ging er in die Abteilung hinauf. Morgentau projizierte die Seiten an die Wand. Sie lasen die schöne Kinderschrift.

Zu Handen Herrn Krim.Insp. Ronald Hofstätter

Mein lieber Hofstätter, daß der Präsident Ihnen so lange Urlaub gewährt, machte mich nachdenklich. Aber daß Sie ohne Ihre Freundin und Gespielin Urlaub machen, war eher alarmierend. Welcher Narr läßt sein Escort-Model Zuhause? Nein, das habe ich nicht geschluckt. Aber es hat unser Spiel unterbrochen, und mit Ihnen spiele ich gern Katz und Maus. Oder ist es für Sie eher Hase und Bluthund? Nein, das sind wir beide nicht. Definitiv nicht. Ich jedenfalls habe keine langen Löffel. Und Sie taugen zum Bluthund wie ein Postbeamter zum Schauspieler.

Und wenn wir schon davon sprechen, sozusagen a propos, wie der Engländer sagt. Ich habe Ihre Fatme genau beobachtet, tausendmal fotografiert. Sie ist ein Augenschmaus, alter Schwede! Ich war schon versucht, sie für einen Opernbesuch zu buchen, doch mein Smoking ist total verstaubt und ich passe nicht mehr hinein, habe in Karling ein wenig abgenommen, trotz Gym und Übungen. Aber die Fatme, die merke ich mir vor, sie wird ein ganz besonderes Leckerbissen. Auf sie freue ich mich schon im voraus.

Nun, dachte ich bei mir, wenn der Jäger schon mal Urlaub macht, warum sollte der Hase nicht auch auf Erholung gehen? Ja, das wird für Sie eine Neuigkeit sein, ich fahre mit meiner Mutter auf Urlaub, obwohl dort noch Krieg ist. Sie vergeht vor Heimweh. Natürlich hat der Herr Präsident schon herausgefunden, daß ich meine Mutter gegen eine Nachbarin ausgetauscht habe. Tut ihr nichts, sie macht es nur, weil sie dringend das Geld braucht. Sie weiß wirklich nichts, weder über mich noch über meine Familie und schon gar nichts über unsere guten Werke. Also, wir fahren, aber ich verspreche, wiederzukommen.

Präsident Wallner sprang von seinem Stuhl auf. "Morgentau, sofort ins Landl! Ins Graue Haus. Sehen Sie nach, ob die Halter wirklich entwischt ist!" Morgentau rannte wie ein Blitz los. Wallner zündete sich ungewöhnlicherweise eine Zigarette an. "Weiter im Text!" kommandierte er, aber die Zornesfalte auf seiner Stirn brannte lichterloh.

Nun, ich bin schon gespannt, ob Sie Mumm genug haben, uns zu folgen. Ich rate dringend ab, die Luft ist bleihaltig dort. Noch eins, weil wir schon beim Blei sind. Die Frau Morgentau, das ist eine unter jeder Sau. So wie sie meine Mutter verhört hat, das stinkt nach Gestapo. Meine Mutter hat viel geweint, weil sie alles gestehen mußte, Dinge die mit unserem Spiel wirklich nichts zu tun haben. Ich werde sie mir vorknöpfen, soviel ist gewiß. Wäre nicht die erste Polizistin, die ich erwürge. Ja, ja, rennen Sie nur zum Innenminister, lassen Sie sie nur brav unter Bewachung stellen. Die Bürgerinnen werden sich sicherer fühlen ohne diese gewissenslose Gestapo-Beamtin auf freier Wildbahn, und wie Sie sich erinnern, halten mich Personenschützer nicht ernsthaft auf. Wie ich hörte, ist der arme Kerl im Spital gestorben, das passierte ohne Absicht. Kismet.

Ich werde natürlich nicht sagen, wie lange ich fort bleibe, ein bißchen Spannung soll ja sein. Weiß es selbst noch nicht und wie lange meine Mutter die Heimatluft atmen will. Einen Monat, ein Jahr? Wer kann das schon sagen? Ich weiß nur ganz genau, wie es enden wird. Wir werden uns in High-Noon-Manier gegenüberstehen, beide das Gewehr im Anschlag. Einer wird blinzeln, einer wird abdrücken und einer wird davonkommen. Das würde meinem Vater Artem sehr gut gefallen. Er wird von unten aus der Hölle heraufschauen und auf mich wetten. Und ich werde ihn verdammt nochmal nicht verlieren lassen. Das bin ich ihm schuldig.

Zum guten Schluß, ich freue mich schon, das Spiel fortzusetzen. Bis dahin nur ein bißchen Geduld, wie immer Ihr Spielkamerad

Frank J. Halter, der nämliche

Ron hatte den Brief laut vorgelesen. Stehend, vielleicht konnte er so einen besseren Überblick bekommen. Er drehte sich zu seinen Kollegen. "Hinweise, jede Menge. Aber wir sollten es diesmal anders machen, den Text erst Mal so nehmen, wie er da steht und dann erst im zweiten Schritt die Hinweise herauspuhlen." Er wandte sich unvermittelt zu Bodnar und zeigte mit dem Finger auf ihn. "Bodnar, an welchem Tag war das Länderspiel gegen Dänemark?" Bodnar schluckte überrascht, dann kramte er in seinem Gedächtnis. Rosenblatt platzte heraus, "28. Juni, 0:3. Die Dänen haben's uns aber gegeben! Und die Elli hat mich dauernd vom Spiel abgelenkt, sie ist voll in der Pubertät!" Bodnar machte mit der Hand eine abschätzige Bewegung. "Erspare uns bitte die Details, du altes inzestuöses Ferkel!" Ron notierte sich das Datum. "An diesem Tag hat der Halter den Brief beim Pförtner abgeliefert. Und ich habe den guten Edmund schon verhört, wir sollten alle Details mit aufnehmen. Hier, das hat der gute Edmund zu Protokoll gegeben." Er berichtete Wort für Wort vom Gespräch mit dem lieben Edmund. Nur der Präsident hatte einen Einwurf. "Ich starre doch nie auf Morgentau's Arsch, meine Herren. Ich kann mich benehmen." Ron grinste, weil Wallner knallrote Ohren bekommen hatte.

Präsident Wallner blickte in die Runde. Bodnar, Rosenblatt und Hofstätter blickten betreten zu Boden, natürlich starrte Wallner immer auf Morgentau's Arsch. Und noch was mußte Wallner richtigstellen. "Meiner Frau geht es blendend, die bleibt bei mir. Tja, die hatte früher den berühmten tschechischen Arsch, aber das geht euch einen Schmarren an. Sie ist da, egal was Edmund sich aus den Fingern saugt. Sie liegt auf der Couch, stopft sich Chips hinein und schaut sich diese unsäglich blöden Shows und Seifenopern an. Ein kurzes Hallo, sie löst ihren Blick nicht von der Scheibe und ich kann diese Shows einfach nicht mehr sehen. Ich geh also rüber zur Nachbarin, der Ludmilla Becherowa. Die ist zwar erst 46, aber sie war mal Staatsmeisterin im Eiskunstlauf und macht den besten Kaffee in Wien. Die Araber würden in Scharen hierher pilgern, wüßten sie ihr Geheimnis. Wo ehrliche Christenmenschen einen Schuß Grappa oder Zwetschkernen beifügen, dort gibt sie einen Schuß Cannabis-Öl dazu." Bodnars Kopf zuckt hoch. "Cannabis-Öl?" Wallner winkt ab. "Nur die Ruhe, Bodnar. Medizinisches aus der Apotheke, mit Rezept, alles legal. Vermute ich." Bodnar dreht ihm den Rücken zu, bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Ring und stößt den anderen Zeigefinger mit einer obszönen Geste rein-raus. Rosenblatt muß sein Gesicht abwenden, weil er sich das Lachen verbeißen muß.

Wallner merkt, daß etwas faul ist. Er rudert wild, um dem Maelstrøm zu entkommen. Ron lehnt am Türrahmen und hat seine Gesichtmuskeln unter Kontrolle. Wallner nimmt das Ruder erneut verzweifelt in die Hand. "Die Ludmilla ist blitzgescheit und wir spielen seit Jahren ein Spiel, das sie sich ausgedacht hat. In etwa so, 'ich verhöre dich und du bist der schweigsame Polizeipräsident, dem ich nichts entlocken kann'. Ein köstliches Spiel, meine Herren. Sie kriegt natürlich nichts aus mir heraus, nur die krausesten Lügenmärchen. Spicy, meistens, die Ludmilla schweinigelt ja so gerne." Wallner bricht ab und sieht von einem zum anderen. "Und du starrst auf ihren Arsch, auf ihren prächtigen tschechischen Arsch, Chef?" fragt Bodnar scheinheilig. Wallner braust auf. "Diskriminierung, Bodnar? Meine Frau wie auch Ludmilla kommen beide aus Tschechien. Beide hatten oder haben prächtige Ärsche, mein lieber Freund. Deine Rosa würde daneben verblassen!" sagte Wallner triumphierend. Ron's Miene verrät nichts. Er hatte irgendwie Mitleid mit seinem Chef, den sie wie ungezogene Mittelschüler ihren Lehrer gegen die Wand rennen ließen. Und es wird mit einem Kolbenfresser enden, dieser Motor war defekt.

Wallner stach seinen Zeigefinger in Bodnars Holzfällerbrust. "Ihr jungen Leutchen, für Euch ist Sex immer mit Romantik, Drama und Tränen verbunden. Wir älteren brauchen all das Zeugs nicht, es genügt eine nachbarschaftliche Handreichung, eine nachbarschaftliche Zuwendung und sanfte nachbarschaftliche Körperlichkeit, einzig dem körperlichen Genuß gewidmet und völlig unschuldig. Das wirst du nicht so schnell begreifen, Bodnar!" Rosenblatt brach endgültig zusammen. "Oh Heiliger Antonius!" flüsterte er tonlos, "ein drahtiger, rüstiger Präsident eingeklemmt zwischen den athletischen Schenkeln der Eisprinzessin!" Rosenblatt unterdrückte den Impuls, sich auf die Schenkel zu klopfen und wiehernd loszubrüllen. Wallner war einen Schritt zurückgetaumelt, als ihm bei Rosenblatts Einwurf klar wurde, daß er gerade vor versammelter Mannschaft seine Hosen heruntergelassen hatte. Die Nornen, um einen deftigen Streich nicht verlegen, stießen sich vergnügt mit den Ellbogen an. Die Jüngste zirpte, "Vorhang auf, nächster Akt!"

Wallners Handy summte. Nur sehr wenige kannten diese Nummer. Eine gütige Göttin wollte ihm aus der Patsche helfen. Wallner knurrte, "ja!" und wieder "ja" und das noch einige Male. "Namen wiederholen!" bellte er in sein Phone. "Aaron? Ganz sicher?" Er hörte lange schweigend zu. "Kopieren, und im Schweinsgalopp zu mir!" Er wandte sich wieder zu Bodnar. "Bodnar, du wirst ein ernstes Gespräch mit Rosa führen, und wie! Sie hat ein Vokabular, das nicht zu einer Staatsbeamtin paßt. 'Er fickt seine Mama!' Könnte man das nicht weniger vulgär ausdrücken?" Bodnar duckte sich, der Präsident hatte Recht. Wie oft hatte er Rosa schon darauf angesprochen, sich wenigstens in den geschriebenen Berichten zu zügeln, das waren offizielle Dokumente, die Jahrzehnte lang im Archiv lagerten. "Ja, Chef, ich versuch's ja!" sagte Bodnar. Er war doch nicht ein Elternteil oder ihr Anstandswauwau, verdammt nochmal! Rosenblatt warf ein, 'Er treibt Inzest mit seiner Mutter', so könnte man es richtig und vollständig ausdrücken, Bodnar." Der warf ihm einen giftigen Blick zu, schwieg aber.

Ron hatte nicht vor, weiter in Wallners Liebesleben zu stochern. Er stellte sich demonstrativ vor die Projektionswand und las Frank's Brief erneut laut und deutlich vor. Die Gemüter hatten sich beruhigt, sie lauschten und hörten intensiv zu. Der Brief war etwas Wichtiges, daran ließ Ron keinen Zweifel. Rosenblatt unterbrach ihn. "Stimmt das, hast du eine Freundin, die als Escort-Girl arbeitet?" Ron antwortete ruhig , denn Rosenblatt schien es nicht zu wissen. "Ich habe Fatme beim Undercover Einsatz kennengelernt, und ja, sie arbeitet als Escort-Girl, Madame Florence, Fleischmarkt." Rosenblatt notierte und nickte, und Ron las weiter. Bodnars Kopf zuckte vor. "Er weist dreimal darauf hin, daß er mit seiner Mutter in die Ukraine ist, vielleicht Odessa." Ron nickte grimmig. "Odessa und Ukraine wirft er uns so einfach vor die Füße. Wo er mit Sicherheit nicht ist. Oslo, Palermo, Biarritz oder Miami schon wahrscheinlicher." Rosenblatt blätterte im Akt. "Seine Mutter nimmt ein lebensnotwendiges Herzmedikament. Ja, hier ist es, Atenolol. Wird nur in Italien und Indien erzeugt. Also, Palermo oder Mumbai?" Wallner schaltete sich ein. "Das ist ein Allerweltsmedikament, jede Apotheke führt es." Ron war mit Wallner einer Meinung, das Medikament half nicht weiter.

Morgentau stürmte in den Konferenzraum. Sie schwang einen USB-Stick, doch der Präsident übernahm die Führung. "Setz dich, Rosa, und hol erstmal tief Luft. Rosenblatt, bring ihr einen Kaffee. Und nun, Rosa, erzähle alles der Reihe nach und sprich wie eine Staatsbeamtin, nicht wie eine Gossenschwalbe. Fang von vorn an." Rosa nickte und holte tief Luft. "Es stimmt, Frank hat seine Mutter ausgetauscht. Wann und wie, war nicht klar. Die Frau ist nur verschreckt und befürchtet, daß wir ihr das Geld wieder abnehmen. Die Kollegen führen sie dem Journalrichter vor, mehr als eine Verwarnung wird sie nicht bekommen, und das Geld darf sie auch behalten. Aber nun zu Frank. Eine goldene Brille und ein gut gefälschter Ausweis, und schon ließ man Dr. Aaron Weissman zu seiner Mandantin. Anwaltsbesuch im Anwaltszimmer, alles nach Vorschrift. Nur Video, kein Audio. Ich habe alle Videos überflogen, er bestieg erst seine Mutter, nach dem Austausch dann die Nachbarin. Die gute Frau wußte gar nicht, wie ihr geschah." Präsident Wallner unterbrach sie. "So ein Schweinehund! Dr. Aaron Weissman ist wohl einer der anständigsten Anwälte, er würde sich für so einen Mummenschanz garantiert nicht hergeben. Ich war letztes Jahr bei seinem Geburtstagsempfang eingeladen, mit Ludmilla am Arm. Sein 89. oder 91. Geburtstag. Dieser Frank Halter ist ein gerissener Hund. Klaut die Identität eines Unbescholtenen, das hält jeder Nachfrage stand. So ein gefinkelter Hund!"

Rosa setzte fort. "Es ist mir bekannt, daß die Halters eine Inzest-Beziehung haben, steht in meinem Bericht, schwarz auf weiß. Aber es im Anwaltszimmer zu .... tun, das grenzt an widerliche Frechheit. Er streckt uns die Zunge raus, der schmierige Typ. Und wir hecheln Schritt für Schritt hinterher, fragen uns, wie er auf den Aaron Weißmann gekommen ist. Ich habe überschlagsmäßig recherchiert, der Austausch muß am oder um den 1. Juli stattgefunden haben. An diesem Tag wurde die Wachmannschaft regulär abgelöst. Frank muß es gewußt haben. Die neuen Wachleute bekamen nur die Nachbarin zu Gesicht, für sie war sie die Frau Halter. Teuflisch und perfekt. Dr. Weißmann hat die gute Frau Tag für Tag ... über den Tisch ... gelegt, bis zum 23. August, seinem letzten Besuch." Rosa blickte zu Wallner. "Habe ich die pikanten Stellen gut bewältigt, Herr Präsident?" Wallner nickte lächelnd. "Schreib es so ins Protokoll, halte es so klar, und keine Schweinereien. Wir sind vereidigte Staatsbeamte, wir drehen hier keinen Porno." Ron blickte zu Rosa und hob die Augenbrauen. "Sonst?" Rosa blickte ihn direkt an. "Der Präsident hat angeordnet, ich soll die Videos aus dem Anwaltszimmer kopieren. Ich lade sie hoch, die erste Hälfte mit Frau Halter, die zweite Hälfte mit der Nachbarin, einer gewissen Rachel Kerzendocht. Ich habe sie selbst befragt, sie ist sehr um ihren Ruf besorgt, sie pflegt ihren bettlägerigen Ehemann, sie ist eine keusche und gläubige Jüdin und geht nur bei absoluter Notlage fremd, aber nur mit Beschnittenen aus der jüdischen Gemeinde, sie hat dort genügend Interessierte. Sie hat es nur gemacht, weil Frank sie überredet und ihr das viele Geld im voraus gegeben hat. Er sprach nur vom Gefängnis, nicht von sexuellen Gefälligkeiten, da hätte sie garantiert abgelehnt. Ich meine, sie spielt nicht mal eine Statistenrolle, obwohl sie sehr aufgewühlt und erregt ist, weil sie sich da Frank täglich ... an 52 Tagen ... hingegeben hat, Herr Präsident. Ich glaube, der Frank hat sie zuerst einfach überrumpelt und dann erst hat ihre starke sexuelle Natur sein Recht eingefordert." Wallner nickte gnädig, "Siehst du, Rosa, es geht auch mit anständiger Wortwahl. Bravo!"

Morgentau überflog Franks Brief an der Projektionswand. "Ah, er will uns in die Ukraine lotsen, na klar. Ich würde eher in Grönland suchen, du Hirni. Auf mich peckt er aber ordentlich ein. Nu ja, immerhin weiß ich, wie man ein erfolgreiches Verhör führt, mein lieber Freund. Und den Inzest hat er uns portofrei nachgeliefert, denn er weiß, wann er verloren hat. Die arme Frau Halter, die arme Frau Kerzendocht. Eine anständige Jüdin, die ihre Unschuld opfern muß. Er schämt sich nicht, die alten Damen nackt und gedemütigt vorzuführen. Und wie er auf deine Fatme losgeht, Ron, das darfst du nicht auf die leichte Schulter nehmen. Frank Halter ist ein mehrfacher Mörder, ein Polizistenmörder, ein Monster ohne Gewissen. Fatme steht nun auch auf seiner Liste."

Fatme kam kurz vor Mitternacht, duschte und legte sich neben Ron. Ja, sie hatte es natürlich mit dem Gast gemacht, rasch, professionell rein-raus und ohne Leidenschaft, ohne großes Programm. Doch Ron war mit seinen Gedanken ganz woanders. Er berichtete von Frank. Sie nahm es gelassen hin. "Soll ich mich vielleicht fürchten, Hakim? Als Escort laufe ich täglich Gefahr, von einem reichen Idioten erwürgt zu werden. Da habe ich Angst. Dein Massenmörder, dein Frank kann mich am Arsch lecken, verzeih mir die Grobheit. Ich gehe ohne Personenschutz zum Escorting, das wäre geradezu lächerlich. Sag mir, wenn Frank wieder da ist, ich werde meine Augen offenhalten. Viel wichtiger ist, ich habe das erste Semester mit Bravour bestanden, das ist für mich wichtiger als dein Frank und seine wirren Ankündigungen. Kündige den Angriff nicht an, greife an. SunTsu, und der Frank sollte das Werk des alten Chinesen sorgfältiger lesen, denn seine Sicht gilt auch heute noch."

Ron umarmte sie herzlich. "Mit Bravour, sagst du?" Fatme nickte. "Lauter 'sehr gut', in allen Fächern. In allen." Ron stand auf und holte den Champagner aus dem Kühlschrank. "Habe ich an dem Tag besorgt, als du zu den Prüfungen angetreten bist. So sicher war ich mir! Und jetzt 10 Tage Pause, dann das zweite Semester?" "10 Tage Pause? Der Scheißzuhälter hat mich für jeden Abend gebucht und den Kerlen schon den dreifachen Tarif für das Happy Ending abgeknöpft, wie ich es verlangt habe. Wenn du mich fragst, ist das Madame Florence's Einfluß. Sie haßt es, wenn ein Escort keine Lust auf das Happy Ending hat, das alte Mutterschwein. In ihrem Jahrhundert hätte kein Escort-Girl sich dagegen zu verwehren getraut." Sie tranken den Champagner, Frank und die Florence blieben draußen.

Franks Brief blieb zwei Wochen an der Projektionswand. Frank hatte sein Programm laut und deutlich kundgetan. Die restlichen Frauen auf seiner Liste plus Morgentau plus Fatme und dann High Noon. Wallner fragte halb im Ernst, wie gut Ron mit dem Gewehr sei. Ron winkte ab. "Ich trage meine Pistole jetzt jeden Tag und mit dem kann ich eigentlich ganz gut umgehen. Ich lege jeden Montag beim Waffenmeister die Schießprüfung ab, die eigentlich nur einmal im Jahr verpflichtend ist. Ich bereite mich gewissenhaft vor, Herr Präsident." Wallner nickte, er hatte es ja selbst dem Waffenmeister genehmigt. Ron konnte gut schießen, daran würde es nicht liegen. Nur dieses Warten, das war zermürbend.

Rosenblatt fuhr mit Tochter Elli über Weihnachten für 10 Tage zum Schifahren nach Bad Gastein im Salzburgerland. Jeder Einzelne in der Abteilung mahnte ihn, Dienstausweis und Waffe mitzunehmen. Rosenblatt winkte ab. Das war doch klar, solange Frank Halter nicht hinter Schloß und Riegel war, trug auch er die Dienstwaffe täglich. Er saß mit Ron in der Kaffee-Ecke. Zu Ron hatte der Ältere Vertrauen gefasst. "Wie stehen die Chancen, daß Frank sich gerade meine Elli schnappt, Ron?" Der dachte länger nach. "Ich überlege genau das Tag für Tag, Rosenblatt. Unsere ganze Abteilung, wir alle sind die Bluthunde, die ihn hetzen und hetzen werden. Die Morgentau und meine Gefährtin hat er namentlich und ausdrücklich bedroht. Hoffen wir, daß er von Elli und Bodnars Tochter nichts weiß, obwohl ich überzeugt davon bin, daß er über uns alle genauestens Bescheid weiß. Er ist gründlich und gewissenhaft, das muß er sein." Sie unterhielten sich noch eine Zeitlang.

Rosenblatt sagte, daß ihn die Sache mit den Kondomen ziemlich nervt, wenn es gestattet ist, über Privates zu reden. Ron nickte, nur zu, es gibt auch ein Leben außerhalb des Aquariums. Rosenblatt nickte geknickt. "Die Elli ist so unvernünftig, sie nimmt das mit dem Kondom überhaupt nicht ernst. Und ich sterbe tausend Tode, Ron, wenn sie uns wieder unvernünftig sein läßt. Dreimal in der Nacht, wie ein Überfall." Ron klopfte ungeduldig auf die Tischplatte. "Pille?" fragte er. Rosenblatt schüttelte seinen Kopf resigniert. "Die Gynäkologin besteht darauf, daß die leibliche Mutter mitkommt, steht so im Gesetz. Und das geht nicht, ich will die Schlampe nie wieder sehen." Ron sagte, "Du bist unvernünftig, Rosenblatt. Das mit den Kondomen passt nur, wenn man sie auch überstreift. Die Pille könnte Elli zum Frühstück nehmen, du hättest es im Griff. Vergiß deinen dummen Stolz, nimm die Schlampe mit und ignoriere sie einfach. Wie eine Fliege auf deinem Handrücken, so oder so ähnlich. Nimm die Schlampe mit, Rosenblatt. Eine Schwangerschaft wäre doch schlimmer, oder?" Rosenblatt nickte kreidebleich. "Mein schlimmster Albtraum, Ron." Ron lehnte sich vor, betonte jedes Wort. "Besorge die Pille, Rosenblatt, unbedingt und rasch. Da mußt du durch, Rosenblatt. Für Gott, König und Vaterland. Winston Churchill. Ich sage das so ins Blaue hinein, ich kenne ja weder Elli noch die Schlampe noch Euren Kelch."

Rosenblatt zückte sein Handy. "Habe von beiden nur Nacktfotos, sorry." Ron betrachtete erst die Bilder von der Schlampe. "Ihr Blick allein ist eine Todsünde, Rosenblatt. Wie konntest du nur?" Er blätterte die Fotos mit der Schlampe durch, langsam, Bild für Bild. "Ich verstehe es, dieses Weib ist definitiv ein Vulkan. Sie hätte oder hat dir nur Hörner aufgesetzt, ich kenne solche Frauen zur Genüge." Rosenblatt nickte, ganz geknickt. "Nichts als Schulden und die Elli, das hat sie mir gelassen, die Schlampe. Ich stottere noch heute ihre Raten ab." Ron blätterte weiter. Das war also Elli. Ein pummeliges, freches Gör, ähnlich geil und unzüchtig posierend wie ihre Mutter. Elli trug eine dicke, unvorteilhafte Brille. Die Kleine posierte sehr ungeniert, wollte Papa mit ihrer Freizügigkeit anketten und hatte offensichtlich Erfolg damit. Ron blätterte langsamer, Elli hatte etwas, das bestimmte etwas. Ein Mädchen, um sich in ihr zu verlieren, dachte Ron. Nach dem letzten Bild reichte er Rosenblatt das Handy. "Laß es bloß nicht Bodnar oder Morgentau sehen. Die würden dich fertigmachen, denn daß wir eine Familie sind, das sehen die beiden wohl anders." Er überlegte einen Augenblick. "Elli ist ein sehr hübsches Kind, mit sehr viel Sex-Appeal und ich kann gut verstehen, daß du sie dir nimmst, Rosenblatt. Behandle sie gut und sieh zu, daß sie langsam und natürlich erwachsen wird. Sie muß nicht zwingendermaßen eine Schlampe werden wie deine Ex. Nicht, wenn du ein guter Vater bist, Rosenblatt."

"Ein gutes Gespräch, Ron. Danke dafür. Ich werde die Augen schließen und die Schlampe die Pille besorgen lassen. Für Elli, nur für Elli. Und natürlich für Gott, König und Vaterland. Du bist nicht der einzige, der Churchill gelesen hat. Nur hat er das ganz anders gemeint. Die Engländerinnen sollten die Augen schließen und sich kleine Babies, zukünftige Soldaten, machen lassen, für Gott, König und Vaterland. Aber schon gut, ich weiß, wie du das meinst. Ich sollte die Anwesenheit meiner Ex runterschlucken, um Ellis Willen. Ja, das sollte ich dann wohl." Rosenblatt stand auf und reichte ihm die Hand. "Danke, Ronald Hofstätter. Ich weiß jetzt, an wen ich mich wenden kann, wenn ich einen Freund brauche." Ron setzte sich wieder, um seinen Kaffee auszutrinken. Er hatte ein bisschen ein schlechtes Gewissen, denn sein Handy hatte insgeheim alle Fotos von Rosenblatts Handy kopiert. Alte, schlechte Gewohnheit aus den Tagen in Undercover. Er würde die Körper der Schlampe und Ellis noch lange genußvoll studieren, vielleicht auch Fatme zeigen. Sie würde Augen machen.

Ron lag auf seinem Bett und sah sich die Videos aus dem Anwaltszimmer chronologisch durch. Er verband sein Handy mit dem großen Flachbildschirm, das war eine gute Idee. Er wußte selbst nicht, was er erwartet hatte. Am Inzest war nur das Wissen darum etwas Außerordentliches. Rein technisch war überhaupt nichts Besonderes daran. Er überlegte, die Frau Halter mochte schon auf die 70 zugehen, Frank war 52. Er war sehr großzügig ausgestattet, aber das interessierte Ron wenig. Er versuchte sich im Lippenlesen, kam jedoch nicht auf einen grünen Zweig. Die beiden redeten miteinander, vor allem schien Frank mit ihr zu sprechen. Seine Lippen waren kaum zu sehen, es machte wohl keinen Sinn, die Frau Koppe zu bemühen, die offizielle Lippenleserin. Er schaltete ab, als Fatme vom Escorting heimkam. Sie war die Hauptperson, Frank und seine Mutter konnten bis morgen warten.

Fatme kam aus der Dusche und fragte, was das gerade war. Er erklärte es ihr. "Oh, das hätte ich auch gern gesehen, aber ich bin schon zu müde dafür." Ron nickte, er war kaum bei der Hälfte, sie könne ja morgen zuschauen. Fatme dachte kurz nach. "Ja, Morgen gehe ich Nachmittags zu Papa, bringe ihn sein Geld. Bin zum Abendessen sicher da, muss noch lernen. Aber wir können ja gemeinsam gucken. Okay?" Ron nickte und umarmte sie sanft. "Es ist eigentlich Polizeiarbeit, teilweise. Es ist für mich okay, wenn du es auch sehen willst, Fatme."

Am nächsten Abend kam Fatme schon zum Abendessen, Ron hatte Shrimps gebraten, eines ihrer Lieblingsgerichte. Er sah sie nur an - immer, wenn sie Papa besucht hatte, wirkte sie wie ein kleines, verletzliches Mädchen. Er sagte auch kaum etwas, bei solchen Gelegenheiten waren es die sanften, zarten Berührungen, mit denen er sie lieb hatte. Schon lange fragte er nicht mehr, wie es bei Papa war. Er konnte ja sehen, wie verletzlich und fragil sie in ihrer Seele war. Ron machte die Küchenzeile klar und legte sich neben sie aufs Bett. Frank und seine Mutter auf dem Bildschirm. Fatme sog die Luft scharf ein, als sie Franks Gemächt zum ersten Mal sah. "Oh! - Und die Frau, sie ist seine Mutter?" fragte sie und er nickte. "Eigentlich hoffe ich, seine Lippen zu lesen. Bin nicht schlecht darin, aber er dreht sich meistens weg, er weiß anscheinend, wo die Kamera ist." Er spulte immer wieder vor, es war immer das Gleiche.

Doch dann knuffte ihn Fatme in die Seite."Das ist eine andere Frau, Hakim." Er spulte zurück. Sie sah wirklich wie eine Doppelgängerin aus. Aber sie war definitiv nicht seine Mutter. Nun gab es einen Disput, doch Frank zog sie unerbittlich aus. Sie war einige Jahre jünger als seine Mutter, ihr Körper strahlte eine Menge Sex-Appeal aus. Wenn er das Bild anhielt, konnte er sogar ihre Tränen sehen. Ihre Körpersprache war defensiv, aber sie konnte Frank nicht aufhalten. Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sie sein Gemächt erblickte. "Die Frau sagt," kommentierte Fatme, "sie sagt, sie hätte es noch nie mit einem Unbeschnittenen gemacht. Eine anständige Jüdin macht es nur mit Beschnittenen, auch beim Fremdgehen. Und schau, er zieht seine Vorhaut ganz zurück und redet auf sie ein, klatscht ihr sein großes Ding ganz einfach in die Hand. Schau, wie sie die Augen verdreht! Angewidert und doch neugierig betastet sie die Vorhaut, zieht und wendet sie, denn sie hatte sowas noch nie gesehen. Sie schüttelt den Kopf, nein, noch nie hatte sie einen Unbeschnittenen in sich gehabt! Schau, wie er grinsend die Vorhaut vor und zurück schiebt, und ein Leuchten der Erkenntnis gleitet über ihr Gesicht, als sie begreift, daß die Unbeschnittenen auf diese Weise masturbieren. Zögerlich nimmt sie den Schwanz wieder in die Hand, schiebt die Vorhaut vor und zurück, unschlüssig und verwirrt. Sie deutet ihm, er wäre viel zu groß dimensioniert! Nein, dafür gäbe sie sich nicht her! Doch er überzeugt sie mit seinem Charme, das sehen wir genau. Jetzt, jetzt läßt sie die Schultern hängen. Er hat gewonnen!" Fatmes Gesicht verzog sich vor Abscheu.

Kerzendocht und Weißmann mußten sich ordentlich anstrengen, es in ihr Loch hineinzuzwängen. Sie mußten beide hart und angestrengt zusammenarbeiten, bis er sein Ding dort hatte, wo er es haben wollte. Ron spulte mehrmals zurück, sah sich die Entwicklung genau an. Das also war die keusche Frau Kerzendocht, und sie wehrte sich anscheinend ein ganz klein bisschen gegen Frank, aber sie hatte keine Chance. Er sah es sich Frame für Frame an, und er fand den Moment, wo sie aufgab, oder ihren starken Trieben nachgab. Dieser Moment konnte für Frank kein Triumph sein. Sie blickte ihn beim Happy Ending verständnislos an, sie hätte viel mehr Zeit gebraucht, schien sie zu sagen. Sie tuschelten wohl noch eine halbe Stunde, dann kleideten sie sich wieder an. Keine Chance, die Lippenbewegungen zu lesen.

Fatme lag auf seinem Schoß, als die nächste Runde lief. "Ich konnte nur sehen, daß er sie gegen ihren Willen genommen hat. Du hast den Moment gefunden, an dem sie aufgegeben hat. Für die Frau war es nur eine Strapaze, kein Augenblick der Freude. Ich kann mich recht gut in ihre Situation hineinversetzen, Hakim." Sie dachte kurz nach. "Ich weiß nicht, warum sie sich in ihr Schicksal ergeben hat. Rein gefühlsmäßig würde ich es als Vergewaltigung einstufen, obwohl er seine Hand nicht erhoben hat. Er hat sie ganz sicher gezwungen, davon bin ich überzeugt." Ron und Fatme sahen sich die Videos weiter an. Frau Kerzendocht ging Tag für Tag mehr und mehr aus sich heraus. Es war klar zu sehen, daß sie mehr und mehr mitging und sie von ihrer eigenen sexuellen Lust getrieben wurde. Fatme hatte genug gesehen, Ron spulte vor und vor und schaute nur mehr stichprobenartig. Es ergaben sich nicht die geringsten Informationen, die diesem Kriminalfall eine Wendung oder einen Schubs gaben. Ron war am Ende etwas traurig, wie abhängig die gute Frau von ihren eigenen sexuellen Trieben geworden war. Frank hatte sie soweit gebracht, daß sie sich wie ein billiges Flittchen an seinen Hals warf und ihre Lust einforderte. Daran war einzig und allein Frank schuld. Er hatte es in 50 Tagen geschafft, aus einer ehrbaren, scheuen Ehefrau ein billiges Flittchen zu machen.

Rosenblatt war vom Schiurlaub zurückgekehrt. Bei der Kaffeemaschine stehend murmelte er Ron zu, das mit der Pille hätte geklappt und Elli war nun auch einsichtiger geworden.

Ein Tag nach dem anderen spulte hinunter, der Schnee schmolz. Es wurde Februar, März. Ron besah sich die Nacktbilder von der Schlampe und der kleinen Elli immer wieder. Wirklich ein Augenschmaus, mehr nicht.

Fatme war sehr niedergeschlagen. "Papa wird bald sterben, ich fühle es, Hakim. Er ist nicht krank, nein, so ist es nicht. Er ist einfach alt, das Leben versickert wie die Luft aus einem defekten Luftballon. Seit Mama gestorben ist, klammert er sich an mich, als wäre ich seine Frau. Aber ich bin es nicht, obwohl ich ihm alles gebe, damit er sich wie ein richtiger Mann fühlt. Aber sein Leben zerrinnt zwischen meinen Fingern wie Sand. Kannst du meine Trauer sehen, Hakim?" Ron umarmte sie innig. "Ja, mein Liebes, ich fühle es jeden Tag. Gleichzeitig weiß ich, daß ich nichts tun kann. Ich kann dich nur bitten, jede freie Minute mit ihm zu verbringen. Du sollst dich später nicht fragen müssen, ob du nicht mehr, nicht näher hättest bei ihm sein sollen." Fatme sah zu ihm auf. "Hakim, ich weiß, wie unsicher Du dich bei unserer Vater-Tochter-Beziehung gefühlt hast. Du hast mir vertraut, daß ich dich immer liebe. Ich konnte dir nie erklären, was mein Vater für mich ist. Er war der erste, zu dem ich mich legen durfte. Er war derjenige, der mir seinen Teller stumm zugeschoben hat, wenn ich hungrig war. Ja, er war es auch, der mich an den Zuhälter verkauft hat. Aber nur, um Mama und mich vor dem Hungertod zu bewahren. Er hat nicht eine einzige Münze für sich allein genommen. Er hat das Geld nicht versoffen. Er hat mir Kleider und Make-up gekauft, damit ich den Männern gefalle und Geld heimbringen konnte. Er hat Mama besser gepflegt als jede Pflegerin, er hat sie mit Liebe und Fürsorge beim Sterben begleitet. Er hat mich nie geschändet, er hat mich an sich gedrückt und mich geliebt wie kein anderer Mann sonst. Das ist mein Vater, Hakim."

Ron konnte sie nur lieben, konnte sie nur auf ihrem Pfad halten. In wenigen Monaten würde sie das zweite Semester abschließen. Sie besuchte Papa jeden zweiten Tag, oder jeden Tag, wenn sie es konnte. Sie studierte so hart, wie sie konnte, um den Nachmittag frei zu halten und sie machte sehr viele Happy Endings, um Papa das Geld zu bringen und ihm schöne Geschenke zu machen. Ron machte ihr jeden Abend ein feines Abendessen und hielt sie stumm in seinen Armen. Sie war verletzlich und fragil wie noch nie. Sie war ihm so dankbar dafür, sie hatte genug Zeit um sich zu duschen und schön zu machen für den Job, für die wechselnden, gesichtslosen Männer. Sie spulte das Programm bis zum Happy Ending mit Leichtigkeit und ruhigem Automatismus ab. Die Männer schmolzen in den Armen einer so verletzlichen, traurigen Schönheit dahin. Ihre traurigste Zeit war ihre beruflich erfolgreichste. Madame Florence wiegte ihren häßlichen Kopf, dieses Mädel war reines Gold und brachte Gold, 7 Abende in der Woche. Nein, sie war nicht dazu zu bringen, auch Nachmittags für Madame zu arbeiten. Um kein Geld dieser Welt.

Sie ruhte in Rons Armen, gesichtslose Männer flossen an ihren inneren Augen vorbei. "Wie sehr wünsche ich es mir, daß Papa zwischen meinen Schenkeln stirbt. In einem Moment größten Glücks. Er soll nicht so erbärmlich wie ein alter Hund sterben. Das hätte er nicht verdient." Ron streichelte ihre Hüfte. "Ja, Ich weiß, meine Liebste. Ich hoffe, Du kannst das deinen Tanten abtrotzen. Die tun alles, damit du und er leiden." Ron hielt die Luft an. Es war ungehörig, sich in ihre Familienangelegenheiten einzumischen. Aber Fatme nickte stumm und weinte in seiner Achselhöhle ihr Leid.

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