Wie schon so oft, träumte ich auch heute von meinem Vater, wir feierten gemeinsam, am Ufer des Bodensees im Abendrot sitzend, seinen 106. Geburtstag. Immer wieder tauchte er, 106-jährig, auf und ich machte mir schon Gedanken, was diese Zahl bedeutet. Nichts. Er wurde ja nur 84 Jahre alt.
Aber es ist eine wunderbare Gelegenheit, sein Leben im Schnelldurchlauf zu betrachten.
Geboren 1917 in Budapest als Einzelkind, verlor er seinen Vater, als er 12 einhalb Jahre alt war; dieser starb — je nach Legendenerzähler — an Magenkrebs oder an den Spätfolgen des Stiches eines schwarzen Skorpions an der Dolomitenfront. Er wurde Ingenieur für Elektrotechnik und arbeitete viele Jahre in der Fabrik des Lampenherstellers TUNGSRAM. Sein Vater, ebenfalls ein Technik-Freak, hatte die erste automatisierte Telefonanlage der Stadt Budapest installiert, wie ich selbst noch als Kind auf einer Gedenktafel im Palais Gresham lesen konnte. Ein heiliger Schauer erfüllte mich, als ich seinen Namen in Gold auf der Marmortafel entzifferte.
Erzogen im strengen Rahmen des Calvinistische Glaubens, wechselte er 1941 zum Römisch-Katholischen über, als er meine Mutter kennen und lieben lernte. Der Religionswechsel war eine sine-qua-non-Forderung meines anderen Großvaters, der, wie wir wissen, eigenhändig das 6. Gebot von Gottes Gesetzestafeln gestrichen hatte, der Bursche war ja (zumindest) Bigamist. Ja, so heirateten die beiden und hatten zum Schluß 8 Kinder. Mein Vater wurde sogar Bruder des 3. Laien-Ordens der Salvatorianer, (wenn ich mich richtig erinnere).
Mein Vater, der während der Grundausbildung im Königlichen Heer zum Pazifisten mutierte, wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vom Deutschen Besatzer zur Zwangsarbeit im heutigen Rumänien, damals noch Ungarn, verdonnert. Gerne erzählte mein Vater von den Schnurren und Possen, wie es die Strafkompanie schaffte, die Verteidigungsgräben keinen einzigen Meter voranzutreiben. Doch eines Tages war das Maß voll, der Deutsche Besatzer auf dem Rückzug. Mein Vater, einer der Vier des 'heiligen Zimmers', organisierte die Flucht der gesamten Strafkompanie — natürlich per mit gefälschten Dokumenten gekaperter Eisenbahn. Beinahe ein Jahr lebte er als unsichtbares U-Boot im Maschinenraum der Liftanlage des Hauses, wo meine Mutter und seine Kinder lebten.
TUNGSRAM nahm ihn gerne wieder auf, er war fleißig, strebsam und neugierig auf alles Neue. Er machte nebenher eine Fotografenlehre, zu einer Zeit, wo man die Entwicklerflüssigkeiten noch selbst herstellen mußte. In seiner Hinterlassenschaft hunderte ausgezeichnete Porträts von Menschen seiner Zeit. Doch die Welt stand nicht still, sie drehte sich weiter, in einer Abwärtsspirale. Das herrschende Kommunistische Pack ging ihm gegen den Strich. Er wurde Mitglied einer politischen Kleinpartei, (Christliche Bauernschaft). Dies wurde ihm 1956, bei der Revolution, zum Verhängnis.
Die Geheimpolizei (AVO) nahm ihn fest, verhörte ihn und stufte ihn als verblödeten Idioten ein. Man ließ ihn frei, nach seinem geglückten Theaterdebüt. Aber sie warnten ihn, er möge verschwinden, sich in Luft auflösen, denn sonst drohte der Galgen. Das war nicht mehr lustig. Gemeinsam mit der Familie seines besten Freundes floh die 13-köpfige Gruppe zu Fuß nach Österreich, am 5. Dezember 1956. Hier las er in einer ungarischen Zeitung, daß er gemeinsam mit seinen Politik-Freunden gehenkt worden war. Köstlich.
Von der Tagespolitik und sonstigen Lustbarkeiten hielt er sich fern. Wenn wir nachts in seiner Dunkelkammer saßen, diskutierten wir feurig, jedoch nur im Familienkreis. Er entdeckte, daß Österreich ein Land der Berge war. Unzählige Touren unternahm er in der Bergwelt, machte Tausende Fotos und fand seinen Frieden. Berge wurden nicht kommunistisch, sie kämpften nicht um die Vorherrschaft der Unterdrückung. Die Berge taten nichts, sie waren einfach nur da und manche waren sogar majestätisch. Berge wurden seine sympathischen Freunde.
Nach seiner Pensionierung verbrachte er jeden Winter mit meiner Mutter in Spanien. Genauer: in Katalonien. Bei diesen Menschen fühlte er sich pudelwohl. Und wir Kinder waren froh, daß unsere Eltern nicht im Schnee Vorarlbergs ausharrten, sondern sich im friedlichen Katalonien sonnten.
Jedes Wochenende fuhr ich mit dem Zug von Wien nach Bregenz, um meine demenzkranke Mutter im Pflegeheim zu besuchen. Viele wertvolle Stunden gemeinsam mit meinem Vater. Ich mußte erst ein erwachsener Familienvater werden, um ihn wirklich zu verstehen. Spät, aber doch, begriff ich viele seiner Motive, dies zu tun und das zu lassen. Vielleicht war er auch ein Familienvater, der mit einem pubertierenden Jungen nichts anfangen konnte. Auch er war froh, auf gleicher Wellenlänge mit mir eine neue, schöne Verbindung aufzubauen.
2001 starb meine Mutter, einen Monat nach ihr starb auch er. Noch eine Woche vor seinem Tod war es ich, gerade ich, der ihm in einer Zigarettenpause auf den Stiegen des Krankenhauses das medizinische Todesurteil verkünden mußte. Wir weinten das erste Mal, gemeinsam, umarmt.
Und dann, nun, tritt er in meinen Träumen auf. Wir feierten seinen 100. Geburtstag auf seiner Terrasse im katalanischen Sonnenschein, er war keinen Tag gealtert. Und nun habe ich beschlossen, ihn als 106-jährigen in Erinnerung zu behalten, in meinen Träumen zumindest. Es sollte mich eigentlich nicht wundern. 106 ist ein gutes Alter, man hat noch alle Tassen im Schrank und behält seinen wachen Geist. Der Körper — der hält halt irgendwie durch. Irgendwie.
Wien, im Monat September 2026
István Rudas
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