29.08.2026 (Rexi)

im Wasser
von István Rudas © 2026-

Ich habe jetzt einen Hund.

Um zum Bankomaten, zur Apotheke oder zur neuen Markthalle zu gelangen, muß ich die Bundesstraße 1 queren, die Stiegengasse ist eine ihrer Nebengassen. Altersweise und mit Gehstock warte ich geduldig, bis die Ampel grün wird. Viel Gedränge heute, so stelle ich mich auf die Seite. Dort sitzt, eine wunderschöne Statue von einem Hund, ein hellbrauner mecklenburgischer Vorstehhund, nein, kein preußischer. Als ich bei grün nun lostapse, regt sich der Hund und geht neben mir über den Zebrastreifen. Der Hund begleitet mich nun zum Bankomaten, in die Apotheke und die Tabak-Trafik, als ob er zu mir gehören würde. Treu wie der Eiserne Heinrich folgt er mir nach Hause, geht wie selbstverständlich ins Wohnzimmer voraus und setzt sich majestätisch neben meinen Fernsehsessel, einem altersschwachen Stück chinesischer Möbeltischlerei-Kunst.

Ich lass mich in den tiefen Sessel fallen, es war ein langer Fußmarsch. Ich kenne seinen Namen nicht, er trägt kein Halsband und auch keine Hundemarke. Und er ist eine sie, kein Rex, sondern eine Rexi. Okay, soll wohl so sein. Reagiert weder auf "Hundi" noch auf "Drago", also ist er Rex bzw. Rexi. Da spitzt er/sie die Ohren und wartet auf ein Kommando. "Bleib nur ruhig sitzen, Rexi, wir werden dich erstmal den Behörden melden, als Neuzugang zu meinem Haushalt." Gutes Kommando, das.

Die nette Dame von dem Magistrat der Stadt Wien am anderen Ende des Telefons lächelt milde. "Nein, es gibt hier kein Ministerium für Hunde, Katzen oder Papageien, lieber Herr!" Sie ist sehr geduldig, nicht jeder Staatsbürger kennt alle Ministerien. Offensichtlich wachelt sie mit einem Dokument, sich Kühlung in dieser Affenhitze zufächelnd. "Nein, ein Rex oder Rexi ist bei uns nicht gemeldet," flötet sie freundlich und unendlich geduldig. "Aber wo wir schon dabei sind: ein Hund braucht eine Hundemarke wegen der Hundesteuer, verstehen Sie!?" Ich lege empört auf. Jetzt wollen sie meinem Hund ein Verkehrszeichen auf den Hintern pappen, diese Philister und Hundeverächter, denn jeder und alles braucht eine Nummer, der guten Ordnung halber — hahaha!

Wasser anzubieten ist kein Problem, ich hole eine Kompottschüssel aus der Küche und die Sache ist geritzt. Essen ist eher eine Herausforderung. Was frißt so ein Hund, eigentlich? Ich probiere es mit den Spaghetti bolognese von gestern, aber es wird stolz ignoriert. Ob's nun wegen der Spaghetti ist oder wegen gestern, nur Rexi und der liebe Gott wissen das. Doch der Schweinslungenbraten, nach andalusischer Art mariniert, der geht weg wie warme Semmeln. Okay, Kartoffeln und Brokkoli sind für mich, der Schweinslungenbraten ist für Rexi. Klar. Rexi mag klare Grenzen anstatt grenzenloser Unklarheit. Ein wirklich edles Tier.

Ich schrecke auf. Muß wohl in dem Fernsehsessel (Details siehe oben) eingenickt sein. Meine rechte Hand sucht Rexis braunen Kopf, sie mag immer gestreichelt werden. Sofort bin ich hellwach. Keine Rexi da. Ächzend stehe ich auf und irre durch die Wohnung. "Rexi! Rexi! Wo bist du denn?" Meine Frau, die beste Ehefrau von allen (© Ephraim Kishon), streckt ihren Kopf aus der Küche. "Welche Rexi!?" Nicht, daß sie eifersüchtig wäre. Ich sage ungehalten, "Na, Rexi, mein Hund." Verständnisloser Blick. "Wir haben keinen Hund. Du hast keinen Hund, nur einen Vogel," tadelt sie. Ich betrete die Küche, ihr Reich. Nein, Rexi ist auch nicht hier. Auf dem Herd brodelt die Bouillabaisse, südfranzösischer Eintopf mit Paprikasauce, ungarischem Paprika wohlgemerkt. Die Barbaren in Südfrankreich schmeißen getrocknete Pfefferoni in das Gebräu, ich mag gar nicht daran denken. Bei uns ist es klares Hochquellwasser, in dem alle Abfälle aus dem Kühlschrank ihr unplanmäßiges Ende finden, so auch die furchtbar salzigen anchovas salgadas, die wir aus Lissabon herüber geschmuggelt haben und die nun den Fischreichtum vor Marseille's Küste repräsentieren müssen, Fisch gehört nun mal in die Bouillabaisse. Und eine ganze Menge ungarischem roten Paprikapulvers, wir haben 5 Kilo damals gekauft, im Rausch der Sinne auf dem Budapester Kräutermarkt. Bouillabaisse, wie gesagt, nur eben ohne getrocknete Pfefferoni, fürwahr, ihr Barbaren! — Natürlich essen wir die Bouillabaisse nicht, sie wird schön portioniert im Tiefkühlfach gelagert, für schwere Zeiten, wenn wir selbst das Leder von unseren Sandalen kauen würden, wären die nicht aus Kunststoff.

Und keine Rexi, weit und breit.

Meine Frau setzt mir eine Tasse Kamillentee vor, zur Beruhigung. Nun ja, wenn man sonst nichts mit Kamille machen kann, Kamillenmarmelade oder Kamillenpudding, beispielsweise. Ich sitze trübsinnig vor dem dampfenden Gebräu. Oh, Rexi! Die Arme hat sich irgendwo in einem Winkel unserer Residenz verkrochen, fürchtet sich vor dem lächerlichen Clown im Weißen Haus oder dem blutrünstigen Vladi im Kreml, und ich bin nicht da, sie zu knuddeln und zu trösten in dieser so beschissenen Welt.

Meine Frau ergreift meine Hand. "Nein, wirklich, du hast keinen Hund, wir haben keinen Hund. Du hattest mal einen, als du im schweizerischen Exil gelebt hast, einen belgischen Malinois, den hast du Duffy genannt: Du nanntest ihn nach McDuff, der den MacBeth gekillt hat — du hast damals alle Werke vom Shakespeare übersetzt, mein Lieber, und der McDuff war dein Held." Langsam kommt die Erinnerung zurück. Schweiz, Duffy, meine kleine Familie, und der Shakespeare. "Ja" sage ich gedehnt, "aber ich rede vom Rexi, die ist mir vor Tagen nachgelaufen, sie hat mich zu ihrem Rottenführer erkoren, das gute Mädchen."

"Du hast eine Meise, nein, einen ausgewachsenen Condor, mein Lieber!" sagt meine Frau abschließend und steht auf, um die Bouillabaisse umzurühren. "Wir haben keinen Hund, keine Rexi und du hast einen Vogel, definitiv." Sie schüttelt den Kopf und sagt zum Kochtopf, in dem die Bouillabaisse brodelt, "er wird wunderlich, auf seine alten Tage, ganz eindeutig!" Der Kochtopf antwortet nicht, das geht ihm wirklich am Arsch vorbei. Er ist nur für den südfranzösischen Eintopf zuständig, die Bouillabaisse, die Königin aller Fischsuppen, und nicht für Rexi oder meine Wunderlichkeit.

Vielleicht hat sie recht, meine Liebste. Es gibt keine Rexi, obwohl ich hätte schwören können, daß ...

Es ist traurig, wirklich. Ich habe keinen Hund.

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Wien, im Monat August 2026

István Rudas





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