Ronald Hofstätter wurde endlich in die Kriminalabteilung Wien versetzt. Er hatte seine erste Aufgabe als undercover-Ermittler erfolgreich gelöst, man hatte in Wien einen drückenden Personalengpaß in der Kriminalabteilung der Polizei. Man beförderte Ron zum Kriminalinspektor, entgegen dem Unwillen älterer Kollegen, die erst Jahre als Frischlinge Dienst machen hatten müssen. Ron hatte mächtige Fürsprecher im Innenministerium, sein Vater war pensionierter Botschafter und war gut vernetzt. Die Kriminalpolizei mietete einen ganzen Trakt in der Roßauer Kaserne, der junge Innenminister bestand darauf. Es sollte eine völlig neue Kriminalpolizei entstehen, junge Leute mit modernster Ausstattung. Das hatte der Minister aus seinem Aufenthalt in den USA mitgenommen.
Ron ging auf die Tür des neuen Büros zu. Kriminalinspektor Ronald Hofstätter, stand dort neben der Tür. Das erfüllte ihn mit Stolz. Er trat ein, zwei Schreibtische mit Computerbildschirmen, in der Ecke ein Farblaserdrucker. Die Telefonanlage mittig, für beide Mitarbeiter gut erreichbar. Es war eine hochmoderne digitale Telefonanlage für zwei, die alle Stückerln spielte. Anruferermittlung, Sprachaufzeichnung, Zeugenschaltung, Lautsprecher und Direktverbindung zum Handy. Vorerst war er allein in diesem Büro, noch hatte man nicht beschlossen, wer den zweiten Schreibtisch bekam. Die meisten anderen Büros waren bereits besetzt, ganz hinten war das Büro des alten Direktors, Präsident Johannes Wallner. Der sollte eigentlich schon in Pension sein, aber man hatte keinen gleichwertigen Nachfolger bei der Hand. Und: Wallner war nach wie vor einer der gerissensten und erfolgreichsten Kriminalbeamten der Nachkriegszeit. Mit der modernen Technik stand er auf Kriegsfuß, er konnte mit seinem Handy zwar telefonieren, aber das war bereits alles. Dennoch war er wild entschlossen, den Auftrag des Ministers auszuführen. Er begriff natürlich nicht, was ein Massenspektrometer machte, aber die Leute im Labor wollten einen, also bekamen sie einen. Das Kriminallabor in der Roßauer Kaserne war jetzt mit Abstand das Beste der Republik. Eine Glaswand trennte das Büro Wallners von dem Konferenzraum ab, der schmunzelnd das Aquarium genannt wurde. Wallner nahm täglich an der Morgenkonferenz teil, Montag bis Samstag. Sonntag waren die Büros kaum besetzt, man brauchte mindestens einen freien Tag.
Ron ging von Büro zu Büro, stellte sich vor und schüttelte Hände. Alle kannten ihn, er kannte die meisten, zumindest telefonisch. Er war äußerlich sehr bescheiden, innerlich aber mächtig stolz auf seinen großen Einsatz. Er war es, dem die Zerschlagung der türkischen Mafia in Wien gelang. Die Kollegen musterten ihn von oben bis unten. Ron war 29 Jahre alt, gebürtiger Wiener und war zumindest im Vergleich zu anderen Kollegen durchaus fesch. Er achtete auf sein Gewicht, lief in aller Herrgottsfrüh seine Kilometer und aß mit bedacht. Er mochte gutes Essen, aber er konnte sich zurückhalten, wo es nötig war. Er rauchte tagsüber nur selten, abends aber, wenn ihn sein türkisches Mädchen besuchte, rauchte er mehr. Er war muskulös und athletisch gebaut, aber kein Muskelmann. Überlegt essen, ein Lauf am Morgen und ein Mädchen am Abend, das hielt ihn fit, zumindest dachte er es. Er nahm die Dienstwaffe nur dann mit, wenn Unerwartetes zu erwarten war. In den mehr als zwei Jahren im undercover-Einsatz hatte er die Pistole nur ein einziges Mal mitgenommen, und das war auch das erste und einzige Mal, daß er einem Kerl in den Oberschenkel geschossen hatte.
Ron lebte immer noch in der kleinen Wohnung, wo er auch während des vorigen Einsatzes gewohnt hatte. Eine kleine Sammlung historischer Schallplatten und ein Fernseher genügten ihm, und wenn er ein Buch las, entlehnte er es und gab es wieder zurück. Eine eigene Bibliothek war nicht notwendig, er behielt alles im Kopf. Seine Freundinnen kamen alle aus dem türkischen Milieu, wo er über zwei Jahre lang als Hakim Elbagr spioniert hatte. Hakim ist einerseits ein Vorname, andererseits aber gebührt er Akademikern oder Rechtsgelehrten als Titel.
Die Mädchen blieben ihm oft monatelang erhalten, und daß sie auf den Strich gingen und einen Zuhälter hatten, störte ihn überhaupt nicht. Er bezahlte die Mädchen nie, und die Zuhälter glaubten, ihn so in der Hand zu haben. Wichtig war, daß sie am Morgen die kleine Wohnung blitzsauber zurückließen, wenn sie gingen. Er brauchte keine Putzfrau. Und Fatme, seine augenblickliche türkische Freundin, war schon seit langem seine Geliebte und sie waren sich sehr nahegekommen.
Fatme hatte er vor knapp zwei Jahren kennengelernt. Sein Erfolg, die türkische Mafia in Wien entscheidend zu schwächen, rang der türkischen Gemeinde Achtung und Respekt ab. Er war herzlich willkommen, bei ihnen zu sitzen und türkischen Tee zu schlürfen. Sie nannten ihn immer noch ehrfurchtsvoll bei seinem Alias, Hakim Elbagr, obwohl sie wußten, daß er Polizist war und Ronald Hofstätter hieß. Die hübsche, junge Fatme servierte manchmal den Tee, und so kam er mit ihr ins Gespräch. Es hatte zwischen ihnen gefunkt, von der ersten Sekunde an. Es war nicht notwendig, sich gegenseitig die Liebe zu gestehen. Ron hielt sich streng an die kulturellen Regeln und saß mit Fatme oft züchtig auf einer Bank in Innenhof und sie sprachen stundenlang. Sie war ein sehr hübsches und schlankes Mädchen, sie war immer sauber gekleidet und nur leicht geschminkt, und sie roch immer so gut nach irgendwelchen Blüten.
Ron hätte Fatme auf 19 geschätzt, sie war immer sorgfältig geschminkt und das täuschte ihn. Sie lachte leise gurrend, sie sei 15, fast 16 und der Papa hatte sie bereits an einen Zuhälter der Madame Florence verkaufen müssen, denn sie waren bettelarm und hungerten. Ron wurde sofort ernst. Der Papa liebte sie schon seit Jahren, weil die Mama weggeguckt hatte und jetzt tot war, und er hatte sie vor Jahren an Madame Florence verkaufen müssen, obwohl sie noch viel zu jung für den Strich war. Ron merkte sich den Namen des Zuhälters. Nach Tagen ließ sie sich von Ron in seine Bude einladen. So begann diese Liebesgeschichte. "Du bist nach Papa der zweite Mann, der mich so liebevoll an sein Herz nimmt, Hakim" flüsterte sie. Ron war entsetzt, wie mangelhaft Fatmes Allgemeinbildung war. Er entlehnte Bücher in der Bibliothek, die er ihr zum Lesen gab. Sie diskutierten viel über deren Inhalte, und Fatme sog Wissen und Weisheiten wie ein trockener Schwamm auf. Ron ärgerte sich von Mal zu Mal, wenn Fatme sich zu ihm legte und todmüde war, ausgepumpt und ausgelaugt. Er lauerte ihrem Zuhälter auf und faltete ihn sachgerecht zusammen. Er schrie, Fatme gehöre ihm und der Zuhälter habe sie freizugeben, sonst werde es kritisch. Der Zuhälter war solche Behandlung nicht gewohnt, und er duckte sich unter Rons Fäusten. Okay, stammelte er, aber auf Fatmes Eigentümerin, die Madame, habe er keinen Einfluss.
Erst nach einiger Zeit erklärte er Fatme die Sachlage. Sie senkte den Blick, das hatte sie sich schon gedacht. Der Vater sei verzweifelt, weil sie kein Geld mehr heimbrachte. Und er klammerte sich an Fatme in seinem Bett. So lange sie nicht auf eigenen Füßen stehen konnte, musste sie es geduldig über sich ergehen lassen, flüsterte Fatme mit gesenktem Blick. Und sie bat Ron inständig, ihren Vater nicht darauf anzusprechen. Der arme Vater würde verhungern und vor Gram sterben, wenn sein kleines Mädchen ihn im Stich ließe. Sie war alles, was er noch hatte, und den Namen einer Familie von Nationalhelden. Er war bettelarm, aber hoch angesehen.
Fatme las nun den ganzen Tag und legte sich Abends zu Ron. Er versuchte, nicht daran zu denken, daß sie, wenn sie gegen Mitternacht heimging, sich zu ihrem Vater legen mußte. Er war stolz auf sie, denn das Lesen hatte sie klug und gebildet werden lassen. Er war stolz auf sie, weil sie ihn abends in seiner blitzsauber aufgeräumten Bude mit einem Drink erwartete, wie eine Geliebte. Ja, sie war seine Geliebte und er schob die meisten Gedanken beiseite, wie Fatme in die Zukunft schreiten könnte. Natürlich hätte er um ihre Hand anhalten können, aber für ihn war es viel zu früh dafür. Und immerhin hatte er durchgesetzt, daß sie nicht mehr auf den Strich ging. Er hatte Fatme eine Bankkarte zu seinem Konto gegeben, sie sollte sich alles Notwendige leisten, wenn ihr Bargeld nicht ausreichte. Manchmal kontrollierten sie gemeinsam ihre Zahlungen und Behebungen, aber da war sie sehr diszipliniert. Mindestens einmal in der Woche gingen sie abends aus. Sie liebte es, sich herauszuputzen und Ron war sehr stolz, mit einer so gut gekleideten, eleganten und dezent geschminkten Geliebten am Arm in die Bars zu gehen.
Ron saß am Schreibtisch und rauchte, während er die kurzen Berichte seiner Informanten zusammenfaßte. Morgen früh mußte er bei der Morgenkonferenz den Kollegen kurz berichten, daß die türkische Mafia in Wien keinen Fuß mehr auf den Boden brachte. Er erinnerte sich an seinen Werdegang. Seine Mutter war sein Fels in der Brandung. Sein Vater arbeitete im Österreichischen Konsulat in Istanbul und die kleine Familie, Mutter und Sohn, zogen mit ihm. Ronald hatte 6 Jahre das St. Georg Kolleg in Istanbul besucht, dann kamen sie wieder nach Wien. Er hatte die Polizeiakademie besucht und man setzte ihn undercover in der türkischen Mafia ein, er sprach ja fließend türkisch mit Istanbuler Zungenschlag. Dort hatte er seinen großen Erfolg.
Sein Telefon surrte, es war Präsident Wallner. Ja, er käme sofort. Der Präsident lächelte. "Kann ich dich von den Fahrraddiebstählen kurzfristig abziehen, sofort?" fragte der alte Fuchs. Darauf gab es nur eine Antwort. "Ja, Herr Präsident, sehr gerne sogar!" Wallner lächelte. "Ich habe es nicht anders erwartet. Du mußt der anderen Abteilung zur Hand gehen, vorsichtig natürlich. Der Bremer, der Chef, hat mir sein Leid geklagt und ich will ihm helfen. Er hat bereits die dritte Frauenleiche und sie kommen nicht zurande. Ein Serienkiller? Vielleicht. Also, geh zum Bremer und nimm's in Angriff. Der Bremer ist ein Freund, glaub es mir!" Ron ging schnell. Endlich, eine kriminalistische Aufgabe! Er legte die Akten über Fahrraddiebstähle in die Ausgangsbox, fort damit! Er verständigte die anderen, daß er zum Bremer gehe und vielleicht dort länger zu tun hatte, Befehl vom Präsidenten.
Bremer empfing ihn freundlich und nahm die Hilfe von Wallner gerne an. Er ließ die Ermittler kommen. Bodnar, Eisen und Rosenblatt. Bodnar lächelte, als Ron vorgestellt wurde. "Wir sind eigentlich die drei Musketiere, aber man nennt uns die "jiddische Squadron". Das nur als Vorwarnung, unsere Kollegen sind keine Antisemiten, sondern einfach nur blöd." Bodnar lächelte freundlich. Sie gingen zu viert zu Bodnars Arbeitsplatz.
Bodnar war der Leiter. Sie hatten zwei problematische Frauenleichen und eine unproblematische. Ein älterer Mann hatte seine Frau mit der Axt erschlagen, er war kooperativ und legte ein glaubhaftes Geständnis ab. Ron fragte, ob es in diesem Fall noch offene Fragen gab. Die drei schüttelten den Kopf verneinend. Ron schob die Akte beiseite. Nun fragte er, was mit den beiden anderen Fällen sei. Die drei sahen sich an, dann sagte Eisen, "ich denke an einen Serienkiller, die beiden anderen nicht. Es gibt mehrere Unstimmigkeiten und mehrere Übereinstimmungen." Ron wollte zuerst die Übereinstimmungen hören. "Beide Frauen jung, blond, nackt und mit einem Draht erwürgt," sagte Eisen. "Beide sind Wiener Polizistinnen, eine im Außendienst, die andere eigentlich auf Studiumsurlaub, nichts Ungewöhnliches. Laut Obduktion waren sie beide tagelang an den Handgelenken gefesselt und waren offenbar sexuell mißbraucht, dann erst erwürgt worden. Eine Leiche war im Votivpark abgelegt worden, die andere im Park vor der Schottenkirche. Das alles zeigt für mich auf einen Serienkiller." Ron blickte zu den beiden anderen. Rosenblatt schüttelte den Kopf. "Seit 25 Jahren gab es keinen einzigen Serienkiller mehr, der letzte war der Jack Unterweger, die Prostituiertenmorde 1973. Wir halten es für unwahrscheinlich, daß wir wieder einen haben." Ron schlug den ersten Akt auf. "Sind sie völlig nackt abgelegt worden?" fragte er, als er die Fotos sah. Rosenblatt nickte, "Ja, Ronald, das sind die Originalfotos, wie man sie auffand." Ron blätterte weiter, aber es war nichts Ungewöhnliches zu finden. Thea Küngler hatte Kriminologie studiert, hatte erst als Informantin gearbeitet und wurde Polizistin im Innendienst. Aktuell war sie für das Doktoratsstudium beurlaubt. Auf den Fotos war sie eine hübsche junge Frau. Der Obduktionsbericht bestätigte, was Eisen berichtet hatte. Er nahm den zweiten Akt, schlug ihn auf und erstarrte.
"Susanne," rief Ron aus, "ich kenne sie, ich kannte sie!" Er blätterte oberflächlich weiter. "Ist sie schon beerdigt?" fragte er. "Nein," sagten die drei wie aus einem Mund. "Sie liegt noch im Hades, im gerichtsmedizinischen Institut, hier im Keller." Die drei führten ihn hinunter. "Der Gerichtsmediziner ist ein verschrobener Kauz, aber er ist vermutlich einer der besten." Ron nickte und sie traten ein. Der Bucklige sah ihnen entgegen, "die Küngler oder die Stammer?" fragte er grinsend. "Beide," antwortete Ron und stellte sich vor. Er fragte, wie er hieß. "Dr. Armin Gangl" sagte der Bucklige, "aber alle nennen mich Quasimodo, obwohl keiner von denen Victor Hugo jemals gelesen hat, die Deppen!" Er öffnete zwei Kühlfächer, 67 und 70. "Links Küngler, rechts Stammer."
Er setzte sich und wartete auf Fragen. Ron hielt die Obduktionsberichte in der Hand und ging die einzelnen Punkte durch. Dr. Gangl ging zu ihm. Er zeigte auf die Handgelenke, die Spuren waren bei Thea und Susanne klar sichtbar und identisch. Das Mal um ihre Hälse war ganz klar von einem Draht. "Rechtshänder", sagte Dr. Gangl. "Kein Sperma", fügte er hinzu, "er muß ein Kondom benutzt haben. Aber die Spuren sind eindeutig, mehrfache brutale Vergewaltigungen, eventuell mit Dildo. Sicher über Tage hinweg, ganz sicher." Der Mediziner war sehr gründlich. "Die Toxikologie war bei beiden gleich. Alkohol natürlich und Poppers, jede Menge Poppers. Die Frauen wiesen sehr hohe Dosen auf, sie müssen beinahe verrückt gewesen sein vor Begierde, sexueller Begierde. - Welcher Mann tut so etwas, welcher Kerl ist dermaßen gierig und verantwortungslos? Sie hätten genauso gut an Herzversagen angesichts dieser Dosierung sterben können !" Dr. Gangl schüttelte den Kopf. "Keine einzige DNA, er muß sie mit einem guten Desinfektionsmittel gewaschen haben. Der Kerl hat eine Ahnung von Polizeiarbeit." Ron zog das Tuch von Susanne ganz herunter und beobachtete ihren Körper. Ja, sie war es, eindeutig. Er hatte sie beim letzten Polizeiball kurz kennengelernt und hatte mit ihr einen Quickie in den Garderoben gehabt.
Sie gingen wieder hinauf und Ron sagte, er sei befangen. Er hatte vor einem Jahr einen Quickie mit der Stammer gehabt, also befangen. Er ging schnell zu Präsident Wallner. "Ich bin befangen und kann an der Untersuchung nicht teilnehmen, sonst gefährde ich die Untersuchung." Präsident Wallner, der im ersten Augenblick etwas Großes befürchtete, lachte hellauf. "Wenn's nur das ist," sagte er lachend, "dann dürfte wohl keiner von uns den Fall untersuchen. Die Kleine hat keinen unter 60 ausgelassen, sie war sehr fleißig!" Wallner lachte nochmals. "Also, weitermachen, mein Junge, das ist ein Befehl!" Ron ging wieder zu den drei Musketieren.
Bodnar war der Dienstälteste, er kam von der Abteilung Sitte, die er verließ, als er Vater wurde. Ein vierschrötiger Mann, der eher wie ein Klempner oder wie ein Holzfäller aussah. Ein Charakterkopf wie der selige Friedrich Engels, mit großem Schnauzbart. Seine 13-jährige Tochter Laura war eine pubertierende Plage. Sie setzte sich regelmäßig nackt auf seinen Schoß, legte ihre Arme verlangend um seinen Hals und er wußte nie, wohin mit seinen Händen. Laura wetzte so lange hin und her, bis seine Hände auf ihrer nackten Scham lagen und dann wetzte sie weiter, bis sie erschauerte. Seine Frau räusperte sich geräuschvoll im Hintergrund, das war ja klar. Doch Bodnar wußte aus seiner Arbeit bei der Sitte, daß damit Schluß war und er bei Laura keinen einzigen Schritt weitergehen durfte.
Eisen war eigentlich Graphologe an der Universität gewesen, bis ihn eine Liebschaft in die Polizeiakademie bugsierte. Vom Typ her ein kleinwüchsiger Buchhalter mit Glatze, Haarkranz und Brille, dessen kriminologische Begabung auf der Akademie entdeckt wurde. Er war Anfang 50 und der Älteste der jiddischen Squadron. Alle schätzten seinen klaren Blick, immer den Fakten entlang. Nur selten tappte er in eine Falle, er erkannte selbst die ausgeklügeltsten. Er war begeisterter Junggeselle und nutzte es weidlich in unzähligen Liebschaften aus. Eisen war innerlich schon weg, er wollte sein Glück im Innenministerium versuchen. Er war mit dem neuen, jungen Innenminister per du.
Rosenblatt war der beste Spurensucher des Squadrons. Nein, er schnüffelte nicht auf dem Boden, sondern im Internet, in Archiven, in Verzeichnissen aller Art und brachte oft selbst das Verborgenste ans Tageslicht. Er hatte das geerbte Juweliergeschäft verkauft, er hatte kein Interesse daran. Er war vor vielen Jahren von seiner Frau, der Schlampe, verlassen worden und seine inzwischen 15 oder 16-jährige Tochter Elli lebte mit ihm. Er nannte seine Ex nur Schlampe, sie schien keinen Vornamen zu haben. Er hielt sein Privatleben privat, doch als seine vertrauten Kollegen ihn direkt bedrängten, gab er unumwunden zu, daß er vor fast 5 Jahren, als seine Frau, die Schlampe, abgehauen war, Elli entschlossen in sein Bett geholt hatte. Alles hatte sich ganz natürlich entwickelt, und sie lebten wie ein Paar zusammen. Keiner störte sich daran, als Klarheit herrschte. Seine jüdische Hakennase in einem Gesicht, das eines römischen Kaisers würdig war, verriet sofort, daß sie einem Spurensucher gehörte.
Sie gingen die Akten eine Woche sehr methodisch durch. Es stand aber nicht mehr drin, als das was drin stand. Sie hatten bisher ganz gut gearbeitet und alles zusammengetragen. Thea Küngler hatte eine völlig saubere Akte. Sie war in Favoriten in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, hatte als erste in ihrer Familie die Matura abgelegt und studierte Kriminologie. Sie hatte die Polizeiakademie mit ausgezeichneten Noten absolviert und arbeitete bereits an einer Doktorarbeit. Sie hatte keinen festen Freund, so stand es in ihrer Akte. Kein Wort zu ihrem Sexualleben, falls sie eines hatte.
Susanne Stammer war in gutbürgerlichen Verhältnissen im 9. Bezirk aufgewachsen. Sie hatte die Matura mit einer Wiederholung abgelegt, studierte ebenfalls Kriminologie, aber es gab keinen Hinweis, ob sie die Thea Küngler gekannt hatte. In ihrer Jugendakte gab es zwei längst gelöschte Einträge. Eine wegen Besitzes einer geringfügigen Menge Marihuana, die zweite wegen ungebührlichen Verhaltens. Klar, was man damals damit umschrieb: Promiskuität, im Alter von 14. Ron kratzte sich am Kopf, er war der Stammer bei einem Polizeiball verfallen und hatte einen Quickie mit ihr. Es war nur oberflächlicher, kasualer Sex ohne jede Bedeutung. Ron spürte trotzdem ein tiefes Bedauern. Mag Susanne auch ein leichtes Mädchen gewesen zu sein, sie hatte den Tod, diesen wütenden, bösen Tod einfach nicht verdient. Weder Ron noch die jiddische Squadron entdeckten irgendetwas noch irgendwen, der auf Thea's oder Susanne's Ermordung hinwies. Es könnte ein Irrer, ein Serienkiller oder einfach nur jedermann gewesen sein.
Dann, nach einer Woche, kam Kommissar Zufall zu Hilfe. Anwohner hatten die Polizei verständigt, in dem leerstehenden Gebäude nebenan hatte man Schreie gehört und als die Polizisten kamen, waren die Schreie schon längst verstummt. Die Polizisten entdeckten eine Frauenleiche und die drei Musketiere rasten mit Ron, Blaulicht und Sirene quer durch die Stadt. Der Täter war längst geflohen, aber er war unterbrochen worden.
Er hatte das Desinfektionsmittel noch nicht benutzt. Er hinterließ die mit Draht gefesselte Leiche, die Garotte und das Desinfektionsmittel. Dr. Gangl meinte, sie mußte vor einer knappen Stunde ermordet worden sein, die Leiche war noch warm. Man untersuchte den Tatort methodisch Millimeter für Millimeter und fand ein Dutzend gebrauchter Kondome. Dr. Gangl untersuchte das Sperma in den Kondomen, die DNA auf der Garotte und auf der Leiche der Theresa Stanzl, 28. Auch Theresa war eine Polizistin, sie war seit einigen Tagen nicht zum Dienst erschienen, sie wurde aber noch nicht offiziell vermißt. Es war schon einige Male vorgekommen, daß sie für einige Tage, sogar für eine Woche, mit einem Liebhaber auf "Hochzeitsreise" ging, wie sie später beschämt lächelnd zugab. Und nun war sie tot.
Rosenblatt und Eisen machten sich sofort an die Arbeit und recherchierten ihren Hintergrund. Aber da war nichts Ungewöhnliches. Sie hatte in der Josefstadt maturiert, hatte mit ihrem verwitweten Vater zusammengelebt. Es gab mehrere anonyme Anzeigen, die zwei würden im Inzest leben. Theresa war zu diesem Zeitpunkten 14, 17, 18, 19 und 20 Jahre alt, und der anonyme Schreiber schien eine eifersüchtige Nachbarin zu sein. Die Berichte waren sehr detailliert, manches geradezu pornografisch. Eisen legte die Blätter angewidert zur Seite. Es war doch völlig unerheblich, ob die Theresa sich von ihrem Herrn Papa vögeln ließ oder nicht, das war für die Polizeiarbeit unwichtig. Niemand ging damals der Sache auf den Grund. Inzest war eigentlich ein Kavaliersdelikt, um das sich kein Polizist ernsthaft kümmern wollte. Dreimal las Rosenblatt den Bericht durch, den ihr Vorgesetzter anlässlich ihrer Einstellung verfasst hatte. Der Vorgesetzte hatte die 5 inkriminierenden anonymen Anzeigen auf dem Tisch ausgebreitet, und dann gemeint, "jeder von uns muß mit Anfeindungen und dem Anschmieren leben, das ist mir klar. Ich sollte nur von Anfang an wissen, was Sache ist. Sie leben noch immer allein bei Ihrem Vater. In diesen Dokumenten, in diesem Gefasel, werden Sie des Inzests bezichtigt. Was haben Sie mir darüber zu sagen?" Die Stanzl hatte zurückgefragt, "Hat das einen Einfluss darauf, ob ich angestellt werde oder nicht?" Er habe es verneint. Also hat Stanzl keine Stellung bezogen. Theresa hatte aktenkundig einen Freund, ein unauffälliger und blasser Student in ihrem Jahrgang. Rosenblatt folgerte aus den Formulierungen, daß es sich eher um eine Lerngemeinschaft denn um ein sexuelles Verhältnis handelte. Keinerlei direkte Verbindung zur Thea Küngler oder Susanne Stammer .
Dr. Gangl schüttelte den Kopf, als er den toxikologischen Befund las. Theresa hatte 3,2 Promille Alkohol im Blut, sie war zum Zeitpunkt ihres Todes sturzbesoffen. Sie hatte dreimal mehr Poppers geschluckt als die anderen, die Werte waren unglaublich hoch. "Nach meinem Dafürhalten hätte dies allein ausgereicht, um ihr Herz Versagen zu lassen. Ich kann nun nicht eindeutig daraus schließen, daß sie "nur" vergewaltigt wurde. Vielleicht hat sie ihren Peiniger selbst angetrieben und zu brutalem Sex gedrängt. Hier muß ich den ersten Obduktionsbericht leicht korrigieren." Dr. Gangl wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Solch eine Menge an Poppers nimmt niemand freiwillig, das ist sicher. Euer Täter ist nicht nur ein Polizistenmörder und Serienkiller, ich stufe ihn auch als völlig abartigen Sexualstraftäter ein, der seine Opfer absichtlich in einen Hurrikan des Sexualtriebes stürzt." Dr. Gangl machte im Labor Druck, die DNA schnellstmöglich zu bestimmen. Die DNA gehörte eindeutig zu Frank Halter, der in der Haftanstalt Karling bei Graz einsaß.
Ron telefonierte sofort mit Graz.