In Gefangenschaft

Ron kam mit schrecklichen Kopfschmerzen zu sich. Er befand sich in einem Kellergewölbe, und er war in einem vergitterten Käfig eingesperrt. Alles hatte man ihm abgenommen, seine Ausweise, Geldbörse und Kreditkarten, die Armbanduhr und sein Handy. Das einzige, was er noch hatte, war ein Päckchen Taschentücher. Und in der Ecke stand ein Kübel, wahrscheinlich als Toilette gedacht.

Kein Laut war zu hören. Jetzt erst kam ihm zu Bewußtsein, daß er an den einschläfernden, leisen Laut der Stadt gewöhnt war. Es war unmöglich, herauszufinden, wo er war. Er war während der Transports bewußtlos, er konnte überall sein, in Wien oder sonst einer Stadt. Und wer hatte ihn entführt? Kriminelle, die ein Lösegeld zu erwarten hofften? Er verwarf den Gedanken. Er hatte keine vermögenden Verwandten, die man erpressen konnte.

Das Türschloß knirschte unangenehm, als es aufgesperrt wurde. In dem dämmerigen Licht konnte Ron das Gesicht des kleinen Mannes, der eintrat, nur schemenhaft erkennen. Der nahm auf einem Hocker einige Meter entfernt Platz. Er griff hinauf zum Lichtschalter und schaltete das Licht im Käfig ein. Ron stand nun geblendet im grellen Licht, konnte den Mann noch weniger erkennen.

Der Mann ließ sich Zeit. Er nahm einen Notizblock zur Hand. Ron konnte nicht erkennen, ob der Mann eine Brille trug. Es dauerte Minuten, bis der Mann seine Stimme erhob. Er sprach türkisch.

"Hakim Elbagr, oder Ronald Hofstätter, Polizist." Es war eher eine Feststellung denn eine Frage. "Ich werde dich befragen, Hakim, und es wäre besser, wenn du mich nicht anlügst!" Die Stimme war leise und eintönig. Ron setzte sich auf den Boden und starrte stumm in die Dunkelheit, wo der Mann saß.

Der Mann befragte ihn lang und breit zu seiner Person, seinem Werdegang, seinem Undercover-Einsatz und Details aus seiner Jugend. Ron beantwortete alles, was öffentlich über ihn bekannt war. Was jedermann mit ein paar Mausklicks im Internet herausfinden konnte. Viele Fragen kreisten um seine Schulzeit in Istanbul. Ron achtete auf seine Antworten, sagte kein Wort zuviel. Manches hatte er schlichtweg vergessen, wie der Geografieprofessor hieß, beispielsweise.

Die Befragung hatte über eine Stunde gedauert, Ron hörte den Kugelschreiber über den Notizblock kratzen. Der Mann stand auf. "Magst du Hühnchen, Hakim?" fragte er im Hinausgehen, nachdem er das grelle Licht ausgeschaltet hatte. Ob er sein Kopfnicken gesehen hatte, wußte Ron nicht.

Eine alte Frau mit Kopftuch brachte ihm einen Plastikteller mit Erbsenreis und andeutungsweise zerkleinertem Hühnchenfleisch. Er aß schnell und hastig mit dem Plastiklöffel, denn die Frau wartete, bis er fertig war. Sie ließ die Wasserflasche zurück, als sie wieder ging. Ron bekam nun jeden Tag zweimal Erbsenreis mit Hühnchen und zwei Flaschen Wasser, drei Liter. Die alte Frau schien taub zu sein, jedenfalls kam kein Gespräch zustande.

Neben dem Eimer eine zerfledderte Ausgabe des Tages-Anzeigers. Die auflagenstärkste Tageszeitung, marktschreierisch und kein Muster für guten Journalismus. Es war eine alte Ausgabe, über zehn Tage alt. Ein Hoffnungsschimmer glomm auf, Lesen war die einzige Ablenkung.

Ein Vogel setzte sich auf das Fenstersims. Ron wußte, es war kein Spatz, sondern ein wenig größer und sein Gefieder schwarz mit dunkelblauen Sprenkeln. "Hallo, Kamerad," krächzte Ron heiser. "Wir sind wohl beide eingesperrt, ich hier, du dort." Der Vogel legte seinen Kopf schief, eines seiner Augen schien ihn zu taxieren. Ron bückte sich und las alle Reiskörner auf, die er beim hastigen Essen fallen hatte lassen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und der Vogel flog davon, als er die Reiskörner auf das Sims fallen ließ. Sekunden später war der Vogel wieder da. Beäugte mißtrauisch die Reiskörner. Er pickte eines auf, schien es zu probieren. Mißtrauisch guckte der Vogel rundum, ob ihm jemand das Futter streitig machen könnte. Korn für Korn pickte er auf. Ron stellte sich wieder auf die Zehenspitzen, um einen Finger durch das zersplitterte Glas zu stecken. Der Vogel beäugte den Finger, aber er flog nicht auf.

Nein, für einen Raben war er viel zu klein. Und neugierig war er auch. Ron spürte, wie der Schnabel vorsichtig an seinen Fingernagel peckte. "Na, wie heißt du denn, mein Großer?" murmelte Ron. "Also, ich nenn dich einfach Vogel, in Ordnung? Weiß der Himmel, was du einmal sein wirst, wenn du erst ausgewachsen bist, ein Rabe vielleicht oder ein Adler?" Irgendwie fühlte es sich tröstlich an, einen lebendigen Zellengenossen zu haben, selbst wenn der nicht sprechen konnte.

Ein mürrisch dreinblickender Kerl mit Pistole im Hosenbund führte ihn hinüber in das Verhörzimmer, wo ihn der Glatzkopf bereits erwartete. Notizblock und Stift, der Mürrische blieb neben der Tür stehen. Ron war natürlich gleich klar, daß er ihn nicht würde überwältigen können, und selbst wenn, was dann? Ohne Plan war jeder Versuch schlichtweg nur blöde.

Eine Stunde lang Fragen, die ständig um die Frage kreiste, wie er undercover die türkische Mafia infiltrieren konnte. Oh, er gab gerne und willig alle Namen preis. Die waren alle bereits verstorben. Doch das mußte der Kerl erst mal recherchieren, wertvolle Zeit für Was-auch-immer würde verstreichen. Den Toten konnte er damit nicht schaden. Aber Verwirrung stiften, denn was hatten X und Y gemein? Daß sie türkischstämmig waren? Ron verkniff sich das Grinsen, während der Glatzkopf alles getreulich notierte.

Der Vogel schien begriffen zu haben, daß es zweimal am Tag Reiskörner gab. Ron legte etwa zwei Teelöffel davon beseite, es schien genau richtig zu sein. Nur mit unendlicher Geduld konnte seine Fingerkuppe das Köpfchen des Vogels streicheln. Der schüttelte sein Köpfchen, denn es war eine unziemliche Übertretung ornithogener Privatsphäre.

In den veralteten Ausgaben des Tages-Anzeigers konnte er die Ereignisse verfolgen. Ein Islamist hatte einen Terroranschlag in der Wiener Innenstadt verübt, Tote, Verletzte und der tote Terrorist. Die Polizei hatte ihn erschossen. Tagelang schrie die Zeitung Neuigkeiten in die Welt hinaus. Nichtraucher war er, aber er trank fallweise Alkohol. Unerhört! Waffen und Munition hatte er sich in Bratislava besorgt, die kleine Grenzstadt war urplötzlich das Zentrum des Waffenhandels. So sehr sich die Schreiberlinge um jede Nebensächlichkeit kümmerten, Ron war froh, daß keine Namen der Ermittler bekannt wurden. Natürlich mußten alle Interna von Präsident Wallner kommen, das Recht, die Journalisten offiziell zu informieren, behielt er sich vor. Ja, man hatte vor Tagen zwei weitere Personen einvernommen. Aber der Täter war und blieb ein Einzeltäter.

Er las dem Vogel aus der Zeitung vor. Es tat gut, die eigene Stimme zu hören, ja, sie überhaupt zu gebrauchen. Der Vogel hörte mit geneigtem Köpfchen zu, immerhin war es ein echter Beamter, der ihm vorlas. Es tat Ron auch gut, Emotionen zu zeigen, Verwunderung und Verachtung für die Schreiberlinge, denn diese Schwachköpfe wiederholten manche Nebensächlichkeit wenigstens elfmal. Er kicherte lauthals, und der Vogel begann nun ebenfalls zu singen. Nach vielen Tagen nun hörte Ron die Arie, hohe Stimmlage und sehr komplizierte Noten. Ron spielte kein Instrument und konnte auch keine Noten lesen, denn im Musikunterricht hatte er nur der Lehrerin unter den Rock schauen müssen, wie hypnotisiert und mesmerisiert, denn sie trug niemals Unterwäsche. Er mußte vor den Musikstunden immer ein Taschentuch in seiner Unterhose platzieren, um die unweigerlichen Samenergüsse aufzufangen. Er hörte dem Kamerad Vogel ergriffen zu, denn daß es sehr komplizierte Schnörkel waren, war selbst ihm klar. Er bewunderte den Vogel, der so gewitzt und kaskadiert seiner Umwelt die Kunde vom Terroristen kundtat.

Und Ron hörte plötzlich Stimmen. Ja, es mußten echte Stimmen sein, er halluzinierte nicht. Viele türkische Brocken, dazwischen gutturales Arabisch, das er nicht verstand. Die dumpfen Männerstimmen kamen aus der vergitterten Lüftung, das war klar. Nur allmählich formte sich das Bild. Es drehte sich um die Errichtung einer neuen, alternativen Straße von Istanbul über Wien nach Köln. Ron legte sein Ohr an das vorsintflutliche Gitter und merkte sich alle Namen. Aufschreiben konnte er ja nichts.

Gut zwei Wochen lang hörte er Türken und Araber ihre Pläne schmieden. Bruchstücke, aber unverkennbar ein Plan. Welche Händler und Einzelpersonen , welche Imame und Moscheediener willig waren, wie viel Bestechungsgeld für jeden bereitzustellen war. Die Verschwörer nannten sich nur beim Vornamen, und Achmeds, Mehmets und Güls gab es Tausende.

Und dann eine neue Stimme. Eine unverkennbare, ölige Stimme, vielleicht ein passionierter Cognactrinker. Er sprach meist amerikanisches Englisch, sein Türkisch wirklich grauenhaft und sehr primitiv. Wie paßte ein Ami in all das? So intensiv er auch zuhörte, es blieb bei seinen ersten Erkenntnissen. Man besprach mit dem Ami alle Details in langsamen Türkisch oder Türkisch gefärbtem Englisch. Und es ging dabei fast immer nur um Geld. Wer es hatte, wer es bekam und wer welchen Prozentsatz nebenher einstecken konnte. Der Ölige verschwand nach zehn Tagen wieder. Er kam wieder, und er war sehr vertraut mit den Plänen.

Aber Ron hatte sich jede Einzelheit und jeden Namen eingeprägt. Er wiederholte alles leise murmelnd, bis er nichts mehr vergessen konnte. Nun war er schon über 4 Wochen gefangen und sah keine Möglichkeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen. Ja, er wußte nicht einmal, ob er sich noch in Wien befand.

Die mürrische Alte, die ihm zweimal täglich Essen brachte und den Eimer leerte, brachte ihm einmal in der Woche eine Schüssel kaltes Wasser und ein gebrauchtes Handtuch. Es sei zum Waschen, deutete sie. Aber sie war nicht taubstumm. Während er sich wusch, blieb sie in einer Ecke stehen und telefonierte meistens. Familiäres. Türkisch. Mit welchen Hausmitteln die Tochter das fiebernde Kind zu behandeln hatte. Und so weiter. Dann beschrieb sie stockend der Tochter oder Schwiegertochter, das der Gefangene sich nackt ausgezogen hatte, und daß er seelenruhig seinen Schwanz wusch und rieb und in die Waschschüssel spritzte. Mit erstickter der Stimme flüsterte sie in das Telefon, daß er es gerade wieder noch ein zweites Mal machte und wieder in die Waschschüssel spritzte, der widerliche Kerl.

Ron hatte den Plan schon länger gefaßt. Während er der Alten den Waschtrog in die Hand drückte, stahl er das Handy aus ihrer Tasche. Er mußte blitzschnell reden, denn sie würde es nach Minuten bemerken.

Hastig wählte er seinen eigenen Apparat und unterbrach Alfred unwirsch. Er rasselte Namen und Orte in einem herunter, ohne Punkt und Komma. Er hatte richtig vermutet, die Alte tauchte auf, also beendete er das Gespräch und reichte ihr das Handy mit einem schiefen Grinsen. Es war ihm nicht mehr möglich gewesen, die Nummer zu löschen. Die Alte war einfältig und dumm nach seiner Einschätzung, sie erzählte wohl alles ihren Bossen. Sie würden seine Nummer im Polizeipräsidium herausfinden.

So war es auch. Eine Dreiviertelstunde später stürmte der Mürrische herein, warf ihm einen schwarzen Sack über den Kopf und führte ihn treppauf treppab zu einem wartenden Wagen, und los ging die Wilde Jagd im Zickzack. Es mochte keinen Sinn ergeben, sich alle Wendungen des Wagens ohne konkreten Ausgangspunkt zu merken.

Präsident Wallner war wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen, als klar wurde, daß man den Hofstätter entführt hatte. Augenblicklich mußten alle alles stehen und liegen lassen, um die Suche nach Ron mit Hochdruck zu forcieren. Das Kleeblatt schwärmte aus, befragte alle Informanten und scheuchte die Unterwelt auf. Die Entführer rührten sich nicht, es gab nichts, keine Forderungen, rein gar nichts. Niente, Zero, Nada. Präsident Wallner gab eine seiner seltenen Pressekonferenzen. Presse, Radio und Fernsehen berichteten tagelang, doch mit keinem Ergebnis. Der Innenminister befahl ihn zu sich. Zähneknirschend berichtete Präsident Wallner, daß es nichts zu berichten gab. Ron war zuletzt von einer Verkehrskamera erfaßt worden, als er in die Türkenstraße einbog, auf dem Weg in die Roßauer Kaserne, wo sein Büro lag. Der Minister was not amused.

Präsident Wallner empfing Ron's Freundin persönlich. Er war sehr überrascht, als die elegant gekleidete junge Frau in sein Büro geführt wurde. Sie war jung und eine ausgesprochene Schönheit, ihr Make-up ließ sie älter erscheinen, obwohl sie erst 17 einhalb war. Wallner blätterte in dem mageren Akt. "Fräulein Ökdemir, Sie sind die Freundin meines Mitarbeiters, Hauptkommissar Ronald Hofstätter?" Wallner bemerkte seinen Lapsus sofort. "Ich meinte natürlich Frau Ökdemir." Fatme lächelte entwaffnend. "Ja, Herr Präsident, Ich bin inoffiziell seine Verlobte." Wallner starrte mit hochrotem Kopf in den Akt. "Und Sie arbeiten als ...?" er wollte das Wort Prostituierte nicht aussprechen. "Ich arbeite als Escort-Dame, Herr Präsident, für den Escort-Service der Madame Florence am Fleischmarkt." Fatme weidete sich einen Augenblick an Wallners Verwirrung. "Kriminalinspektor Hofstätter weiß natürlich genau, was ich arbeite. Und daß ein Escort-Girl oft dem Gast zu Willen sein muß. Das war für Ronald nie ein Problem, Herr Präsident." Fatmes entwaffnendes Lächeln brachte ihn tatsächlich aus der Fassung, er war immerhin schon 71, verdammt nochmal!

Er sah auf. "Wir sind sehr besorgt, Hofstätter ist offensichtlich entführt worden. Wir haben nicht die geringste Spur von ihm. Können Sie uns vielleicht weiterhelfen, Frau Ökdemir?" Fatmes Gesicht wurde sofort ernst. "Ich will alles tun, was ich kann, Herr Präsident. Ich befrage seit zwei Tagen alle in unserer türkischen Gemeinde, aber niemand scheint etwas zu wissen. Es erstaunt mich, denn üblicherweise ist dort alles und jedes im Tratsch zu finden. Und Hakim, also Herr Hofstätter, hat viele Freunde und Bekannte in der türkischen Gemeinde, Herr Präsident." Sie biß sich kurz auf die Unterlippe. "Wir nennen ihn alle noch Hakim Elbagr, obwohl ich natürlich weiß, daß er Hauptkommissar Ronald Hofstätter mit bürgerlichem Namen heißt. - Wir sind alle so dankbar, daß er die Pest der türkischen Mafia auffliegen hat lassen. Das vergißt hier niemand."

Präsident Wallner lehnte sich in seinem Bürosessel zurück. "Gerade wegen seiner Beliebtheit hatte ich darauf gesetzt, daß einer seiner Freunde etwas weiß, vielleicht der Imam Museddin." Fatme schüttelte den Kopf energisch. "Nein, das war auch mein erster Gedanke. Aber der Imam Museddin weiß wirklich nichts, und mich lügt keiner so leicht an." Nun war es wieder da, dieses entwaffnende, professionelle Lächeln des Escort-Girls.

Präsident Wallner war natürlich enttäuscht, aber ein ergebnisloses Gespräch gehörte zum Alltag. Er lehnte sich wieder vor. "Und Sie sind mit ihm verlobt?" fragte er. Fatmes Wimpern zuckten kurz. "Sozusagen, inoffiziell natürlich nur, Herr Präsident. Vielleicht sollte ich sagen, ich bin seine Lebensgefährtin oder Geliebte, vielleicht. Richtig offiziell sind wir nicht verlobt, obwohl ich hoffe, ihn eines Tages zu heiraten. Er hat mich nicht nur dazu gebracht, jede Woche ein antiquarisches Buch zu lesen, damit ich mir Bildung aneigne. Wir hören auch seine Jazz-Platten und trinken teuren Wein, auch das soll mich weiterbilden, sagt er." Fatmes Blick sagte dem Präsidenten alles. Der Blick einer Person, die wußte, wohin sie wollte.

Der Präsident lächelt milde. "Ja, von den Jazz-Platten hat mir schon seine Kollegin berichtet." In Fatmes Augen zuckte ein Blitz. "Ja, darüber haben wir natürlich gesprochen, Herr Präsident. Wir sind sehr ehrlich miteinander, Ronald und ich. So einen kleinen Ausrutscher, das intime Intermezzo mit Frau Morgentau, beachte ich gar nicht, Herr Präsident." Ihr Gesicht wirkt plötzlich hochnäsig, dachte Wallner und dachte an die Statuette der Nofretete. "Aber selbstverständlich, Frau Ökdemir, er hat sich nicht Mal den Knöchel verstaucht bei dem Seitensprung." Präsident Wallner freute sich über sein Bild, das er von einem Seitensprung hatte. Fatmes Atem hatte sich nicht beschleunigt, ihre Brust hob und senkte sich wie zuvor.

Präsident Wallner beendete das Gespräch und erhob sich. Jetzt erst fiel ihm auf, wie hochgewachsen Fatme war. Insgeheim beneidete er Ron, denn selbst damals in seinen besten Jahren konnte er von solchen Schönheiten nur träumen. Er begleitete Fatme zur Tür und Bodnar übernahm, führte die junge Dame hinaus. Wallner erhaschte noch den kritischen Blick Rosa Morgentau's, die Fatme nachblickte. Er schmunzelte, denn natürlich wußte er Bescheid.

Bodnar, der ein Wort mit Fatme wechseln wollte, blieb stehen, als sie um die Ecke gebogen und außer Sicht waren. Bodnar, ein breitschultriger Bulle im wahrsten Sinn, fixierte Fatme mit stechendem Blick. Solche Typen verunsicherten Fatme immer, sie wappnete sich zur Verteidigung. "Hör zu, Mädel. Es ist ganz einfach. Der Hofstätter hat vom Honigtöpfchen meiner Braut genascht, meiner Rosa. Das war gar nicht in Ordnung, selbst wenn Rosa es angezettelt haben sollte. Gar nicht in Ordnung. Wenn er es wieder tut, gebe ich ihm voll in die Fresse. So einfach ist das, und ich meine was ich sage. Also sag ihm, daß er seine Finger bei sich behalten soll, sonst kracht es gewaltig in der Rappelkiste. Kannst du ihm das klarmachen, bitte?" Fatme war einen halben Schritt zurückgewichen, obwohl Bodnar sie nicht bedrohte. Aber immerhin hatte er bitte gesagt. "Ja, das werde ich, Herr Polizeireferent, sehr wohl!" Fatme folgte ihm schweigend bis zum Pförtner. Sie war versucht, Bodnar zu belehren, daß sie Frau Ökdemir sei und nicht ein "Mädel", das er duzen und herunterputzen konnte. Sie entschied sich zu schweigen, Ron hielt große Stücke auf Bodnar. Bei der Pforte reichte sie Bodnar ihre Hand, die in seiner Pranke verschwand. "Danke und auf Wiedersehen, Herr Polizeireferent!" flötete sie und ging von dannen. Natürlich wußte Fatme, was ein Polizeireferent und was ein Kriminalhauptkommissar ist. Sie grinste frech vor sich hin. Mädel! Bodnar ärgerte sich auf seinem Rückweg, Polizeireferent war er vor 35 Jahren, als Frischling. Er würde es Ronald klarmachen. Polizeireferent!

Tagelang glühten die Telefonleitungen, man weitete die Suche auf das Burgenland und Niederösterreich aus, vielleicht fand sich dort ein Krümelchen, das sie voranbringen konnte. Aber nein, nichts, Zero, Nada.

Präsident Wallner hielt jetzt jeden Morgen eine Lagebesprechung ab. Weiß der Kuckuck, wer die Idee aufbrachte, aber könnte das Schweigen rund um Frank Halter bedeuten, daß der Verbrecher Ron in seiner Gewalt hatte? Wie ein mieser, elender Schnupfen setzte sich dieser Gedanke in ihren Köpfen fest. Es war plötzlich offensichtlich, man hörte so gar nichts von Frank Halter. Der Präsident beließ seine Mutter weiter in Haft, verlegte sie alle paar Tage in ein anderes Gefängnis und mißbrauchte das Wort Untersuchungshaft. Es war ihm klar, daß er Gesetze brach, aber dieses As behielt er stur in seinem Ärmel. Aber Frank Halter blieb unsichtbar und unauffindbar, vor dem Haus der Halters saß Tag und Nacht ein Polizist. Doch es blieb völlig still um Frank Halter.

Dann, an einem friedlichen, stillen Nachmittag, schrillten die Alarmglocken. Ron hatte seinen Computer Alfred angerufen. Zwei Minuten zwanzig Sekunden lang haspelte er Namen und Orte ins Mikrofon und redete von einer Route Istanbul-Wien-Köln. Sie saßen im Konferenzraum und hörten die Aufzeichnung zwanzig Mal an. Bodnar und Rosenblatt tuschelten, sie kannten Ron am besten. Dann meinte Bodnar, es ergäbe nur Sinn, wenn man an die türkische Mafia dachte. Offensichtlich war es Ron wichtiger, ihnen so viel wie möglich über eine neue Route von Istanbul über Wien nach Köln anstatt über seine Gefangenschaft zu berichten.

Alfred hatte den Anruf natürlich trianguliert und vier Streifenwagen rasten zu dem Ort. Man mußte etwa 20 Häuser durchsuchen, doch man fand nichts. Seine Entführer waren mit Ron entwischt.

Morgentau hatte alle Orte, die Ron genannt hatte, in eine Karte eingetragen. Es war klar erkennbar, wie die neue Route aussehen konnte. Nun rief man alle betroffenen Polizeidienststellen an und legte die Karten offen. Mehr als ein Dutzend Leute wurden verhört und fast alle waren ein Treffer. Der eine gestand sofort, der andere erst nach qualvollem Verhör. Die Route war zerschlagen, noch bevor sie in Betrieb ging. Präsident Wallner strahlte über das ganze Gesicht, endlich ein greifbarer Erfolg. Und es bestätigte, daß Ron noch lebte und seine Sinne scharf wie eh und je waren.

Ron grinste unter dem schwarzen Sack. Alfred hatte alles aufgezeichnet. Alfred würde abgleichen, ob es wirklich seine Stimme war. Alfred würde das Kleeblatt und den Präsidenten schon nach Sekunden informieren. Sie würden alles liegen und stehen lassen und sich die Aufzeichnung ein Dutzendmal anhören. Alfred hätte in der Zwischenzeit alle genannten Namen und Adressen ausgedruckt. Seine Kollegen würden sich alles irgendwie zusammenreimen, da Ron die neue Straße Istanbul - Wien - Köln genannt hatte. Dem vagen Hinweis "Ami mit öliger Cognac-Stimme, vielleicht CIA" würde der Präsident nachgehen. Es war ein magerer Hinweis, aber Wallner kannte alle in der US-Botschaft und einige im CIA-Büro, das es offiziell ja gar nicht gab. Sie würden mit Hochdruck fahnden. Und Alfred hatte bereits durch Triangulation den Ort des Telefonats ermittelt. Trotz Blaulicht und heulender Sirene kamen sie um einen Tick zu spät.

Ron's neues Gefängnis war ein fensterloser Weinkeller. Er blieb einen ganzen Tag mit Handschellen an einen Wandhaken angekettet, während zwei Mürrische einen Maschendraht-Käfig errichteten. Der Weinkeller war riesengroß und hatte kein Fenster. Luft hatte er genug und irgendwo gab es eine schwach leuchtende Glühbirne, die er nicht direkt sehen konnte.

Erneut war es der Tages-Anzeiger, den er in einer älteren Ausgabe neben dem Eimer fand. Es gab ihm einen Stich, als er an seinen Vogel dachte. Ja, sein Vogel, denn es hatte sich so etwas wie Freundschaft entwickelt. Er fütterte den Vogel mit Reiskörnern, dafür ließ der sich am Köpfchen streicheln, mit einem Finger nur. Und ihre gemeinsam gesungenen Arien, unbezahlbar. Und nun hatte er seinen Kameraden im Stich gelassen, um Alfred anzurufen. Eigentlich wäre es Ron zum Weinen zumute gewesen, andererseits würden ihn seine Kollegen rasch finden und befreien.

Anstatt der mürrischen Alten war es eine andere, Deutsch sprechende Türkin. Er gab ihr augenblicklich den Namen Gestapo-Liebchen. Etwa um die 40 oder 45, mit kurzer Pagenfrisur und sehr geschwätzig. Aber nichts, was von Belang war. Ron erkannte ihre offensichtliche sexuelle Aggression, sie strich ständig mit der Hand über ihre üppigen Kurven. Er war natürlich auch sexuell frustriert, aber es war sonnenklar, daß seine Peiniger die gut gepolsterte Wärterin nicht ohne Hintergedanken zum Einsatz brachten. Und sie hielten ihn für völlig verblödet, anscheinend.

Immerhin, der Tages-Anzeiger kam täglich. Die englische Königin war gestorben und Charles hieß der neue König. Viel mehr gab das Blättchen nicht her. Ladendiebstahl, eine Seniorin beim Ladendiebstahl ertappt, ein gesprengter Bankomat. Drogensüchtige jugendliche Vandalen verschmutzen eine U-Bahn-station. Entlaufene Katze nach 10 Wochen heimgekehrt. Entweder Präsident Wallner hielt dicht wie noch nie oder Frankie hatte aufgehört zu morden.

Man hatte ihm alles abgenommen, selbst seine billige Armbanduhr und das Päckchen Taschentücher. Man gab sich keine Blöße mehr, das Gestapo-Liebchen schien kein Handy zu haben. Ihr hautenges, ordinäres Kleid hatte keine Taschen. In seinem Geldbeutel befand sich ein Porträtfoto von ihm und Fatme, aus glücklicheren Zeiten. Auch das hatte er nicht mehr. Dem Vogel hatte er stundenlang von seiner kleinen Geliebten vorgeschwärmt und ihm ihre körperlichen Vorzüge und sexuellen Vorlieben verraten, so unter uns Freunden, und auch das entfiel nun.

Ron verlangte vom Gestapo-Liebchen, ihm dreimal in der Woche den Waschtrog zu bringen, um sich zu waschen. Er kümmerte sich nicht um ihre begehrlichen Blicke, wenn er sich auszog und nackt wusch. Wie immer blieb sie außerhalb des Käfigs und setzte sich auf einen Stuhl. Berechnend und ruhig wusch er seinen Schwanz, dann rieb er ihn gedankenverloren. Er starrte den langen Beinen des Gestapo-Liebchens entlang und guckte erregt unter ihren Rock. Sie schien unschlüssig, ob sie eine Hand in ihr Höschen legen wollte. Seelenruhig ejakulierte er ins Wasser und starrte das Weib an. Er rieb seinen Schwanz ein zweites Mal, diesmal viel länger, starrte angestrengt unter ihren Rock und ejakulierte erneut ins Wasser. Er zog sich mit ernstem Gesicht an, während das Gestapo-Liebchen mit hochrotem Kopf den Waschtrog fortbrachte.

Er versuchte, das Gekritzel auf den alten Weinfässern zu enträtseln, aber er hätte ebensogut babylonische Keilschrifttäfelchen anstarren können. Und, davon abgesehen, was hätte es genützt, zu erfahren, daß ein Pinot Noir, ein Chardonnay oder ein gepantschter polnischer Kartoffelvodka früher mal in diesen altehrwürdigen Fässern gelagert waren? Immerhin vermutete er, daß sich im Stadtgebiet Wiens kaum derart große Weinkeller befanden. Also Niederösterreich oder Burgenland, aber vielleicht doch Wien. Grübeln half nichts.

Die Schlüssel rasselten, als die Tür zum Weinkeller aufgesperrt wurde. Das Gestapo-Liebchen kam im Rückwärtsgang herein, beide Hände über die Schulterhöhe erhoben. Bednar und Morgentau kamen mit gezückten Pistolen hinterher. Sie blickten sich sorgfältig um und ließen die Frau den Käfig öffnen.

Ron fiel Rosa um den Hals. Bodnar räusperte sich, "wir müssen hier raus, also los, marsch-marsch!" Ron war nach 41 Tagen wieder frei. Natürlich hatte Alfred nicht nur seinen Anruf trianguliert, er beobachtete die Bewegungen seiner Entführer ganz genau und führte das Kleeblatt hierher. Ron konnte gar nicht sagen, wie gut es sich anfühlte, wieder frei zu sein.

Im Verlauf der nächsten 48 Stunden wurde die ganze Bande verhaftet. Man hatte Ron entführt, um ein As im Ärmel zu haben und denjenigen kaltzustellen, der vermutlich den Kerlen am ehesten gefährlich werden konnte. Der gesamte Plan wurde aufgedeckt und die Idee für eine alternative Route Istanbul - Köln fiel vorerst ins Wasser.

Präsident Wallner bestand auf einer medizinischen Durchuntersuchung, vermutlich gab es eine Vorschrift dafür. Danach bekam Ron eine Woche frei. Er fuhr mit Fatme nach Dürnstein, einem kleinen Ort in der Wachau. Fatme war nicht wirklich gläubig, doch sie betete ein kleines Dankgebet, als der Präsident sie anrufen ließ. Ihr Escort-Zuhälter zuckte nur mit den Schultern, als sie ihm sagte, daß sie mit Hakim eine Woche Urlaub machte.

Ron richtete sich auf. So konnte er durch das Fenster die Donau sehen, die seit Menschengedenken an Dürnstein vorbei floß. Sie waren beide schweißbedeckt, Fatme und er. Aber sie waren glücklich und einander so nahe wie schon lange nicht mehr. In diesem glückseligen Städtchen gab es weder Mafia noch Serienkiller. Präsident und Kollegen rief er einmal am Tag an, und gottseidank war es in Wien ruhig. Rons Hand strich geistesabwesend über Fatmes schlanke Kurven. "Du bist eine der schönsten Blumen, Fatme," murmelte er. "Blumen, so wunderschön anzusehen, doch sie verwelken. Und dann wirft man sie weg." Seine Hand hob ihr Kinn. "Du bist ein Escort, und ich rechne es dir hoch an, daß du damit Papa und die Familie unterstützt. Du bist jetzt 17, bald 18. Du wirst verwelken wie alle Blumen, wirst nicht mehr als Escort geschätzt und eines Tages wird du weggeworfen wie ein verwelkter Blumenstrauß. Das ist nicht richtig, das ist ungerecht."

Fatme setzte sich auf. "Hakim Elbagr, was führst du im Schilde? Du sprichst wie ein weiser Blumenhändler, der ein bestimmtes Ziel vor Augen hat und die Konkurrenz aufkaufen will. Sprich mit mir, ich bin deine Frau, deine Geliebte. Meinetwegen auch deine Blume, in Gottes Namen. Sag mir nur, woran du denkst. Sieh mich an, die Donau ist morgen auch noch da, mein Herz. Nimm mich mit in deine Gedankenwelt, laß mich teilhaben an deiner Blumenpracht."

Ron ließ ihr Kinn los, richtete seine Augen in ihre und ließ die Donau Donau sein. "Du wirst aus dem Escort-Geschäft herauswachsen, verwelken. Was willst du dann machen? Auf den Strich gehen erlaube ich dir nicht. Niemals. Du mußt dir andere Optionen schaffen, dir etwas anderes ausdenken. Der Strich ist nur ein winziger Teil der Realität, und wohl eine der Niederträchtigsten. 99% der Mädchen gehen nicht auf den Strich, sie suchen und finden bessere Möglichkeiten. Du bist wie ein ungeschliffener Diamant. Du hast die klugen Bücher in null Komma nichts verschlungen und das Wissen und Wesen dahinter aufgesogen. Du bist nicht nur einfach schlau, nein, du bist außerordentlich klug und ich bewundere dein analytisches Denkvermögen. Dinge, welche die Gentlemen an einem Escort sehr schätzen. Du könntest alles werden, Fatme. Photographin, Malerin, Bildhauerin, Lehrerin oder Krankenschwester. Bus fahren, an der Börse handeln oder Astronautin werden. Die Möglichkeiten sind endlos. Nur den Strich mußt du dir aus dem Kopf schlagen, da lasse ich dir keine Wahl."

Fatme packte sein Handgelenk. "Hakim, mein Liebster, ich kann nicht auf die schnelle eine Antwort aus dem Ärmel schütteln, schon weil ich nackt bin und keine Ärmel habe. Genug der Haarspalterei, du machst dir Gedanken über mich, und das ist für meine Seele wie Balsam. Ich werde nachdenken und dich überraschen. Profiboxerin hast du auch vergessen, mein Liebster. So gerne ich manchem Kerl auch in die Fresse hauen will, Frauen zu verprügeln steht nicht auf meiner Liste. Aber ich habe begriffen, was du mir bei dieser ganzen Sache mit Blumen, Blumenhändlern und Blumensträußen, die in deinem Köpfchen umherschwirren, sagen willst. Das ist sehr lieb von dir, Hakim!" Sie küßte seine Hand.

Ron Strich leicht über ihre schwarzen Haare. "Meine Fatme, ich fantasiere über Blumen, okay. Aber ich bin schon aktiv geworden, das muß ich dir noch beichten." Fatme blickte forschend in seine Augen. "Was hast du angestellt, Kriminalhauptobergeneralinspektor Hofstätter!?" Ron räusperte sich. "Mit deinem halben Grundschulabschluß kannst du keine Astronautin werden, heute geht nichts mehr ohne Matura. Du mußt die Matura machen, Fatme, das ist kein Scherz. Ich habe dich in einer Maturaschule eingeschrieben und das erste Semester gleich eingezahlt. Natürlich zahle ich dir das ganze Studium. Ich habe alle Formulare bei mir Zuhause, alles ist schon ausgefüllt. Ich habe ein schönes Porträtfoto von dir genommen, wo du strahlst und man dir den Escort nicht ansieht. Ich habe schon mit einem befreundeten türkischen Blumenhändler ausgemacht, daß du die vergangenen Jahre bei ihm als Aushilfskaft gearbeitet hast. Zumindest liest sich das sehr wahrheitsgetreu in deinem Lebenslauf, den du noch auswendig lernen mußt. Daß ich verdammt gut im Lügen bin, brauche ich dir ja nicht zu beweisen. Du wirst stolz auf deinen Lebenslauf sein, meine Liebste. Also, es ist alles fertig, alle Dokumente und Zeugnisse sind echt, echt gut gefälscht. Du mußt nur an drei Stellen unterschreiben, dann geht's ab zur Post. In zwei Jahren hast du die Matura und kannst alles damit erreichen. So, nun habe ich dir alles gebeichtet, Fatme."

Fatme schlug ihn scherzhaft mit einem Kissen. "Und wo hast du mich sonst noch eingeschrieben, Kriminalinspektor Hofstätter? Bei der Heilsarmee, dem Entbindungsheim und den Pfarrer schon für die Taufe gebucht, pünktlich am Dienstag um 8 Uhr 30?" Ron duckte sich lachend. "Entbindungsheim? Taufe? Um Himmels Willen, wovon sprichst du, Fatme?" Sie hielt inne. "Habe ich mir Gehör verschafft? Also, dann höre. Die Maturaschule habe ich mir schon mehrfach überlegt, aber ich hatte immer davor zurückgescheut. Kann ich weiter als Escort arbeiten, neben der Schule? Du scheinst es zu wissen, vermutlich also ein Ja. Und wie wertvoll das Maturazeugnis ist, weiß ich. Doktortitel wäre natürlich besser, weiß ich auch. Nein, ganz im Ernst, mein lieber Hakim. Ich danke dir, du gibst mir den entscheidenden Schubs, und dafür werde ich dir immer danken. Nur darüber nachdenken heißt zugleich, es nicht zu tun. Konfuzius. Nun werde ich brav die Schulbank drücken, abends als Escort gehen und dich nicht enttäuschen." Sie küßte ihn auf die Lippen.

Ron warf einen Blick auf die Donau. "Das war das Einzige, was mir Kopfzerbrechen bereitete. Du wirst um 4 oder 5 in der früh heimkommen, dich weinend unter die heiße Dusche stellen und nichts von einem weiteren Mann wissen wollen. Das, im Ernst, das betrübt mich." Fatme schmiegte sich an ihn. "Ron, Geliebter, nichts wird sich ändern. Es ist nur selten passiert, daß ich mich zu einem Gast legte, Hakim, das weißt du doch. Und da ich studiere, werde ich meinen Preis verdreifachen. Da werden wohl 99% aufgeben, denn der Geldbeutel ist der einzige Körperteil, wo sie tatsächlich noch Schmerz verspüren können. Du mußt deine schmutzige Fantasie zügeln, mein Herz. Ich werde mich noch seltener zu einem Gast legen, das verspreche ich dir." Fatme strich mit der Hand durch seine braunen Haare. "Wir haben uns nie deswegen gestritten, da das nun mal zum Escortservice dazugehört. Es hat niemals unsere Beziehung gestört. So soll es auch bleiben." Ron nickte nachdenklich. "Ja, das ist wahr. Du hast dich zu mir gelegt, denn du bist meine Geliebte. Du hast es mich nie anders empfinden lassen. Du warst immer unerschütterlich meine Geliebte, meine Frau." Ron warf einen Blick auf die Donau. "Ich wünsche, daß du die Matura machst, denn das ist deine Eintrittskarte zu allem. Ich mag dich von ganzem Herzen und muß dir diese Chance bieten. Gleichgültig, ob du erst um 4 Uhr heimkommst und keinen Mann mehr sehen willst. Wir wissen beide, wovon wir reden. Du bist oft und oft heimgekommen und hast nur noch geweint, zu Tode erschöpft von den Strapazen."

"Es tut mir leid, entsetzlich leid, Hakim." Sie barg ihr Gesicht in seiner Halsbeuge, die Lippen auf seinem Adamsapfel. "Ja, ich war jünger, ungestüm und habe mir eingebildet, ich brauche das volle Programm, mit aller Leidenschaft. Ich bin jetzt älter und verspreche dir, besonnener zu handeln. Ich werde meine Lippen mit der Serviette abtrocknen, mich wieder anziehen und heimkommen, zu dir, mein Geliebter, mein Mann." Sie küßte seinen Adamsapfel. "Du hast es heute zum ersten Mal ausgesprochen, 'meine Geliebte, meine Frau'. Eine Frau hört solche Kleinigkeiten, als ob sie aus dem Lautsprecher kämen." Ron starrte auf die ruhig dahinfließende Donau. "Wenn ich weiter so unbedacht rede, wirfst du mich eines Tages in Ketten, denn der goldene Ring symbolisiert diese Ketten." Fatme schmiegte sich noch fester an ihn. "Wenn ich dir geistig nicht folgen würde, ich hätte dich schon längst in Ketten geschlagen, mein Lieber. Du verdankst es nur meiner Aufmerksamkeit, daß es noch nicht geschehen ist. Aber ich habe das Ziel nie aus den Augen verloren. Niemals."

Ron wandte sich von der faszinierenden Donau ab. "Wir wissen beide, daß ich noch auf der untersten Stufe der Karriereleiter stehe. Und du wirst erst im September die erste Stufe erklimmen. Wir sind beide klug genug, um zu wissen, daß wir noch nicht reif für den großen Schritt sind. Wir werden wissen, wann der Zeitpunkt richtig ist. Wir, wir sind ein gutes Team, wir können uns aufeinander verlassen." Fatme umarmte ihn. "Ja, wir haben es nicht nur durchdiskutiert, es ist auch das Richtige, zu warten. Ich bin an Bord, mein Captain."

Ron fuhr mit der Straßenbahn von seinen Eltern nach Hause, als ihn die Stimme wie ein Peitschenschlag traf. Es war die ölige Stimme des Amerikaners, die er während der Gefangenschaft gehört hatte. Er war sofort hellwach und folgte dem Übergewichtigen unauffällig bis zur Amerikanischen Botschaft, wo dieser eintrat. Obwohl es Ron völlig klar war, daß sein Dienstausweis hier keinerlei Bedeutung hatte, ließ man ihn bis zur Rezeption vor. Der junge Soldat trat von einem Bein auf den anderen und rief seinen Vorgesetzten. Ron wollte wissen, wer zuletzt vor ihm gekommen war.

Sorry, sagte der Offizier, damit kann ich nicht dienen. Ron rief sofort bei Präsident Wallner an, der sollte gleich zur Botschaft kommen. "Was, wie bitte, warum?" fragte Wallner, der gerade anderweitig zu tun hatte. "Ich bitte untertänigst, Euer Gnaden möge seinen Arsch umgehend und sofort in die Amerikanische Botschaft bewegen, ohne Umschweife!" bellte Ron ins Telefon und drückte auf "Aus". Minuten später kam der Streifenwagen mit Wallner an.

Ron erklärte kurz und knapp, worum es ging. Wallner begriff sofort und rief seinen CIA-Kontakt im Haus an. Der kam, und die beiden Männer tuschelten wohl eine Viertelstunde lang in einer Ecke. Der CIA-Mann führte einige Telefonate, und Ron erkannte an seiner Körpersprache, daß sie auf Granit bissen. Wallner nahm ihn am Ärmel. "Komm, Hofstätter, wir sind hier fertig!" Ron folgte Wallner schweigend zum Streifenwagen.

"Was, bitteschön, war das?" fragte Ron bleich. Wallner blickte zum Chauffeur und dämpfte seine Stimme. "Das, mein Lieber, das ist, wenn dich der Blitz beim Scheißen trifft. CIA-Politik. Kein Mann wird preisgegeben, selbst nicht mit dem blutigen Messer in der Hand." Wallner blickte zornig drein. "Der Kerl verschwindet mit der nächsten Maschine, und wir werden keinen Namen erfahren. Er war nie da. Es gibt ihn überhaupt nicht. Ich werde zwar alle meine Kontakte bei der CIA ausquetschen, aber ich kenne das Ergebnis bereits. Nichts, Zero, Nada."

Ron blickte Wallner ruhig ins Gesicht. "Wir hätten herausbekommen können, was die CIA mit den Türken oder Arabern zu tun hat. Mir schien, als hätte der Ölige mehr mit der Sache zu tun als gar nichts. Möglicherweise verdanke ich ihm meine Entführung, hab da so ein Gefühl." Ron machte eine lange Pause. "Vielleicht habe ich eine Idee, Herr Präsident. Nichts Ungesetzliches, eventuell haarscharf an der Kante, zugegeben. Aber 41 Tage Gefangenschaft? Das stecke ich nicht so schnell weg, CIA hin oder her. Besser, Sie wissen nichts darüber, Herr Präsident." Wallner blickte zum Fenster hinaus. "Okay, aber sei verdammt vorsichtig, Hofstätter!"

Ron war vorsichtig. Er erklärte Alfred die Situation und seine Idee. Alfred brauchte keine Sekunde nachzudenken. "Die Amis auszuspionieren, das wird schwierig. Aber vielleicht müssen wir es gar nicht." Ron wartete gespannt. "Wir müssen nur die nächsten Flüge, die nächsten Passagierlisten hacken, das ist wirklich keine Hexerei. Und dann mußt du dir die Leute ansehen, vielleicht klingelt da was." Ron nickte, "Okay, so machen wir's!"

Es waren kein Dutzend Leute, die da unter den Fittichen der CIA ausflogen. Am zweiten Tag erweckte ein Mann seine Neugier. Das Paßfoto war nicht genau das, was er erwartet hätte, aber selbst Alfred konnte nicht zaubern. Andrew Webster, Geschäftsmann mit Pittsburger Adresse. Alfred fand mehrere Fotos im Internet. "Ja, der war's," sagte Ron halblaut. Er ging zu Wallner und schloß die Jalousien. Wallner kombinierte sehr schnell und rief seinen CIA-Kontakt an. Jetzt konnte er etwas selbstsicherer auftreten. Natürlich bestätigte die CIA nichts, aber man nahm die Geschichte Wallners ernst. Falls Webster ohne Auftrag sein Süppchen kochte, dann sollten seine Leute wenigstens Bescheid wissen, flötete Wallner scheinheilig ins Telefon. Präsident Wallner versprach, die ganze Akte über "Alternative Route Istanbul-Köln" der CIA zu mailen, selbstverständlich.

Weder Ron noch Präsident Wallner erfuhren jemals, wie die CIA die Sache weiter behandelte. Einzig die Bemerkung, man sei dankbar für seine Hinweise, konnte so verstanden werden, daß die CIA Webster und "die Alternative Route" untersuchte. Ron antwortete, als Wallner ihn fragte, wie er auf Webster gestoßen sei, "das wollen Sie sicher nicht wissen, Herr Präsident. Nicht ganz sauber, aber erfolgreich." Ron fügte hinzu, daß er so besser mit seiner Entführung klar käme. Der Druck, einer der Kerle wäre noch nicht gefaßt, sei weg. Verschmitzt fügte er hinzu, etwas im CIA-Umfeld herausgefunden zu haben, sei etwas Besonderes für ihn.

Etwa ein Jahr später hob die Polizei ein umfangreiches Waffendepot in Wien und Köln aus, man ordnete es offiziell der Terrororganisation Hamas zu. Ron schluckte, es gab demnach immer noch eine "alternative Route".

Fatme begann die Maturaschule am 3. September. Sie hatte nicht die geringste Mühe mit dem Stoff an sich, aber es war viel Schreibarbeit, viele Hausübungen etc. Ron kaufte ihr einen Laptop, was sich als Segen erwies. Sie war meist kurz nach Mitternacht Zuhause, wenn sie Escort-Dienst hatte. Nein, Papa und die Familie zu unterstützen, das ließ sie sich nicht nehmen. Als Ron vorsichtig fragte, zuckte sie nur die Schultern. Nein, die Gäste bekamen alles, wofür sie bezahlt hatten, aber 'Leidenschaft und volles Programm' gab es nicht Mal für einen Schubkarren voller Geld.

Fatmes innige Beziehung zu ihrem Papa würde er wohl nie begreifen. Der liebe Herr Papa mißbrauchte sie seit frühester Jugend, er hatte Fatme eigentlich an den Zuhälter verkauft. Ja, verkauft. "Wir lebten in bitterster Armut, Ronald Hofstätter. Ich weiß, wie sich Hunger anfühlt, Herr Kriminalinspektor. Du willst es gar nicht wissen." Daß Fatme immer seltener den Herrn Papa aufsuchte, lag nur an seinem Alter, sagte Fatme mit belegter Stimme. Und sie sagte, "Bei aller Liebe, Hakim, es geht dich wirklich einen feuchten Dreck an."

Dieses ruhige Leben war so schön. Richtig ruhig, richtig schön. Wenn es die Nornen nicht gäbe, die nichts mehr lieben als Lebensfäden willkürlich zu zerreißen, es hätte für immer so weitergehen können. Selbst Präsident Wallner konnte es sich leisten, beim Morgenkaffee ein paar Minuten zu dösen. Die Nornen schäumten vor Wut. Und sie waren heimtückisch. Sie stupften den Herrn Edmund an, den altgedienten Portier vor der Roßauer Kaserne. "Vorhang auf," rief die jüngste der Nornen.

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