Vorwort, dritter Anlauf

von István Rudas © 2026

Die Vorworte meiner Vorredner habe ich mit Interesse gelesen. Natürlich hat István mal einen Hakim erwähnt, ebenso die Fatme und seine Putzfrau, aber die näheren Umstände habe ich natürlich nicht recherchiert, ich bin doch kein Dolm. Ich habe sein Büro zu leiten, nicht die Gerüchteküche.

Als mir István vor zwei Jahren das Manuskript zur gefälligen und wohlwollenden Bewertung reichte, fühlte ich mich sehr geschmeichelt. Doch ich mußte ihn aus dem Wolkenkuckucksheim auf den Boden der Tatsachen herunterholen. "Das ist kein Krimi, das ist peinlicher Porno," war mein erster Kommentar. Ich habe alle Peinlichkeiten mit Rotstift ausgekreuzt, denn, wie schon gesagt, ich bin kein Dolm wie es im Duden steht. István wendete die Seiten hin und her. "Es bleiben vier Seiten übrig, vier beschissene Seiten," brachte er bleich hervor. "Der kürzeste Kriminalroman seit dem >Lied von Eis und Feuer<." Er konnte einem leid tun. Dann kam ein Jahr der Funkstille, István quälte die KI-Chatbots in vier Sprachen, aber das zerfledderte Manuskript rührte er nicht mehr an, bis, nun, bis ihn die unselige Muse von neuem küßte - manchen Mädels ist einfach nicht zu helfen.

Mit dem Rotstift in der Hand las ich das neue Manuskript. Ich nahm mir vor, milde zu urteilen. Die Erwähnung der türkischen Mafia (turk mafiyasi) war hier neu. Der Mafia wurde 2020 - 2023 ordentlich zugesetzt, warum also sollte sein Protagonist nicht ein undercover-Held sein? Gute Idee, ihn so in die türkische Gemeinde Wiens einzuführen. Warum seine Freundin eine Türkin und keine Wienerin, keine Norwegerin oder einfach eine Sizilianerin sein konnte, blieb mir verborgen. Nehme ich zur Kenntnis. Aber warum sein Killer aus der Ukraine kommt, in Zeiten, wo ein aufrechter Europäer hinter dem kriegsgebeutelten ukrainischen Volk steht, das haben wir stundenlang diskutiert. Am Schluß sagte er, er habe die Figuren schon fertigmodelliert und wollte nicht alles wieder neu erfinden. Ob er vielleicht an den Firtasch gedacht habe? Nein, sagte er, der ist nur ein Wirtschaftskrimineller, kein Killer wie er ihn brauchte. Großvater, Vater und Sohn, eine schöne Killer-Familie, sowas wollte er konstruieren.

Die Kripo-Beamten hatten ein florierendes Sexualleben, meine Finger mit dem Rotstift zuckten unablässig. Warum nehme er nicht die richtige Kripo-Arbeit stattdessen? István schaute mich perplex an. "Mensch, woher sollte ich wissen, wie die Kripo tatsächlich arbeitet? Und wenn, würde ich den Gaunern ein Rezeptbuch schreiben? Nee, das bißchen Sex, das tut doch nicht weh!" Ich knurrte, "Kein Verleger druckt heutzutage Sex, da bist du um 100 Jahre seit Felix von Salten zu spät dran." Er zuckte. "Wie, zum Henker, soll ich Inzest umschreiben, verlegermäßig?" Ich schlug zurück. "Warum überhaupt Inzest?" Seine Antwort war überraschend. "Weil ich eine provokative, kontroversielle Note hineinpacken wollte. Natürlich nicht der Hauptakteur, mit dem soll sich die Leserschaft ja identifizieren. Ein Nebendarsteller, da geht's."

Trotzdem strich ich viele schmalzig-feuchte Stellen, sie trugen die Handlung nicht. Es sollte ja ein Krimi sein. Den buckligen Gerichtsmediziner gab er nicht her. "Ein buckeliger Gerichtsmediziner ist fast so gut wie eine zwergwüchsige Gerichtsmedizinersassistentin." Ich verstand, von wem er sprach. Meinetwegen. Ich lehnte mich zurück. "Du beschreibst die türkische Gemeinde sehr sympathisch, das gefällt mir, das gibt dem ganzen eine nette, freundliche Note." István nickte, "Genau das war die Absicht." Ich packte seine Hand, die das Stamperl Portwein hielt. "Offensichtlich hast du noch nie einen Escort-Service in Anspruch genommen, das merkt ein Mann von Welt sofort." Er zuckte mit keiner Wimper. "Und wie viele Männer von Welt lesen Krimis?" Es war sinnlos, ihm den Escort-Service ausreden zu wollen.

"Weißt du, die Resi-Tant', die hatte eine Tochter beim Escort-Service, die dann auf dem Strich gelandet ist, Prater Straße und Hotel Orient. Die kleine Lydia war ihr Leben lang todtraurig, weil sie in den Portier oder besser Türsteher vom Hotel Bristol verliebt war. Der aber beachtete sie nie, er wollte höher hinaus und hatte ein Verhältnis mit der Frau eines Eigentümers, der Madame Florence, wie sie von allen genannt wird. Die habe ich in meinen Roman mit eingebunden. Die Florence hatte sich bei einem Urlaub in einen saudischen Prinzen verliebt, einen der 18.000 saudischen Prinzen. Es blieb aber nur beim heftigen Urlaubsflirt, mehr als flüchtiger Säfteaustausch kam dabei nicht heraus. Das Hotel Bristol hat einen eigenen Chauffeursdienst und einer der Fahrer ist ein Saudi, aber natürlich kein Prinz. So stand Madame Florence nun auf zwei Beinen, dem Fahrer und dem Türsteher, der Charly gerufen wird. Er kommt in meinem Roman als Zuhälter vor, der gute Charly. Es wird zwar gemunkelt, daß Madame Florence einige Mädchen laufen hat, aber das sind nur Gerüchte, glaube ich. Eines dieser Mädchen habe ich sogar kennengelernt, die Frau Frühwirth. Tagsüber die bravste Hausfrau von ganz Favoriten, nachts ein Vamp, tanzt als Monique an der Stange in einer der berüchtigten Discos. Habe ich selbst gesehen, sie ist ein schlafender Vulkan. Feuer im Hintern wie die Marilyn Monroe, meine Herren! Natürlich nicht meine Liga, aber über die habe ich die Annette kennengelernt, die zweitbravste Hausfrau von Favoriten. Die hat ein rotes, tätowiertes Herz in der Schambeuge, noch aus der Zeit vor ihrer Heirat, da war sie Tänzerin wie die Frühwirth." István holte tief Luft und ich fragte, "Und wozu erzählst du mir das alles?" Er war leicht verwirrt. "Ich dachte, dich interessiert es, woher ich einiges an Personal in meinem Krimi auffahren lasse?"

Eigentlich gefällt mir sein neues Manuskript, abzüglich einiger allzu freizügiger Stellen. Wenn er die ausmerzt, dann bitteschön, imprimatur. Vor allem erspart er uns lange Autofahrten der Kriminalkommissare durch die nebligen Auen, wo Birken und Erlen nur verschwommen im hartnäckigen Morgennebel auszumachen sind und die beiden Kommissare verbissen schweigen, weil sie im Büro Krach hatten, wegen einer ganz bestimmten Kommissarin, versteht sich.

Als wir durch das Manuskript waren, habe ich István gefragt, ob ich noch etwas für ihn tun kann, immerhin ist er mein Chef. Er stand grinsend auf. "Schreib ein Vorwort, nichts Großartiges, aber ein lobendes. Du bist ja kein richtiger Literaturkritiker, mein Bester."

Okay, ein Vorwort also. Kann ich machen.

East Van Roux-d'Ache
Stellv. Büroleiter

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