Ich schlendere, auf meinen Gehstock gestützt, über den Flohmarkt am Naschmarkt. Nein, ich kaufe nichts, brauche keine weiteren Alt-Artikel in meiner Wohnung. Ich beobachte Gesichter, Mädchen, Ärsche. Da - ist das nicht der Mario!? Ja - wir erkennen uns, obwohl unsere Bärte grau und weiß geworden sind. Seine Hand liegt auf der Schulter eines etwa zehnjährigen Jungen, sein Blindenführer. "Piccolino, das ist Don Esteban," stellt mich Mario seinem Enkel vor, der mir Hand reicht, "Carlo DiLorenzo" sagt der Bub artig. Ich lade die beiden zu Adam und Eve auf einen Kaffee ein, ich sitze lieber als zu stehen.
Er hat seine Geschäfte in Venedig verkaufen müssen, "die Chinesen überschwemmen die Stadt und schon bald wird die rote Flagge über den Dächern der Serenissima wehen," sagt Mario mit wehmütigem Unterton. Der Schmerz ist tief und echt.
Ach, es muß wohl dreißig Jahre her sein. Ich lag mit meinem Schiff im alten Hafen von Dubrovnik, Mario saß auf einem Steinpoller, rauchte schweigend und bewunderte die Flanken meines 15-Meter-Katamarans. Ich folgte meinem Instinkt, stellte mich neben den Unbekannten und rauchte ebenfalls. Schön war sie schon, mein Schiff.
Er muß mich zuvor an Deck gesehen haben. "Du capitano?" fragte er, quasi feststellend. Ich nicke und sage auf italienisch, das sei mein Schiff, sie gehört mir. Er nickt unmerklich und schaut dem Dutzend Innsbrucker Studenten und Studentinnen zu, die ihre Einkäufe laut schnatternd versorgen. "Deine Kinder?" fragt er, ohne Überzeugung, er würde es nicht glauben. Lachend sage ich, nein, das sind Studenten aus Tirol, ich bringe sie nach Grado. Sie haben das Schiff gemietet. Er sinniert lange, das Schiff betrachtend. "Ich wollte mit der Fähre nach Venedig, capitano." Ich zünde mir eine amerikanische an und biete ihm auch eine an. "Mit der Fähre bist du in 18 Stunden in Venedig." Ich mache eine Pause. "Mit meinem Katamaran brauche ich länger als eine Woche, wir lassen uns Zeit, es ist ja ein Ausflug."
Mario ist nicht der Typ, der jauchzend aufspringt und die Trikolore schwingt. Er ist überlegt, plappert nicht dahin, er überlegt und entscheidet. "Zeit habe ich genug," sagt er wie beiläufig. Ich folge seinem Gedankengang. "Es sind noch Kojen frei, mein Freund."" Das Wort für Koje fällt mir partout nicht ein. Wir unterhalten uns ja in einem Singsang aus italienisch und spanisch, so der übliche Dialekt in Venedig. "Wieviel?" fragt er. Ich antworte prompt, "gratis, du wirst nur beim Lebensmitteleinkauf mitzahlen wie die Studenten, das kann ich anbieten." Er nickt zustimmend und steht auf, stämmig und muskelbepackt. Er reicht mir die Hand "Mario ....", stellt er sich auch mit Nachnamen vor, aber den habe ich vergessen. Ich stelle mich vor, "István." Er probiert es auszusprechen, "Isch ta wahen" und verheddert sich. Mein Name stellt alle Italiener, Spanier oder Portugieser vor ein unlösbares Problem. Er sieht mir in die Augen. "Bene, Don Esteban, ich fahre mit." Sprachproblem elegant gelöst.
Er holt seine lange Reisetasche aus dem Auto und ruft bei Hertz an, wo sie den Mietwagen finden. Ich sage, "keine Waffen, keine pischtola," wie die Süditaliener sagen. Er öffnet wortlos die Reisetasche. Tauchanzug, Maske, Flossen. "Ah, ein cuchillo de buceo, ein Tauchermesser, sage ich, das geht in Ordnung."
Wir bleiben noch eine Viertelstunde auf den steinernen Pollern sitzen und rauchen. Der Mann von Hertz holt den Wagen ab, Mario unterschreibt schwungvoll. Er ist das Schreiben gewöhnt, er ist also nicht einfach nur ein Taucher. Die Studenten sind fertig und ich gehe von Mario gefolgt an Deck. "So, nun ist auch Mario angekommen, wir können ablegen. Wenn's euch recht ist, fahren wir nach Venedig, die Wunderschöne." Als ob ich auf Mario gewartet hätte und ich einfach so, mir-nichts dir-nichts den Zielhafen neu bestimmen könnte, aber ich will keine unsinnige Debatte lostreten. Die Kids hatten das ganze Schiff gebucht, Grado oder Venedig, Ende der Debatte, keine Debatte. Ich bin der Chef. Wohlgemerkt.
Aber Mario ist mir aus ganz anderen Gründen in Erinnerung geblieben, und davon steht nichts in meinem Logbuch. Nachts schreckt mich der leiseste Laut auf, das ist so. Ich tappe leise an Deck. Mario drückt den Kopf eines Studenten unter Wasser, in das nicht wirklich saubere, verdreckte pissestinkende Hafenwasser. Läßt den Unseligen kurz Luft holen und taucht ihn wieder in die Brühe. Was war los, habe ich einen blutrünstigen Killer an Bord geholt!? Der arme Student - es ist Andi, der Geologie studiert - bekommt kaum noch Luft, er ersäuft beinahe im Dreckwasser. Ich greife ins Fach und fische die Signalpistole heraus. Der Hahn knackt laut und unmissverständlich. Ich würde Mario über den Haufen schießen, wenn er den Jungen nicht losließ. Mario hört das laute Knacken des Hahns und blickt mich an. "Er will uns alle vergiften, der calunniatore (Brunnenvergifter) hat Gift-Pulver in die Trinkwassertanks gestreut" sagt Mario ganz ruhig. Andi keucht, "nur ein starkes Abführmittel für Pferde, ist nur ein blöder Streich." Ich übersetze es Mario und er gibt Andi eine gehörige Portion venezianischer Faust ins Genick. "Streich," bellt Mario, "ein genialer Streich, du Arschgeige!"
Nein, ich hatte mich in Mario nicht getäuscht. Wir haben viele Stunden an Deck gesessen und uns unsere Lebensläufe erzählt wie Vettern oder Brüder. Als drei Studenten sich nach dem Auslaufen sich elendiglich abmühten, das Segel hochzuziehen - denn meine kecke Lady liebte es gar nicht, sich Unterwäsche aufziehen zu lassen - da sprang Mario auf und schubste die drei Jungs beiseite. Gelassen und souverän zog er das Segel hoch, als hätte er nie etwas anderes getan. Das Schiff flog nur so dahin, wir setzten zu zweit den riesigen Spinnaker, der uns wie nichts durch die Wellen trug.
Aber nun zurück zu "Adam und Eva", wo es den besten Kaffee am Naschmarkt gibt. Mario und ich erzählten uns über unsere Kinder, unsere Enkelkinder. Meine studieren schon, einer klettert in Vietnam, er ist Kletterlehrer. Sein Zwilling klettert derweil im Baskenland, auch er ist Kletterinstruktor. Ja, in Wien konnte man Klettern auf der Uni studieren, das ist einfach genial. Mario nickt, wie toll meine Enkel geworden sind. Seine Söhne und Töchter hätten alle Venedig verlassen, die Stadt bot ihnen keine Zukunft mehr. Nur seine Tochter Priscilla und der kleine Carlo lebten bei ihm in einer Etage eines venezianischen Palazzos, zur Miete. "Mama darf bei Mario im Elternschlafzimmer sein," warf der kleine Carlo überraschend ein. Seine Augen glänzten verdächtig, denn er war sich unsicher, ob das alle Töchter durften. Mario blickte mir gerade in die Augen. "Meine Frau ist vor zehn Jahren gestorben, da habe ich Priscilla und Carlo bei mir aufgenommen." Punktum, basta, keine weiteren Fragen. So spricht ein Chef, dem das alles gehört. Wohlgemerkt.
Marios Augen wandern über die Köpfe der anderen Gäste hinweg. "Manchmal frage ich mich, ob der Piccolo von mit ist; ich weiß es bei Gott nicht" murmelt er tonlos. Ich frage, "er heißt doch DiLorenzo, oder etwa nicht?" "ja," erwidert Mario mit spöttischem Blick, "gottseidank hat Priscilla diesem mascalzone den Stiefel gegeben, wie er es verdiente." Mascalzone braucht man nicht zu erklären, ein Tunichtgut, ein Taugenichts, ein Schuft, ein Lump, ein Schurke. Nehmen Sie, was ihnen besonders gut gefällt. Ich nehme Carlos kleine Hand in meine Hände. "Und was willst du einmal werden?" frage ich, in dem Alter sind ja Feuerwehrmann oder Astronaut gerade in. Er sagt, er wolle Architekt oder Statiker werden, er wolle die alten Palazzi in Venedig reparieren. Sagt der kleine Kerl mit einer Selbstverständlichkeit als ob Astronaut nicht gelten könne. Ich drücke die kleine Hand. "Weißt du, ich kenne Venezia nur als Tourist, da staunt man nur und sieht gar nicht, wie baufällig so manches Palazzo ist." Carlo blickt siegesbewußt zu Mario. "Hörst du, Nonno, Don Esteban versteht es genauso wie ich," sagt er im italienisch-spanischen Singsang der Veneter. Mario lächelt milde. "Lerne du nur brav in der Schule, dann werden wir weitersehen, Junge" antwortet er im selben melodischen Singsang. Als ich vorsichtig frage, ob das Studium sehr teuer sei, macht Mario eine lässige, wegwerfende Handbewegung. "Kaum der Rede wert. Ich frage mich nur, ob es ihn ernähren kann, das scheint mir alles so vage."
Mario lehnt sich interessiert vor, als ich vom Schreiben erzähle. Zum Schreiben brauche ich keine flinken Beine, nur einen wachen Geist, nickt Mario. "Du kannst auf meiner Homepage alle 40 Bücher gratis lesen, auf deutsch oder englisch. Oder du läßt es dir von einem Programm auf italienisch übersetzen." Mario streicht sich durch den dichten, schneeweißen Schopf. "Ich lese kaum Pornos, Don Esteban. Aber ich werde es mir anschauen, der Piccolino hat sich die Adresse notiert."
Nach zwei Stunden stehen wir auf, Mario umarmt mich sogar, das tat er sonst nie. "Wir schreiben und noch," meinte Mario und gab meine Visitenkarte an Carlo weiter, "der Piccolino ist ganz fix mit dem Computer. Halten wir Kontakt, vielleicht komme ich dich ja mal besuchen." "Mit Mama natürlich" ergänzt der kleine Carlo. "Sie liest heimlich viele Liebesromane, auch wirklich glitschige bei denen ich ganz rot werde, und sie wird es sich nicht entgehen lassen, einen Autor persönlich kennenzulernen." Kleiner Naseweis, du spionierst ja wie ein richtiger Agent! Dennoch - ich bin neugierig auf Priscilla, ich erahnte ihre betörende Schönheit in Marios verträumtem Blick.
Ich blicke den beiden noch eine Weile wehmütig nach, wie sich Mario von Carlo wieder in das Menschengewirr im Flohmarkt führen ließ.
Wien, im Juli 2026
István Rudas
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