Der junge Boss, Dr. "Don" Carlone, tänzelte leichtfüßig die Hoteltreppe hoch. Er hatte mit 29 das Imperium seines Vaters übernommen, nachdem dieser — Gott hab' ihn selig — vergiftet worden war. Er hatte den schlimmen Gerüchten ein schnelles Ende bereitet, die Stiefmutter #5 war mit Zementpatschen im Fluss gelandet. Schade eigentlich, er hatte sich sehr gerne mit ihr vergnügt, aber seine Macht zu demonstrieren hatte Vorrang. Das Büro seines Vaters hatte er modernisieren lassen, seine Promotionsurkunde (aus der besten Fälscherwerkstatt seines Vaters) prangte goldgerahmt hinter seinem Manager-Sessel.
Hinter ihm keuchte Carmencita, seine Frau, die Treppen hoch, wuchtete ihre 130+ Kilos und die beiden Koffer keuchend und schnaufend hinauf. "Ist nicht mehr weit, Schätzchen, nur noch ein Stockwerk", meinte er trocken, denn sie war am Treppenabsatz stehengeblieben, um zu verschnaufen. Kopfschüttelnd hatte er das Schild "Defeckt — Out of the servis" an der Lifttüre gelesen, Papa hat sich nie um die Rechtschreibung seiner Untergebenen gekümmert. Hinter ihr seine beiden Leibwächter, Carlo und Carlito, die Zwillinge. Lautlos wie Raubkatzen. Drahtige Burschen, Herbert und Norbert, wie sie bürgerlich hießen. Sie trugen schwarze Maßanzüge, unter den Achseln ausgebeult, schwarze Lackschuhe und schwarze 'Sombreros Cordobés' mit flacher Krempe. Aufgeklebte schwarze, rasiermesserscharf spitze Oberlippenbärtchen. Der Regisseur Quentin Tarantino stand Pate zu dieser Verkleidung.
Don Carlone hatte mit Absicht gerade dieses Zimmer in dem menschenleeren Hotel gewählt, vom Erker sah man auf die Dächer des Städtchens, seines Städtchens. Carmencita ließ die Koffer stehen und sackte völlig fertig auf dem Bett zusammen, das Bett knarzte unwirsch. Carlo und Carlito hatten die Umgebung inspiziert und standen nun regungslos neben der Türe.
"Schalldämpfer!" kommandierte der Boss. Carlo und Carlito drehten wortlos Schalldämpfer auf ihre ellenlangen Pistolen; dann warteten sie auf weitere Befehle. "Carlito, mein guter, siehst du dort hinten die Red-Bull-Dose? Machbar?" Carlito warf einen kurzen Blick aus dem Erkerfenster. "Aber sicher, Boss. Carlos Schulter wird mir als Auflage dienen. Absolut machbar, Boss. Aber die Dose ist voller Regenwasser und der Fettsack, der darunter schläft, wird dann sehr naß werden!" Der Boss lachte, "Ja, das ist der Sinn der Übung, ihn zu wecken. Alternativ könntest du treppauf, treppab hinübergehen und ihn mit einem mütterlichen Kuß aufwecken. Was meinst du?" Carlito schüttelte sich bei den Worten. "Danke, Boss, ich nehme die Dose." Carlo bot also seine Schulter als Auflage, Carlito zielte genau und die Dose fiel auf den Fettsack, der erschrocken aufsprang. Der Boss schaute hinüber und schüttelte den Kopf. "Der Knilch rennt wie ein verschrecktes Huhn auf und ab, sucht vermutlich seine Autoschlüssel. Wir müssen eine weitere Kugel verschwenden."
Er wandte sich zu Carlo. "Carlo, mein Lieber. Siehst du den schwarzen, fetten Kater dort sitzen?" Carlo blickte hinaus und nickte. "Aber keine Kinder, keine Priester und keine Katzen, Boss, so ist's abgemacht. Frauen und Nonnen schon, no problem, die nehmen wir uns vorher vor, klar." Don Carlone wieherte. "Natürlich wirst du die Katze nicht erschießen, mein Guter. Du sollst das Vieh nur aufschrecken, es liegt auf seinem Autoschlüssel und dem Auftragszettel, den Lift zu reparieren. Der Schlüssel vibriert so wohlig, wenn das Gewicht des Katers die Tasten drückt. Also, das Vieh aufschrecken, schaffen wir das?" Carlo legte den langen Lauf auf Carlitos Schulter, zielte sorgfältig und seine Kugel streifte das Ohr des Katers, der jaulend wegsprang.
Der Boss blickte aus dem Fenster. "Nun sieht er seinen Autoschlüssel und liest den Zettel. Dann haben wir bald einen funktionierenden Lift, meine Herren!" Carmencitas künstliche schwarze Fingernägel kratzten über Carlones Hemd. "Danke, mein Schatz, ich brauche die Treppen nicht hinunterzuwanken. Schön, daß du das alles für mich tust!"
Seine Augen glitten über ihre wuchtigen Fleischberge. "Ich hab jetzt keine Lust, darling, nicht jetzt. Nimm vielleicht das Ozempic zum Abnehmen, mein Liebling. Würde dir nur ungern Zementpatschen im Fluß zum Abnehmen verordnen, meine Liebe!" Carmencita duckte sich, so was sagte er sicher nicht nur so zum Spaß. Nein.
* * * * *
Ich bin sofort hellwach. 20 Minuten vor dem Wecker. Dieser Traum taugt zu nichts, das ergibt keine tolle Geschichte. Nein. Die Figuren vielleicht, der "dottore Boss", seine Galgenvögel-Leibwächter, die fette Carmencita — ja, die können sehr wohl eingewoben werden, in einer spannenderen Geschichte. Und natürlich können nicht alle "Carlo" heißen, das ist ein absolutes no-go.
Ich erzähle dir das nur, um zu demonstrieren, wie Jack zu seinen Geschichten kommt, nämlich träumend.
Nur zur Demonstration. — Denn die Anita Tschurtschenthaler habe ich dann doch geblockt, bis ich fertig recherchiert habe, zumindest. Oder, ich überrasche sie in persona mit einem Blumenstrauß, wie es sich gehört. Na, die wird Augen machen, die Hermine F.!"
P.S.: Mein Freund träumt immer noch im Koma.
Heute gäbe es Stefanie-Braten mit Kroketten, Kerl!
Seine Augen sind jetzt offen, aber er scheint nichts wahrzunehmen, der Zombie. So wie ich, wenn ich vor dem Fernseher mein luzides Träumen habe. Da sehe ich auch nichts, meine Augen sind nach Innen fixiert.
Wach endlich auf, schreie, brülle, krächze — egal. Nur komm zurück!
Wien, im Monat Juli 2026
István Rudas
Sofern die Texte nicht ausdrücklich als von jemand anderem stammend gekennzeichnet sind, stellen sie mein geistiges Eigentum dar. Ein Kopieren, Zitieren oder Weitergeben der Texte in jedweder Form ist ohne meine schriftliche Erlaubnis untersagt.