Es klopft an meine Tür. Muß mich getäuscht haben. Niemand klopft an meine Tür. Der Lieferbote drückt natürlich den Klingelknopf. Und die Nachbarin kratzt an meiner Türe, weil sie immer das Kuschel-Kätzchen spielt, das Luder.
Es klopft an meine Tür, ein energischeres Klopfen. Muß ein Scherzkeks sein. Mühsam erhebe ich mich und lasse meinen Bildschirm einfrieren. "Ich komm ja schon!" rufe ich und schlurfe durch den langen Korridor zur Tür. Noch verwende ich keinen Gehstock in der Wohnung. Noch nicht.
Ich entriegle alle 7 Schlösser und öffne vorsichtig die Tür, denn im Türspion war niemand zu sehen gewesen. Eine lange hagere Gestalt, eine bodenlange Kutte, das Gesicht unter der Kapuze verborgen. Hält einen Stock in der Hand, nein, es ist eine Sense.
Ich grinse. Tim, der Kindskopf, der an 365 Tagen Halloween spielt. "Beeindruckendes outfit, Tim, echt gut gelungen!" Ich grinse schief, Tim ist ein guter Student, fürwahr, aber ein Kindskopf, eben.
"Bin nicht der Tim, und niemand hält mich für einen Kindskopf, Pi." Eine dumpfe Grabesstimme. "Also nimm deinen Stock und folge mir, das Taxi wartet." Dreht sich um und schwebt die Treppe hinunter. Mein Gehstock, sonst ein gehfauler Aluminiumknecht, schwebt mir durch die Luft entgegen, die Lichter in der Wohnung gehen von selbst aus und die 7 Schlösser knacken einer nach der anderen, wie automatisch. Wer, wo, was? Ich tapse hinter Tim hinunter. Beachtliche Halloween-Tricks, alle Achtung!
Der Taxifahrer, ein freundlich grüßender Inder mit Turban, fragt, wohin die Reise gehe. Tim murmelt, "Breitenseer Allee 128." Der Fahrer startet, "ein weiter Weg." Tim murmelt, "du bekommst deinen Lohn, Singh!" Ich halte mich am Griff über der Tür fest, denn der Inder mit Turban und Wiener Slang gibt Gas. Richtig Gas.
"Hier rechts anhalten" höre ich Tim murmeln. Drei Scheine flattern neben dem Fahrer auf den Beifahrersitz. "Stimmt so," murmelt Tim. Ich steige langsam aus. Ich habe dieses Schlößchen noch nie gesehen. Erinnert irgendwie an das Cinderella Castle im Disney Land, murmele ich in meinen Bart. "Folge mir," höre ich Tim und ich bewundere erneut seinen Gang, fast wie Schweben. Hat viel trainieren müssen, der Kindskopf, um das so perfekt hinzubekommen.
Tim gleitet durch die schwere Holtztür. Nein, er öffnet sie nicht, er schwebt hindurch. Seine Hand erscheint wieder, eine gut präparierte, knochige Greisenhand. "Komm," höre ich Tim. Ich ergreife die kalte Hand und bin plötzlich drin im Schlößchen. Wozu dann die schwere Eichenholztür, frage ich mich. "Sie warten in der Halle. Alle." Nein, das ist kein Echo, er sagte 'alle'. Ich habe noch nie meine Studenten alle zusammen gesehen, nur einzeln oder in Grüppchen. Sie drehen sich alle auf einmal um, alle 18. Ihre Gesichter sind Fragezeichen. Ich winke mit der Hand ein mißglücktes Hallo.
Nun sehe ich auch Tim. In greller Clown-Maske. Ich wende mich fragend zum Sensenmann. "War früher mal der Bote Hermes" höre ich ihn murmeln, "ist schon eine Weile her. Aber Laufbursche, das bin ich nach wie vor." Er dreht sich um und schwebt davon. Nein, er schwebt vielleicht einen Meter und ist dann verschwunden. Wie in einem Zeichentrickfilm, wo die Figur einfach zwischen Frame 27 und 28 nicht mehr da ist. Ich schüttele den Kopf. Irgendetwas stimmt hier nicht, verdammt und zugenäht! Ich steche meinen Zeigefingernagel in den Handballen, nein, ich träume nicht!
Mitzi, das Goth-Mädchen aus Favoriten, die Doktorandin, die an "Der Einfluß der Muttermilch auf die geistige Entwicklung der Babies und der Vergleich zu industriell hergestellter Babynahrung am Beispiel von den Produkten von 'Dr. Höfer'" schreibt, Mitzi also deutet mit dem Kinn stumm auf den Bildschirm. Sie ist, soviel darf gesagt werden, ein heißer Feger. Diesen Begriff hat Harry einmal verwendet, und ich denke, es sagt so genau das aus, was man von Mitzi sehen kann. Natürlich ist kein Schornstein-Feger gemeint, du Depp.
Ich setze meine runde Nickelbrille auf. Auf dem Bildschirm steht:
"Wir warten auf Professor Pi Choo." Das bin dann wohl ich.
(Morgen dann: Kapitel 2)
Wien, im Monat September 2026
István Rudas
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