Der Killer

Der Anstaltsdirektor wand sich am Telefon. "Den Halter haben wir vor sechs Wochen entlassen, Herr Inspektor." Er war sehr verlegen, als Ron ins Telefon brüllte, warum es noch nicht in der Datenbank stand? "Wir haben einen Personalengpaß, Herr Inspektor. Wir können manches nicht sofort erledigen." Ron hatte sich beruhigt. "Ich komme mit dem nächsten Zug nach Graz, halten Sie sich bereit! Und ich will mit den Beamten sprechen, die für den Halter zuständig waren!" Ron legte auf, ohne Gruß, ohne jede Freundlichkeit. Er fuhr sofort mit dem ersten Zug nach Graz.

Anstaltsdirektor Robert Gessing war gemeinsam mit dem Justizwachebeamten Udo Perschin bereits im Besprechungszimmer, als Ron eintrat. Gessing bestätigte nochmals, daß Frank Halter vor 6 Wochen, am 4. April entlassen worden war. Er hatte 6 von den 7 Jahren eingesessen, war nach 6 Jahren zufolge guter Führung legitim entlassen worden. Perschin hatte zu seinen Gunsten ausgesagt, der Halter hatte nie ein Problem gemacht, er war still und höflich, er hatte in der Anstalt jedoch keinen speziellen Freund. Er war juristisch gebildet und hatte manchen Insassen beraten. Durch und durch nicht unsympathisch, der Bursche, sagte Perschin abschließend.

Ron wollte wissen, was für Bücher der Halter gelesen hatte. Udo Perschin hatte die Liste schon zur Hand. Vorwiegend russische Autoren, Tolstoi, Puschkin und andere. Er hatte zwei Zeitschriften abonniert, die Tageszeitungen Kurier und Standard, welche ihm wie vorgeschrieben mit einer Woche Verzögerung ausgehändigt wurden. Und Halter durfte täglich zwei Stunden ins Internet, das war erlaubt. Er hatte keinen Mailkontakt zu jemanden, er benutzte sein Mailaccount nie.

Perschin hatte stichprobenartig seine Internetverläufe ausgedruckt und legte sie vor. Ron nahm sie nach Wien mit. Er fuhr ohne neue Informationen nach Wien zurück. Dort hatte sich etwas verändert. Rosa Morgentau, Polizeimeisterin und die Geliebte Bodnars, war zu den drei Musketieren gestoßen. Die hübsche, schwarzhaarige Jüdin lächelte Ron provokativ in die Augen. Sie flirtete ganz offen. "Wir sind nun das jüdische Kleeblatt, das Quartett ist komplett!" sagte sie lächelnd. Sie war promovierte Kriminalpsychologin, Computerspezialistin und übernahm die online-Recherchen. Ron gab ihr die Ausdrucke der Browser-Verläufe. "Finde heraus, was er im Internet gesucht hatte." Sie begann sofort.

Eisen hatte die Akte Theresa Stanzl vollständig. Sie legten die drei Akten nebeneinander, sie waren alle drei von Frank Halter in den vergangenen 2 Monaten umgebracht worden. Warum? Was war das Motiv? Warum hatte Halter gerade diese drei ausgewählt? Was verband sie? Nach langem Grübeln hatte Morgentau die Idee. Sie waren alle drei zuerst als Informantinnen tätig, bevor sie Polizistinnen wurden. Sie waren in das Netzwerk Artems und Franks eingeschleust worden und hatten vor Gericht ausgesagt. Sie alle hatten sich Artem und Frank hingegeben, um an Informationen zu gelangen und hatten vor Gericht auch über die sexuelle Komponente ausführlich ausgesagt. Sie waren damals alle blond, hübsch und jung und waren Artem's und Frank's Geliebte auf Zeit. Das war den anderen noch nicht aufgefallen. Morgentau hatte sofort weiterrecherchiert, es gab insgesamt 11 Informantinnen mit den Merkmalen einschließlich der sexuellen Note, den Galebnikow und den Halter betreffend. Ron entschied, die noch 8 lebenden Polizistinnen und ihre Vorgesetzten zu informieren. Sie mußten Personenschutz erhalten. Ron übermittelte auch das neueste Foto von Frank Halter, obwohl es schon 6 Jahre alt war. Der war die Bedrohung, er wollte den Polizistinnen ans Leben. Nur eine war nicht zu erreichen, Bina Mudak, sie war auf Urlaub und besuchte Verwandte in Odessa, Ukraine.

Morgentau rief abends an und sagte, sie hatte eine Spur, sie würde ihn sofort aufsuchen. Ron war leicht verärgert, er mußte das türkische Mädchen Fatme fortschicken, bevor Morgentau bei ihm auftauchte. Er trank mit Rosa die Flasche Rotwein, die er ursprünglich für die junge Türkin vorgesehen hatte.

Er wachte aus dem Dösen auf. Rosa hatte ihr Negligé zwar wieder angezogen, aber sie war darunter völlig nackt und saß bei Tisch vor ihren Papieren. Ron zog seine Hose an und setzte sich neben sie. "Nun, was war denn so dringend?" fragte er leise, sein Ärger war schon längst verflogen. Morgentau hatte herausgefunden, daß Frank Halter sich eingehend mit dem Fall Artem Galebnikow beschäftigt hatte. Er hatte die Gerichtsakten eingesehen, aber woher er ein Paßwort hatte, konnte sie nicht herausfinden. Er hatte die Liste aller Beteiligten, Zeugen und Gegenzeugen, Ankläger und Verteidiger, mehrmals durchgelesen, das war offenkundig. Artem Galebnikow war der Spionage, Geldwäsche und Menschenhandel angeklagt, die Beweise waren erdrückend. Artem Galebnikow hatte sich in der Untersuchungshaft erhängt. Frank Halter, vermutlich ein Sohn des Galebnikow, war einer seiner Kontakte, aber nicht angeklagt. Dann hatte er eine Zeugin der Anklage erschossen, deren Aussage dem Artem und ihm sehr gefährlich werden konnte. Frank Halter bekam 7 Jahre und saß in Graz ein. "Das war gute Arbeit, Rosa!" sagte Ron.

Rosa lachte hellauf und unterbrach ihn, als er jetzt seine Rede begann. "Darüber mach dir keine Gedanken, Ronald! Ich war zuerst Rosenblatts Geliebte, dann Eisens und nun Bodnars. Mach dir keine Gedanken, so läuft das eben. — Übrigens, ich muß gehen, Bodnar kommt gegen zehn zu mir." Ron sah ihr mit glänzenden Augen zu, als sie sich lasziv anzog. "Wir können das nicht fortsetzen," sagte er entschieden, "ich habe eine feste Beziehung und gebe sie nicht auf." Rosa blickte ihn lange an. "Okay, Ronald, Nachricht angekommen." Ron blickte auf seine Armbanduhr, es war kurz nach 9. Er rief Fatme, seine junge Geliebte an. "Natürlich," sagte sie, "ich bin in einer Viertelstunde bei dir." Ron schaltete den Fernseher ein und wartete. So fühlte es sich richtig an, als Hakim Elbagr fühlte er sich in den Armen des jungen türkischen Mädchens wohl. "Eine Kollegin hat mich beruflich aufgesucht, mit einer dringenden Sache. Es wird hoffentlich nicht mehr oft vorkommen." Fatme nickte bejahend, Hakim hatte sie noch nie belogen, aber sie brauchte gar nicht zu fragen, ob er die Kollegin gevögelt habe. Natürlich wußte sie von Anfang an, daß er eigentlich Polizist war. Er hatte ihren Zuhälter richtig erbarmungslos vermöbelt und zurechtgebogen, so bekam Hakim seine Fatme weg vom Strich und sie kam zu ihm, jeden Abend in den vergangenen 15 Monaten. Fatme, die Ron sehr mochte, hing an Ron wie eine echte, leidenschaftliche Geliebte.

Am nächsten Tag legten sie die Akte Artem Galebnikow hinzu, es war eine dicke Akte, viel dicker als Frank Halters Akte. Sie verglichen alle Fakten Artems und Franks. Beide waren in Odessa geboren. Laut Franks Akte könnte Artem Franks "unbekannter" Vater sein, er war um die fragliche Zeit der Geliebte von Franks Mutter Roxane Halter. Sie waren alle drei 1992 aus der Ukraine nach Wien gekommen. Franks Mutter lebte noch in Wien. Ron fuhr mit Morgentau zu ihr. Sie sprachen unterwegs kaum, Rosa konzentrierte sich aufs Autofahren, und er hatte wenig Lust, über die Sache zu reden. Franks Mutter öffnete, eine kleine, zarte Frau mit stahlharten Augen. Sie sprach recht gut deutsch, sie bot Tee und süße Kekse an.

Nein, sie hatte Frank 6 Jahre lang nicht gesehen, behauptete sie. "Nun ja, durch das dicke Plexiglas im Gefängnis. Er sei frei?" fragte sie mit verlogenem Interesse. Ron und Rosa blickten sich an. Er sagte, "Frank ist seit 6 Wochen, Nein, seit 7 Wochen auf freiem Fuß, und ich bin mir sicher, er hat sich bei Ihnen gemeldet, Frau Halter!" Ihre grauen Äuglein flackerten hin und her. "Ja, er hat mich angerufen, vor ca. 3 Tagen, aber ich dachte, er sei immer noch im Gefängnis. Er sagte allerdings nichts über seine Freilassung." Ron und Morgentau wechselten wieder einen Blick. Das war vermutlich gelogen, aber sie konnten hier nicht weitermachen. Morgentau wechselte das Thema.

"Laut unseren Akten war Artem Galebnikow der Vater Franks, stimmt das?" Frau Halter zeigte keine Reaktion. "Wenn's in ihren Akten steht. — Aber so viel ich weiß, ist Artem schon längst tot. Er hätte sich in der Zelle erhängt, sagte man." Zum ersten Mal war ein leises Zittern in ihrer Stimme zu hören. "Ja, so steht es in unseren Akten, Frau Halter. Ich notiere, daß Sie seine Vaterschaft bestätigen, Frau Halter." Frau Halter reagierte nicht, aber sie dementierte es nicht. Ron war überrascht, wie geschickt Morgentau war. Morgentau platzierte den nächsten Pfeil auf ihrem Bogen.

"Dem Akt Franks konnte ich entnehmen, daß Sie Frank allein aufgezogen haben?" lautete Rosas nächste Frage. Ron spürte, daß Rosa zum Angriff überging und den Pfeil rasch abschießen würde. Frau Halter bestätigte nun mit fester Stimme, daß sie Frank allein aufgezogen hätte, sie suchte keinen Ersatzvater für Frank, und nein, sie selbst hatte keine einzige Liebschaft. "Frank hatte bei den Verhören vor 6 Jahren angegeben, daß er "keine Freundin hatte, er hätte ja seine Mutter, bei der er wohnte." Kann ich das so verstehen, daß Sie eine inzestuöse Beziehung zu Frank haben!?" Morgentau wirkte so unerschütterlich selbstsicher, daß Frau Halter eine heftige Reaktion zeigte. "Frank hatte nur mich und manchmal seinen Vater. Ich habe alles getan, daß mein Sohn nicht auf die schiefe Bahn geriet. Er sollte nicht zu den Huren gehen müssen und sich dort verlieren. Ich habe nur das getan, was jede ehrbare Mutter an meiner Stelle getan hätte. Und ganz bestimmt nichts Inzestuöses!" Sie verstummte beschämt, sie war erschöpft.

Morgentau blickte triumphierend zu Ron. Der fragte, "dürfen wir uns im Haus umsehen, Frau Halter?" Sie nickte, müde und erschöpft. Sie gingen durch die Zimmer, dann hinauf ins Schlafzimmer unter dem Dach. Das Bett war noch nicht gemacht, es wirkte wie nach einem heftigen Kampf, oder nach einem heftigen Geschlechtsverkehr. "Sie leben allein, Frau Halter?" fragte Morgentau, "Sie haben keinen Freund? Keinen Liebhaber?" Die Halter schüttelte den Kopf, sichtlich erbost. "Freund!? Liebhaber!? Pah! — Bin ich nicht zu alt dafür!?" Morgentau packte ihre Hand. "Also hier hatte Frank übernachtet!" es war keine Frage, eher eine Feststellung. Frau Halter nickte unbewußt und sagte "Nein, Frank war nicht hier!" aber sie konnte die Lüge in ihren Augen nicht verbergen. "Wir gehen wieder!" sagte die Halter mit Bestimmtheit und ging nach unten. Sie hatte völlig zugemacht, die beiden Polizisten fuhren wieder zur Roßauer Kaserne.

Morgentau lenkte den Wagen und sprudelte heraus, "Frank hat bei ihr geschlafen, da wette ich darauf! Wir müssen das Haus überwachen lassen!" Ron hatte bereits das Handy am Ohr und gab die Anweisungen. Sie sprudelte weiter. "Die Halter hat praktisch den Inzest zugegeben, und ich bin hundertprozentig sicher, daß er schon die ganze Zeit bei ihr Unterschlupf gefunden hat." Ron knurrte, "Wir ermitteln in mehreren Mordfällen, Rosa, der Inzest hat meiner Meinung nach nicht den geringsten Einfluß!" Rosa schwieg für einen Moment. "Aber der psychologische Effekt...?" Ron warf gedankenlos ein, "Das ist mir so etwas von Schnurz!" Noch gab Morgentau nicht auf. "Als sie uns aufmachte, war sie rot und leicht verschwitzt im Gesicht. Sie knöpfte erst ihr Hauskleid zu, und sie hatte nichts darunter an. Ich hab's gesehen und mir gedacht, wir haben sie gestört, sie hatte vielleicht gerade Sex gehabt, vielleicht auch nur Sex ganz allein. Ich habe dem noch keine Bedeutung geschenkt. Doch jetzt frage ich mich, ob wir da nicht etwas übersehen?" Rons Gesicht hatte sich zunehmend verfinstert. "Wir ermitteln in mehreren Mordfällen, einem Serienkiller vielleicht. Alles andere ist mir egal!" Rosa schwieg. Ronald wollte nicht mehr darüber reden, das war klar. Er brummte einlenkend, "es ist zurzeit noch völlig nebensächlich, ob der Frank seine Mutter vögelt oder gevögelt hat, und es ist auch völlig nebensächlich, ob wir die Alte beim Wichsen gestört haben." Er faßte sich von Neuem. "Ich weiß, Rosa, du hast Psychologie studiert und dein Interesse kommt von daher. Zurzeit finde ich, wir sollten dem Sexuellen keine Bedeutung schenken. Zumindest noch nicht, okay?" Rosa nickte und konzentrierte sich aufs Fahren.

Sie kamen im Büro an und schrieben gemeinsam den Bericht. Ron sagte, "Du hast sie prima befragt, Rosa! Das wollte ich gesagt haben, du warst sehr geschickt! Nur hat die sexuelle Komponente nichts mit den Morden zu tun. Aber schreib's hinein, es ist mir egal." Rosenblatt und Eisen bemühten sich, Bina Mudak in Odessa ausfindig zu machen. Es schien Ron von Bedeutung zu sein, daß Bina in Odessa geboren wurde und erst seit 15 Jahren in Wien war. Er durchsuchte die Gerichtsakte Artem Galebnikows noch einmal und fand Bina. Sie war damals eine Informantin und auch eine Geliebte Artems und später Franks. Sie war eine Zeugin der Anklage gegen Artem, sie schloß erst später ihr Studium der Kriminologie ab und ging zur Polizei. Ron zeigte seinen Fund den anderen. "Das ist eine konkrete Spur, eine sehr konkrete sogar, wenn Frank sich als Sohn von Artem sah, was wir derzeit nur vermuten können." Sie gingen die Akten immer wieder durch.

Rosa Morgentau saß an ihrem Schreibtisch und hatte das Foto von Roxane und Artem in der Hand. Sie starrte durch das Vergößerungsglas auf das Bild, als ob es durch Anstarren seine Geheimnisse preisgäbe. Roxane war damals 14 Jahre alt, es war ihre Hochzeitsreise. Roxane war etwa 1,60m groß und äußerst schlank. Sie hatte kleine, mädchenhafte Brüste mit spitzen, dunklen Zitzen. Ihre Scham war undeutlich unter dem blond-rötlichen Flaum zu erkennen. Artem wirkte wie ein Riese neben ihr. Er war immerhin 1,95m groß und wog um die 125 Kilo. Ein breitschultriger Riese mit stark behaarter Brust, er war athletisch gebaut und ziemlich muskulös. Sein Riesending hing beinahe bis zu den Knien hinunter. Rosa kniff die Augen zusammen und starrte durch das Vergrößerungsglas. Sie hatte noch nie ein so großes Teil gesehen, und sie erschauerte, als sie sich vorstellte, wie es sich in ihr anfühlen würde. Sie schob den Gedanken rasch beschämt beiseite. Sie betrachtete seine Eichel und die Vorhaut, die er offenbar mit Absicht zurückgeschoben hatte, noch eine ganze Weile lang unter dem Vergrößerungsglas. Die Frau Halter hatte zugegeben, daß Frank genauso ein großes hatte wie Artem. Allein die Vorstellung, daß Frank sich an seiner Mutter 30 Jahre lang vergangen hatte, ließ sie den Atem anhalten. Rosa seufzte und legte das Foto wieder in Artems Akte.

Am nächsten Morgen dann die Überraschung. Ein Brief "für Insp. Hofstätter" war an der Pforte von einem Fahrradkurier abgegeben worden, der Pförtner hatte sich Namen und die Telefonnummer des Kuriers geben lassen. Ron rief ihn sofort an. Er sei gerade auf Tour, sagte der Kurier, aber er stünde zur Verfügung. Er hatte den Brief im Café Eiles von einem Gast in Empfang genommen, um ca. 7 Uhr 15 oder 20. Die Beschreibung glich Franks Foto. Ron rief im Eiles an. Sie bestätigten die Schilderung des Kuriers, den Gast hatte man zum ersten Mal gesehen. Ron übergab die chiffrierte Nachricht dem Labor. Man fand DNA von Frank, zweifelsfrei. Die Leute brauchten keine Viertelstunde, um den Text zu entschlüsseln. Ein sehr einfacher Code, bei jeder Zeile wanderte das Alphabet um einen Buchstaben. Nicht sehr verbreitet, weil leicht zu knacken.

An Inspektor Hofstätter.

Sie sind mir gestern schon sehr nahe gekommen, ich habe im Keller auf euch gewartet und hätte euch beide abgeknallt. Laßt meine Mutter raus, sie weiß nichts und soll nicht wegen mir hineingezogen werden. Die Bina wollte ich haben, ich habe sie schon seit 8 Tagen und wenn ihr euch beeilt, wird sie heute Mittag noch warm sein. Ihr werdet sie finden, denn ich mochte sie sehr. Bina mag man eben. Ich bin schon über alle Berge, wenn Ihr sie findet. Sie hat mir viel Freude bereitet und all ihre Schulden in Raten bei mir bezahlt.

F.J.H.

Ron sah in Artems Akte nach. Frank Jessipowitsch Halter. Was das Jessipowitsch bedeutet, wußte niemand, jedenfalls war das nicht sein Vatersname, wie es üblich war. Ron las den Brief zweimal, fünfmal. Bednar las wie die anderen mit. Er fuhr hoch. "Ein Satz paßt nicht. 'Bina mag man eben.' - 'Manner mag man eben'. Das muß der Hinweis sein!" Morgentau saß bereits am Bildschirm. "Es gibt zwei aufgelassene Produktionsstätten der Firma Manner im Stadtgebiet. Die Adressen habt ihr jetzt auf den Handys."

So fanden sie Bina in einem der alten Fabrikshallen in Ottakring. Bodnar und Morgentau hatten sie gefunden und riefen die anderen herbei. Dr. Gangl schüttelte den Kopf. Nein, die Polizistin war schon seit mindestens 6 Stunden tot, vielleicht auch 7, aber keine 8. Der Mediziner untersuchte oberflächlich ihre Scheide. "Eine ganze Menge Sperma, er benutzte diesmal kein Kondom. Die Würgespur am Hals dieselbe wie bei den anderen, eine Drahtschlinge. Die Drahtfesseln um ihre Handgelenke wie bei den anderen, diese aber hat einen Knebel im Mund, ein T-Shirt. Vermutlich ihr eigenes. Mehr kann ich erst nach der Obduktion sagen." Dr. Gangl wandte sich ab, es verstörte ihn, daß es schon wieder ein hübsches, junges Mädchen war. Hübsch, blond und mausetot. Die Mordserie war ein Desaster. Er hatte gehört, daß noch 7 andere junge Polizistinnen auf der Todesliste standen.

Rosenblatt vervollständigte das Dossier Bina Budak. Sie war in Odessa, Ukraine geboren und war jetzt 28 Jahre alt. Eine Übersetzung aus dem Ukrainischen: ihre Mutter hatte ihren Vater vor Gericht gezerrt, er hatte Bina viel zu jung entjungfert und die Tochter jahrelang täglich mißbraucht. Mutter und Tochter waren nach dem Freispruch des Vaters legal hierher ausgewandert, vor rund 15 Jahren. Bina hatte in Ottakring maturiert, sie war in der Zeit, da sie auf die Polizeiakademie ging, Informantin und war ebenfalls ins Netzwerk Artems und Franks eingeschleust worden. Sie hat sich beiden mit Haut und Haar hingegeben und war so an sensible Informationen gelangt. Sie hatte ebenfalls vor Gericht gegen Artem ausgesagt. Sie war mit einem jungen Rechtspfleger verlobt und sie wollten nach seiner Zulassung zur Rechtsanwaltschaft heiraten.

Das jüdische Kleeblatt war im Schockzustand. Die Überwachung von Franks Mutter ohne das geringste Vorkommen. Polizeipräsident Wallner wiegte seinen Kopf und starrte auf die Wand, auf die der Brief projiziert war. "Er ist noch nicht fertig, er macht weiter und erwartet uns mit der Pistole in der Hand. Er hat keine Angst und keinen Grund, sich zu stellen. Er hat uns absichtlich und mühelos zur letzten Leiche geführt. Es gibt momentan keine Spur, der wir folgen können. — Morgentau, nehmen Sie sich die Mutter vor, täglich. Quetschen Sie alles aus ihr heraus! Und, verdammt nochmal, keine Samthandschuhe! Wir suchen einen gefährlichen Mörder, einen Polizistenmörder! Da gibt's keine Samthandschuhe!!!" Wallner war wirklich sehr verärgert und winkte den Polizisten zu, sie konnten gehen.

Ron traf Bodnar an der Kaffeemaschine, als er sich einen Kaffee holte. "Täusche ich mich oder ist das Klima verändert?" fragte er. Bodnar ließ sich Zeit mit der Antwort. "Erst, seit du mit Rosa in der Kiste warst!" Ron hatte sich also nicht getäuscht. "Hör mal, Bodnar. Ich habe einen Fehler gemacht, damit hast du recht. Aber ich habe Rosa gleich gesagt, daß es nicht wieder vorkommen kann, wegen mir. Sie muß es verstanden haben. Ich hoffe, du auch. Ohne Verständigung darüber können wir hier nicht weiterarbeiten." Bodnar antwortete nicht und ging schweigend.

Ein paar Stunden später tingelte Rosenblatt vorbei. Nach ein paar belanglosen Bemerkungen kam er auf den Punkt. "Bodnar hat's mir erklärt. Ich glaube dir, es mußte ja kommen. Die Rosa kann keinen auslassen. Nur habe ich es nicht so schnell erwartet." Eisen trat gerade hinzu. Er nickte, als Rosenblatt geendet hatte. Er reichte Ron die Hand. Bodnar war erst am nächsten Morgen soweit, er hatte zuvor abends ein Gespräch mit Morgentau. Sie bestätigte Ron's Text. Bodnar war nicht glücklich über ihre Flatterhaftigkeit, aber er war bereit, Ron in Ruhe zu lassen. Sie hatten aber mit diesem Zwischengeplänkel einen halben Tag verloren.

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