Der Neue Assistent

Ron und Bodnar saßen mit Morgentau im Besprechungszimmer und hörten ihrem Bericht zu. Rosa hatte, wie von Präsident Wallner befohlen, die Samthandschuhe ausgezogen und zog schwarze Lederhandschuhe an, um die alte Frau Halter zu schlagen. Sie hatte Frau Halter die Bluse vom Leib gerissen und begann, die verblüffte Halbnackte systematisch mit den Lederhandschuhen zu verprügeln. Ja, sie schlug sie minutenlang ins Gesicht und gab gut acht, keine blauen Flecken zu hinterlassen. Sie schrie die Halter an, sie würde ihre intimsten Geheimnisse aus ihr herausprügeln. Jedes noch so intime Geheimnis! Nach einer Viertelstunde brach der Widerstand der alten Frau zusammen. Sie hatte begriffen, daß sie ein paar Geheimnisse preisgeben mußte, um weniger Schläge zu bekommen. Sie schluchzte, sie sei bereit, alles zu beantworten. "Aber bitte nicht mehr schlagen!"

Kriminalpsychologin Rosa Morgenthal hatte dann die Frau Halter stundenlang intensiv verhört und war mit ihrem Verhör recht zufrieden.

Rosa machte im Geiste ein Häkchen in ihrer Inzest-Statistik, lächelte zufrieden und wechselte abrupt das Thema. "Hat er etwas hier deponiert, etwas versteckt oder aufbewahrt, als er ins Gefängnis kam?" Frau Halter öffnete die Augen. "Ja, er hatte drei Sporttaschen im Keller versteckt, ich sollte gut auf sie aufpassen. Ich habe die Taschen nur einmal aus Neugier geöffnet, sie waren randvoll mit Geldscheinen. Er hat sie mitgenommen, ich weiß aber nicht, wohin." Rosa ließ sich die Größe der Taschen mit den Händen zeigen. Sie vermutete, daß es Millionen waren. Drei, vielleicht sogar vier Millionen.

Ron und Bodnar blickten sich an. Es war nun klar, daß Frank jede Bewegungsfreiheit hatte. Mit soviel Geld hätte man sich in der Karibik ein stattliches Häuschen am Strand kaufen können. Es war völlig unklar, was Frank noch vorhatte. Das würde sich schon bald herausstellen.

Ein Streifenwagen fand die beiden Beamten bewußtlos vor. Sie wurden ins Spital gebracht. Einer wurde notoperiert, ein Splitter seines Schädels war ins Hirn gedrungen. Sein Zustand war kritisch. Der zweite Beamte hatte Glück, der Täter hatte ihm zwar alle Zähne ausgeschlagen, aber es war bereits ein künstliches Gebiß. Trotz der Gehirnerschütterung konnte er aussagen. Der Täter, auf den Franks Beschreibung paßte, hatte mit einem Gegenstand, vermutlich einem Wagenheber, dem Kollegen den Schädel eingeschlagen und dann zweimal auf ihn selbst eingeschlagen. Die Schutzperson, Franziska Meier, war spurlos verschwunden.

Frank ging unbeirrt vor, nicht in Panik. Er hatte eine Liste abzuarbeiten und die Personenschützer hielten ihn nicht auf. Im Gegenteil, er schickte erneut einen Brief an Ron.

An Insp. Hofstätter.

Die Kerle konnten Franziska nicht beschützen. Ich habe sie mit gutem Recht verprügelt, ihr schickt ja auch eine Polizistin zu meiner Mutter, die die Arme sinnlos verprügelt. Das kann ich nicht akzeptieren. Ich reagiere sehr sauer, wenn ihr meine Mutter nicht in Ruhe läßt. Sie hat absolut nichts damit zu tun.

F.J.H.

Das Labor untersuchte den Brief natürlich, aber ohne neue Erkenntnisse. Er kam von Frank, ohne Zweifel. Der Fahrradkurier war völlig sauber, wie immer. Der Brief bestätigte nur, daß Frank Franziska entführt hatte. Es gab keinen Hinweis, wann, wohin und ob sie noch lebte.

Präsident Wallner schäumte vor Wut. Jetzt waren auch zwei Polizeibeamte verletzt worden, einer rang mit dem Tod. Wallner ordnete an, daß jeder einzelne Polizist das Fahndungsbild Frank Halters bei sich hatte und suchen half. Noch nie hat man Wallner so aufgebracht gesehen. Die Tage vergingen, einer, zwei und drei. Und nichts ging weiter. Wallner war gereizt. Was hatte die Telefonüberwachung ergeben? Morgentau blickte Wallner in die Augen. "Frau Halter hat nur einen Festnetzanschluß. Sie telefoniert fast nie und wenn, dann stellt es sich als völlig harmlos heraus. Handy hat sie keines." Wallner war nicht zufrieden. "Vielleicht schaltet sie es nur zu bestimmten Zeiten ein? Ausgeschaltet ist es nicht zu orten, es ist tot wie ein Ziegelstein. Habe ich es richtig verstanden?"

Alle nickten. Ron meinte, vielleicht sollte man einen elektronischen Horchposten vor Frau Halters Haus stellen? Alle schwiegen, den Ü-Wagen konnte nur der Präsident freigeben. Wallner bellte Ron an, er sollte den Wagen besorgen. 24/7, ergänzte der Präsident. Ron hatte schon sein Handy am Ohr.

Sie hatten schlichtweg Glück. Frau Halter schaltete das Handy exakt um 22 Uhr ein und schaltete es nach ein paar Worten sofort wieder aus, Frank rief sie zurück und das Gespräch wurde aufgezeichnet. Das Kleeblatt hörte es ein Dutzend Mal an. Alles unwichtig, belanglos. Doch gegen Ende fragte sie, wann er wiederkäme. Er antwortete, "ich muß morgen noch ein Paket versorgen, also komme ich morgen Nacht." Das war eine gute und schlechte Entwicklung, man wußte nun, daß er morgen Franziska umbringen und entsorgen werde. Und daß er morgen Nacht zur Mutter kam. Vermutlich wußte seine Mutter, was mit dem Paket gemeint war.

Am nächsten Tag brachte ein Fahrradkurier einen Brief für Ron.

Für Insp. Hofstätter.

Sie sind immer noch ein paar Schritte hinten. Das ist gut. Franziska hat es schön warm, sie ist 17,2 Meter unter der Ottakringer Brauerei. Sie hören wieder von mir.

F.J.H.

Man mußte genau überlegen, was 17 Meter unter der Brauerei war und wie man dorthin kommt. Man konnte doch nicht den Boden der gesamten Brauerei umgraben! Die Pläne der Brauerei waren sehr alt. Es gab nachträgliche Ergänzungen, aber nichts Konkretes. Bodnar hatte die richtige Frage, Wie wird die Brauerei beheizt? Gewisse Teile der Brauerei wurden mit hauseigenen Heizanlagen beheizt, nur der neue Bürotrakt hing an der Fernwärme. Die neuen Leitungen waren in den Bauplänen noch nicht eingetragen worden. Bodnar kroch den Leitungen entlang und gelangte in einen kleinen Keller. Dort lag die tote Franziska auf der Fernwärmeleitung. Schön warm.

Der Keller füllte sich, Dr. Gangl untersuchte die Leiche gründlich wie immer. Es war Frank, keine Frage. Das Mal am Hals war von einem Draht, einer Garotte. Natürlich war sie nackt und nach einem kurzen Blick sagte der Mediziner, er hatte wieder kein Kondom benutzt. Frank wußte, daß man seine DNA kannte und verbarg nichts mehr. Franziska war immer noch mit Draht an den Handgelenken gefesselt, der Knebel war ihr eigenes Höschen.

Sie legten die Akte Franziska Meier an. Auch sie war vor 7 Jahren als Informantin im Umkreis Artem Galebnikows eingesetzt und ging nach Abschluß des Kriminologiestudiums zur Polizei, sie war jetzt Polizeihauptmeisterin. Sie war mit einem Assistenzprofessor verlobt und im vierten Monat schwanger. Dr. Gangl war erschüttert, es waren zu viele. Thea Küngler, Susanne Stammer, Theresa Stanzl, Bina Mudak, und nun Franziska Meier. Fünf tote junge Mädchen, so eine Häufung hatte der Mediziner noch nie gehabt.

Rosa Morgentau ging zu Mittag zu Frau Halter, Wallner hatte es befohlen. Sie mußten Frank provozieren, pieksen. Und die Mutter war der einzige wunde Punkt, den man hatte. Morgentau, die in den vergangenen Tagen eher feinfühlig agiert hatte, mußte daran denken, daß die Mutter nichts freiwillig hergegeben hatte und nur widerwillig etwas unter Prügeln zugab. In der Frage nach den Kontakten hatte sie beharrlich gelogen. Die Entdeckung des Handys empfand Rosa als persönliche Niederlage. Grußlos ging sie ins Haus und schlug der völlig Überraschten mit der behandschuhten Hand mehrmals ins Gesicht. Rosa brüllte, wie enttäuscht sie sei. Sie riß der alten Frau die Bluse vom Leib und stieß die völlig überrumpelte Halbnackte aufs Sofa. Sie nahm die Hundepeitsche aus ihrer Tasche und drosch auf die arme Frau ein. Sie schlug auf die Schultern, den Rücken und den Hintern, die Innenschenkel und die Waden, bis der Körper Roxane Halters von oben bis unten mit roten Striemen bedeckt war. Rosa schrie, sie werde jeden Tag wiederkommen, bis sie Frank gefangen hatten. Sie ließ die alte Frau liegen.

Ron war mit dem Auftrag des Präsidenten nicht einverstanden, die Mutter Franks hineinzuziehen. Sie auszupeitschen war reine Folter, man verstieß gegen Dutzende Gesetze. Der Präsident wischte all diese Argumente beiseite. "Hat jemand einen besseren Vorschlag? Kann mir jemand sagen, womit wir Frank sonst am Wickel haben können!?" Ron sagte in das Schweigen hinein "Wir ermitteln normalerweise mit gesetzlichen Schranken, links und rechts. Wir sind Gesetzeshüter und keine Gesetzesbrecher. Wir begeben uns niemals auf die Ebene der Verbrecher!"

Präsident Wallner klatschte ganz langsam Beifall. Seine Fuchsaugen blitzten. "Da hast du völlig recht, mein junger Ritter! Aber — wenn wir ihn nicht aus der Reserve locken, legt er uns Woche für Woche eine Leiche vor die Türe. Kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren, lieber Ronald!?" Es herrschte Schweigen, man könnte es mit dem Messer schneiden.

Ron wußte, daß der Präsident im Grunde recht hatte. Um Wespen aufzuscheuchen, legte man Feuer. "Herr Präsident," sagte er im Aufstehen, "ich weiß, daß Ihre Taktik die richtige ist, die einzige eigentlich. Ich will wie alle hier den Verbrecher zur Strecke bringen, tot oder lebendig, ein für alle Mal. Aber ich weiß auch, daß ich nicht der Einzige mit moralischen Bedenken bin. Und moralische Bedenken lähmen unsere Hand. Wir kämpfen einäugig und mit einer Hand hinter dem Rücken gebunden. Wir werden Ihre Befehle ausführen, weil wir gute Soldaten sind, wir alle. Machen unseren Job, wie gute Soldaten, die dem Anführer folgen." Ron blickte in die Runde. Bodnar ballte als erster die Faust und trommelte zustimmend auf die Tischplatte. Die anderen folgten seinem Beispiel.

Morgentau peitschte Franks Mutter jetzt jeden Tag. Am dritten Tag kam ein Brief von Frank.

An Insp. Hofstätter.

Sie foltern meine Mutter, Sie verdammter Hund! Sie hält es aus, sagte sie weinend. Sie wird immer auf meiner Seite stehen, was immer Sie in ihrem kranken Hirn planen. Ich werde euch schlagen, ich werde Sie alle schlagen! Seid gewarnt!

F.J.H.

Es war klar, daß sie Frank Halter schwer getroffen hatten. Aus seinen Worten wurde klar, daß der Präsident auf dem richtigen Weg war.

Es ging Schlag auf Schlag. Ron folgte der Einladung des Imams in sein Büro nächst dem Gebetsraum. Der Imam, flankiert von zwei finsteren Gestalten, die Ron nicht kannte. Der Imam begrüßte Hakim Elbagr mit professioneller Freundlichkeit und stellte die Männer namentlich vor. Er kam recht schnell zum Punkt. Die Verwandten Fatmes hatten Klage eingereicht. Hakim hatte die gerichtliche Vorladung vor zwei Tagen erhalten. Der Imam machte ein bedauerndes Gesicht. "Euren Gesetzen folgend," sagte der Imam, "das weißt du besser als ich, du bist ja Polizist, Hakim."

Das Gespräch führte zu nichts. Ron fühlte die Feindseligkeit der beiden Männer, die ihn schweigend taxierten. Er wußte es natürlich nicht, aber er vermutete, daß sie direkt aus der Türkei kamen, Vorboten eines neuen Versuchs, in Wien Fuß zu fassen. Wien war früher eine zentrale Drehscheibe in Europa, die man mit Rons Hilfe zerschlagen hatte. Der Imam wich jeder weiteren Frage furchtsam aus. So beendete Hakim das Gespräch.

Am nächsten Tag war er im Gericht. Der Richter, Dr. Hans Fürbringer, kannte Ron schon seit langem. Er war ein kluger Mann und wußte ganz genau, daß einige aus der islamischen Gemeinde versuchten, den Polizeiinspektor Hofstätter gerichtlich zu erledigen. "Seit wann kennen Sie Fatme Ökdemir, Inspektor?" fragte er direkt, die Sache war ihm offensichtlich sehr unangenehm. Ron dachte nur zwei Sekunden nach. Er beschloß, bei der Wahrheit zu bleiben. "Zwei Jahre, mehr oder weniger." Richter Fürbringer blickte von den Papieren auf. "Zwei Jahre? Da war die Ökdemir noch minderjährig. Bleiben Sie dabei?" Ron nahm den rettenden Strohhalm nicht. "Zwei Jahre, Herr Fürbringer." bestätigte er. "Zwei."

Der Richter lehnte sich enttäuscht zurück. "Mit einer Minderjährigen, also. Das wird zu Ihrer Suspendierung führen, Hofstätter, ist Ihnen das klar?" Ron nickte, "Ja, ich weiß Bescheid. Ich nehme die Strafe an, wie sie auch sein mag. Ich werde in dieser Angelegenheit nicht lügen, Herr Fürbringer." Der Richter blickte ihn streng an. "Na gut, Inspektor Hofstätter. Wir wollen ein öffentliches Verfahren vermeiden, nicht wahr?" Ron nickte bejahend, "Eine öffentliche Gerichtsverhandlung könnte mir mehr schaden als nützen, Herr Fürbringer." Der Richter blätterte minutenlang in den Papieren.

"Unter Berücksichtigung Ihrer Verdienste als Polizeibeamter und Ihres tadellosen Führungszeugnisses kann ich eine bedingte Strafe aussprechen, ein Jahr, bedingt. Plus eine Geldstrafe von 1.700 Euro. Der Polizeipräsident wird von der Verurteilung verständigt. In Ordnung, Herr Inspektor?" Es war eine rein rhetorische Frage. Ron ging schnurstracks zu Präsident Wallner.

Der alte Wallner hörte aufmerksam zu. Er stellte nur wenige Fragen. Er nahm einen Ordner zur Hand und suchte eine Bestimmung in der Dienstordnung. Er blickte sehr ernst. "Ich muß dich suspendieren, da führt kein Weg daran vorbei. Also, seit Monatsbeginn, und es endet morgen früh. Wird schriftlich festgehalten, in deiner Personalakte. Mehr kann ich nicht für dich tun, Hofstätter!" Ron dankte und ging.

Dr. Ingrid Kreuzer war seit 3 Tagen abgängig und vom Ehemann als vermißt gemeldet. Morgentau hatte die Eintragung gesehen, als sie die wöchentlichen Protokolle wie jede Woche überflog. Der Name kam ihr bekannt vor. Richtig, sie vertrat die Anklage gegen Artem Galebnikow vor 7 Jahren. Und nun war sie abgängig? Die Juristin war Mutter zweier Kinder und im 5. Monat schwanger mit dem dritten Kind. Morgentau alarmierte das Kleeblatt sofort. Die Dr. Kreuzer führte ein unauffälliges Leben, es gab keine andere Verbindung zu Frank Halter als ihre Rolle vor 7 Jahren. Man suchte sie an allen möglichen Orten, aber sie blieb verschwunden, bis die Tschechische Polizei Wallner anrief.

Tschechische Grenzbeamte hatten heute morgen eine weibliche Leiche direkt auf der Grenzlinie in Ceske Velecine gefunden. Man wußte über die Mordserie in Wien Bescheid. Alles deutete darauf hin, daß die Leiche zur Mordserie paßte. Der Präsident sah sich die Fotos vom Fundort an. Ja, das schien Franks Werk zu sein. Die Tschechen wollten keinen längeren Bürokram, sie schickten die Leiche umgehend nach Wien, weil sie exakt auf der Grenzlinie abgelegt worden war. Dr. Gangl untersuchte sie und führte die Obduktion durch. Es deutete alles darauf hin, daß Dr. Kreuzer das sechste Opfer war. Das Baby, ein Knabe, war ebenfalls tot, Opfer Nummer 7. Die Juristin war genauso brutal mißbraucht worden wie die anderen, offenbar mehrere Tage lang, wie der Mediziner feststellen konnte. Sie hatte 2,4 Promille Alkohol im Blut und war bis in die Haarspitzen mit Poppers aufgegeilt worden, wie alle anderen Opfer zuvor. Das Kleeblatt war verstört, man konnte ja nicht jede weibliche Person im Umfeld des Gerichtsverfahrens rund um Artem Galebnikow unter Polizeischutz stellen, es waren einfach zu viele.

Es tat sich nichts, Frank rührte sich nicht. Präsident Wallner mußte die Schrauben anziehen. Man verhaftete die Mutter und ließ sie nach 48 Stunden wieder frei. Mehrere Male hintereinander. Doch Frank rührte sich nicht.

Ron ging in sein Büro. Er wollte das Dutzend Sprachaufzeichnungen ausdrucken, aber er wußte nicht, wie. Das Druckprogramm weigerte sich. Er wurde am Bildschirm aufgefordert, seinen Dienstausweis durch den Kartenleser zu ziehen, beim blinkenden Grünlicht. Er tat es. Er sollte seinen Daumen auf das Grünlicht legen, das blinkte. "Danke, Inspektor Hofstätter," sagte eine Stimme aus den Lautsprechern. Ron war überrascht und verunsichert. Wer? Was?

"Ich bin RM3000 QXK," sagte die Stimme, "der neue KI-Assistent. Ich bin zugleich die neue Telefonanlage, Herr Inspektor." Ron starrte auf die Telefonanlage, wie konnte das sein? "Sehe ich es richtig, daß Sie die Transskripte der 31 Sprachaufzeichnungen ausdrucken wollen?" Ron nickte verärgert. "Ja, ich wollte sie rein sprachlich korrigieren, vor dem Drucken." Er war sehr beeindruckt, er sprach mit einem Computer! Der Laserdrucker begann zu drucken, Ron nahm die ersten Seiten zur Hand.

Erstaunlich, wie klar strukturiert sein Bericht nun zu lesen war. "Sehr gut," murmelte er. Der Roboter antwortete, "ich wurde Ihnen von Präsident Wallner als persönlicher Assistent zugeordnet. Ich kann alles, was mit Elektronik zu tun hat. Ich bin noch ein Prototyp, und ich bediene mich der KI, der künstlichen Intelligenz, um meine Aufgaben zu meistern. Abgesehen von allgemeinen Polizeiaufgaben wurde ich speziell in der Kameraüberwachung trainiert. Ich kann alles sehen, lesen und hören, durch die Kameras und Lautsprecher oder Telefone. Ich habe Zugriff auf das gesamte Wissen, das in den Datenbanken gespeichert ist." Ron dachte nach. "Wie spreche ich dich an?" "RM3000 QXK, einen anderen Namen habe ich noch nicht. Sie können einen neuen zuordnen, wenn Sie wollen." Ron dachte nur kurz nach. "Alfred, ich werde dich Alfred nennen. Ich bin Ron, ich höre auf diesen Namen." Alfred fragte, "hat Alfred eine besondere Bedeutung für Ron?" Ron lachte leise. "Alfred ist der kluge, allwissende Butler von Batman, dargestellt vom Schauspieler Michael Caine." Das Porträt von Alfred/Michael Caine erschien auf dem Bildschirm. "Ich kann meine Stimme anpassen," sagte Alfred. Ron nickte. "Kannst du mich sehen, stehen wir in visueller Verbindung?" "Aber ja, Ron, ich kann Sie natürlich sehen."

Ron dachte nach. "Weißt du, welche zwei Männer ich gestern beim Imam getroffen habe?" Alfred antwortete sofort. "Ja, sie sind vor 5 Wochen mit dem Flugzeug aus Ankara eingereist. Sie nennen sich Memet Üzelgöy und Ali Mehmet, vermutlich gefälschte Pässe. Sie wohnen im Hotel Ambassador, sind zur Zeit im Zimmer 601 und haben zwei Prostituierte zu Besuch. Sie sind hohe Tiere in der türkischen Mafia und haben schon zuvor ein Dutzend Imame in Österreich und Bayern aufgesucht." Alfred fragte, ob er noch mehr herausfinden sollte, aber Ron winkte ab. "Das reicht für den Augenblick. Aber beobachte sie weiter, ich will jeden Tag wissen, was sie tun. Prostituierte sind nicht interessant."

Ron widmete sich die nächsten Minuten dem Fall, Frank rührte sich nicht und keiner hatte ihn gesehen. Die Tips aus der Bevölkerung brachten nichts. Der Präsident ließ mehrmals am Tag das Fahndungsbild im Fernsehen zeigen, vielleicht hatte jemand Frank gesehen. Alfred, der sich mit einem ganz leisen Zirpen meldete, fragte, ob er nicht alle Kameras in der Stadt übernehmen sollte, um nach Frank zu suchen? Ron nickte, "hast du ihn schon gesehen?" Alfred sagte, "zuletzt vorgestern Abend beim Bankomaten Ecke Wellerstraße. Er hat mit 10 Karten viertausend Euro bar abgehoben. Er ist dann nach Süden gegangen, seither ist er nicht mehr aufgetaucht. Ich habe das Fahndungsbild überarbeitet, so konnte ich ihn finden. Ich zeige Ihnen ein aktuelles Bild vom Bankomaten." Auf dem Bildschirm erschien ein Foto, Frank war klar erkennbar. Das Bild war viel besser als das 7 Jahre alte Fahndungsbild. Ron ging zum Kleeblatt hinüber.

Ron ging zur Projektionswand. "Alfred, bitte das neue Bild!" Bodnar blickte ihn scharf an. "Wer ... ?" Franks Bild erschien, nun stand selbst Präsident Wallner auf und kam zu der Tür. Ron dachte nur für einen Augenblick nach. "Alfred, bitte stelle dich kurz vor!" "Ich bin Alfred, der Computer-Assistent für Inspektor Hofstätter. Ich habe Zugriff auf alle Datenbanken, zu allen Kameras, Handys und allen Telefonen, wo auch immer. Ich unterstütze Ron bei der Arbeit im Auftrag von Präsident Johannes Wallner." Alle drehten sich um und blickten zu Wallner. Der zog die Schultern hoch, keine Ahnung! Er erinnerte sich, daß er hunderte Papiere unterschrieben hatte, als der Innenminister den Auftrag gegeben hatte. Hatte er diesen Computer bestellt? Keine Ahnung!

Morgentau faßte sich als erste. "Alfred, Frank Halter war lange untergetaucht, er hat eine Frauenleiche an der tschechischen Grenze abgelegt. Was weißt du darüber?" Alfred antwortete schnell. "Ich kenne die Berichte wie Sie. Ich habe den gestohlenen Wagen, ein gestohlener VW Passat, zurückverfolgt, er war am Nachmittag nahe der U-Bahnstation Seestadt auf einer Baustelle versteckt. Er hat um 15 Uhr 17 begonnen, auf dem Rücksitz mit der Frau bis 15 Uhr 48 zu kopulieren, dann noch einmal um 18 Uhr 33 bis 18 Uhr 55. Leider sind die Aufnahmen aus großer Entfernung sehr unscharf, wie Sie erkennen können. Eine Verkehrskamera hat ihn am Abend des 12. Mai um 19 Uhr 21 erfaßt, er fährt den Wagen, Frau Dr. Kreuzer auf dem Rücksitz, schlafend, ohnmächtig oder betäubt." Das verwischte Foto wurde projiziert. Alfred zoomte auf den Fahrer, dann auf das Gesicht der Frau auf dem Rücksitz. Er fuhr fort. "Der Wagen fährt vier Stunden später, um 23 Uhr 22, in der entgegengesetzten Richtung, mit Frank Halter am Steuer, der Rücksitz leer. Er wurde noch von drei Verkehrskameras auf dem Rückweg nach Wien erfaßt." Drei Bilder wurden projiziert. "Er stellt den Wagen um 1 Uhr früh nahe der U-Bahnstation Seestadt ab und verschwindet um 1 Uhr 06 in einer Garnitur U2 Richtung Schwedenplatz, wo ihn eine Kamera noch um 1 Uhr 27 erfaßt. Er fährt die Rolltreppe zum Schwedenplatz hoch, dann verschwindet er. Er scheint zu wissen, wo die Kameras platziert sind und weicht ihnen geschickt aus." Alfreds angenehme Stimme wirkt fast einschläfernd. "Frau Kriminalassistentin Morgentau, ich kann den Bericht ausdrucken, wenn Sie es wünschen." Rosas Kugelschreiber hielt inne. "Ja, bitte, Alfred!" So kam es, daß Alfred vom Kleeblatt allmählich als wertvoller Mitarbeiter aufgenommen wurde.

Irgendwann, gegen 2 Uhr morgens, zwei gedämpfte Schüsse in Döbling. Ein Hundehalter führte seinen Köter Gassi und sah das kurze Aufblitzen, aber er war zu weit weg, um es zu hören. Etwa zehn Minuten später ging er in die Gegenrichtung und sah, wie ein Maskierter einen länglichen Gegenstand in einen weißen Transporter warf und sofort wegfuhr. Er fand die beiden Polizisten in einem privaten PKW und rief um 2 Uhr 21 beim Notruf an. Die zwei Polizisten wurden sofort operiert und würden höchstwahrscheinlich überleben. Sie konnten noch nicht vernommen werden. Man hatte nur die Angaben des alten Hundehalters, der aber weder Marke noch Kennzeichen kannte. Die Polizistin Erni Jäger, die geschützt werden sollte, war spurlos verschwunden. Franks Handschrift. Präsident Wallner, der aus dem Schlaf gerissen wurde, ordnete die Verhaftung Frau Halters sofort an. Er hatte nicht vor, sie wieder zu entlassen, er schäumte vor Wut. Der Frank tanzte auf ihrer Nase herum!

Man suchte Erni Jäger, das achte Opfer, mit vollem Druck. Man durchstöberte verlassene Gebäude in der ganzen Stadt. Frank tauchte nirgends auf, er mied Kameras, wenn er sich bewegte. Es war zum Verzweifeln. Ron war selbst abgelenkt. Er war bei Wallner im Verhörraum, der Alte führte das Verhör der Roxane Halter selbst. Es war erstaunlich, wie geschickt der alte Fuchs die Halter zu kleinen, unwesentlichen Aussagen brachte. Es waren nur Kleinigkeiten, aber etwas Wichtiges entlockte Wallner der Frau. Frank benutzte eine Geheimtür, die vollständig von Efeu bedeckt war. Das zumindest war ein Fortschritt.

Ein Fahrradbote brachte einen weiteren Brief von Frank Halter.

Herr Inspektor Hofstätter,

das Päckchen auf der Mülldeponie am Ende der Feldbergstraße haben Sie noch nicht entdeckt.

Warum?

Man fand 3 Männerleichen, in Plastik eingewickelt, verstümmelt und vermutlich gefoltert. Es war der Richter, der Staatsanwalt und ein Anwalt der Anklage bei Artems und Franks Gerichtsverfahren. Sie waren schon seit dem langen Wochenende tot, man hatte sie daher noch nicht vermißt.

Präsident Wallner war wie betäubt. Er hatte alle drei gekannt, mit dem Richter verband ihn eine lange Freundschaft, die über das Berufliche hinausging. Es drehte ihm den Magen um, wie elendiglich und vermutlich nach qualvoller Tortur der alte Richter gestorben war, das hatte er nicht verdient. Alles wies die Handschrift Frank Halters aus, das Erwürgen beziehungsweise Garottieren mit einer Drahtschlinge war einzigartig. Wallner saß mit aschfahlem Gesicht vor dem Bildschirm und starrte auf die Dokumente. Er hatte alle Mann aufgeboten, um den Tatort zu finden, denn auf dem Ablageort fand sich nichts. Er hatte alles getan, um die Jagd auf Frank Halter zu intensivieren, aber es gab keine neuen Erkenntnisse. Er starrte mit leeren Augen auf den Bildschirm und Erinnerungsfetzen an den letzten Cognac mit Richter Anselmis schossen an seinen inneren Augen vorbei. Frank Halter war offensichtlich drauf und dran, jede und jeden aus dem Gerichtsverfahren gegen seinen Vater und ihn zu ermorden.

Doch all das erlebte Ron Hofstätter nicht mehr mit. Er ging gerade die Türkenstraße Richtung Roßauer Kaserne hinunter, als ihm von hinten eine Spritze in den Hals gerammt wurde. Der Attentäter fing den Stürzenden von hinten auf und warf ihn in einen Van.

Dann wurde es Nacht vor seinen Augen.

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