10.06.2026 - (Sagrada Familia)

im Wasser
von István Rudas © 2026-

Die höchste christliche Kirche der Welt, die Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona, gilt nach über 144 Jahren Bauzeit als fertiggestellt (ich sage vorausahnend, vielleicht in 10 Jahren). Papst Leo wird dort heute ein Hochamt feiern und damit auch einen geistlichen Meilenstein in spanischen Boden rammen.

Meine Gedanken wandern zurück, etwa vierzig Jahre. Es war eine der seltenen Gelegenheiten, wo ich prime-time mit meinem Vater hatte. Vater, über siebzig und ich, Ende dreißig. Kaum ein Tourist verirrte sich damals auf diese Baustelle, denn man muß schon ein schlaues Kerlchen sein, um hier das Genie des katalanischen Architekten Antoni Gaudí zu erahnen. Man ließ uns gerne einen der kleineren Kirchtürme (jetzt sind's 12) hinaufsteigen, tausende Stufen hievte ich meine 130 kilo hoch, keuchte meinem drahtigen Vater hinterher. Oben, eine leere Fensterhöhle, wo unser Blick über die wunderbare Stadt glitt. Wir rauchten stumm schweigend und ergriffen, ganz im Sinne der Bauvorschriften.

Meine Gedanken waren weder bei Antoni Gaudí noch bei der wollüstigen Schönheit Barcelonas. Ich beobachte nur meinen Vater, dessen Falkennase das einzige Erbstück unserer jüdischen Ahnen war. Eine Bilderserie zog in meinem Geist ihre Bahnen. Mein Vater: ein Mann, der sich weigerte, im Zweiten Weltkrieg eine Waffe in die Hand zu nehmen. Ein Mann, der sich in Gefangenschaft und Zwangsarbeit an seinen neuen Glauben klammerte. Der, zusammen mit zwei Gleichgesinnten, einen genialen Fluchtplan aus den besetzten Karpaten entwarf und ausführte. [Hauptfeldwebel Schuster, einer der wenigen aufrechten Deutschen, der in all der Niederträchtigkeit dieses Krieges ein warmes Herz und unbeirrt Anstand und Rückgrat bewahrt hatte und schwungvoll die gefälschten Dokumente unterzeichnete. Er floh ebenfalls, gemeinsam mit seiner Kompanie Zwangsarbeiter.] Mein Vater, ein Mann, der 1944-1945 als U-Boot in Budapest meine Mutter und seine Kleinkinder auf Händen trug, klammheimlich trotz aller Armut und russischer Besatzung. Ein Mann, der sich dem "Stählernen" Stalin aufmüpfig widersetzte und einer der Anführer der Partei Christliche Front wurde, die in den Wirren der Revolution 1956 elend unterging. Im österreichischen Exil schwenkte er fröhlich die ungarische Staatszeitung, wo über seine Hinrichtung berichtet wurde. Nur seine vornehme Erziehung verbot ihm, darauf zu spucken. — Er lehrte mich, daß wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen konnten und sollten, Stalin hin, Stalin her.

Meine Familie hatte über seinen Kopf hinweg entschieden, ihm eine Rekonvaleszenz nach seinem Herzinfarkt zu verordnen. Schnell fand ich im Internet ein preisgünstiges Apartment im katalanischen Alicante, mit Balkon, Sicht auf das Meer und barrierefreiem Zugang. So kam es, daß ich ihn nach Spanien karrte, Mama würde im Flugzeug nachkommen. Und nun standen wir auf diesem schlanken, zerbrechlich wirkenden Kirchturm und blickten auf die wollüstigste Stadt des Königreichs hinunter. Ja. Barcelona, die uralte Metze, die zu jener Zeit gerade ihr Haupt erhob, um Touristen anzulocken. Die unergründlich lasziven Schenkel einer Flamencotänzerin und das verwelkte Fleisch der alten Babylonierin. Und mein Vater, der sich an diesem Anblick nicht sattsehen konnte, der sich in diesem Anblick verlor, der sich in diesem Anblick wiederfand. Er sah natürlich nicht das Unzüchtige Barcelonas, er war glücklich, er war zufrieden, er war frei. Und wir, die zögerlich unsere Peseten auf ihre entweihten Schenkel warfen, und landestypische Tapas und Sangria dafür bekamen, echte Orangen in echtem Rotwein. So sah ich uns, scheue Freier aus einem fremden Land auf ihrem sündigen Leib.

Irgendwie mußten wir auch über die unzähligen Stufen wieder hinuntergekommen sein, doch ich erinnere mich nicht mehr. Ich erinnere mich nur an Vaters Überraschung, als er auf den Balkon trat und das Meer sah, das sich bis zum Horizont erstreckte. Er — wie ich ein Stadtkind, er war überwältigt von der Schönheit und Weite des Ozeans, und ich konnte sehen, wie er in diesem Moment die Last der Vergangenheit und des Herzinfarkts ablegte und sich einfach nur an der Gegenwart erfreute. Es war ein seltener Moment der Freude und des Friedens, den wir beide teilten, und ich werde ihn nie vergessen.

Nein, über meine verzögerte Heimreise über Barcelona, von den pausbäckigen, prallärschigen und gar nicht so scheuen Hausfrauen im couchsurfing weitergereicht, lege ich noch keine Rechenschaft ab. — Ich weiß, warum Barcelona die wolllüstigste Stadt des Königreiches ist.

Nein, ich war schon sehr lange nicht mehr auf dem Friedhof, an seinem Grab, denn auch ich bin alt geworden, alt und des Reisens überdrüssig. Aber er lebt weiter in meinen Geschichten, dort wo er seinen festen Platz hat.

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Wien, im Monat-was-auch-immer, Juni 2026

István Rudas





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