04.07.2026(Pisa)

im Wasser
von István Rudas © 2026-

1968 entdeckte man, daß die Menschen zwei Geschlechter haben konnten, weiblich und — wir anderen. Die Pille hat man (unter einem verstaubten Rezeptbuch in einer Apotheke) entdeckt, und wir anderen atmeten befreit auf. Wir mußten uns nicht zwingendermaßen vermehren, und das war gut so.

Mir Jungspund war zu Ohren gekommen, daß die allerhübschesten Mädchen an der Universität Pisa studierten, da war ich einer Fake-News aufgesessen, noch bevor es überhaupt Fake-News gab. Ich also, geschmeidig, gemsengleich und voller Energie, schrieb mich sofort an der Uni Pisa für Architektur ein, sattelte mein Roß namens Citroen und ritt los, zum Paradies für kleine Jungs.

Ich kann Ihnen hier nichts über meine erotischen Enttäuschungen berichten, wir sind ja jugendfrei. Vielmehr erzähle ich Ihnen, wie ich unter dem professore Matteo Grazzinini den akademischen Titel Dottore errang, ein Titel, der in Österreich zu Recht belächelt und natürlich nicht anerkannt wird. Der professore war ein ganz eigenes Fundstück in unserem Zoo. Er wog geschätzte 130+ Kilo, trug immer einen schneeweißen Designeranzug, einen schwungvollen orangefarbenen Schal und einen ebenfalls schneeweißen Panamahut, vielleicht um seine prächtige Glatze zu kaschieren.

Sein "Istituto Pisano" für Architektur beschäftigte sich ausschließlich mit dem schiefen Turm von Pisa, also — beschäftigt waren nur wir tumben Studenten und -innen, damit das mal klar ist. Der schiefe Turm, ein Koloss von 15 tausend Tonnen, thronte 55 Meter über dem sumpfigen Untergrund. Sumpf hin, Sumpf her — der Erbauer, ein Tölpel namens Bonnano Pisano, war befleißigt, seiner scharfen Donna Lukrezia den Penisneid einzubläuen, und das schon 1173, also lange bevor der österreichische Märchenonkel (Gschichtldrucker sagt man in Wien dazu) namens Sigmund Freud den Penisneid und den Ödipuskomplex augenzwinkernd salonfähig machte.

Es wäre wohl langweilig zu erzählen, was wir Studenten alles anstellten, um den Turm konstant bei 3,97° Schiefheit zu erhalten. Zu meiner Zeit stellten wir wie die alten Araber (die ihre schiefen Türme allerdings auf Sand und nicht über Sumpf bauten) wir stellten also neumondförmige Stahlsicheln her, 17,33 Meter im Durchmesser, deren Innenseite sich nach innen verjüngte. Die wurden dann vom "Istituto Meccanico" mit Dampfhämmern unter den Turm getrieben. 3,97 Grad, wunderbar gelöst. Heutzutage spritzt man Flüssigzement ins Fundament, welch Barbarei!

Aber warum erzähle ich Ihnen das alles? — Ach ja, nun fällts mir wieder ein. Der professore Matteo gab jedes Wochenende ein Spektakel für seine Studenten. Meine texanische Trixi, die mir die amerikanische Art des Reitens beibrachte — ein melodisches, sanftes Dahingleiten im Einklang mit dem Roß, nicht das steife preußische Bockige also — die Trixi und ich mußten als schon recht früh losreiten, der Hafen war gut 10 Meilen von Pisas Stadtmitte entfernt. Dort lag die "Drago", eine Kreuzung von skandinavischem Drachenboot und altrömischer Triere, die Ruderversion natürlich. Die vermutlich einzige eigenständige Arbeit unseres professore, ein höllisch schnelles Schinakel, vorausgesetzt, die Jungs ruderten am Limit.

Ja, sie ruderten, ich stand am Steuerpaddel, ich bin doch kein blöder Ruderer! Der weißgekleidete professore saß bzw. lag in der hinteren Präsidentenloge oder Tribunenloge, ganz wie Sie wollen, er genoß den Fahrtwind und den Blick auf die prächtigen Cheerleaderinnen in ihren knappen Bikinis, war damals so Mode. Nach0 knapp einer Stunde erreichten wir die Gorgonischen Inseln, eine Fünfergruppe, die auf alten portugiesischen Seekarten noch als "Ilhas de Gorgones" zu finden sind, und die 2002 schlichtweg und ohne viel Getöse im Meer versunken sind.

Die Inselchen gaben bereits 1968, also zu meiner Zeit, nicht viel her. Man konnte im knöcheltiefen Wasser die paar Meter laufen, dann hatte man die Insel schon überquert. Und nun das Wunder, daß ich Ihnen nicht vorenthalten will, um dieses Wunder dreht sich ja all das hier. Auf dem größten Inselchen ein festlich gedeckter Tisch, es gab entweder Lämmchen vom Grill, Zicklein vom Grill oder Ferkelchen, auch vom Grill, natürlich. Der professore sonnte sich in seinem gelungenen Streich und wir tafelten wie die Götter, zur Belohnung der braven Rudersklaven.

Sosehr ich meine scharfen Augen auch auf den Horizont richten mochte, nirgends war ein Schiff, ein Raketenboot oder ein U-Boot zu sehen. Die Errichter des Banketts waren niemals zu sehen, und der professore platzte beinahe vor Stolz über seinen gelungenen Spitzbubentrick. Es war ein altes Familiengeheimnis der Grazzininis, ein teuflischer Zaubertrick, fürwahr.

Ich fand nie heraus, wie dieses Wunder zustande kam.

Ich nenne es daher ein Wunder, denn nur den Wundern kann man nicht auf die Schliche kommen.

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Wien, im Monat Juli anno domini 2026

István Rudas





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