05:22 sagt meine Armbanduhr, als ich mich ächzend aufsetze. Göttergattin Hera steht in ihrer ganzen Pracht unter der Schlafzimmertüre. "Schatz, das Wasser im WC rinnt und rinnt und ich kann es nicht stoppen!" Verschlafen wuchte ich meinen wohlgestalteten Körper aus dem warmen Bett und latsche zum WC. Deckel angehoben, Ballon hochgehoben, fertig. Mißtrauisch äugt sie über meine Schulter. "Das ist alles?" haucht sie ungläubig. "Wäre eine Fleißaufgabe, die kleine Spiralfeder mit Fahrradöl einzusprühen," knurre ich. Nicht um 05:22, aber ich denke es nur. Ich blicke verschlafen in die Küche. "Ist die Waltraud schon weg?"
Natürlich weiß sie, von wem ich rede. Triumphierend wispert sie, "Zentralfriedhof, Südtor, Parzelle 26, Platz 173" und klappt den Klodeckel energisch zu. Sie weiß ganz genau, wo sie meine Leichen verbuddelt hat. Ihr Triumph, meine Niederlage.
Endlich, endlich wieder auf meinem eigenen Kopfkissen, ich kann den Faden aufnehmen beim Eindösen. 05:26, zeigt mein Chronometer.
Die kleine Waltraud hatte an meine Tür geklopft, leise wie ein Anfänger-Specht. "Mama hat Nachtschicht und deine Verlobte ist übers Wochenende in Paris bei den großen Bossen," wispert sie und drückt den kleinen Plüschbär an ihre Brust. Franks Hinterlassenschaft, ihr kleines Babybäuchlein, das sehe ich mit Mißbehagen. "Das Pflänzchen wächst, und wir müssen es fleißig gießen," sagt das Mädchen scheu, aber bestimmt. Ich mache eine Geste, und sie tritt ein. Ja, sie wird wohl die nächsten Wochenenden jedesmal eintreten, wenn ihre strenge Mama Nachtschicht hat und meine Freundin in Paris das Mädchen für alles spielen muß. Um das Pflänzchen zu gießen, wie sie sagt.
Sie glaubt Frank, daß er auf einer Expedition im Amazonas, oder im Himalaya sei oder auf den Spuren von Shackleton in die Arktis zu folgen. Ich bin es müde, sie zu korrigieren, Arktis und Antarktis waren nicht dasselbe, wie sie meinte. Sie wartet auf ihren Frank, er hatte geschworen, wiederzukommen. In der Wartezeit sollte ich das Pflänzchen gießen, okay. Frank aber, der ist ein arbeitsscheuer Lump, sitzt gegenüber dem Dom zu Köln im Bahnhofsbistro und trinkt Kölsch und Altbier, das habe ich recherchiert.
Oh, sie ist sehr anschmiegsam, die kleine Waltraud. Wenn ihr Stimmchen in Leidenschaft verweht, nennt sie mich Frank. Ich bin gutmütig und nachsichtig von Natur aus, ich störe mich nicht daran. Als sie den kleinen Erwin zur Welt bringt, ist ihre heiße Liebe zu Frank längst Geschichte. Um ihn zu ärgern gibt sie dem kleinen Erwin den häßlichen Namen Egon. Ich halte Erwin zum ersten Mal auf meinen Armen in der Klinik. Ein häßliches, rotes und aufgedunsenes Gesicht, die Augen asiatisch geschlitzt und zusammengekniffen, die roten Bäckchen aufgedunsen und schwabbelig, und er schläft seelenruhig wie Heilige und Massenmörder. Ich frage die Krankenschwester, ob das ein hübsches Kind sei? und sie nickt, daß ihr Köpfchen beinahe von den Schultern klappt. "Ein ganz süßes und herziges Baby, Herr Frank, und Sie können ein wirklich stolzer Papa sein." Ich korrigiere sie nicht, soll sie doch glauben, was sie will.
Erwin schreibt an seiner zweiten Doktorarbeit und ich unterstütze ihn, denn in Sachen Zeus, Hera und Aphrodite bin ich der einzige Experte weit und breit. Nun, mit bald 34, studiert er in Cambridge, England, für sein drittes Doktorat. Er hat ja keinen blassen Schimmer, was er wo und wie arbeiten soll; zu Studieren ist sicher eine gute Option. Wir haben uns mal in London am Flughafen getroffen, und ich habe ihn fassungslos gefragt, wozu er den dritten Doktor mache? Er könne auf seinem Namensschild nur DDr. schreiben, der dritte bis zwanzigste Doktortitel bleiben unerwähnt. Ich weiß es, ich habe vor Jahren fürs Innenministerium eine Textverarbeitung eingerichtet und kenne die Datei der Titeleien fast auswendig. Er grinst schief. Er würde seinen Vater aufsuchen und dem Frank die drei Urkunden auf den Tresen knallen, so ist das. Ich nicke, das ist viel klüger als auf den Spuren Shackletons durch die Antarktis zu wanken. Er nickt und grinst schief, " ... und vergiß den Amazonas und den Himalaya nicht, Onkel István."
Wir rauchen schweigend und er befragt mich zum hundertsten Mal, ob das mit dem Pflänzchengießen wahr sei? Ich habe keine Vorbehalte gegenüber Erwin und öffne mein Schatzkästchen. Sein Blick wird verträumt, wenn ich schildere, wie schlau seine Mama es immer anstellte, ihren Gärtner festzunageln. Er wollte ganz genau wissen, wie seine Mama war, denn fragen konnte er sie ja nicht mehr. Er war Waltrauds Geschichten gegenüber sehr skeptisch, denn sie war ihr Leben lang leichtgläubig, Amazonas, Himalaya und Antarktis inklusive. Wir rauchen schweigend, und er bedauert, daß ich bei meiner Verlobten geblieben bin und die Waltraud verschmäht habe. Ich blicke ihm in die Augen. "Amazonas, Himalaya und die Antarktis, das sind drei gute Gründe dagegen gewesen, obwohl die Waltraud viel anschmiegsamer und williger war als meine gestrenge Verlobte." Erwin nickt und ich latsche zum Fluggate. "Bis zum nächsten Mal, Egon!" sage ich mißmutig. Wie kann man sein Baby nur Egon nennen!?
Es ist wahr, ich träume oft und gern von Waltraud und den anderen Grazien. Doch darüber hier zu berichten, würde nicht jugendfrei möglich sein, denn die Träume sind zwar frei wie Gedanken; aber sie sind zumeist nicht fürs laut Vorlesen geeignet, das verstehst du doch, liebe Leserin? (Ob ich männliche Leser habe, weiß ich nicht.) Dennoch, eines Tages wird die liebe Waltraud in einem meiner erotischen Romane vorkommen und dort kannst du dann lesen, wie wir das Pflänzchen gegossen haben. Fleißig, zumindest.
Ich drehe mich auf dem Kopfkissen hin und her, 05:48. Ich weiß nicht, ob ich nochmal eindösen kann oder nur über die Sache mit der Waltraud phantasieren werde.
Wien, im Monat September 2026
István Rudas
Sofern die Texte nicht ausdrücklich als von jemand anderem stammend gekennzeichnet sind, stellen sie mein geistiges Eigentum dar. Ein Kopieren, Zitieren oder Weitergeben der Texte in jedweder Form ist ohne meine schriftliche Erlaubnis untersagt.