Abgesang

Abgesang

Alfie arbeitete beinahe Tag und Nacht. Schon längst war er vom Abend bis zum Morgen, 14 Stunden am Tag, am Bildschirm. Schrieb eMails, beantwortete eMails und lud Dokumente herunter. Unermüdlich. Die vier Scanner in der Wohnung nebenan summten und surrten, seit anderthalb Jahren arbeiteten sie ohne Unterbrechung. Alfie ging nur einmal, meist am Morgen, in die Nachbarwohnung, entnahm die bereits gescannten Dokumente und stapelte sie auf dem Korridor, wo die Männer von der Müllabfuhr sie täglich abholten und zur Papierverwertung brachten. Mit einer Handvoll Dollars konnte Alfie diese Tätigkeit delegieren. Er füllte die großen Input-Ladestraßen mit neuem Futter, mit hunderten von Büchern, Zeitschriften und Magazinen. Marybel, Jezebel, Isabel und der Pombel werkten unermüdlich und waren ungemein stolz, daß sie die Festplatten nonstop mit Terabytes füllten. Nein, Alfie war kein Kindskopf, seinen Maschinen Namen zu geben und den drei Damen einen gestandenen Mann zur Seite zu stellen. Als er den Pombel taufte, verballhornte er den Namen des Marquis de Pombal, der unter anderem Lissabon zu neuer Blüte führte. Nun, er blickte stolz von der Türe her zurück, die Mädchen und der Marquis hatten Futter für die nächsten 24 Stunden und würden die Festplatten Seite um Seite füllen. Er schloß die Türe sorgfältig ab.

40 Minuten brauchte er in die Innenstadt, zur Wohnung Julias. Sie würde ihn wie jeden Morgen in ihrem Negligé empfangen und umarmen, der Arabia-Kaffee war im Nu fertig und dann legte er sich in ihr Bett, sofort einschlafend. Sie würde ihn zu Mittag mit ihrem warmen fraulichen Körper wach küssen und sie würden gemeinsam die 7 Minuten zum Teich rollen, das war ein festes Ritual wie der Sonnenaufgang. Obwohl Julia ganz normal gehen konnte, fuhr sie mit dem Ferrari zum Teich, auch das war so gewiß wie der Sonnenaufgang. Im Ferrari zu sitzen, bot ihr die Gelegenheit, ihre wunderschönen Brüste und ein Zipfelchen ihrer Schamhaare offen zu zeigen und die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Ein klein bißchen frech war unsere scheue Julia allemal, nicht wahr? Die Küken der Stockenten waren erwachsen geworden, zwei Kerle hatten sich davongemacht und erkundeten die Welt außerhalb des Teiches auf eigene Faust. Die sechs Schwesterlein blieben zusammen am Teich, dort gab es Futter und sie konnten im Teich nach Lust und Laune baden. Das Elternpaar war eines Tages fort, es gab Entenbrust an diesem Tag im Rathaus. Der Bürgermeister von Gizeh aus dem fernen Ägypten war zu Besuch, und Ente war koscher, halal für den hohen Gast.

Meist kochte Alfie das Mittagessen. Er hatte früher nie gekocht, doch er konnte es nicht mit ansehen, daß Julia irgendein Sandwich aus irgendeinem Supermarkt mit irgendeiner Füllung aß, nur um nicht wertvolle Zeit zu verlieren und dafür völlig überflüssigen Speck von den Sandwiches ansetzte. Das ging nicht an! Er bereitete den Sandwiches den Garaus und kochte frisches Gemüse, Beilagen und Fleisch vom Metzger. Alles frisch vom Markt, er kaufte viel lieber dort. In seiner Zeit gab es das alles nicht, nur Einheitsfraß aus den Lebensmittelfabriken. Er hatte nie kochen gelernt, aber er konnte es. Rezepte waren leicht zu enträtseln, er sah sich keine einzige Koch-Show im Fernsehen an, sondern interpretierte die Rezepte gewissenhaft. Sie aßen gemeinsam zu Mittag, Julia löste sich für diese 20 Minuten aus der Götterwelt und ließ sich von Alfie unterhalten. Gut und gesund essen, und die Speckröllchen waren im Nu wieder weg.

Er hatte meist einen Knopf im Ohr und hörte Nachrichten. Er war ganz überwältigt, der Bibliothekar in seiner Brust jauchzte. Hautnah und in realer Zeit verfolgte er die Ereignisse, die er einmal in seinem Museum ausstellen würde. "Stell dir vor, Julia, du wärst dabei, wie der Knabenkönig Tut-Ench-Amon im Kampf um die Horde von Hethitern kreist in seinem Kampfwagen, wie die Räder über einen Felsbrocken rattern und er zu Sturz kommt, sich das Knie zerschmetternd. Wie er halb bewußtlos auf dem Krankenlager liegt und der von seinem Nachfolger gedungene Mörder ihm den Schädel einschlägt. Es macht einen Unterschied, ob du dabei bist oder ob du es 4.000 Jahre später in einem Hochglanz-Bildband liest."

Julia lächelte. Wie ähnlich ihrer beider Arbeit doch war! Auch sie sammelte alles, die kleinsten Fitzelchen, die sich heute noch finden ließen, um in die mörderische, magische und mythische Welt der Götter einzutauchen. Auch ihre Welt war quasi ein Museum, auch sie mußte lernen, politisch-gesellschaftlich geforderte Säuberungen in ihren Legenden und Mythen zu entdecken, aufzudecken. Ihre sexuellen Abenteuer, ihre Betrügereien und Schwindeleien, ihre kleinen oder großen Verbrechen zu erzählen und eine kluge Analyse der politischen und gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen zu beschreiben, ja, das war ihr Auftrag. Die alten Griechen haben die Götterwelt ja nicht erschaffen, damit wir Nachgeborenen etwas am Kaminfeuer zum Lesen haben. Nein, die Legenden und Geschichten sollten die griechische Gesellschaft prägen, erziehen, lenken. Und das war Julias Aufgabe, es ans Licht zu bringen, uns ein klares Bild zu vermitteln, denn auch unsere Gesellschaft mußte weiter geprägt, erzogen und gesteuert werden.

Alfie, dieser Tausendsassa, brachte immer eine kleine süße Nachspeise zum Arabia-Kaffee. So rauchte man noch eine gute Verdauungs-Zigarette und dann ging's wieder ans Werk. Julia versank wieder in ihren Göttersagen, Alfie schnappte sich den Weidenkorb und ging auf die Jagd, die Zutaten für das morgige Mittagsmenü aufzutreiben.

Aber nachmittags saß er manchmal allein am Teich und sprach zu den Wasservögeln. Die Stockenten-Schwestern, aber auch die drei Graureiherdamen lauschten seiner melodischen Stimme. Er erzählte ihnen vom Gremium, das langsam ungeduldig wurde und von der Direktorin, die wie eine Löwin für ihren Alfred kämpfte. Er war für einen Sprung heimgekehrt und hatte einen Rucksack voller Festplatten gebracht, mehr als 850 Terabyte vergangener Geschichte. Er sprang so schnell wie nur möglich wieder zurück in Julias Zeit, da war er keine Sekunde fort gewesen. Aber sie gaben ihm einen Aufschub, vielleicht noch zwei Monate. Ja, er war schon 16 Monate mit Julia zusammen und war für jeden Tag dankbar.

Wie oft wälzte er sich im Halbschlaf und überlegte, ob er wieder in seine Zeit 2932 zurückkehren oder ob er bei Julia bleiben sollte für immer? Er mußte nur den Kommunikator in seiner Brust zerstören oder empfindlich beschädigen, und sie konnten ihn nicht mehr auf Knopfdruck zurücktransferieren. Natürlich, sie konnten Sheriffs schicken, aber das war wenig wahrscheinlich. Er hatte gerüchteweise gehört, daß so mancher Zeitreisende nicht zurückkehrte. Nein, nicht Dinosaurier hatten sie gefressen, nicht Gladiatoren hatten sie aufgespießt, nein, sondern sie hatten einen wesentlich sinnvolleren Platz in der anderen Zeit gefunden. So wie er.

Nachts sprach er nun fast täglich mit der Direktorin, der Dr. Jessie Huntsman. Sie war etwa im Alter wie seine Mutter es heute wäre. Und sie nahm sich die Zeit für ihren besten Mann. Sie spielte weder eine Mutter noch eine Sirene, sie fühlte sich ganz einfach für ihn, für sein Seelenheil verantwortlich. Sie war an seiner Arbeit interessiert, und sie besprachen bis ins Detail, wie seine neu aufzubauende Abteilung aussehen sollte. Den Raumbedarf, die Vitrinen und Bildschirmplätze, die Drucker und Kopiergeräte für Studenten und Besucher, den Speicherplatz auf den Servern und wieviel Geld sie für all dies locker machen mußte.

Sie fühlte sich aber auch für seine Seele verantwortlich, das war eine Qualität ihrer schillernden Persönlichkeit. Alfie weihte sie in alles ein, sie wußte über Julia, ihre Doktorarbeit, über Yvonne und auch den kleinen Robert Bescheid. Es war gleich zu Anfang ein Schock für sie, daß Alfie die Julia zur Frau nahm — wirklich und ernstlich. Jessie Huntsman war nicht im Geringsten eifersüchtig, sie hatte die Entwicklung dieser Beziehung von Anfang an verfolgt, sie sah wie der Anblick vom engelsgleichen Leuchten in Julias Gesicht Alfie wie ein Blitz in die Lenden fuhr, als diese aus dem Universitätsgebäude rollte. Sie verstand, wie sich eines zum anderen fügte. Sie hatte nur Angst, daß Alfie seinen Auftrag oder gar seinen Job in der Nationalbibliothek aufgeben würde. Der Gedanke stand absolut real im Raum, sie sah es viel früher als Alfie selbst. Sie wußte nur, sie würde ihn nicht kampflos aufgeben. Das Gremium würde ihr den Kopf abreißen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Ihre eigene Personalakte hatte bereits den Makel eines Renegaten, doch wie hätte sie Charles Stellarion Frenkel daran hindern sollen, sich zum König von Araukanien und Patagonien ausrufen zu lassen? All diese Überlegungen galten nicht für das Gremium, das waren alles beinharte Betonköpfe, die sich nur an Punkt und Komma klammerten, ohne menschliche Regung. Jessie Huntsman hingegen war von einem ganz anderen Schlag. Sie kümmerte sich um das Seelenheil ihrer rund 200 Mitarbeiter. Sie nahm das Wort im wahrsten Sinne: die Seele mußte heil sein. Alles andere war zweitrangig, Affären oder Scheidungen, verpatzte Skiurlaube oder Erbstreit in der Familie. All dies konnte man angehen, analysieren, lösen, erledigen. Aber sie würde es nie mit Achselzucken hinnehmen, wenn eine Seele schief in der Garderobe hing. Jessie Huntsman war nicht nur eine fachlich ausgezeichnete Managerin ihres Departements. Nein, sie war eine Managerin, die mehr Verantwortung übernahm als nur ordentliche Bilanzen oder Budgets erstellen zu lassen. So müssen wir die Beziehung zwischen der Direktorin und Alfie sehen.

Wie gesagt, außer mit ihr konnte er nur mit den Vögeln reden. Die nickten weise, weil sie alles gut verstanden und weil sie nickend ein Korn aufpickten. Alfie liebte Julia, wie er noch keine Frau geliebt hatte, nicht einmal Hilda. Es wäre so leicht, bei Julia zu bleiben. Aber er würde seinen Auftrag verraten, und er würde die herzensgute Direktorin verraten. Dies war ihm wichtiger, als der Verrat der Nationalbibliothek; das hatte kein wirkliches Gewicht. Der Nationalbibliothek ging das ganz sicher am Arsch vorbei. Eine Kündigung — so what? Man würde rasch einen anderen finden, zweifellos. Doch die Direktorin zu verraten, der Gedanke tat ihm weh. Er hatte noch 6 Wochen, sich zu entscheiden. Er schüttelte sich, bevor er aufstand und den Vögeln Adieu sagte.

Alfie's Nachbar in der Pálffygasse war Roland, ein ehemaliger Radrennfahrer. Ein wortkarger, aber überaus freundlicher Mann. Sie grüßten sich immer und er ging einmal zu ihm hinüber, um ein paar Zuckerwürfel für seinen Kaffee auszuborgen. Roland sah Alfie's Blick auf die 6 blitzblank geputzten Rennräder, die an Haken von der Decke hingen. "Ich fahre jeden Morgen meine Strecke, hält den Körper fit und den Geist wach," brummte Roland Garber. Sie unterhielten sich sehr freundlich, und Rolands Augenbrauen zuckten hoch, als Alfie gestand, daß er vor 30 Jahren zuletzt Rad gefahren sei, als Teenager. Roland hob ein Rad vom Haken. "Ist schon ein älteres Stück, aber genau richtig um wieder eine Runde zu drehen." Alle Fahrräder waren blitzblank, geölt und die Ketten gefettet. Roland kümmerte sich um seine Räder, nie würde er sie verschlampen lassen. Er reichte Alfie den Cannondale, er solle doch wieder ein paar Runden drehen. Roland hatte ihm für die erste Ausfahrt einen Helm geborgt, "in diesem Stadtverkehr bist du immer in Lebensgefahr, Alfred." Ja, er klingelte frühmorgens bei Alfie und radelte mit ihm "seine" Strecke gemächlich ab. Bebend vor Ehrfurcht bestieg Alfie das Rad und folgte dem alten Herrn. Es war eine wirklich gut ausgeklügelte Runde, man umfuhr den Hauptverkehr und nutzte so viel Wege neben Grünflächen, als wäre man auf dem Land. Roland nannte ihm ein Fachgeschäft, das seine beiden Söhne führten, wo die Preise erschwinglich und die Qualität ehrlich wie ein Handschlag war. Alfie kaufte sein Outfit, zwei Radlerhosen, vier enganliegende Hemden, einen Helm, Handschuhe und die speziellen Schuhe.

Natürlich hätte er sich auch ein neues Rad kaufen können, doch die Leihgabe Rolands abzuweisen wäre ein unnötiger Affront gewesen. Und ja, nun verstand er, warum Julia vom Fahrtwind in ihren Haaren gesprochen hatte. Der Fahrtwind glitt über seine Glatze, putzte die letzten Reste des Schlafes wie Staub hinweg und ließ ihn nachdenken, während er stramm in die Pedale trat. Es war eine neue, gute Entdeckung, noch vor dem Duschen und dem Morgenkaffee 20 Minuten Rolands Route abzufahren. Seine Gedanken kreisten um die Direktorin und Julia, es gab nichts Wichtigeres. Er hatte zufrieden gelächelt, als die Direktorin ihm sagte, sie werde ihn bei ihrer Pensionierung als Nachfolger vorschlagen. Es wäre eine Ehre, sagte Alfie zu dem Gesicht der Jessie Huntsman beim Videogespräch über 900 Jahre hinweg. "Und Opa Arthur würde von seiner Wolke stolz herabblicken," setzte er hinzu. "Der Opa hatte mich zum Ritter geschlagen und mich auf die Quest geschickt, damit ich mich beweise und ihn stolz mache. Er war ein guter Mann, mein Opa" sagte Alfie in Gedanken. Jessie nickte, obwohl sie keine Ahnung hatte, wer dieser Opa war. "Er hat dich zu einem außergewöhnlichen Mann erzogen. Anstand und Ehre und Rückgrat bekommt man nicht automatisch mit der Muttermilch."

Der Fahrtwind strich um seine Glatze und machte seine Gedanken klar und frei. Er hatte seine Hilda geliebt, es war — wenigstens seinerseits — eine Liebesheirat gewesen. Im ersten Jahr liebten sie sich Tag und Nacht, mit Intimspray und Kondom natürlich. Und Hilda war eine gute Frau und eine prima Mutter, zweifelsfrei. Einzig der Teufel in ihren Lenden machte ihm Sorgen, sie litt wie ein Hund, wenn einer ihrer Liebhaber am Virus verreckte. Und als sie Orlando zum Liebhaber nahm, einen blondgelockten Engel von 14, gab sie alles und nahm ihm alles. Orlando, der in ihren Armen verging, wie ein heruntergebrannter Kerzendocht erloschen seine Augen und brachen, der Virus hatte ihn hinweggerafft, herzlos und gnadenlos. Hilda sperrte sich tagelang in ihr Schlafzimmer ein und nahm sich das Leben. Sie hatte zu viele Männer ruiniert, und daß sie es war, die Schuld an Orlandos Tod hatte, das ertrug sie nicht mehr.

Waltraud, Heinrich und er standen tränen-blind an ihrem Grab und waren Zeuge dieses Weltuntergangs. Er zog sich zurück, entschuldigte sich bei allen öffentlichen Anlässen und mied die Menschen. Er hatte mit angesehen, wie Hilda in Orlandos Armen aufgeblüht war, wie sie ihr Glück in den Armen des Knaben jauchzend und jubilierend erlebte. Hilda brachte den scheuen Orlando in ihr Ehebett und ließ ihn an ihrer Ekstase teilhaben, denn er war kein Fremder, sondern ihr Liebster, ihr Alfie. Sie hielt seine Hand und zerquetschte sie beinahe in ihrer Ekstase. Der schöne Orlando warf ihm scheue Blicke zu, während er pflichtbewußt Hilda Runde um Runde zu immer neuen Höhen trieb. Hilda hielt Alfie's Hand, so wie sie seine Hand auch hielt, wenn sie Abends bis tief in die Nacht ihr Maschinchen auf ihrem Leib summen ließ und es schließlich mit der Hand jauchzend und jubilierend zu Ende brachte. Alfie stiegen Tränen in die Augen, weil er um seine Hilda und den scheuen Orlando weinte. Ein 14-jähriger Teenager, der es nicht verdient hatte, in Hildas Armen wie ein Hund zu verrecken.

Alfie drehte am Türkenschanzpark um und setzte sich auf eine Parkbank, eine kurze Rauchpause. Seine Augen glitten über die geparkten Autos, denn dieser Parkplatz war 'der' Parkplatz, wo Geschäftsleute und Mädchen ihre Säfte hastig und atemlos austauschten. Nein, Alfie war weder ein Voyeur noch ein Spanner, seine Gedanken waren ganz woanders, während seine Augen gleichgültig das Wogen, Wälzen und den rhythmischen Wellenschlag hinter den beschlagenen Autoscheiben verfolgten. Nein, Hilda war kein leichtes Mädchen, das sich auf einem solchen Parkplatz so billig und schamlos vergnügt hätte. Der Teufel in ihrem Leib verliebte sich, wenn die Hormone dem Kompass folgten — so einfach und erbarmungslos war es. Und Waltraud hatte diesen Teufel auch in ihrem Leib, dachte er betrübt, auch sie würde die Höhen und Tiefen der körperlichen Liebe erleben wie die arme Hilda. Waltraud hatte ihm und Heinrich unter Tränen versichert, sie würde keusch leben wie eine Nonne im Kloster, doch Vater und Sohn wußten um die Macht des Teufels, der zwischen ihren Schenkeln lauerte. Alfie drückte den Zigarettenstummel ärgerlich aus und warf ihn in den Abfallkübel. Nun ging's zurück, leicht bergab, mit Fahrtwind auf der Glatze.

Jeden Morgen drehte Alfie eine Runde auf Rolands Route. Heute war Mittwoch, gestern lag er in Julias und Yvonnes Armen beim Mädchen-Sex. Alfie trat in die Pedalen und erhöhte das Tempo, es ging leicht bergauf zum Türkenschanzpark — er hatte zwischen den Schenkeln beider Mädchen gelegen und nun trat er in die Pedale, trampelte gegen den Gedanken an die körperliche Liebe an, wie um es vergessen zu machen. Yvonne war eine gute, ehrliche Haut, sie war kein billiges Flittchen. Ja, sie wechselte ihre Knaben wie andere das Hemd, doch es war ihrerseits immer eine ehrliche Sache. Sie erinnerte Alfie schmerzhaft an den Teufel in Hildas und Waltrauds Leib, wenn er bei ihr lag.

Nicht viele Mädchen ergaben sich kampflos diesem Teufel, Julia beispielsweise nicht. Sie hatte dem Teufel eine Abfuhr gegeben und sich energisch vom kleinen Robert getrennt, denn sie wußte genau um ihren Teufel in ihrem Leib Bescheid. Nein, Julia und Yvonne waren völlig unterschiedlich, nur beim Mädchensex waren sie wie Zwillinge, schnappten begierig nach den Lippen der anderen. Wie hatte es die Direktorin formuliert? "Behalte deine Liebe zu Julia wie den Rausch der Hochzeitsnacht und den Rausch im honeymoon, in den Flitterwochen. Speichere diesen Rausch in deiner Seele und komm zurück, bevor der Rausch verfliegt und die Routine das Alltags dich erlahmen und ausbrennen läßt." Oh, sie war sehr klug, diese Jessie Huntsman, sie hielt sich an Fakten und Tatsachen, doch sie wußte auch über Liebe und Verliebtsein Bescheid.

Zigarettenpause beim Türkenschanzpark. Ja, es war ein Rausch, in dem er und Julia taumelten. Er war zum ersten Mal in seinem Leben so sehr verliebt wie noch nie zuvor. Doch in seinem Geist hauste auch ein ernster, kritischer und unbestechlicher Alfred. "Julias Gefühle werden vom Alltag abgestumpft werden. Der Teufel in ihrem Leib wird ihr gehörig zusetzen und es wird einen Robert nach dem anderen geben. Heute liebt sie dich abgöttisch, heute ist sie noch im Rausch eurer Flitterwochen. Doch schon ihr Einlenken und ihr Nachgeben, als sie dich in den Mädchensex aufnahm und aktiv mit einbezog, das sollte dir zu denken geben. Sie hat nur allmählich und zögerlich Yvonnes Drängen nachgegeben, aber schließlich hat sie nachgegeben, das ist der ausschlaggebende Fakt. Es ist nichts in Stein gemeißelt und für die Ewigkeit. Robert nach Robert werden sie in Ekstase wie einen flachen Stein auf der Oberfläche des Wassers hüpfen lassen, doch am Ende versinkt der Stein, vergiß das nicht!" Die Vorübergehenden schüttelten ihren Kopf, ein profimäßig wirkender Radfahrer, der raucht!

Alfie schüttelte den Kopf ebenfalls, erinnerte sich an Julias Worte, wie heiß es ihr wurde, als der kleine Zwerg Nase sich vor ihr entblößte. Wie sie kämpfte mit der süßen Verlockung und dem bitteren Verzicht. Und was hatte er darauf zu sagen gehabt, er, der dumme Tölpel? "Größe ist nicht alles, Julia!" Oh, welch großartige Platitüde, erfunden von kleinschwänzigen Neidern. Julias Augen hatten fiebrig geglänzt, als sie ihm Roberts Blöße minutiös beschrieb. Wie hätte er wohl reagiert, wenn sie der Verlockung erlegen wäre?

Ärgerlich steckte er die nächste Zigarette wieder in die Packung zurück, nur eine einzige, keine zwei in der Rauchpause! Er konnte es sich nicht vorstellen, daß Julia nicht in seinen Armen läge und jemand anderer ihr die Ekstase schenkte. Er schüttelte sich wie fröstelnd, der Gedanke war absurd! Julia lag in seinen Armen, nicht in Roberts. Julia nahm vorlieb mit ihm, sie verzichtete auf den Großen Roberts. Sie schenkten sich die Ekstasen, nicht der Robert, nicht der Zwerg Nase oder sonst wer. Und — sie suchte seine Nähe, sie lag weich in seiner Armbeuge, um ihre überschäumende Libido an seiner Seite zitternd zappeln zu lassen. Da war nur ihre überschäumende, überwältigende Libido, angekuschelt an ihren Alfie — und kein Robert weit und breit! Doch der andere Alfred hatte seinen Giftpfeil in sein Herz getrieben, die Zweifel blieben um zu bleiben.

Einmal in der Woche ging er hinüber zu Roland, um gemeinsam mit ihm den Cannondale zu putzen, zu ölen und die Kette fachgerecht einzufetten. Sie redeten nicht viel. Der Alte lächelte mild, als Alfie ihm von seinem ersten Fahrrad erzählte. Es war zwar ein pinkfarbenes Mädchenfahrrad, aber es glänzte und blinkte vor Chrom, und das beeindruckte alle. Einmal hatte Alfie von seiner Liebsten, von Julia erzählt. Roland hatte aufgeblickt. "Ich bin verheiratet und habe erwachsene Kinder, die wir zu guten, ehrlichen Christenmenschen erzogen haben. Der schönste Sex ist, wenn du den Großglockner bezwungen hast, glaub es mir." Damit war das Thema ein für alle Mal erledigt.

Die Sache mit Yvonne und Robert ging ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte Yvonnes Lockungen sehr lange ignoriert. Die Julia hatte er zur Frau genommen, nicht die Yvonne, an diesen Leitplanken konnte er sich ausrichten und festhalten. Es war Julias Hand, die beim Mädchensex seine Hand nahm und sie zärtlich über Yvonnes empfindlichste Weiblichkeit gleiten ließ. Ach, er sollte nicht griesgrämig am Fußende des Bettes schmollen, er solle ruhig vor die Türe treten, die flache Hand ausstrecken und die Regentropfen auf der Hand spüren, den Nektar Yvonnes mit der eigenen Hand spüren! Es war Julia, die die Yvonne energisch beiseite schob und ihn nahm, gleich an Ort und Stelle; ganz ungezwungen und schamlos durchbrach sie die Regeln des Mädchensex. Und es war Julia, die verwirrt lächelte, als Yvonne ihn ebenfalls augenblicklich nahm, ungezügelt, wild und dominant. Julia, die nur verwirrt lächelte und nicht protestierend kreischte. Er ergab sich der krakenarmigen Umarmung Yvonnes, weil Julia lächelte und nicht Zeter und Mordio schrie.

Alfie trat fest in die Pedale, es ging bergan zum Türkenschanzpark und seine Gedanken waren, milde ausgedrückt, ganz durcheinander. Julia hatte sich Roberts Leid geduldig angehört, Woche für Woche. Sie ließ sich von ihm umarmen, wenn sie auf seinem Bett lagen. Sie hatte Roberts Hand nicht aufgehalten, als sie unter ihr T-Shirt glitt und ihre Zitzen fand. Ja, sie lagen Woche für Woche nackt aneinander geschmiegt, der kleine Robert und die mütterliche Julia, seine große Freundin. Sie drängte ihn nur sanft zurück, wenn er vorwärtsstürmen wollte. Anschmiegen reicht völlig, meinte sie. Robert preßte sich atemlos an Julias Seite und es rann Donnerstag für Donnerstag über ihre bebenden Innenschenkel. Julia hatte Verständnis für seine automatisch hervorschießende Nässe, denn er vergriff sich nicht an ihr, sondern sein Trieb mußte sich Bahn brechen, egal wie! Der arme Kerl.

Und dann der Paukenschlag. Julia war vor dem letzten Schritt zurückgeschreckt. War es die Angst, mit einem Minderjährigen erwischt zu werden? War es die Angst, der Skandal würde ihre akademische Karriere zerstören, noch bevor sie begonnen hatte? Wovor schreckte sie zurück, da sie es Donnerstag für Donnerstag über ihre bebenden Innenschenkel regnen ließ? Alfie schüttelte seinen Kopf, er wußte keine Antwort darauf. Sie hatte ihm nur gesagt, sie müsse es beenden, den letzten Schritt nach dem letzten Schritt wage sie nicht, hatte sie unter Tränen gesagt. Richtig nehmen durfte Zwerg Nase sie nie, sie konnte doch die letzte Schleuse nicht öffnen, den Teufel in ihrem Leib von der Leine zu lassen, schluchzte sie. Die Dämme würden brechen, hatte sie unter Tränen gesagt, doch das dürfe sie einfach nicht zulassen. Nie und nimmer!

Alfie hatte ihr verweintes Gesicht in seine Hände genommen und sie beruhigt. Der letzte, entscheidende Schritt sei doch nicht passiert, hatte er gemurmelt, sie hatte Zwerg Nase in letzter Konsequenz nicht gewinnen lassen, hatte sich nicht beflecken oder besudeln lassen. Und dieser letzte Schritt sei es doch, den sie vermeiden wolle? sagte Alfie halb fragend. Julia hatte unter Tränen genickt. Sie fühlte, daß Alfie sie und ihre verwirrenden Gefühle im Großen und Ganzen verstand. Sie schluchzte, daß sie Robert immer nur zwischen ihren zusammengepreßten Innenschenkeln, auf den Schlangen wetzen ließ, ein bißchen verschämtes Ficki-Facki ohne Eindringen, schluchzte sie. Ein bißchen Nässe konnten die Schlangen ja leicht wegstecken. Julia versuchte ein schüchternes, beschämtes Lächeln durch ihre Tränen hindurch, monatelang wurden die Schlangen geflutet, ohne Zwischenfälle. Es war okay, schluchzte sie auf, es war wirklich okay!?

Doch die Nasenspitze vom Zwerg Nase tauchte einmal ein, die Nasenspitze eroberte sie doch irgendwie. Irgendwie, ein bißchen nur, aber wirklich nur die explodierende Nasenspitze, schluchzte sie, nie der ganze Zwerg Nase, nein! Diesen letzten, allerletzten Schritt würde sie nie zulassen! Julia blickte unter dem Tränenvorhang hilfesuchend zu Alfie. Sie hatte Roberts Hüften gepackt und ihn augenblicklich zurückgedrängt, sodaß er den Zwerg Nase der ganzen Länge nach wieder herausziehen mußte, bis nur noch dessen Nasenspitze eingetaucht war. Nein, weiter dürfe sie ihn nicht lassen, hatte sie dem schwer stampfenden, keuchenden Robert zugeflüstert, das hatte sie sich geschworen! Sie zuckte wie unter einem Peitschenschlag zusammen, als die Nasenspitze innen drinnen explodierte. Aber sie hatte ihn doch hinausgedrängt!? Julias Schultern zuckten, weil sie so heftig schluchzte. Alfie schüttelte den Kopf langsam, ungläubig. "Warum nur ein bißchen, warum nur mit angezogener Handbremse?" Julia versteckte ihr Gesicht in seiner Armbeuge, sie schämte sich in Grund und Boden. "Weil es nicht nur ein einmaliger Ausrutscher war, Alfie" schluchzte sie, gottserbärmlich weinend.

Das verliebte Pärchen machte Platz, als der Radfahrer sich neben sie auf die Bank setzte. Das Mädchen kicherte, weil sie zu den Autos auf dem verschwiegenen Parkplatz hinüberblickte. Ihr Blick kreuzte sich mit Alfies Blick, ein Blick voll sündiger Scham in Vorahnung und in Vorfreude. Alfie zuckte zurück, denn dies war der Blick Mamas, bevor sie den Knopf für den Stößel drückte, ein sündig-schamvoller Blick, der ihn immer verwirrt hatte. Mama hatte leise gelächelt und die Augen geschlossen, sie horchte in sich hinein und nun legte er sein Gesicht auf ihre Brüste, um ihren Herzschlag galoppieren zu hören.

Alfie steckte die Zigarette zurück in die Packung. Heute hatte er keine Lust zu rauchen. Er stand auf, nickte dem Pärchen aufmunternd zu und radelte los. Es war kein guter Start, nun hatte er die Mama und ihr Lächeln vor Augen. Ein Lächeln, das er eigentlich so sehr liebte. Er würde heute Abend beim Video-Telefonat mit der Direktorin mit Entschiedenheit in der Stimme sagen, daß er nicht wiederkäme, aber daß er natürlich seinen Auftrag erfüllen und ihr alle Festplatten schicken würde. Aber er würde hierbleiben, bei Julia, bei Yvonne und bei Zwerg Nase. Er trat entschlossen in die Pedale, es tat irgendwie gut, endlich einen Entschluß gefaßt zu haben.

Yvonne kam zu Mittag und war total perplex. Sie konnte nicht verstehen, daß Julia nach 99% des Weges mit Zwerg Nase die Reißleine gezogen hatte. "Das ist doch sowas von blöd, Julia," murmelte Yvonne ungläubig. "Dir fehlt nicht nur ein Dachziegel, du hast einen ordentlichen Dachschaden! Kein Wogen, kein Gleiten und keine Rodelfahrt, sondern nur feucht drinnen zappeln lassen, sonst nichts! Du ziehst nach 99% die Reißleine. Du bist unmöglich, Mädchen! Ein Fallschirmspringer, dessen Füße bereits den Boden berühren, und dann zieht sie die Reißleine und läßt ihn auf den Arsch krachen! Julia, du bist peinlich und unmöglich!" Yvonne blickte hilfesuchend zu Alfie, aber der schüttelte den Kopf, er stand hinter Julias Entscheidung. Okay.

Alfie beobachtete Julia und Yvonne, die völlig erschöpft auf dem Bett schliefen. Ja, das waren seine Flitterwochen. Die beiden Mädchen, mit denen er so viele schöne Stunden verbracht hatte. Er hatte in der Nacht der Direktorin gesagt, daß er fertig wäre. Schon morgen würde er zu packen anfangen, er würde sich zum vereinbarten Zeitpunkt in sechs Tagen zurücktransferieren lassen. Die Direktorin atmete auf. "Deine Flitterwochen sind zu Ende, Alfred?" fragte sie und er nickte. "Ja, ich merke, daß die Flitterwochen vorbei sind. Schon vor Wochen war es mir klargeworden, daß nun der Alltag beginnt. Ich will es beenden, wo es noch nicht lahm, gewöhnlich und ausgebrannt ist. Ich werde die Erinnerung an meine Flitterwochen mitnehmen in meine Zeit, auch wenn mich der Verzicht und das abrupte Ende schmerzen wie nur was." Er drückte den 'Trennen'-Knopf, Jessie sollte ihn nicht weinen sehen.

Er gab Roland das Rad zurück. "Ich fahre los, vermutlich in die Staaten. Vielen Dank, Roland, du warst mir eine große Hilfe mit dem Cannondale. Vielen Dank und auf Wiedersehen!" Roland fragte, was mit den beiden Wohnungen sei. Alfie sagte, "Die gehören jetzt meiner Frau, der Dr. Julia Herrnthaler. Ich habe keine Ahnung, ob sie neu vermieten oder sie verkaufen wird." Sie gaben sich die Hand, es war ein fester, ehrlicher Händedruck.

Julia ließ ihre Doktorarbeit liegen. Sie lag die meiste Zeit auf dem Bett und weinte oder döste, Alfies Geruch in der Bettwäsche einatmend. Er hatte ihr gesagt, Mittwoch nachts um zwei Uhr würde er in seine Zeit zurückkehren, für immer. Er hatte es ihr sehr schonend und rücksichtsvoll gesagt. Die Nachricht zerriß dennoch ihr Herz, sie sank in seine Arme und heulte wie ein Schloßhund. Sie fing sich wieder. "In fünf Tagen also, dann bleibe ich zurück, Alfie?" Er nickte und umarmte sie. "Du hast es immer gewußt, daß ich meinen Auftrag erledigen werde. Du hast gewußt, daß unsere Ehe so enden wird, so enden muß. Nie habe ich dir Hoffnung auf etwas anderes gemacht. Ich bin ein ehrlicher Mann, ich verrate den Auftrag, die Direktorin und auch dich nicht. Als Renegat würdest du mich zwar jeden Tag um die Ohren haben, aber ich würde einen Bauch ansetzen, faul und behäbig werden und dir ein Leben lang vorwerfen, du hättest mir meine Zukunft gestohlen. Nein, Julia, das wäre eine endlose Bitternis, kein Happy End." Julia nickte unter Tränen. "Soll ich Yvonne für Dienstag absagen?" hauchte sie tonlos. Alfie sah sie lange an. "Nein, warum auch? Seit ich dich kenne, liegst du in Yvonnes Armen, jeden Dienstag, ohne Ausnahme. Laß uns den Abschied mit einer kleinen Orgie feiern. Yvonne will mir sicher auch Adieu sagen." Julia nickte. "Ich werde Johanna anrufen, daß ich eine Woche Urlaub mit dir mache. Punkt."

Die Männer von der Müllabfuhr holten die letzten Packen Bücher und Zeitschriften ab. Alfie gab jedem ein großzügiges Trinkgeld, das Projekt war zu Ende und er bedankte sich. Dann ging er zum Notar, um das mit den Wohnungen zum Abschluß zu bringen.

Er legte die Wohnungsschlüssel und die Urkunden vom Notar vor Julia auf den Tisch. "Julia, die beiden Wohnungen gehören jetzt dir. Und auch Marybel, Jezebel, Isabel und Pombel, die gehören auch dir, das steht auf dem separaten Blatt. Du magst sie behalten, verschenken oder verkaufen. Sie haben einen Wiederverkaufswert von rund 300.000 Euro. Hier habe ich dir die Kontaktdaten von Interessenten notiert, und du solltest sie verkaufen, nicht verschrotten." Julia schaute von Blatt zu Blatt. "Die Wohnungen hattest du nicht gemietet, du hast sie gekauft?" Alfie lächelte bestätigend. "Ja, ich wollte sie dir von Anfang an schenken, ich habe sie einen Tag nach unserem ersten Gespräch mit diesem Gedanken gekauft und du kannst sie vermieten oder verkaufen. Vielleicht willst du eine der Yvonne überlassen, sie haust immer noch in dem finsteren Loch, in dem es nur das sündige Doppelbett gibt. Deine Entscheidung, die Wohnungen gehören ganz offiziell dir." Julia drehte den Schlüsselbund unschlüssig in ihren Händen. "Die Möbel habe ich der Caritas geschenkt, meine Kleidung etc. habe ich der Obdachlosenhilfe überlassen, die nahmen alles mit Freuden."

Alfie streifte den Träger ihres Negligés sanft von ihren Schultern. "Ich bin jetzt ganz frei, mein Rucksack ist mit den Festplatten gepackt. Es sind über 1.600 Terabytes, oder 1,6 Petabyte an Daten aus der alten Welt, die ich in meine Zeit mitnehme. Man wird mir eine Medaille auf die Brust nageln, denn das ist wesentlich mehr, als vor dem Brand da war. Die Direktorin hat heute Nacht vor dem Bildschirm vor Freude geheult, und das war das erste Mal, daß ich die gute Frau weinen sah. Sie hat, ohne mich zu verständigen, mein Gehalt schon vor einem Jahr verdoppelt, nach einem saftigen Schreiduell mit dem secretary for history matters, einem echten alten Drecksack. Bei aller Trauer, mich erwartet eine goldene Zukunft, und mein Opa Arthur tanzt sicher vor Freude einen Hilly-Billy auf seiner Wolke." Julia blickte auf, ihre Smartwatch hatte leise gefiept. "Gehen wir zum Teich, Alfie?" Sie gingen zum Teich. Sie würden jeden Tag zum Teich kommen. "Diese Ruhe, diese Erhabenheit inmitten der Stadt, und die Vögel — ja, die Kerlchen werden mir wohl eine zeitlang fehlen."

Yvonne fiel aus allen Wolken. "Was, schon morgen früh fliegst du rüber? Und was ist mit Julia!?" Alfie hatte sich eine feine und schmalzig-saftige Geschichte ausgedacht. "Ich habe es Julia von Anfang an nicht verheimlicht, daß ich vor einer blindwütigen Affäre aus den Staaten geflohen bin. Die Jenny, sie ist ein Leckerbissen, das muß ich zugeben, mit 36 noch der heißeste Feger zwischen Maryland und California. Aber sie wollte mich auffressen, mit Haut und Haar, so ist das, aber ich wußte, ich wäre nur ein Wegwerfartikel, und das kam nicht in Frage. Nun hat sie ihren fünften Gemahl zur wohlverdienten ewigen Ruhe gebettet und ist frei, mich zu verschlucken. Sie ist nicht nur eine Kanone im Bett, sondern nebenbei auch steinreich, Multi-Milliardärin, und nun wird's ernst, Yvonne, wir reden hier von einer Masse guter Dollars. Sie bietet mir einen Sitz im Aufsichtsrat in ihrem Unternehmen, das Computerchips herstellt. Massiges Gehalt bei interessanter Arbeit, meine ich. Und sie hat zähneknirschend eingewilligt, daß ich Julia nachkommen lasse, wenn sie mit den Griechengöttern fertig ist, und daß Julia mit in meinem Ehebett liegen wird. Das war der Punkt, wo sie im Dreieck sprang, aber ich bestand darauf, Bigamie oder gar nichts, das hatte sie zur Wahl. Julia ist meine Frau, Punkt! und daran ließ ich nicht den geringsten Zweifel. Ich bin ein guter Verhandler, Yvonne. Ich habe das Beste für Julia und mich herausgeschlagen, und ich werde Julia so oft besuchen, wie ich kann. — Irgendwelche Einwände, Yvonne!?"

Yvonne ließ sich auf ihre Fersen sinken und ihre Finger folgten sanft Julias Schlangen auf ihrem Innenschenkel. "Was meinst du zu all dem Scheiß, Liebes?" fragte sie Julia. Die sah auf. "Bigamie ist ja nicht neu für mich, Yvonne, wir beide und Alfie, du erinnerst dich vielleicht noch dunkel daran, wie das funktioniert. Ich kann meine Doktorarbeit nicht in die Tonne treten, also bin ich selbst dafür verantwortlich, daß Alfie und ich für ein halbes Jahr etwa getrennt sind. Aber mit deiner Hilfe, Yvonne, werde ich die Leere in meinem Bett wohl füllen, was meinst du?" Yvonne grinste über beide Ohren. "Wenn der Kerl aus dem Weg ist, werde ich endlich täglich bei dir liegen, Liebste. Und weiland der arme Alfie zwischen den Schenkeln der Jenny für seine Dollars rackert, werden wir beide uns den Zwerg Nase schnappen, wir beide, schwesterlich! So machen wir das!" Julia grinste schief. "Wirst du wohl den Robert in Ruhe lassen, du gierige Hummel! Du wirst auf den vom Zwerg Nase verzichten, du sexgeiler Vielfraß!" Sie lachten alle drei, und es wurde der schönste Nachmittag mit Mädchensex und gemischtem Doppel. Yvonne verabschiedete sich mit Tränen von Alfie.

Julia lag mit dem Gesicht auf seiner Brust. "Nur noch drei Stunden, Alfie. Wie wird es geschehen, gehst du einfach über die Straße und verschwindest mit deinem prallen Rucksack?" Alfie lachte. "Ich habe mir etwas viel einfacheres gedacht, Julia. Ich werde mir den Rucksack überstreifen, wenn die Sekunden herunterticken. Dann ein prächtiger Trommelwirbel und ich bin fort, ohne Nebelschwaden oder Schwefelgestank. Was meinst du?" Julia trommelte auf seine Brust. "Erzähle mit keinen solchen Schmarren, Alfie! Trommelwirbel!? Du wirst kindisch auf deine alten Tage, mein Junge!" Alfie lächelte. "Laß uns die letzten Stunden genießen, feiern wir einen guten, ehrlichen Abschied mit allem drum und dran!" Julia setzte sich auf und löste das Band in ihren Haaren. "Trommelwirbel! — Was bist du doch für ein romantischer Schwerenöter, Alfie!" Und sie liebten sich, von Herzen und mit der ganzen Seele.

Alfie setzte sich auf. "Ich werde mich anziehen, in zwei Minuten stehe ich vor dem Gremium." Er streifte den schweren Rucksack über die Schulter. "Ich bin dein Mann, Julia, für immer und ewig!" Er küßte sie zum letzten Mal, legte sein ganzes Herz, seine Seele in diesen Abschiedskuß.

Julia zog sich das Negligé vor die Brust. Alfie, ihr Alfie, saß ganz einfach da und blickte sie lächelnd an. Er wollte mit ihrem Gesicht vor Augen abreisen. Er wollte sie genauso in Erinnerung behalten.

Ein Leuchten umgab ihn. Er lächelte noch mehr und schickte ihr noch ein Luft-Bussi. Nun setzte ein ohrenbetäubender Trommelwirbel ein, dann war er verschwunden. Julia war starr vor Schreck. Sie lachte auf, weinend und lachend. "Oh du lieber Kindskopf, du!" rief sie unter Tränen und Lachen aus. Sie war blind von den Tränen, als der Trommelwirbel langsam verebbte. Ihr Herz wollte nicht brechen, es wollte auch nicht stillstehen und aufgeben inmitten all des stechenden Schmerzes. Ihre Hand zerknüllte das Negligé auf ihrer Brust. Das Herz, dieses verdammt übervolle Herz, sollte endlich aufhören zu schlagen und sie verdammt nochmal versinken lassen!

Alfie war fort.

Julia heulte die ganze Nacht, bis sie eindöste und spät am Vormittag aufstand, um sich einen Kaffee zu machen. Sie stellte aus purer Gewohnheit zwei Tassen unter den Tropf und lachte, als er fertig war. Nein, Alfie war fort, sie würde auch seinen Kaffee trinken müssen. Yvonne kam mittags, um sie zu umarmen und ihre Tränen wegzuküssen. Julia war froh, beim Mädchensex nur noch ein bißchen ihrem Alfie nachzutrauern. Auch Yvonne merkte, daß einer beim gemischten Doppel fehlte. Sie hatte keinen Grund zu weinen, Alfie saß im Flugzeug Richtung USA und sie lag bei Julia, tröstete ihren Körper und ihre Seele.

Yvonne vergaß nichts, sie bestand darauf. Julia wählte mit zitternden Fingern Roberts Nummer. Ja, es hätte sich was getan, sagte sie. "Meine Freundin und auch ich würden dich gerne besuchen, wenn du Lust auf zwei pralle vollbusige Freundinnen hast, mein lieber Zwerg Nase. — Ja, zum Vorlesen natürlich, du Dummkopf." Fünf Minuten später rollte sie im Ferrari in die Riemergasse, in die Tiefgarage. Yvonne zwängte sich mit ihrem ausladenden Busen in den Lift und taxierte den Jungen. Rocky scheuchte die Anni davon, nachdem sie ein drittes Glas gebracht hatte.

Julia lag zitternd auf Roberts Bett, dies würde ihr Erstes Mal werden. Scheu und schüchtern blickte sie in sein erstauntes Gesicht und auf sein gewaltiges Instrument. Seine Augen weit aufgerissen vor Überraschung; er hatte bisher nur die Schlangen gesehen, die sich an ihren Innenschenkeln emporschlängelten, doch den weit aufgerissenen Rachen der Große Schlange sah er jetzt zum ersten Mal. Ihr Portal lag inmitten des meisterhaften Tattoos, mitten im weit aufgerissenen Rachen der Großen Schlange, doch sein Kerl war groß und stark und begehrlich vor Gier, fürchtete nicht die riesigen Giftzähne des Ungeheuers. Bei dem Anblick von dem aufgerichteten Instrument Zwerg Nases verschwanden Opas, Reginalds und Alfie's augenblicklich.

Roberts Rammbock machte sich an die Arbeit, Julias Tränen versiegten im aufkommenden Rausch, dem Rausch in den Armen vom Zwerg Nase. Sie erlebte zum ersten Mal, was sie sich über Wochen verweigert und nur in verschwiegenen Minuten herbeiphantasiert hatte. Endlich, im Höhepunkt der Ekstase, endlich blickte sie in die Augen Alfies, kleine Lachfältchen um seine gütigen Augen, die Lippen zum Kuß gespitzt. Sie wollte seinen Namen rufen, aber sie brachte nur ein gequältes Krächzen zustande, am ganzen Leib zuckend und zitternd.

Julia winkte ab, sie hatte nach diesem ersten heftigen Kapitel genug, Rockys Rammbock hatte im Rachen der Großen Schlange gewütet wie ein trunkener Berserker. Julia hatte zitternd aufgegeben und wollte lieber an Alfie denken, während sie zuschaute, wie Yvonne alles vom Zwerg forderte. Alles. Kapitel für Kapitel. Und ich würde lügen, wenn ich sagte, daß Yvonne keine Freude mit dem Rocky, mit den Balladen vom Zwerg Nase hatte.

Abends rollten sie heimwärts. Yvonne hielt sich an den Griffen des Ferraris fest, als ob sie ihn schieben würde. Nein, sie hielt sich fest, weil ihre Knie weich wie Pudding waren. "Dem Massimo gebe ich noch heute den Laufpaß, wir kommen doch morgen wieder zum Robert, zum Zwerg Nase?" Julia nickte geistesabwesend, "Was immer du willst, Kleine" sagte sie zu Yvonne.

Sie mußte über etwas Bedrückendes nachdenken. Rocky hatte seine Griffel nicht unter Kontrolle gehabt. Julia hatte gefragt, mit einem dicken Klumpen im Hals: "Mama?" Er nickte bejahend, seine keuchende Vorlesung nicht unterbrechend. Julia machte es sehr traurig, aber so war es nun einmal. Ermattet und traurig überließ sie nach ihrem wilden, aber erlösenden Kapitel der Yvonne die ganze Vorlesearbeit, sie hatte plötzlich keine Lust mehr. Rocky hatte es mit Mama getan.

Julia weinte vor Glück, als sie von der Ärztin heimkam. Sie trug Alfies Kind unter dem Herzen. Sie blickte dankbar zum wolkenverhangenen Novemberhimmel auf. "Zeus, du Schlingel, du hattest wieder einmal deine Finger im Spiel!" Sie sagte niemandem, daß sie schwanger war. Sie ging anfangs mit nicht viel Begeisterung neben Yvonne zu Robert, an dem die Yvonne einen Narren gefressen hatte. Ganz sicher sogar.

Rocky wollte aber immer zuerst der scheuen, zurückhaltenden Julia seinen Rammbock in den Rachen der Großen Schlange rammen, dann erst widmete er sich der unersättlichen Yvonne. Er fand rasch die Stelle, der die stille Julia hecheln, keuchen und erzittern ließ. Robert war um Jahre gereift, und er gestand Julia, daß es Mama war, die ihm seine Kindheit endgültig abgestreift hatte. Lächelnd, nach ihrem eigenen Willen und so voller Liebe.

Julia war ihm nicht mehr böse, er war eben der Zwerg Nase, und was der für ein Kerl war, das wußte wohl jedermann. Robert kratzte sich am Hinterkopf. "Und die Anni muß nun auch jeden Morgen die Ballade von Zwerg Nase anhören, im Badewasser. Es ging nicht anders mit ihr weiter. Sie hat ja mit angesehen, wie ich's der Mama mache. Und die Anni ist richtig gierig, sie äußert keinen bigotten Schmarren mehr. Ja, ich weiß, das Dynamit. Aber ich gebe gut acht, was sie erfährt und was ganz bestimmt nicht." Julia lächelte matt, es schien ihr gar nicht mehr so abwegig, sich die Ballade vom Zwerg Nase anzuhören. Ein-zwei Kapitel, ja, vielleicht auch drei.

Yvonne fiel aus allen Wolken. "Vom Alfie? Oh mein Gott, wie wunderbar, ein Kind der Liebe, der reinsten Liebe, die ich je gesehen habe!" Julia lehnte es strikt ab, sich wie ein rohes Ei behandeln zu lassen. Yvonne sollte nur sexuell ihre Stütze sein, wenn sie nun immer wieder gemeinsam zum Zwerg Nase gingen. Sie sollte sie festhalten und liebhaben, wenn Rocky sich richtig ins Zeug legte und wenn die Brandung peitschend an die Felsen krachte und sie scheu und erschauernd erzittern ließ. Yvonne sollte sie da umarmt halten und die scheue und schüchterne Julia mit einem magischen Finger berühren, ja, das sollte sie bitte. Aber sie sollte die Schwangerschaft für sich behalten, der Robert würde es ja irgendwann selbst merken, daß sie einen Babybauch bekam.

Julia stürzte sich mit voller Wucht auf ihre Doktorarbeit. Sie wollte es zum Semesterende fertig haben und einreichen. Vielleicht würde sie noch hochschwanger zur Promotion gehen, da mußte sie schmunzeln. Sie vergaß nicht auf ihre Vögel, sie rollte jeden Mittag mit dem Ferrari zum Teich. Sie klärte die Vögel auf, daß ihr Alfie, ihr lieber Glatzkopf, nun weit fortgereist sei, ganze 900 Jahre weit. Die Vögel nickten natürlich weise, denn Julia hatte wieder schmackhafte Körner mitgebracht, die man nur mit einem weisen Kopfnicken aufpicken konnte. Die Stockenten-Mädels quatschten wild durcheinander, als sie ihnen ihr Geheimnis zuflüsterte, daß sie auch ein Küken vom Alfie bekäme, in einem dreiviertel Jahr ungefähr.

Die Doktorarbeit gedieh prächtig. Die Sätze flossen aus der Tastatur, denn sie war jetzt auch eine Wissende geworden. Sie wußte ganz genau, wie es war, wenn man von einem Gott oder einem Zeitreisenden geschwängert wurde. Yvonne löste sie von ihrem Schreibtisch und entführte sie energisch zum Zwerg Nase. Yvonne bestand peinlich genau darauf, daß sich Zwerg Nase gut und ausreichend, Kapitel für Kapitel um Julia kümmerte, denn später, da gab es nur Kindergeschrei nach Mitternacht, Brust geben und Windeln wechseln.

Yvonne schüttelte sich vor Grauen, das Baby würde Julias freie Zeit auffressen und dem Zwerg Nase keine Chance mehr zum Vorlesen geben. Julia hatte gelächelt, so ein Quatsch!, es werde keine unnötige Unterbrechung geben. Yvonne jedenfalls durfte keine von Roberts Vorlesungen versäumen und sie wollte so bald wie möglich wieder aktiv teilnehmen und nicht nur passiv zuschauen. Es wird wohl gehen, den Kleinen in der Krippe mitzunehmen. Rockys Mama, die man so gut wie nie zu Gesicht bekam, hatte einmal ihre Hände mit Tränen in den Augenwinkeln gehalten: Julia hörte, wie glücklich Rockys Mama war, daß er nun feste intime Freundinnen hatte, sogar zwei durchaus schöne Mädchen. Bisher hatte er nur hilflosen Behinderten seinen Willen aufgezwungen, behinderten Mädchen, die sich verdattert und weinend seinem Drängen ergaben. Rockys Mama weinte vor Freude, ihr armer Bub schien jetzt endlich in guten Händen zu sein.

Julia erblühte sichtlich wie eine Blume, die Balladen vom Zwerg Nase ließen ihre Wangen fein rosa werden, sie lachte wieder gern und patschte mit der flachen Hand fröhlich auf Yvonnes Arschbacke, wenn diese nicht und nicht aufhören konnte, das letzte Kapitel abzuschließen. Oft schrieb sie bis tief in die Nacht hinein, weil die Eskapaden mit Yvonne die Stunden fraßen wie hungrige Wölfe. Aber sie war nicht mehr durchgehend traurig, obwohl ihr Alfie sehr fehlte. Er würde sicher viel um die Ohren haben, denn er hatte ihr geschildert, wie er und die Direktorin die ganze Abteilung neu gestalten wollten. Sie legte ihre Hand auf das kleine Bäuchlein, auf das kleine Wunder, das in ihr wuchs. Rocky hatte erst belämmert dreingeschaut, aber sie hatte ihn beruhigt, der Vater sei ihr Alfie, ihr geliebter Mann, der nach Amerika geflogen war.

Es war das erste Mal, daß Yvonne nicht gleich mit hinaufging, als die beiden matt und völlig geschafft von Roberts Vorlesungen heimkamen, Yvonne wollte noch unbedingt in den Supermarkt. Julia merkte sofort, daß jemand da gewesen war und umklammerte die Dose Pfefferspray. Es roch ganz intensiv nach Arabia-Kaffee, und der Tisch war mit einem dunkelblauen Tuch bedeckt, der sicher nicht ihrem Haushalt entstammte. Sie rollte vorsichtig näher, aber außer ihr war niemand da.

Sie lenkte den Ferrari zum Tisch. Dort lag ein kleines und ein größeres Etui, wie es die Juweliere verwenden. Neugierig öffnete sie das kleinere Etui — ein wunderschöner goldener Siegelring. Sie hielt die Luft an, als sie das größere öffnete.

Es war umwerfend. Ein Geschmeide, ein Halsschmuck, allerfeinst geformt, Girlanden aus purem Gold und kleinen Edelsteinen. Sie kannte sich mit Schmuck nicht so gut aus, aber es sah sehr elegant und sehr teuer aus. Dann waren da noch zwei goldene Armreifen mit blauweißem Email verziert. Und ein Paar Ohrgehänge, Gold und Edelsteine, blitzend und funkelnd. Sie griff sich ans Herz, sie hatte eine Vorahnung. Als sie den Halsschmuck zurücklegte, verrutschte das Etui um ein paar Millimeter, so entdeckte sie den Brief, der darunter versteckt war. Sechs Seiten auf schwerem Pergament, dicht beschrieben mit dunkelblau glitzernder Tinte, in einer sehr schönen Schreibschrift, wie man sie nur mit einer flachen Stahlfeder schreiben kann. Sie machte das Leselicht an und setzte ihre Brille auf. Sie wußte, von wem der Brief war. Sie drückte es an ihre Brust für einige Augenblicke, dann las sie:


Liebe Julia,
meine geliebte Frau!

Ich bin wohlbehalten angekommen, ich habe sofort mit der Arbeit angefangen, obwohl man mich mit Ehrungen, Lobhudeleien und Champagner überschüttete.

Ich war wie im Wunderland, als ich erfuhr, daß du mit dem kleinen Alfred schwanger bist. Ich habe im Büro getanzt, vermutlich den ungeschicktesten Hilly-Billy, wie du dir vorstellen kannst. Ich bin außer mir vor Freude, du kannst es dir nicht vorstellen. Du kennst mich nur als besonnenen und ernsthaften Parsifal auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Aber ich kann auch anders, ich habe die überraschte Direktorin spontan umarmt und sie von oben bis unten abgeküßt, als sie mir die frohe Nachricht brachte. Ich habe unbesonnen ihre Bluse aufgerissen und ihre Brüste, ihre Zitzen geküßt wie ein närrischer Idiot! Sie hat lächelnd meine Lippen für Minuten auf ihren Zitzen geduldet, bis ich wieder zur Besinnung kam. Sie hat ihre Bluse wieder lächelnd zugeknöpft und schief gegrinst, denn auch sie hatte noch nie eine so überschießende Freude erlebt über die Frohbotschaft, die sie mir verkündet hatte.

Wir wußten beide, daß es einen winzigen Riß im Raum/Zeit-Kontinuum hervorrufen würde, aber kein katastrophales, wir sind ja noch alle unverändert da. Außer ihr darf natürlich kein Mensch davon wissen, vor allem nicht das stocksteife Gremium, wie du es dir wohl denken kannst. Dennoch, ich werde Waltraud und Heinrich zu einem festlichen Abendessen einladen und es ihnen persönlich sagen und dann auch von dir erzählen. Ich werde ihnen Bilder von dir zeigen (natürlich nicht die Nacktfotos und unsere Videos) und ihnen sagen, wie sehr ich dich liebe. Daß ich dich zur Frau genommen und zur Mutter ihres kleinen Brüderchens gemacht habe, vor 900 Jahren.

Das Gremium hat mir nur gestattet, dich alle paar Monate aus der Ferne zu sehen, im Visigraphen, einer Art Fernrohr. Ich jedoch habe vor, dich und Alfred jeden Tag aus der Ferne zu sehen, das wird schon gehen. Ich sehe, wie sehr sich Yvonne um dein Wohl kümmert und daß ihr gemeinsam zu Zwerg Roberts Vorlesungen geht. Im Wissen, daß das Gremium diese Zeilen eines fernen Tages vielleicht lesen wird, sage ich dir: ich freue mich aus ganzem Herzen, daß du deine anfängliche Scheu überwunden hast und nun ebenso wie Yvonne an den Lippen Roberts hängst, wenn er euch die Ballade vom Zwerg Nase vorliest, Kapitel für Kapitel, der kleine Schelm mit der großen Nase... Ich hatte ja befürchtet, du würdest dich völlig abkapseln und dich dem Weltlichen verschließen. Nein, ich wünsche dir und Yvonne noch viele vergnügliche Vorlesungen mit Robert.

Ich vermute, du hast die Pille in vollem Bewußtsein abgesetzt, als der Abschied näher rückte. Gewußt habe ich es nicht, aber umso größer ist meine Freude jetzt. Und ich muß dir nun ein letztes Geheimnis enthüllen, obwohl es mir sehr peinlich ist. Meine Mama hat mir die Methode gezeigt, wie sie sich mit Papa körperlich vereinigen konnte, allerdings nur sehr selten und mit klopfendem Herzen. Eine virenabtötende Salbe, ein virenabtötender Intimspray und ein handelsübliches Kondom. Für sie und Papa gab es das nur zu allen heiligen Zeiten, denn narrensicher ist die Methode nicht.

Mama hatte ihr ganzes Leben lang keinen Virus in ihrem Leib. Vielleicht mochte der Virus ihren Hormonmix nicht, denn der war erst nach der Pubertät in der richtigen Zusammensetzung. Heute denke ich manchmal, daß Mamas Leib immer noch in der Pubertät steckte, den Teufel in ihrem pubertierenden Leib überschäumend rasen lassend. Trotzdem testete sie sich jeden Monat, schickte meine Schwestern alle 10 Tage zum Test, dreimal im Monat. Sie hatte Angst, die Zwillinge könnten mich infizieren und umbringen. Sie lächelte still, wenn meine Schwestern und ich einen Wirbel im Mädchenzimmer machten. Das war ganz okay, wir Kinder sollten unsere Sexualität erkunden, alles ausloten.

Als sie größer wurden und fesche Junker beherbergten, nahm Mama ihren Teil, wenn es ging. Mama warf das kleine Maschinchen augenblicklich weg und winkte den Junker herein, das Lebendige war allemal besser als der tumbe Stößel. Ich lächelte, wie emsig Mama die Spielkameraden ihrer Töchter zum atemberaubenden Dienst zwang; oh ja, sie war Gott sei Dank keine Kostverächterin oder blasse Betschwester. Erst am Ende der Pubertät meiner Zwillingsschwestern, etwa mit 17, ortete man den Virus und seither lag ich nie wieder im Mädchenzimmer.

Mama hat mich mit diesem gewissen Blick angesehen, als ich alt genug war und hat gefragt, ob ich bitte für den Stößel einspringen wolle? Sie schob das Maschinchen beiseite, wenn das Zünglein ihr Feuer entfacht und sie an den Rand der Klippe gebracht hatte, da sprang ich für den Stößel ein, denn ich wollte es selbst so sehr. Sie liebte es, von Gipfel zu Gipfel zu springen, direkt auf den höchsten Gipfel zu, von dem sie sich dann mit Hurra hinunterstürzen konnte, hinunter in die zärtlichen Arme ihres Sohnes. Jahrelang — auch noch als curator und Ehemann Hildas — sprang ich ein, wenn das Zünglein gute Vorarbeit geleistet hatte und sie nur noch einen Schritt vor der erlösenden Ekstase stand.

Sie ist in meinen Armen gestorben, ihr schwaches Herz brach im Augenblick höchster Lust und in der Ekstase ihres fünften und höchsten Gipfels dieses besonderen Abends. Ich war 23, zutiefst betroffen und habe mir vorgenommen, nie wieder körperlich Liebe zu machen — nie wieder sollte ein Mädchen oder eine Frau in meinen Armen sterben, nie wieder wollte ich in verlöschende und brechende Augen blicken. Das habe ich dir nie erzählt, es war mir einfach zu peinlich und zu schmerzhaft zugleich. Vielleicht verstehst du das. Worauf ich aber hinaus will, ist, daß meine Mama es völlig richtig gemacht hat und mich in die richtige Bahnen gelenkt hat. Umarme unseren Alfred liebevoll, mütterlich und unverzagt. Dies ist mein Wunsch, nicht mehr. Es wird ihm Lehre und heiliges Erzittern zugleich sein.

Das Gremium hat es mir erlaubt, an einen Sheriff angekettet deine Wohnung zu betreten und meine Geschenke persönlich zu hinterlegen, aber nur wenn du nicht anwesend bist. Das Gremium mißtraut mir und das mögen sie auch gerne tun. Ich weiß, daß sie mir es niemals gestatten würden, dich leibhaftig wiederzusehen. Würden sie wissen, wie es genau um uns beide steht, sie würden mich in Ketten legen, so viele Regeln hatte ich gebrochen. Die Verärgerung über mein zeitliches Überziehen ist noch immer groß, mein Liebling, sie hatten mir ursprünglich nur 360 Tage genehmigt. Aber ich würde keinen der 582 Tage mit dir vermissen wollen, nicht einen Einzigen.

Den Schmuck habe ich selbst entworfen und ihn von einer sehr geschickten Goldschmiedin anfertigen lassen. Die Besonderheit aber ist, daß alle in ihrem Kern aus schwedischem Stahl sind, dem legendären Drachenstahl, wie er in grauer Vorzeit für die Herstellung von Schwertern verwendet worden ist. Und dann hat die Goldschmiedin alles mit hochkarätigem Gold überzogen. Das Wappen auf dem Siegelring ist angeblich das Wappen derer von dem Steine, die bereits im 13. Jahrhundert zuverlässige Ritter und Raubritter im Dienste der hannoverschen Herrschaft waren.

Ich wollte dir signalisieren, daß meine Liebe zu dir stark wie der stärkste Stahl ist und aus Gold, wie es deine Haare oben und unten sind. Und dann habe ich noch eine Überraschung hinterlegt, dort wo wir früher die Reserve-Packungen des Arabia-Kaffees aufbewahrt haben. Der Sheriff bemerkte es nicht, weil wir zur Ablenkung guten Kaffee getrunken haben und ich für ein Stündchen in einem Zeitriß dem guten Mann entkommen bin.

In dem dicken Lederbeutel findest du eine Menge Goldmünzen, viele griechische Drachmen und einige römische Aureus- und Solidus-Münzen. Sie sind wirklich echt, aber tatsächlich nur Nachbildungen, die wirklich echt sind. You get my point? Gib vor, sie von deinem Opa geerbt zu haben, sag einfach, er war ein großer Münzensammler, dein Opa. Verkaufe oder besser, versteigere sie Stück für Stück im Internet, denn sie sind ein Vermögen wert, wenn man sie nicht unvorsichtigerweise im Pulk verkauft. Dies soll mein Beitrag zur Erziehung und zum Studium von Alfred sein. Es kann den abwesenden Vater natürlich nicht ersetzen, aber vielleicht eine profunde Ausbildung bezahlen. Du wirst wissen, wann er alt und reif genug ist, damit du ihm von seinem Vater erzählen kannst.

Ohne dich werde ich die körperliche Liebe vermissen. Ich kann dir versichern, ich nehme Mamas Rezept wohl zu Herzen und ich werde ganz sicher durch die ganze 19-Millionen-Stadt wildern, von Blüte zu Blüte, um jemanden zu finden. Jemand, in dessen Augen ich dich wiedererkenne. Vielleicht finde ich sogar eine direkte Nachfahrin von dir, mein Herz. Und das wollte ich dir noch ehrlich gestehen, denn ich bin von dir erweckt worden und kann und will das Körperliche einfach nicht mehr missen.

Waltraud hat sich wie jeden Monat testen lassen, und zum ersten Mal hat man den Virus nachgewiesen. Sie und Heinrich haben sofort getrennte Schlafzimmer bezogen, sie will ihren Bruder ja nicht umbringen. Als ich das von Waltraud hörte, fiel mit ein Stein vom Herzen, denn nun zeigen die beiden mehr Vernunft als zuvor. Hilda und ich haben die beiden ja gewähren lassen, es war ihre kindliche und jugendliche Sexualität und nicht die unsere. Es war und ist ja wirkliche Liebe, die die beiden verband, und nicht nur sexuelle Gier oder Dominanz.

Sonst aber ist alles beim alten geblieben, ich habe immer noch keinen Hund und keinen Papagei. Nun, vielleicht ein paar Ladies, die es mit mir versuchen, obwohl ich schon ein sehr seltsamer Kauz geworden bin, ein angehender Lustmolch, um ehrlich zu sein. Denn ich fordere Lust, Körperlichkeit und Ekstasen im undsoweiter, beinhart und ohne Skrupel. Natürlich halte ich mich strikt an Mamas Rezept, ich will mich ja nicht vom Virus umbringen lassen, versprochen!

Grüße mir den Zwerg Nase und ganz besonders die Yvonne. Erfinde, was immer nötig ist, warum ich immer noch in den Staaten bin und mich nicht blicken lasse. Ein tödlicher Autounfall, vielleicht ein Flugzeugabsturz?

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich. Dich und manchmal die Yvonne. Aber du warst immer meine Frau, meine einzige, meine wahre Frau, sie aber nur ein Mädchen, mit der wir beide viel Freude hatten und die wir uns geteilt haben. Vielleicht warst du am Anfang ein Mädchen, doch du wurdest von Tag zu Tag immer mehr meine Frau, die ich angebetet habe, die ich immer anbeten werde. Die Muse, die mich nach dem Vormittagsschlaf wachgeküßt hat, um mit mir zum Teich zu rollen.

Ich sehe Dich, wie du dein Negligee über den Kopf ziehst und es weglegst, nichts soll zwischen unseren Leibern sein als Luft und Liebe. Ich sehe dich, wie du dein Haarband löst, wie deine Haare wie dunkles Gold zu deinen Schultern herabgleiten und deine leuchtenden Augen mir das Paradies deiner Liebe ankündigen. Ich sehe mit fliegendem Atem, wie du deine schneeweißen Schenkel leicht auseinandergleiten läßt, das verkündete Paradies entfaltend.

Ich sehe, wie du deine Augen schließt und lächelst, weil du dich auf mich freust wie eine Schneekönigin.

Ich sehe Dich, Julia.

Ich sehe Dich.

Dich.

für immer und für ewig Dein
Alfie