Herbstwind

Herbstwind

Alfie erwachte und setzte sich abrupt auf. Julia hatte sich zu ihm gesetzt und er sah sofort, daß sie bitterlich geweint hatte, die Augen noch ganz gerötet. Er zog sie zu sich, legte einen Arm um ihre Schulter und ließ ihren Kopf auf seine breite Brust sinken. "Was ist, mein Liebes," sagte er leise, "was bedrückt dich denn?" Sie legte eine Hand auf seine Schulter und drückte ihr Gesicht noch tiefer in seine Halsbeuge. "Es ist nichts, Alfie, ich habe nur eine unsagbar traurige Geschichte gelesen, sie hat mich sehr bewegt." Alfie atmete aus, es ging Gott sei Dank nicht darum, daß seine Zeit hier beschränkt war. "Erzähle mir davon, Julia. Ich höre dir gerne zu, denn ich will verstehen, was dich so tief berührt hat, mein Liebes."

Julia stand behende auf und nahm ein paar Blätter vom Schreibtisch, dann setzte sie sich wieder in seine beschützenden Arme. "Ich lese es dir vor, ich habe es ausgedruckt. Nein, es hat nichts mit den Göttern zu tun. Ich habe ein bißchen bei Konrad, Bechstein, Schwab und anderen des vorigen Jahrhunderts geschmökert, ich wollte nur mal zwischendurch den Kopf freikriegen von meiner Obsession mit Hera. Ich spürte, ich verrenne mich in den Intrigen der alten Geschichtsschreiber, die immer mit Blick auf Politik und Gesellschaft schreiben mußten. Sie mußten Hera als die Bewahrerin von Ehe und Familie beschreiben, jedes noch so kleine Fitzelchen außerehelicher Eskapaden wurde rigoros eliminiert, obwohl es an denen nicht mangelte, wie ich glaube. — Ich fand bei Schwab ein Fragment, und es hat mich von der ersten Zeile an fasziniert. Ich lese es dir vor, okay?" Alfie nickte und setzte sich bequemer hin. Und Julia las vor:


Die Ballade vom Suheddin
nach Gustav Schwab.


Suheddin, tief über den Hals seines Pferdes gebeugt, ritt im Galopp die staubige Wüstenstraße entlang, nach Westen, fort vom Sonnenaufgang. Er hatte nur eine dünne Galabijah, ein dünnes Übergewand über die nackten Schultern geworfen, er war Hals über Kopf geflohen. Er tätschelte den Hals seines Pferdes. "Welcher Idiot dich wohl 'Al Eajiz', den Lahmen, genannt haben mag? Du fliegst dahin wie ein echtes Rennpferd, mein Guter!" Das Pferd schüttelte den Kopf mißbilligend. Natürlich war er nicht lahm, der Kerl. Nur, wenn ein unsympathischer Reiter aufstieg, spielte er den lahmen Tölpel, um den Typen schnell loszuwerden. Suheddin nickte. "Du bist ein kluger Kerl, mein Lieber, und ein guter Freund dazu. Du hast sofort kapiert, daß ich schnell abhauen mußte, und du hast mich sicher durch die engen Gassen Bagdads getragen, an allen Checkpoints und an den Schergen des Palastes vorbei. Du hast auf meine bloßen Füße reagiert, denn ich trage weder Stiefel noch Sporen. Du bist ein kluger Bursche, Al Eajiz!"

Suheddin war neben Su auf dem Kanapee gelegen, seine Hand ruhte auf dem Schleier, mit der er ihre Hüfte nach der Liebe verbarg. Sie flüsterten Liebesworte, Törichtes, Dinge des Herzens. 'Wenn das Herz voll ist, läuft der Mund über.' Und die alte Aya stand plötzlich da. "Ihr müßt sofort aufbrechen, Herr Suheddin, die Schergen Prinz Mirzas haben Befehl, Euch zu fangen und einzusperren. Sie dürfen Euch nicht hier, bei der Prinzessin finden!" Die gute alte Zofe verschwand ebenso lautlos, wie sie aufgetaucht war. Su, die Prinzessin Suleika, richtete sich kerzengerade auf. "Er hat es getan, das alte Schwein! Er beansprucht mich zum Weibe zu nehmen, er hat meinen Schleier frech und unziemlich hochgehoben, der alte Wüstling, und der Speichel troff von seinen Lefzen, diesem räudigen geilen alten Bock! Er muß dich beim Kalifen angeschwärzt haben, denn nur so kann er dich kriegen oder beseitigen, der feige Hund!" Suheddin legte sich die dünne Galabijah rasch um die nackten Schultern und küßte die Prinzessin auf die Lippen. "Ich bin zurück, so schnell ich kann, meine Liebste!" Sie deutete mit dem Kinn zum Vorhang neben einer Tür. "Nimm mein Schwert, der hinter dem Vorhang verborgen ist, Liebster, und sei tapfer!" Sie kramte in dem Krimskrams unter dem Kanapee. "Hier, ein Beutel mit ein paar Silbermünzen, mehr habe ich nicht zur Hand." Sekunden später war er verschwunden, lautlos auf nackten Sohlen, den Geldbeutel und Suleikas zierliches Schwert in der Hand.

Sein Pferd brauchte weder Kompass noch Instruktionen. Es lief die staubige Straße entlang, südwestlich war das Meer, der nächste Hafen. Sein Herr wollte sicher zum Hafen von Al-Basrah, dachte das Pferd, es war auch völlig logisch. Es war die einzige Richtung, die Sinn machte. Suheddin blickte angestrengt nach vorn, warf nur hie und da einen prüfenden Blick nach hinten, wo die schlafende Stadt Bagdad langsam hinter den Sanddünen zurückblieb. Niemand folgte ihm.

Seine Gedanken wanderten zurück. Er war Gardist in der Leibwache des Kalifen, er war im Thronsaal gestanden, einer von 50 Soldaten, die im Spalier vor dem Thron des Kalifen standen. Der alte Kalif war ganz allein, nur drei seiner Frauen saßen etwas abseits. Suheddin traute seinen Augen nicht. Prinzessin Suleika, eine der jüngeren Töchter des Kalifen, starrte ihn an. Natürlich unauffällig, sonst wäre es unziemlich gewesen. Er kannte das Mädchen schon länger, er hatte ja oft Dienst, wenn die Gardisten die Frauen und Mädchen des Palastes im Innenhof bewachten. Ja, sie mußten Krüge mit frischem Wasser zu den nackten Damen bringen, die sich im prallen Sonnenlicht wuschen, einander mit dem Wasser aus den Krügen übergossen und sich wuschen. Wie alle Gardisten hielt er die Augen gesenkt, wenn er zu den Damen ging. Ein Gardist mußte blind und taub sein, wenn er da im Innenhof den nackten Damen diente, sich bewegte und aufhielt. Natürlich hatte er alle nackten Prinzessinnen angesehen, doch Suleika war die Einzige, die ihn offen und freundlich lächelnd ansah. Er hatte immer weggesehen, das mußte ein Gardist. Doch ihr Blick brannte auf seinem Hinterkopf. Und jetzt, im Thronsaal, wo wieder über dies und das verhandelt wurde, sah sie ihn unverwandt an. Er stand wie eine Marmorstatue, das machen Gardesoldaten so. Doch seine Blicke trafen sich mit ihrem freundlichen, errötenden Blick.

Das Pferd machte einen schnellen Sprung, eine Schlange lag mitten auf der staubigen Straße. Al Eajiz wußte, mit Schlangen war nicht zu scherzen. Suheddin blickte prüfend nach hinten, es waren noch keine Verfolger auszumachen. Und dann, eines Abends, war die alte Zofe im Quartier erschienen. Sie winkte ihm mit dem Kinn, er folgte ihr auf den Korridor. "Ich bin Aya, eine Dienerin der Prinzessin Suleika, Herr Suheddin. Die Prinzessin bittet Euch hinauf, aufs östliche Dach, zu der Zeit, wenn man den Stern Az-Zuhara aufgehen sieht. Seid pünktlich und verschwiegen, Herr Suheddin" sagte Aya und ging grußlos, nachdem er bejahend genickt hatte. Er saß wie angewurzelt im Hof und blickte unverwandt nach Westen, und als die Venus sich strahlend aus dem Horizont erhob, schlich er hinauf, auf das östliche Dach. Kein Mensch war zu sehen, nur die alte Aya hüstelte kurz. Er trat lautlos zu ihr, erblickte die Prinzessin und verbeugte sich bodentief. Sie reichte ihm die Hand und er küßte ihren protzigen Ring ehrerbietig. Die Aya flüsterte, "Setzt Euch dort auf die Bank, Prinzessin, ich stehe Schmiere." Das war Suheddins erste Begegnung mit der Prinzessin, und es sollte nicht die einzige bleiben.

Das Pferd verlangsamte sein Tempo nicht, obwohl er bereits schweißüberströmt war. Suheddin sah die Silhouette der Poststation in der Ferne. Er mußte das Pferd tränken. Doch das war gefährlich, vielleicht erwartete ihn dort ein Trupp Häscher. Doch die Poststation wirkte verlassen, die Leute schliefen sicher schon. Suheddin stieg ab und verbarg sich hinter einem Felsblock. Nein, es war eigentlich kein Felsblock, sondern ein von Wind und Wetter zusammengepreßter Sandblock. Er gab dem Pferd einen Klaps auf die Flanke. "Geh ganz langsam dorthin, da sehe ich eine Tränke. Saufe etwas Wasser und komm zurück, aber ganz ganz leise, mein Großer." Al Eajiz schüttelte die Mähne und trottete leise los zur Tränke. Er trank gierig, blickte sich prüfend um und kam leise wieder zu Suheddin. Der Ritt nach Südwesten ging weiter.

Der Soldat der Leibwache des Kalifen, Suheddin, konnte sein Glück gar nicht fassen. Prinzessin Suleika war in ihn verliebt, sie schenkte ihm ihr Herz, als sie sich näher kamen. Schon längst hatte ihm die treue Dienerin Aya den geheimen Weg gezeigt, wie er ungesehen in die Kammern der Prinzessin gelangen konnte. Die Gute wußte, wie es im Herzen ihres Schützlings aussah, und der Gardesoldat Suheddin schien ihr auch kein Windbeutel zu sein. Sie stand getreulich Schmiere, so daß er und Su, die Prinzessin, viel Zeit auf ihrem Kanapee verbringen konnten. Natürlich war die Aya ein älteres Semester, aber sie wußte noch, wie Liebe geht. Sie machte sich nicht viele Gedanken, die Prinzessin war schlau und verschlagen und würde schon einen Weg finden, wie sie ihren Schatz an sich binden konnte.

Suheddin lief das Herz über und er sprach zu seinem Pferd über seine Liebe. "Du warst da, meine Liebste, als meine Augen die Leere nach dir absuchten. Du gabst mir zu trinken, als es mich dürstete. Du gabst mir Brot, als du meinen Hunger gesehen hast. Du hast mich mit deinem Schleier zugedeckt, als ich in der Nacht fror." Das Pferd verstand jedes Wort, er wußte ja selbst nur zu gut, wie weh die Wunden taten, die die Liebe dir in die Seele schlägt. "Ich hielt deine zarte, weiße Hand, meine Liebste, als ich über den Abgrund schritt, da warst du neben mir und hast mich geleitet. Ich habe deine Tränen von deinen Augen weggeküßt, als du wegen des toten Vögelchens auf deinem Fenstersims geweint hast. Ich habe den Nektar von deinen Lippen geküßt, weil es süßer als Honig ist. Ich habe deine alabasterweißen Brüste mit kühlendem Wasser gewaschen, als die Hitze des Samums die Stadt in ihrem Würgegriff hatte. Ich habe deine weißen Lenden geküßt, immer wenn ich dir den Schleier wieder anlegte, meine Liebste. Ich bin in Tränen von dir fortgelaufen, als mich die Schergen des Prinzen Mirza greifen wollten." Das Pferd Al Eajiz spitzte die Ohren, weil Suheddins Liebesflehen ihm so sehr zu Herzen ging. Aber das schlaue Tier wußte, dort hinten, hinter der 16. Poststation, dort war der rettende Hafen, dort würden sie ein Schiff nach Indien oder ins Land Ophir besteigen und davonsegeln. Sie würden noch vor dem Morgenrot dort sein. Er mußte sich nur die Kräfte klug einteilen, das war wichtig für ein kluges Pferd.

Suheddins scharfe Augen entdeckten die nächste Poststation, es gab dort offenbar auch mehrere Herbergen. Vielleicht konnte er Futter für sein Pferd auftreiben, denn es lag noch ein langer Weg vor ihnen. Er atmete auf, im Stall brannte noch Licht. Er konnte für ein paar Silbermünzen wohl Futter kaufen, wenn man dort noch nicht nach ihm fahndete. Vorsichtig kamen sie dem Stall näher. Er stieg ab und lief die letzten Meter neben seinem Pferd. "Mein Guter, stell dich dort neben die Stuten, vielleicht geben sie dir etwas von ihrem Futter ab." Ein leichter Klaps auf die Flanke und das treue Tier trottete in den Stall. Eine Stute rückte ein wenig zur Seite und ließ ihn an das Futter kommen. Suheddin sprach die Sprache der Pferde nicht, aber Al Eajiz hatte wohl seinen männlichen Charme spielen lassen.

"Friede sei mit dir," grüßte Suheddin den alten Mann, der den Boden mit einem Besen bearbeitete. "Und der Friede auch mit dir, junger Herr!" antwortete der Mann und legte den Besen beiseite. "Ah, ich sehe, euer Hengst hat neben der Lakia Platz gefunden. Sie ist ein gutes Mädchen, glaubt mir, Herr." Suheddin kramte eine Silbermünze aus dem Geldbeutel. "Sein Name ist Al Eajiz," brummte er, "und ich bezahle natürlich für das Futter, guter Mann!" Doch der wehrte ab. "Ich habe die Plakette am Zaumzeug gesehen, das Pferd kommt aus dem Stallungen des Kalifen. Die Pferde unseres guten Herrschers sind hier immer willkommen. Ihr braucht nichts zu bezahlen, junger Mann!" Suheddin trat einen Schritt zurück. "Der Palast hat ein Kopfgeld auf mich ausgelobt und Ihr bekommt sicher Probleme, wenn Prinz Mirza erfährt daß Ihr mir helft."

Der alte Mann spuckte auf den Boden. "Ach, der! Möge Gott mir verzeihen, aber der Prinz geht mir am Arsch vorbei. Er wird unser nächster Kalif, und ich werde am Tag seiner Thronbesteigung das Land mit dem erstbesten Schiff verlassen, so wahr mir Gott helfe!" Er spuckte nochmals auf den Boden. "Prinz Mirza!" rief er kopfschüttelnd aus. "Sagt, wenn Ihr direkt von Bagdad gekommen seid, werdet Ihr wohl Hunger und Durst haben. Ihr könnt einen Becher Wein, eine Hühnerkeule und ein Fladenbrot haben, ich hatte am Abend keinen großen Hunger." Er ging zu einem kleinen Tischchen und machte eine einladende Geste. "Keine Bange, ich schreib's auf die Rechnung des Prinzen, das darf er ruhig bezahlen!" Suheddin grinste. "Ihr werdet noch Scherereien bekommen, weil ihr mir geholfen habt." Doch der Alte winkte ab. "Sagt, welcher Idiot nennt einen so prächtigen Hengst Al Eajiz, den Lahmen? Ich kann kein Lahmen entdecken, junger Herr!" Suheddin lachte, "Ich bin in der Leibgarde des Kalifen, möge er lange leben! Und wir grinsen jedesmal und wundern uns über den ausgemachten Idioten, der ihm diesen Beinamen gab."

Al Eajiz hatte gefressen und an der Tränke getrunken. Er hatte der lieblichen Lakia ein Tête-a-tête versprochen, wenn er auf dem Rückweg wäre, und das gute Mädchen schnaubte errötend. Nun stand er im Eingang und wartete voller Ungeduld. Suheddin erhob sich von dem Tischchen und trank den Becher Wein leer. "Habt meinen Dank, guter Mann! Und beugt Euren alten Buckel nicht allzu tief, wenn der Prinz vorbeireitet. Er will nicht nur den Thron des Kalifen, er will auch meine Braut an sich reißen, ihre schneeweißen Schenkel besudeln und entehren. Das ist der Grund, warum ich fliehen muß." Der Alte nickte zum Abschied, und sie ritten frisch gestärkt weiter.

Die letzte Poststation. Wenn er sich im Sattel aufrichtete, konnte er das Meer bereits sehen. Links die steile Gebirgskette und rechts das Meer. Und mitten drin, wo die Straße verlief, eine Kette Berittener, vielleicht einhundert.

Die Häscher des Prinzen.

Al Eajiz verhielt den Schritt, er sah, daß es kein Weiter gab. Und nun löste sich ein Reiter aus der Mitte und ritt ihm entgegen. Suheddins Herz krampfte sich zusammen. Prinz Mirza. Der Mann, der seine Prinzessin unbedingt zu Frau haben wollte. Der Strolch, der ihren Schleier ganz frech weggerissen und ihren makellosen Leib begafft hatte wie ein Pfund Fleisch am Markt. Der nicht davor zurückschreckte, ihn, den Nebenbuhler, ermorden zu lassen.

Gegen hundert Bewaffnete anzutreten war keine Option. Er tätschelte den Hals seines Pferdes. "Ich glaube, mein Großer, hier trennen sich unsere Wege. Ich werde in den Sand fallen und dich wird man wieder in den Stall zurückbringen." — So sehr sich Al Eajiz umsah, es gab kein Entkommen. Er würde mitten durch die Formation sprengen und die Kerle niederreiten, das war er Suheddin einfach schuldig.


In Julias Augen glitzerten wieder die Tränen. "Hier bricht das Fragment ab. Schwab hat es entweder nicht zu Ende geschrieben, oder es ist verloren gegangen." Alfie haßte Tränen, vor allem Julias. Er nahm ihr die Blätter aus der Hand. "Du mußt die Rückseiten auch lesen, Mädchen! Dort steht die Fortsetzung." Und er wendete die bedruckten Seiten um und tat, als ob die Rückseiten keine leeren weißen Seiten wären. "Ah, da steht's!" Er räusperte sich kurz, faßte sich und las aus den leeren Seiten vor:


Al Eajiz stand regungslos wie eine Statue. Er wartete auf das Kommando von Suheddin, loszustürmen. Doch Suheddin blickte auf den Prinzen, der sie bald erreichte. Der Prinz zügelte sein Pferd. "Ah, da ist ja unser Ausreißer! Deine Flucht war völlig sinnlos, Gardist, ich hatte es so kommen sehen. Ich las deine dummen Gedanken, noch bevor du sie fertig dachtest. Zwei Optionen biete ich dir an: Du kommst mit und landest im finstersten Loch des Gefängnisses, für immer. Aber immerhin, lebendig. Oder ich hacke dich hier an Ort und Stelle in Stücke und zertrete dich wie einen Wurm. Das wäre die zweite Option, und sie würde mir besser gefallen. Du bildetest dir doch nicht ein, daß eine Prinzessin einen einfachen Gardesoldaten zum Manne nähme? Nein, sie wird mir gehören, mit Haut und Haar. Ich werde meinen Stiefel auf den Nacken der unwilligen Prinzessin stemmen und dich verhöhnen, du Wurm! Die Prinzessin, die habe ich mir aber ganz genau angesehen, und ich habe ihren Schleier zerrissen, damit ich sie mir richtig ansehen kann. Wäre sie keine Prinzessin, ich würde sie für eine Ziegenhirtin halten. Ihr Leib ist nämlich um nichts schöner als der einer gewöhnlichen Ziegenhirtin, nur mit Schmuck und Edelsteinen verziert. Brust und Leib mit Geschmeide verborgen, weil niemand ihre Scheußlichkeiten sehen sollte. Nichtsdestotrotz ist sie nur eine Ziegenhirtin, allemal, und sie wird mir das Herz des Kalifen öffnen, ob er nun will oder nicht!"

Suheddin spuckte auf den Boden. "Prinz Mirza, ihr seid ein Narr! Ihr wagt es, die Prinzessin als Ziegenhirtin zu schmähen, und das lasse ich Euch nicht durchgehen, ich werde Euch in Fetzen schneiden und Euren stinkenden Kadaver den Hunden vorwerfen, so wahr mir Gott helfe! Prinz Mirza, Ihr seid ein Krebsgeschwür im Leib Bagdads, ein Parasit, der dem Kalifen Gift ins Ohr träufelt. Ihr seid kein Mann von Ehre, ihr habt Euer Schwert noch nie im Kampf tänzeln lassen, dazu fehlt Euch der Mumm und der Schneid. Ein Mann von Ehre würde jetzt vom Pferd springen und sein Schwert mit meinem kreuzen. Nicht wahr, Hauptmann?" rief er zum Hauptmann, der dem Prinzen gefolgt war. Prinz Mirza, sorgfältig geschminkt und in eleganter, edler Kleidung, warf einen Seitenblick auf den Hauptmann. "Der Kalif hat alle Duelle untersagt, nicht wahr?" Der Hauptmann rührte sich eine Weile nicht, die Schmähungen der Prinzessin waren eines ehrbaren Mannes unwürdig. Doch dann sagte er, "Wenn mich jemand so herausfordern würde, ich würde ihn in Stücke hacken, Prinz Mirza!" Die kleinen Äuglein des Prinzen huschten wie im Käfig gefangene Spatzen hin und her. "Ein einfacher Fußsoldat kann mich nicht beleidigen, ich stehe hundertfach über ihm!" Im Gesicht des Hauptmanns regte sich kein Muskel. "Sich von einem Nebenbuhler beschimpfen lassen, das ließe ich ihm nicht durchgehen! Und selbst, wenn er ein Bauer oder Stallknecht wäre, er hätte sein Leben verwirkt! Ich würde mein Schwert zücken, schon wegen meiner Ehre und der Ehre der Dame meines Herzens!" Der Prinz saß in der Falle. Selbst wenn er Suheddin jetzt ermorden würde, der Hauptmann würde mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten, der nicht. Langsam stieg er von seinem Schimmel.

Suheddin glitt geschmeidig aus dem Sattel. Er gab Al Eajiz einen Klaps auf die Flanke, "Mach Platz, mein Freund, jetzt geht's gleich zur Sache!" Sein Pferd ging mehrere Schritte und drehte sich dann um. Suheddin zog langsam das kleine Krummschwert der Suleika aus der Scheide, es war eine kurze, aber fein gebogene Klinge aus edlem Damaszenerstahl. Ein leichtes Schwert, für feine Damenhände geschmiedet. Prinz Mirza zog sein gekrümmtes Schwert, eine große, schwere Klinge, ebenfalls feinste Schmiedearbeit. Suheddin wußte, wenn er verlor, würde der Prinz seine Suleika in gnadenloser Gefangenschaft knechten, sie nach Lust und Laune vergewaltigen, sie seinen Männern zum Zeitvertreib überlassen und sie den Wölfen zum Fraß vorwerfen.

Dieser unerträgliche Gedanke gab ihm eine Kraft, die ein anderer in dieser Situation nicht hätte. Er wußte nicht, wie gut der Prinz im Fechten war, niemand wußte es eigentlich. Niemand hatte ihn je mit gezücktem Schwert in der Hand gesehen. Er selbst war lange genug Soldat gewesen, um seine Fähigkeiten einschätzen zu können. Natürlich, es gab bessere Fechter in seiner Kompanie, aber er hatte immer tapfer gekämpft und war bisher ohne den kleinsten Kratzer aus jedem Kampf zurückgekommen.

Prinz Mirza und er umrundeten sich. Suheddins Schwert war sehr kurz, das war ein Nachteil. Der Prinz hieb und hieb auf ihn ein, er konnte die Schläge nur parieren und sich schnell wie eine Antilope bewegen. Der Prinz, ein grimmiger Kerl, hieb rücksichtslos auf Suheddin ein. Er war ein feiger Schläger und glaubte, den geschmeidig ausweichenden Gardesoldaten mit einem seiner weit ausholenden Schläge zu treffen. Seine ganze Kampfkunst stammte noch aus seiner Jugend, wo er andere mit einem Holzprügel totgeschlagen hatte. Welche Dummheit steckte hinter all dem Hochmut und überhitzter Selbstüberschätzung!

Die Schwerthand des Prinzen wurde allmählich schwer und er versuchte eine leicht zu durchschauende Finte. Seine Lederpantoffeln schleuderten Sand in Suheddins Richtung, doch darüber konnte der nur lachen. Das gehörte zum Einmaleins, dem auszuweichen. Zweimal konnte er einen Sprung mitten durch den aufgewirbelten Sand machen, wie tausendmal geübt. Er fügte dem Prinzen zwei tiefe Schnitte am Unterarm zu, und die blutende Schwerthand des Prinzen war nun in höchster Gefahr. Der Prinz keuchte bereits schwer und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Suheddin sah es mit Zufriedenheit. Nur ein leichter Schweißfilm war auf seiner Stirn, behende wie eine Gazelle sprang er und ließ den Prinzen unter der Wucht seiner eigenen Schläge ins Leere laufen, ließ ihn sich selbst ermüden. Suleikas Kuß berührte seine Wange, ihre Lippen leicht wie ein Windhauch. "Sein eigenes schweres Schwert wird ihm noch den Arm abreißen!" hauchte seine Geliebte.

Al Eajiz wieherte laut, übertönte den Wind und sein Wiehern erreichte die Kette der Männer. Die Reihe setzte sich in Bewegung. Einige Soldaten waren aufgerückt und betrachteten den Zweikampf aus einiger Entfernung. Der Hauptmann war ebenfalls abgestiegen, hatte seinen Krummsäbel gezückt und ermächtigte sich selbst zum Schiedsrichter. Er erkannte natürlich sofort, daß der Prinz nicht ehrenhaft focht, sondern nur ein wilder Schläger war, der den jungen Mann zerquetschen wollte, um jeden Preis, aber sicher nicht in ehrenhaftem Kampf. Der Hauptmann rief den Prinzen zur Ordnung wie einen einfachen Rekruten in der Kampfschule. Der Prinz duckte sich wütend, so war es aber nicht ausgemacht! Der Hauptmann war sein Hauptmann und er brüllte ihn an, sich da ja herauszuhalten! Der Hauptmann verstummte, der Prinz war ja schließlich ein Prinz und kein Rekrut.

Suleikas Damaszenerklinge sang in Suheddins Hand, als er sie schwang. Ein feines Sirren, ein hoher, leiser Klang wie ein Seufzer aus der Ferne. "Ich bin bei dir, mein Geliebter!" hauchten Suleikas Lippen im Sirren der Klinge. "Der Ehrlose hat meinen Schleier heruntergerissen und mich vor aller Augen entblößt! Ich verfluche seine schwarze Seele!" sang die Klinge in seiner Hand. Suheddin spürte, daß Suleika seine Hand führte, daß sie den verhaßten Prinzen und heimtückischen Thronräuber nicht entkommen lassen wollte. Diesen Saukerl, der frech ihren Schleier weggerissen und sich am Anblick ihres entblößten Leibes ergötzt hatte.

Suheddin konnte ihre glockenhelle Stimme wie einen Hauch in der Ferne hören. "Jetzt, mein Liebster, stich schnell zu wie eine Hornisse!" hauchte Suleika. Blitzschnell machte er einen Ausfallschritt und bohrte die Klinge tief in des Prinzen Brust. Der sank mit ungläubigem Blick auf die Knie, das schwere Schwert entglitt seiner Hand. Suheddin sprang an seine Seite und hieb ihm mit einem kräftigen Streich den Hals durch. Der Kopf des Prinzen rollte in den Sand, der Torso fiel leblos nach vorne in den Sand. Der Hauptmann riß seine Augen auf. Der Hauptmann rammte sein Schwert in die Scheide und wischte sich mit dem Ärmel übers schweißnasse Gesicht. Suheddin stand stumm vor der Leiche und bewegte sich nicht.

Der Hauptmann drehte sich zu seinen Männern um. "Der Herr Suheddin hat die Ehre der Prinzessin und seine eigene im fairen Zweikampf verteidigt. Er hat fair und ehrenhaft gekämpft, wie ein Gardesoldat es auch sollte." Seine Männer blickten gleichgültig und die meisten wußten gar nicht, von welcher Prinzessin der Hauptmann da überhaupt sprach, es gab so viele Prinzessinnen. Aber sie blickten sich an und wiegten das Haupt, Ja, es war ein fairer Zweikampf, und der Soldat hatte gesiegt. Der Hauptmann trat zu Suheddin und zupfte ihn am Ärmel. "Gib mir dein Schwert. Ich habe einen Auftrag, einen Haftbefehl, Suheddin. Komm mit mir, ich führe dich zum Kalifen, der soll dich richten." Suheddin nickte stumm und reichte dem Hauptmann Suleikas Schwert.

Der Kalif saß aufrecht auf dem Thron — es war ihm minutiös genau vom Zweikampf berichtet worden. Suheddin war hereingeführt worden, nun verbeugte er sich bodentief und entbot dem Herrscher seinen Gruß. Der Scherge neben ihm drückte ihn an der Schulter nieder, ein Verbrecher hatte vor dem Kalifen zu knien. Doch der Kalif verscheuchte den Schergen mit einem Wink und sagte: "Steh auf, Suheddin, ein Mann von Ehre steht aufrecht vor seinem Herrscher. Ich habe natürlich von dem Zweikampf gehört, du hast den Prinzen geköpft und dich widerstandslos gefangen nehmen lassen. Nun, berichte mir!"

Suheddins Stimme war fest und entschieden. "Der Prinz hat mich zur Flucht gezwungen, er wollte mir ans Leben, weil die Prinzessin nicht ihn liebte. Er hat mir vor der Hafenstadt mit einer Hundertschaft aufgelauert. Er hat die Prinzessin geschmäht und ihre und meine Ehre in den Dreck gezogen. Es wäre mir gleichgültig, wenn mich ein Hochgestellter beschimpft. Die Prinzessin jedoch zu verunglimpfen, das konnte und wollte ich ihm nicht durchgehen lassen. Der Prinz wollte sich feige vor dem Zweikampf drücken, aber das ließ der Hauptmann nicht gelten. Ich habe ihn besiegt und ihm den Kopf abgeschlagen; er wird die Prinzessin nie mehr schmähen. Mehr habe ich nicht dazu zu sagen, Hoher Herr!"

Der Kalif, Harun Al-Raschid, hob eine Augenbraue. "Du nennst mich Hoher Herr, nicht Kalif oder den Beherrscher der Gläubigen wie jedermann. Warum?" Suheddins Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. "Weil Ihr es nicht seid, Hoher Herr. Ihr seid nicht nur der Beherrscher der Gläubigen, sondern Ihr herrscht auch über die Ungläubigen, über jene, die um das goldene Kalb tanzen, die Feueranbeter Ahura Mazdas und die Kinder Israels. Ihr herrscht über sie alle, und wenn ich's richtig bedenke, herrscht Ihr sogar über die Kakerlaken in unseren Getreidespeichern. Ihr seid der Herrscher Aller, Hoher Herr!" Harun Al-Raschid lächelte. "Kakerlaken, hm?" Er strich sich über den Bart und lächelte. "Du hast eine flinke Zunge, junger Mann. Nun, wie kommt es, daß dir die Ehre der Prinzessin Suleika so zu Herzen geht?"

Suheddin wußte, es ging nicht mehr um den Prinzen Mirza, es ging nun um seinen Kopf. Trotzig schob er sein Kinn vor. "Nun, Hoher Herr, als die Prinzessin erfuhr, daß der Prinz Mirza sie zur Frau begehrte und sie frech forderte, als wäre sie nur ein Beutel Silberlinge, da weinte sie bitterlich an meiner Schulter, Hoher Herr, und nicht an der Schulter des Prinzen. Sie weinte an meiner Schulter, nachdem er frech ihren Schleier weggerissen und ihren Leib wie ein Pfund Fleisch am Markt inspiziert hatte. Sie wußte, daß der Prinz ein Krebsgeschwür am Leibe Bagdads war, eine Giftschlange, die mit Schalmeienklängen in Euer Ohr sang und Euer Schwert und Euren Thron beanspruchte, verlangte, ja vehement forderte. Sie weinte, weil ihr Herr Vater, von Blindheit geschlagen, den Unwürdigen nicht durchschaute und die Schlange an seinem Busen nährte. Hoher Herr, fragt Eure Tochter!" Suheddin senkte den Blick. Ein Mehr an Zugeständnis seiner Liebe zu Suleika wäre unziemlich gewesen.

Kalif Harun Al-Raschid blickte forschend in Suheddins Gesicht. "Ich kenne dich, aber mir will nicht einfallen, woher." Suheddin lächelte. "Ich war einer der Vier, die Euch bei Euren Streifzügen durch die Stadt begleiteten, als Ihr in Verkleidung als einfacher Edelmann den Puls der Stadt fühlen wolltet. Vor nicht ganz zwanzig Jahren, Hoher Herr." Ein Leuchten des Wiedererkennens ging über Harun's Gesicht. "Ja, der schweigsame Junge, den mir der Hauptmann empfahl, weil er der geborene Leibgardist wäre. Du warst damals stumm wie ein Fisch, mein Junge, aber dein Messer wirbelte durch die Luft, schneller als jeder Pfeil. Ich entsinne mich sehr wohl. Und nun sehe ich, du hast Sprechen gelernt. Und du hältst mit deiner Meinung nicht hinterm Berg. Obwohl du dich um Kopf und Kragen reden könntest, Herr Suheddin." Er neigte sich zu seinem gleichaltrigen Vezir, Al-Bahr und sie tuschelten einige Augenblicke. Der Kalif sah auf.

"Du hast dich duelliert, obwohl ich Duelle strengstens untersagt habe. Du hast einem Thronfolger den Kopf abgeschlagen. Das sind schwere Vergehen, und ich werde mich zur Beratung zurückziehen, ob und wie ich dich bestrafe. Aber mein Freund Al-Bahr sieht sich in deinen Worten, in den Worten der Prinzessin bestätigt, er hat mich vom ersten Tag an vor einer Dummheit gewarnt, als ob ein Kalif überhaupt eine Dummheit begehen könnte. Ich war vernarrt in den Prinzen, er hatte eine silberne Zunge und einen scharfen, analytischen Verstand, das wird wohl niemand bestreiten. Aber er schickte auch all meine vier Söhne in den Tod, zwei in die Kriege gegen die Römer von Byzanz und die anderen beiden in die Fehde gegen die blutrünstige Barmakiden-Dynastie. Ich hörte nicht auf meinen klugen Freund Al-Bahr, der durchschaute, daß der Prinz auf diese feige Art die vier größten Hindernisse auf dem Weg zu meinem Thron beiseite geschafft hatte, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen. Und ja, ich war närrisch genug, ihm meine Tochter zur Braut zu geben. Mein Freund, ich werde vier Tage lang in mich gehen, schweigen und nur zuhören, denn der Prinz Mirza ist immer noch sehr präsent in meinem Geist. Vielleicht muß ich meinem Freund Al-Bahr und dir dankbar sein, vielleicht. Ein Kalif darf weder blind noch vernarrt sein, die Gerechtigkeit muß ihn anleiten."

Harun Al-Raschid stand ächzend auf, die Last der Jahre auf seinen Schultern. "Einen Befehl erteile ich dir gleich, Suheddin. Meine Tochter Suleika ist an dem Tag verschwunden, als ich ihre Hand dem Prinzen Mirza versprach und er zu ihr ging, um die Unberührtheit ihres Leibes zu inspizieren, wie er sagte. Niemand hat sie seither gesehen. Ich bitte dich als gramgebeugter Vater, nicht als Beherrscher: reite los und finde sie, bringe sie wieder zu mir zurück. Ich bitte dich von ganzem Herzen, mein Sohn!" Nun beugte Suheddin zum ersten Mal seine Knie und sagte: "Hoher Herr, ich springe sofort in den Sattel und reite die ganze Stadt ab. Ich verspreche Euch hoch und heilig, daß ich nicht ohne Eure Tochter wiederkehre. Morgen, zur Mittagsaudienz, bringe ich sie zu Euch. Unversehrt und wohlbehalten. Mein Wort darauf, Hoher Herr!"

Der Kalif wandte sich zum Gehen und murmelte bitter, "... und Beherrscher der Gläubigen, der Ungläubigen und der Kakerlaken!" Suheddin rannte los, zum Stall, um den Lahmen zu satteln. Die alte Aya stand vor dem Stall. "Folgt mir, Herr Suheddin." Mehr sagte sie nicht, wandte sich auf dem Absatz um und ging ihm voraus hinauf, in die Gemächer der Prinzessin.

Er ging hinter ihr die Treppen hinauf und starrte auf den wippenden Arsch der treuen Dienerin. Noch niemals hatte Aya ein derartiges Nichts von Schleier um die Hüften gelegt, oder er hatte einfach noch nie genau hingesehen. Bei jeder Stufe wippte der Arsch unter dem Schleier anmutig hin und her, ganz anmutig und lieblich. Sokrates hätte vor Freude ein Lied auf diese herrliche Callipyge angestimmt, der alte Mösengucker! Ich werde einen meiner Dragonerfreunde bitten, mit der Aya einen feinen Ausritt zu machen, denn sie verdient einen tüchtigen Ritt, die gute Seele, dachte er bei sich, und ihr nackter Arsch wippte weiter so anmutig unter dem hauchdünnen Schleier, hundert Stufen lang. Ayas Arschbacken, völlig nackt unter dem durchsichtigen Schleier, bewegten sich anmutig wie die Flanken einer prallen Stute. Suheddin rieb sich die Augen, zwischen diesen prallen Flanken vermeinte er ihren dunklen Busch zu erahnen. Ja, bekräftigte er seinen Gedanken, während er wohlwollend auf ihren anmutig wippenden Arsch blickte, die Aya hat sich einen tüchtigen Ritt verdient. Er hatte Ayas anmutigen Arsch schon tausendmal gesehen, aber nie einen Gedanken daran verschwendet, nie richtig hingesehen. Er schalt sich, denn als Kind seiner Zeit sah er Dienerinnen nur als geschlechtslose Wesen. Ayas Augen hatten immer aufgeregt geklimpert, wenn Suleika bei ihm lag, aber er hatte ihre sexuelle Aufregung nie richtig wahrgenommen.

Suleika sprang vom Kanapee auf und warf sich um seinen Hals. Sie weinte, weinte vor Freude und Erleichterung. "Ich war nie weg, wir haben nur die Nachricht gestreut, ich wäre abgehauen, aus Furcht vor dem Prinzen. Und ich hätte dem Mirza die Kehle in der Hochzeitsnacht aufgeschlitzt, hundertprozentig." Suheddin setzte sich sittsam neben sie und sie hatten sich so viel zu erzählen. Die treue Aya stand wie immer Schmiere. Sie hatte vor 15 Jahren die Suleika als Baby an ihrer Brust gesäugt und das Mädchen war wie eine Tochter für sie. Sie hatte die Bestechungsgelder des Prinzen eiskalt eingesteckt, ohne auch nur den Hauch einer Gegenleistung. Sie liebte ihre Tochter, die Prinzessin und durchlebte mit ihr die Höhen und Tiefen der Liebe. Die Aya errötete vom Haaransatz bis zu den Brustnippeln, als Suheddin ihr zwinkernd zuflüsterte, er würde einen seiner Freunde zu ihr schicken, weil sie es wohl auch noch einmal verdient hätte.

Bei der Audienz am nächsten Vormittag schritt Prinzessin Suleika in ihren erlesensten Schleiern in den Saal, Suheddin einen halben Schritt hinter ihr. Der Kalif stand mühsam auf und ging seiner Tochter entgegen, schloß sie in seine Arme. Seine Augen ruhten stumm auf Suheddins Antlitz. Er brauchte Männer wie Suheddin, Männer aus echtem Stahl, die sich von Schalmeienklängen nicht einlullen ließen. Männer mit einer Meinung und einem Rückgrat, Männer die sofort losritten und ihm seine Tochter wiederbrachten. Suleika folgte ihrem Vater zum Thron und setzte sich stolz neben ihren Vater, den erhabenen Kalifen. Er haschte nach ihrer Hand und hielt sie fest.

Harun Al-Raschid winkte Suheddin herbei, so daß der sein Ohr zu seinen Lippen beugte. "Suheddin, du Teufelskerl, meine Tochter sitzt wieder neben mir. Danke, danke, danke! Und nun höre, mein Sohn: ich habe zwei meiner Richter-Berater bestochen, damit sie vehement deinen Kopf fordern. Und ebenso zwei andere, die genauso vehement deinen Freispruch und deine Beförderung fordern werden. Du wirst folgerichtig wohl zwanzig oder mehr Jahre auf dein Urteil warten müssen, so habe ich es beschlossen. Und in der Zwischenzeit sonne dich weiter im Schein meines väterlichen Wohlwollens!" Suheddin richtete sich auf, seine Augen leuchteten in tiefer Dankbarkeit, aber er brachte kein Wort heraus und trat wieder zurück.

Die Audienz ging weiter. "Nun, meine Tochter, wie ich höre hast du den Prinzen Mirza verschmäht, obwohl er deinen Schleier gelüftet und sich die Lippen in Vorfreude geleckt hat?" Suleika unterbrach ihn. "Hast du gewußt, daß der windige Prinz mir den Schleier von Leib reißt vor den Augen aller und mich taxiert wie ein Kamel auf dem Markt?" Der Kalif schüttelte den Kopf, er hatte nichts davon gewußt. "Man hat es mir nur vor kurzem berichtet, und mir war nicht wohl bei dem Gedanken, daß dein Bräutigam deinen Leib und deine Unberührtheit mit eigenen Augen auf solch rüde Art prüfen würde, wie ein ungehobelter Stallbursche."

Er neigte sein greises Haupt voller Scham. "Wir reden nicht mehr vom Prinzen und sein unangemessenes Benehmen. — Wie soll es mit dir weitergehen, meine Suleika? Du bist kein Kind mehr, sondern ein Mädchen in genau dem Alter, wo dein Vater dich schleunigst unter die Haube bringen muß, damit du ihm keine Schande machst. Schau dich um, hier unter den Prinzen und Ehrenmännern, siehst du nicht einen würdigen Gemahl?" Suleika blickte sich grinsend um, als ob sie alle und jeden in Erwägung zöge. "Ja, Vater, natürlich sehe ich ihn inmitten all dieser ehrenhaften Prinzen und süßen Knaben. Natürlich sehe ich ihn und er sieht mich."

Harun Al-Raschid spielte die kleine Schmierenkomödie sehr gerne mit, eine Kurzweil inmitten wichtiger Debatten und Entscheidungen. "Und nun, willst du uns das Geheimnis lüften?" fragte er schmunzelnd. Doch Suleika genoß die Komödie. "Nein, Herr Vater, nein. Es ist noch nicht so weit, ich habe meinen Schleier noch nicht gehoben, ich bin noch nie bei ihm gelegen, weil ich noch nie bei einem Mann gelegen habe, werter Herr Papa." Harun Al-Raschid grinste übers ganze alte, faltige Gesicht, denn Suleika hatte schon bei so einigen Knaben gelegen, aber keiner von ihnen war bereits ein Mann. Harun vermeinte, das freche, verlogene Gezwitscher ihrer Mutter zu vernehmen. Welch eine Schlauheit seine Tochter an den Tag legte! Sein Herz in seiner Brust schwoll voller Stolz. "Du mußt dich mit deiner Wahl aber beeilen, meine Tochter, denn dein Vater wird allmählich alt, blind und taub. Der Beherrscher der Gläubigen, der Ungläubigen und der Kakerlaken," kicherte er.

Suleika erhob sich und kniete sich vor ihm hin. "Dann erlaubt mir, mein Kalif, mein Beherrscher von All dem hier, daß ich meinen Schleier vor ihm hebe und daß ich mich zu ihm lege. Denn ihr habt mich gelehrt, man kaufe nie eine Katze im Sack." Harun Al-Raschid schlug sich lachend auf die Schenkel. "Habt Ihr's gehört, liebe Leute? Meine Tochter bittet mich, die Katze aus dem Sack nehmen zu dürfen, ob seine Lendenkraft auch wirklich etwas taugt!? — Oh, welch kluges, welch listiges Kind! Liest mir meine eigenen Worte vor und biegt sie überaus schlau und geschickt, um sie passend zu machen!" rief er lauthals lachend aus.

Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen. "Du bist meine Tochter, unzweifelhaft von meinem hitzigen Blut, gepaart mit der List und dem frechen Vorwitz deiner Mutter! Nie würdest du mit geschlossenen Augen ins kalte Wasser springen; nein, du würdest deine Dienerin vorschicken um zu sehen, daß das Wasser nur hüfthoch ist. — Aber schicke nicht deine alte Aya vor, sie würde selbst einem hakennasigen, buckligen und lahmen Taubstummen den strammen Jüngling abkaufen, so heiß ist sie auf einen guten Ritt!" Der Kalif schlug sich lachend auf die Schenkel, denn natürlich wußte er um die gähnende Leere in Ayas Bett. Die Menschen im Thronsaal lächelten oder lachten, manche aus vollem Halse.

Suleika hatte wieder Platz genommen, ihr Blick schmeichelte liebreizend die Blicke in Suheddins Augen. Natürlich hatte sie schon oft bei ihm gelegen, aber das mußte sie ihrem Vater nicht auf die Nase binden.

Und während die Audienz sich nun ernsthafteren Themen widmete, zog sich der Erzähler still und leise zurück. Ein leises Lächeln um die Lippen, denn nun war alles in Ordnung und auf die Schiene gebracht. Er zweifelte keinen Augenblick, daß Suheddin bald zum General und in den Adelsstand gehoben würde. Und, und, und.


Alfie legte die Blätter nieder. Der Schalk lachte aus seinen Augen. "Siehst du, Julia, wie schön und erhaben Schwab die Geschichte zu Ende führte? Es läuft alles wie am Schnürl, wie man hier in Wien sagt. Keine Tränen mehr, meine Liebste. Sie kriegen sich, die Suleika und ihr Suheddin. Und die treue Aya bekommt auch einen strammen Dragoner, natürlich nur leihweise. Also, keine Tränen mehr, höchstens Tränen der Freude, der Lust oder der Ergriffenheit." Julias Negligé war von ihren Schultern geglitten und sie hatte zu ihrer entblößten Brust gegriffen, als Aya den Suheddin die Treppe hinauf zu Suleikas Kammer führte und er ihren anmutig wippenden Arsch nachdenklich betrachtete. Nein, Alfie hätte es als falsch empfunden, den Suheddin als Heiligen ohne Leib und Tadel darzustellen, augenzwinkernd natürlich. Sie hing mit kindlicher Neugier an Alfies Lippen. Alfie, der auf die leeren Blätter starrte und die Geschichte spannend, kurzweilig und nicht ohne Humor aus dem Stegreif erfand. Alfie, der den alten Kalifen Harun Al-Raschid so blumig als älteren Herrn darstellte, als wäre er dabeigewesen. Alfie, der Suheddins Blick auf Ayas anmutig wippenden Arsch so treffend zu schildern wußte. Ach, Alfie, was bist du doch für ein kauziger Kerl! dachte sie lächelnd. Ja, dieser Alfie, der war ihn Mann. Für immer und ewig.

Julia war von der Glasknochenkrankheit geheilt. Die Ärztin schlug beinahe einen Salto, als sie die Daten der Knochendichtenmessungen der letzten Monate betrachtete. Was immer in diesem mRNA-Pülverchen kodiert sein mochte, es tat genau das, was es sollte. Julias Knochen waren fest und heil, keine Frage. Daß Julia immer noch gerne mit dem Ferrari ausfuhr, war nur Gewohnheit und eine gewisse Bequemlichkeit. Eine Rollstuhlfahrerin stellte sich nirgends in eine Warteschlange, und das war nur eines der Vorteile. Und beim Teich saß sie in ihrem eigenen Rollstuhl mit Sitzheizung, Alfie auf der Parkbank ohne Sitzheizung. Alfie lachte, Sitzheizung? Wozu denn das? Julia aber, sie fühlte sich pudelwohl. Den Leuten die Hand zu schütteln, ohne Knochenbrüche befürchten zu müssen, das war schon was.

Julia litt mit Yvonne mit, wenn sie hautnah die Hochschaubahnfahrten ihrer Freundin miterlebte. Yvonne hatte ein wirkliches Talent, jene Jungs an Land zu ziehen, die zwar gut im Bett waren, aber charakterlich den Amöben näher waren als aufrichtigen Christenmenschen. Nach wie vor lehnte Julia es strikt ab, daß Yvonne ihre Eroberung mit zu ihr nach Hause brachte. Alfie hatten sie in ihre Dienstag Nachmittage und ihren Mädchen-Sex mit Leichtigkeit und Aufrichtigkeit eingebunden, das war inzwischen ganz okay, so wie es war. Julia hatte täglich Sex, und sie hatte Null Bock, sich mit Yvonnes Eroberungen einzulassen. Eines hatte ihr Opa immer wieder betont: wenn der Sex zum Gewohnheitssport, zum Wettlauf oder zu einer seelenlosen Pflicht wurde, dann war sie auf dem völlig falschen Weg. Sex ohne Liebe war wie ein Fisch ohne Wasser. Es zappelte zwar, weil Fisch und Sex nun mal zappelten, aber beides war am Verenden. Julia vergaß nie die mahnenden Worte vom Opa. Er war ein sehr kluger Mann und er brachte ihr keine Kinkerlitzchen bei, sondern nur handfestes, glückliches Erleben. Sich mit Yvonnes Zureitern einzulassen, das wären wirklich die Kinkerlitzchen, die Julia nicht brauchen konnte.

Sie dachte lange über Alfies Erzählung vom Suheddin und dem Harun Al-Raschid nach. Eines lag auf der Hand: es gab auch andere interessante Lektüre, nicht nur Legenden und Mythen aus der antiken griechischen Götterwelt. Immer wieder unterbrach sie die Arbeit an ihren Göttern und las die eine oder andere Geschichte. Zunächst war es nur Abwechslung und geistiges dahingaloppieren über neue, andere oder unbekannte Wiesen. Doch schon bald erkannte sie, wie befruchtend das Eintauchen in eine andere Welt war, die der Schriftsteller entworfen hatte. Ja, sie legte langweilige oder platte Belletristik schnell beiseite, wenn es ihr nicht unter die Haut ging. Die noch aus der Gymnasialzeit stammende Mitgliedschaft bei der Öffentlichen Bibliothek der Stadt Wien erlebte eine neue Blüte. Es war mit ein paar Klicks so leicht, sich ein Buch auszuleihen, vieles sogar in rein digitaler Form.

Es war wohl ein Zufall, daß Julia eine Runde behinderter Rollstuhlfahrer kennenlernte. Sie hatte eine Broschüre im Wartezimmer der Ärztin gesehen und sich die eMail-Adresse gemerkt. Sie nahm aus einer Emotion heraus an einem der monatlichen Treffen teil. Irgendwie erschienen Julia die Themen der Rollstuhlfahrerinnen trivial, oder gar banal. Ja, man mußte dem Stadtrat schreiben, daß es hier und dort am barrierefreien Zugang fehlte. Der dann prompt antwortete, wie gut er es verstehen könne, doch — Trommelwirbel — es fehle am Geld, schrieb die Stadträtin wie auch der Stadtrat bedauernd. Eigentlich hatte Julia schon beschlossen, dieses Intermezzo abzuschließen und zu beenden.

Doch dann lernte sie Rocky kennen. Er hieß Robert Niehaus, der einzige Sohn eines recht bekannten Chirurgenpaares. Irgendwie war er zu seinem Namen Rocky gekommen, und ganz sicher nicht wegen der Filmfigur, die Sylvester Stallone verkörperte. Es war irgendwann passiert. Rocky saß wegen eines Rückenmarkproblems im Rollstuhl, er war 13 einhalb und ein ziemlich guter Schüler. Obwohl er völlig zu Recht sehr stolz auf seine Computerkenntnisse war, hatte er keine Freunde, weder Jungs noch Mädels. Als Julia ihn zum ersten Mal sah, dachte sie sofort an den Zwerg Nase aus ihrer Kindheitsliteratur. Rocky hatte eine beachtliche Hakennase, einen kleinen Buckel und wie viele Rollstuhlfahrer eine recht verkümmerte Beinmuskulatur. Er wohnte nur ein paar Straßen von ihr entfernt, in der Riemergasse, in einem sehr schön gepflegten Altbau aus dem vorigen Jahrhundert. Seine Eltern waren recht erfolgreiche, aber kaum anwesende Ärzte, die ihm jeden Luxus schenkten, nur eines nicht. Ihre Präsenz als Vater und Mutter. Julia spürte schon bei der ersten Begegnung, wie anhänglich er war, wie sehr es ihn nach 'jemand anderem' dürstete.

Sie hatte nichts dagegen, daß er mit seinem Rollstuhl unbedingt neben ihrem Ferrari parken wollte bei dem ersten Treffen. Daß er über die Schlucht zwischen ihren Rollstühlen herübergriff und ihre Hand hielt, wie andere Kinder ihren rosa Hasen oder grünen Brummbär an ihre Brust drücken. Sie spürte seinen Hunger nach Nähe, und es war ein geradezu mütterliches Gefühl ihrerseits, daß sie ihn ihre Hand halten ließ. Oh ja, sie wußte, wie sehr man unter solchen Gefühlen leiden konnte, obwohl sie diesbezüglich privilegiert war und das Schicksal sie nicht stiefmütterlich behandelt hatte. Sie merkte, wie lustlos Rocky am Ende des Treffens für die Formulierung des nächsten Schreibens an die Obrigkeit stimmte. Der Knabe war nicht unsympathisch, der Zwerg Nase. Und er gehörte definitiv nicht zu diesem Kreis bedauernswerter Behinderter.

Umso überraschender seine Einladung zu sich nach Hause. Sie müsse sich unbedingt seine Computeranlage anschauen, er hatte alles selbst entworfen und mit eigenen Händen gebaut, jedes einzelne Schräubchen. Julia fand es ungewöhnlich, daß ein Junge schon mit 13 Jahren eine eigene Computeranlage entwarf und auch selbst, mit eigenen Händen zusammenbaute. Rocky grinste. "Schraubenzieher, Pinzette und Lötkolben, also wirklich kein Hexenwerk," sagte er im Brustton des kleinen Daniel Düsentriebs. Julia blickte auf ihre Armbanduhr. "Für eine halbe Stunde, aber nicht länger. Ich schreibe meine Doktorarbeit und habe einen strengen Arbeitsplan, den ich immer einhalte, selbst wenn du mir die Pyramiden von Gizeh zeigen wolltest, Rocky." Er nickte, eine halbe Stunde, aber mindestens 30 Minuten, sagte er lächelnd. "Ich werde dich nicht von deiner Arbeit abhalten, Julia. Ich will nur, daß wir vielleicht Freunde werden, richtige und gute Freunde vielleicht. Du hast das Zeug dazu, das habe ich in der ersten Sekunde gewußt. Nicht-Freunde und Nicht-Freundinnen hätte ich schon genug," sagte er, und er war ganz ernst dabei.

Sie rollten Seite an Seite in die Riemergasse und sie umriß ihm in groben Zügen, worum es in ihrer Doktorarbeit ging. Rocky wußte recht gut über die antike griechische Götterwelt Bescheid, denn er las viel und sehr gerne. Julia wurde es warm ums Herz; endlich jemand, der Zeus, Hera und Aphrodite nicht nur vom Drüberfliegen kannte. Der gezielt zum Punkt kam: "Du willst nachweisen, daß Hera ein ziemlich verrotteter Apfel ist, ein nicht ganz stubenreines Luder, nicht wahr? Und nicht die Heilige, wie sie alle schrieben." Julia war ganz erstaunt: ein 13-jähriger, der nach nicht einmal 15 Minuten das 'bulls eye' traf. Sie rollten durch die Tiefgarage, wo sie mit dem Lift zum Penthouse fuhren. Rund 500 Quadratmeter Luxus, elegant, geschmackvoll und teuer eingerichtet. Rocky stellte Julia der Anni vor, die schien die Haushälterin oder ein Mädchen für alles zu sein. "Trinkst du Holunderlimonade? Wir kaufen es bei Bauern im Burgenland und meiner Meinung nach die beste im weiten Umkreis." Julia bejahte und folgte ihm. Er hatte ein kleines, fensterloses Schlafzimmer, die Wände fein säuberlich mit nackten Mädchen tapeziert. Es gab keine Tür zwischen seinem Schlafbereich und seinem 'Büro', seinem 'Arbeitszimmer'. 75 Quadratmeter, peinlichst aufgeräumt und sehr ordentlich. "Wenn du mit Computern arbeitest, darfst du kein Chaot oder Schmutzfink sein," sagte er mit ernstem Gesicht.

Julia war verwundert, sie hatte ja auch einen Computer mit Drucker und Scanner, natürlich. Doch das hier, das war ein Monster von einem Computer. Kein Spielzeug, das war eine richtige 'Installation', die den Namen auch verdiente. Prominent zwei graue, brusthohe Türme, auf denen "Rocky I" und "Rocky II" in silbernen Lettern standen. "Das sind meine Server, jede mit 96 Terabyte. Das — das ist ziemlich viel. Sie sind mit Raid gespiegelt, wegen der Aufallssicherheit. Und dort hinten, der dicke schwarze Brummbär, das ist das Notstromaggregat, wegen der Stromausfälle. Hält zwei Stunden durch, der Kerl." Sie erblickte zwei fast baugleiche Scanner und vier Drucker. "Wozu braucht ein gesunder Mensch vier Drucker? Vier?" fragte Julia neugierig. Rocky lächelte, "Ein Laserdrucker für Texte undsoweiter. Sein Zwilling ist das Backup, wenn es dem Zwilling schlecht geht. Ein Photo-Drucker und da hinten der große Farblaserdrucker, da drucke ich das Mädchen des Monats für mein Schlafzimmer aus. Die Drucker und die Scanner habe ich gekauft, denn um die herzustellen, da bräuchte ich eine größere Arbeitsfläche und viel Spezialwerkzeug. Meine Eltern geben mir zwar viel Geld für mein Hobby, aber sie wollen mich nicht mit Geld zuscheißen, das ist nicht ihre Art. Ich soll lernen, das Geld einzuteilen und meinen Bankkredit in Raten abzustottern, und das finde ich einfach richtig." Er machte mit der Hand eine umfassende Geste. "An die 250 bis 300.000 Euro, so ungefähr."

Anni hatte zwei Gläser und eine Kanne Limonade auf ein Beistelltischchen gestellt. "Weiter darf sie nicht hereinkommen, seit sie mir fast alles mit ihrem Putzwahn beschädigt hat, darf sie nur bis zum Tischchen, keinen Millimeter weiter. So vertragen wir uns recht gut. Staubsaugen tue ich einmal in der Woche, ich habe noch zwei extra Staubsauger für die Innereien meiner Geräte. — Nun, was sagst du, Julia?" Julia betrachtete nochmals das schöne, funktionale Büro. "Du bist für dein Alter respektive für deine Jugend ganz professionell, und das gefällt mir an dir, Rocky. Ich habe Null Ahnung von Computern, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß du es mit großem Ernst und richtig professionell betreibst, Rocky. Und das finde ich sehr sympathisch an dir. Eine Spielzeugeisenbahn würde dich langweilen, schätze ich." Rocky sah sie geradeheraus an. "Ich will nach dem Gymnasium die Computerei auf der Universität studieren und dann eine Firma aufbauen, wo ich die besten Computer und Server selbst herstelle. Für die Chirurgie ist der Zwerg Nase völlig ungeeignet. Natürlich darf ich Mama auch im OP zuschauen, wenn sie Schamlippen verkleinert oder Kitzler ausbessert oder verschönert, damit verdient sie mächtig viel Kohle. Ich schaue so gerne zu, weil ich da so viele verschiedene, unterschiedliche Fotzen anschauen kann, ohne daß mir die Mama einen Klaps gibt, wenn du verstehst was ich meine." Julia verdrehte die Augen. "Fotze ist kein schönes Wort für einen schönen Körperteil, du Ferkel!"

Julia blickte zu seinem Schlafzimmer hinüber. "Sag, wie würdest du dich selbst einstufen; 'over-computerized' oder 'over-sexed'? Ich gehe davon aus, daß du als Computerspezialist Englisch kannst." Rocky dachte lange nach. "Eigentlich beides, wenn ich ehrlich antworten soll. Wenn ich am Computer sitze, dann bin ich hochkonzentriert und denke keine Sekunde an Sex. Und wenn ich auf meinem Bett liege, mich berühre und meine Mädchen geil betrachte, dann denke ich nur an Sex, nicht an Computer." Julia nickte, es war eine gute und vor allem ehrliche Antwort. "Wenn wir immer ehrlich zueinander sind, können wir eines Tages richtige Freunde sein, Rocky."

Er blickte erwartungsvoll auf. "Richtige Freunde, mit Sex und allem?" Julia schüttelte den Kopf, "Nein, Rocky, ganz bestimmt nicht. Ich habe einen Mann, Alfie, den besten Mann der Welt. Um nichts in der Welt würde ich bei jemand anderem liegen, und bitte sei mir nicht böse deswegen. Aber die Liebe zu Alfie ist etwas Einmaliges, Einzigartiges, vielleicht sogar Heiliges. Also ja, kein Ficki-Facki oder sowas, auch wenn du betrübt darüber bist, kleiner Mann."

Sein Gesicht hellte sich auf. "Schon im Kindergarten nannten mich die Mädchen kleiner Mann, wegen meines großen Dings. Damals ging ich noch auf eigenen Füßen und brauchte keinen Rollstuhl. Die Mädchen kreischten vor Vergnügen, wenn ich ihn auspackte, ich war ja der einzige Junge. Sie wollten ihn immer wieder befühlen und betasten. Das war okay, ich war ja ihr lieber Zwerg Nase. Wenn sie mit ihm spielten und ich ihnen die ungekürzte Fassung vom Zwerg Nase vorlas, die ich natürlich selbst geschrieben habe, da haben sie gekichert und gekreischt, wenn der Zwerg Nase die drei Prinzessinnen mit schönen Worten hypnotisierte und sich dann mit einer nach der anderen vergnügte. Mein Zwerg Nase war eben so ein versauter kleiner Kerl, der ich so gerne selbst geworden wäre, wenn ich Beine gehabt hätte. Die Tanten im marxistischen Kindergarten waren sehr aufgeschlossen und modern und schritten nur selten ein, denn die Mädchen durften ihn nach Lust und Laune betasten. Also nur spielerisch, weil viele Mädchen schon richtigen Sex gesehen haben und sie es spielerisch mit dem Zwerg Nase verarbeiten sollten. Wir Kinder sollten mit unserer kindlichen Sexualität umgehen lernen, und das taten wir ja auch."

Julia schmunzelte. "Also, für dich ist der Beiname Zwerg Nase gar nichts Beleidigendes, Rocky?" Er lachte. "Nein, auf gar keinen Fall! Ich war stolz auf meinen viel zu groß geratenen Kerl und so stolz war ich auch, daß die Mädchen mich und meinen Kerl als den Zwerg Nase aus meiner erfundenen Geschichte sahen und akzeptierten." Julia blickte auf ihre Smartwatch. "Wir sollten diesen Besuch wiederholen, wenn du magst, Rocky. Um Freunde zu werden, dicke Freunde, die aber nicht miteinander rummachen, okay? Ich würde dich über deinen Zwerg Nase und seinen Kerl wie eine Gestapo-Beamtin ausfragen und im Gegenzug darfst du mich alles fragen, was nicht direkt im Sex mündet. Deal?"

Rocky strahlte übers ganze Gesicht. "Ach, wie wunderbar! Du willst wiederkommen! Ich möchte am liebsten aufspringen und einen Hilly-Billy tanzen, aber das bringe ich nicht mehr zustande. Machen wir einen Termin aus, einen echten Termin?" Julia dachte nach. "Ich mache Donnerstag Nachmittag immer zwei Stunden frei zum Lesen, die könnte ich schwänzen und herkommen, um dich über dies und das undsoweiter auszuquetschen. Wäre das Okay?" Rocky legte sein Gesicht in dicke Falten und tat, als ob er sehr intensiv nachdächte, "Über das undsoweiter?" Er lächelte. "Donnerstag, sagst du? Zwei Stunden? Na, laß mich mal nachdenken. Donnerstag Nachmittag, da hätte ich eigentlich Tanzschule, südamerikanische und lateinische Tänze, wenn ich laufen könnte, anstatt im Rollstuhl herumzukutschieren. Also ja, Deal, Donnerstag ist gebucht!"

Er machte eine Pause. "Ich werde mir deinen Ferrari genauer anschauen, mit den Augen eines Ingenieurs, denn ich würde mir gerne auch einen solchen Elektrischen bauen, der Stiegen steigen kann wie dein Ferrari. Das ist eine Herausforderung." Julias Smartwatch fiepte leise. "Ich muß aufbrechen, Rocky, die Arbeit ruft und ich rufe zurück. Donnerstag also, sagen wir um drei, um 15 Uhr?" Rocky nickte. "Du findest ja in die Tiefgarage, die ist immer offen. Ich werde mit dem Lift unten auf dich warten, Punkt 15 Uhr und Null Sekunden. Denn du kannst ohne Schlüssel nicht mit dem Lift fahren." Julia stand auf und setzte sich in ihren Ferrari. Rocky fuhr mit ihr hinunter in die Tiefgarage, dann krähte er fröhlich: "Adieu, bis Donnerstag 15 Uhr und Null Sekunden!" und Julia rollte nachdenklich heim.

Natürlich erzählte sie alles haarklein von Rocky ihrem Alfie, als sie entspannt im Bett rauchten. Alfie riß die Augen auf. "Marxistischer Kindergarten? Oh, das gibt es bei uns nicht mehr, kein Marx irgendwo, nirgends! Und die Mädchen spielten mit seinem Ding, wie du sagst? Im Kindergarten?" Julia wußte es auch nicht. "Der Rocky, der Zwerg Nase, der war schon damals recht frühreif. Vielleicht spielte das die entscheidende Rolle." Alfie nickte, aber die Sache war noch lange nicht gegessen. "Der Junge ist over-sexed, wenn du mich fragst." Er nagte an seiner Unterlippe. "Ich kaufe dein kategorisches Nein nicht so einfach, Julia. Du und Yvonne, ihr habt mich in eure Dienstags-Spiele eingebunden und ich habe auch mit ihr Sex. Ich verstehe, daß du neugierig auf diesen Rocky bist, aber dein kategorisches Nein schlucke ich nicht. Schau halt einfach was sich wie entwickelt. Nur wenn sich nichts entwickelt, macht dein Nein wirklich Sinn, sonst nicht." Alfie schüttelte den Kopf. "13! Mit 13 lag ich neben Mama mit unseren kleinen Maschinen und wir ließen uns fein entspannen. An Sex dachte ich in dem Alter noch lange nicht, zumal mein Papa so elendiglich daran verreckt ist, damals." Julia setzte sich kerzengerade auf. "Es mit einem 13-jährigen zu treiben gilt als schwere Straftat, lieber Mann! Verlier diesen Aspekt nicht aus den Augen. Ich könnte mir die Karriere in die Haare schmieren. Mit einem 13-jährigen! Mein Gott!" Alfie beschäftigte die Sache mehr, als Julia geglaubt hätte. Offenbar gab es eine noch nicht enthüllte Brücke zu seiner Mutterbeziehung, doch sie würde nicht nachbohren. Aber ihm etwas zu verschweigen, das wäre eine Lüge, ein Verrat.

Donnerstag, genau um 14 Uhr 59 und 30 Sekunden wartete Julia in der Tiefgarage beim Lift. Rocky kam auf die Sekunde genau, aber ohne Rollstuhl, sondern im T-shirt und in Boxershort. Ihr Blick fiel sofort auf seine dünnen Beine. "Ich trainiere jeden Tag eine Stunde ohne Rollstuhl zu laufen, auf ärztlichen Rat hin," sagte Rocky, als sie hochfuhren. Gläser und geeiste Limonade warteten schon, die Anni blieb unsichtbar und sie setzten sich zu seinem Schreibtisch, der aus Acrylglas war. Er hatte einen zweiten Drehsessel besorgt, so daß Julia den Ferrari parkte und zum Sessel ging. Rocky holte auf wackeligen Beinen einen Aschenbecher aus der elterlichen Wohnung nebenan, er selbst rauchte nicht, nicht mal einen Joint. Aus Prinzip nicht. "Rauchen schadet meiner Libido", dozierte er.

Erwartungsvoll sah er sie an, als sie den Rauch des Joints tief in die Lunge einsog und einige Sekunden später den Rauch ausblies, in kleinen Kringeln. "Und nun bin ich gespannt auf die Gestapo-Beamtin," sagte Rocky lächelnd. Julia schwächte ab. Sie war nur neugierig und wollte eben alles erfahren. Alles, was er preisgeben konnte. Rocky lächelte. "Ich bin erst 13 einhalb, da hat man noch keine Geheimnisse, Julia. Die kommen erst, wenn man erwachsen ist, denke ich. Und mein Kleiner hat noch nichts von der Welt gesehen, leider. Aber ich kann dir gerne etwas vorlügen, ich habe schon alles im Internet gesehen." Julia spreizte die Finger ab. "Keine Lügen, nichts Erfundenes, Rocky, nur die Wahrheit und nur handfeste Tatsachen."

Er blickte durch seinen Schreibtisch hindurch auf Julias Beine. "Ein Wunder, daß du vollständig von der Glasknochenkrankheit geheilt bist, Julia. Ein wahres Wunder, ich habe im Internet recherchiert über die Glasknochenkrankheit, es gibt keine Heilung, bisher jedenfalls nicht." Julia tastete sich an den Tatsachen entlang. "Mein Mann, der Alfie, der stammt aus der Gegend von Chicago und er hat mir ein Heilmittel in den USA gekauft. Die sind dort schon viel weiter als wir hier im alten, behäbigen Europa. Ein mRNA-Mittel, das meine defekten Gene repariert hat. Ich kann schon seit etwa einem Jahr auf eigenen Füßen laufen, nur will ich noch nicht auf meinen Ferrari verzichten. Als ob ich die Raten des Bankkredits noch nicht abbezahlt hätte, okay?" Rocky lächelte. "Bankkredit sagt mir etwas. Auch ich stottere sie noch ab, aber das ist doch wirklich unwichtig. Taugt nicht für das Verhör durch eine harte Gestapo-Beamtin, Julia" grinste er.

"Ich habe gelesen, daß die Krankheit oft mit einer verminderten Libido einhergeht, bei anderen muß man die Libido herunter regulieren" meinte Rocky. Julia grinste durch den heiligen Rauch. "Meine Libido ist geradezu überschäumend, schon seit meiner Kindheit. Da laß ich nichts herunter regulieren, nie im Leben! So ist das." Rocky lachte leise. "So geht das nicht. Du bist die Gestapo-Frau, du mußt mich verhören, nicht ich dich." Julia lachte. "Eine feine Partie sind wir, Rocky. Ich habe mir vorgenommen, dich über das undsoweiter zu verhören, und nun mußt du dir was über mein Liebesleben anhören. Okay, nur noch eins, damit das Bild komplett ist: Alfie und ich haben seit zwei Jahren Sex, etwa seit wir uns kennen. Und wir machen einmal in der Woche ein gemischtes Doppel zu dritt mit meiner besten Freundin, aber ohne Schiedsrichter. Nur der Ball, der Platz und wir mit den Tennisschlägern. Ganz einfach, unkompliziert und sportlich." Rocky verzog seinen Mund. "Unkompliziert? Einfach?" Julia sog an ihrem Joint, sie fühlte sich leicht wie ein Schmetterling.

Rocky schlug vor, sich auf sein Bett zu legen, da könne sie sich all seine Mädchen ganz genau anschauen. Sie seien alle total verschieden und doch irgendwie gleich in ihrer Schönheit. Julia sträubte sich, es ging ihr zu schnell. "Wie soll ich das mit deinem undsoweiter genau verstehen? Du hast letzthin gesagt, du liegst auf deinem Bett, bewunderst deine geile Mädchentruppe und hast dein Vergnügen? Oder habe ich etwas vergessen?" Rocky grinste schief. "Nein, das hast du dir alles richtig gemerkt. Vielleicht solltest du ergänzen, daß ich manchmal stundenlang auf meinem Bett liege. Vielleicht würdest du meine Libido dementsprechend auch als manchmal überschäumend kategorisieren, für den Gestapo-Bericht natürlich nur."

Julia lachte aus vollem Halse. Natürlich ist sie high vom Joint, aber sie stellt sich das alles bildlich vor, und dann lacht sie. "Ich sollte dich Loki rufen, den Gott der Täuschung und der Hinterlist. Ich sehe dich, wie du dich nach deiner deiner Mama sehnst und sie dich an die Anni verweist. Ja, sie ist deine Mama, und das macht man ja auch nicht mit seinem Sohn, das leuchtet dir doch ein? Und die Anni, Verzeihung, die ist wohl stocktaub, was deine genialen Ideen betrifft. Oh, Rocky, du bist schlimmer als die Gestapo bisher angenommen hat. Du kommst ganz sicher in die Hölle, mein Junge, in die Abteilung 'überreife Teenager'" rief sie lachend aus.

Okay, wenn er den Aschenbecher mitnahm, dann würde sie sich neben ihm aufs Bett legen und seine Spielkameradinnen inspizieren. Sie hatte sich schon den nächsten Joint angesteckt und war high wie ein Monarch-Schmetterling in Mariposa Monarca, Mexiko. Leicht schwankend ging sie hinüber zum Bett und ließ sich fallen. Rocky fragte nicht lange und zog seine Boxershort aus. "Oh — heilige — Carmen!" rief sie aus, als sie ihn ansah. Der Knabe war erst 13 einhalb, aber sein Ding war größer als Alfie's und dreimal so groß und wuchtig wie der vom Opa. Sie wendete ihren unkeuschen Blick ab und heftete ihn auf die Schönheiten auf den Wänden. Der Rocky hatte keinen schlechten Geschmack, das mußte sie ihm lassen. Die Posen der Mädchen waren ganz natürlich und anmutig, keine Schweinereien. "Rocky, bitte zieh dich wieder an. Wir haben ausgemacht, kein Ficken, kein Ficki-Facki und kein Schnickschnack. Also sei bitte so gut! Warte, bis ich davongeschwebt bin in meinem Ferrari, vergnüge dich danach." Sie lagen schweigend nebeneinander, und Julia riskierte nur hin und wieder einen Seitenblick auf seine Boxershort. Aber nein, das kam nicht in Frage, sie hatte es sich vorgenommen, Schmetterlinge hin oder her.

Rocky preßte sich eng an sie, "Ist das okay?" und sie nickte. "Also, du wolltest mich über das 'undsoweiter' ausfragen, Frau Gestapo-Liebchen. Ich fang mal an, weil du anscheinend keine Ahnung von einem scharfen Verhör hast, Julia." Er vergrub sein Gesicht in ihrer Achselhöhle. "Morgens, wenn ich bade, sitzt die Anni am Rand der Badewanne und schaut mir mit kalten Fischaugen zu, wie ich es unter Wasser mache. "Du bist ein ganz versauter Bengel," sagt sie kopfschüttelnd, löst aber nicht den Blick davon. "Du kommst in die tiefste und elendste Hölle, denn es ist ziemlich eklig, was du da abziehst, Robert." Aber sie grinst schief, wenn die weißen Würmchen an der Oberfläche schwimmen."

"Wenn Mama zum Baden kam, blieb die Anni üblicherweise weg. Mama sitzt ja auch auf dem Rand der Badewanne, aber sie lächelt nur ganz lieb beim 'undsoweiter'. "Hör nicht auf die giftige Alte," sagt Mama, "erstens gibt es keine Hölle und zweitens ist dein 'undsoweiter' ganz normal und natürlich, Robert. — Vielleicht ist die Anni nur neidisch, weil sie keinen strammen Jungen in ihrem Bett hat, einen strammen Kerl wie dich. Also, laß dich nicht herunterziehen, Robert. Du bist ein guter Junge und kommst nicht in die Hölle, das garantiere ich dir."

Julia legte ihren Arm unter seinen Kopf, damit er bequem auf ihrer Schulter lag. "Ich bin ganz bei der Mama, Rocky. Das 'undsoweiter' ist schon ganz in Ordnung, sonst würde ich an deiner Seite in der Hölle sitzen müssen, wegen meinem eigenen 'undsoweiter'. Aber du scheinst keinen Respekt vor der Anni zu haben, und das finde ich nicht richtig. Sie ist eine Angestellte, kein Lumpenpack. Sie hat eine verdrehte Sicht auf manche Dinge, das mag wohl sein. Aber sie ist nicht respektlos dir gegenüber, sie äußert nur die Bedenken, die sie hat." Rocky knurrte, "Bedenken äußern — und gleichzeitig zuschauen bei dem Spektakel. Das paßt nicht zusammen, Julia. Ich habe doch Augen im Kopf und sehe sofort, wenn Schraube und Mutter nicht zusammenpassen."

Julia fragte, ob seine Mama ihn beim Baden anfasse. Er verdrehte die Augen. "Früher, als ich es noch nicht so gut konnte, hat sie es immer gern gemacht, damit ich es lerne. Die Anni ist dabeigestanden und hat die Augen wie eine Kröte leidend zum Himmel verdreht. Die Mama hat es ein ums andre Mal gemacht und erst aufgehört, wenn nichts mehr kam und ich völlig ausgepumpt war; so sei es richtig, hatte sie zu mir und der Anni gesagt. Sie hat die weißen Würmchen im Badewasser mit der Hand verwirbelt, die Anni angeschaut und gesagt, sie habe sich gefälligst jeden Morgen um Zwerg Nase zu kümmern, sonst gäbe es ein ordentliches Donnerwetter. Die Anni hat ihre Augen zum Himmel verdreht und gesagt, "Jawohl, Madame!" Aber Mama hat inzwischen damit aufgehört, da hilft auch kein noch so herzerweichendes Betteln mehr." Julia lächelte. "Oh, das verstehe ich gut. Deine Mama will nicht in die Inzest-Falle geraten, sie ist eine kluge Frau." Rocky fragte, ob ihre Mama in die Inzest-Falle getappt sei? Julia schüttelte den Kopf. "Nein, meine Eltern verunglückten, da war ich noch nicht mal zwei. Ich bin bei Oma und Opas aufgewachsen." Sie dachte einen Augenblick nach. "Mein Opa, der wollte mich nicht unwissend in die Welt hinausschicken. Er hat meinen Finger sanft gelenkt, damit ich das 'undsoweiter' richtig lerne. Mein Opa war ein herzensguter Mann, der beste Opa, den du dir vorstellen kannst."

Rocky schüttelte sich. "Mein Opa und meine Oma kommen schon lang nicht mehr, um den kleinen Krüppel zu sehen." Julia gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. "Das Wort Krüppel streiche schon mal aus deinem Wortschatz, du dummer Computerspezialist. Ein Krüppel ist, wer einer Oma die Handtasche entreißt oder wer sie auf dem Zebrastreifen schubst. Wer die Münzen aus dem Becher des Bettlers klaut. Das ist ein Krüppel, und du bist keiner, du bist der Zwerg Nase, den die kleinen Mädchen so gerne begrapschen."

Rocky verdrehte die Augen. "Das ist hundert Jahre her, Julia. Jetzt muß ich mich schon beim Heiligen Hieronymus bedanken, wenn eines der Mädchen im Gymnasium sich neugierig vom Zwerg Nase hinter die Büsche locken läßt."

Ihre Armbanduhr fiepte leise. "Die Lesestunde ist um, Rocky. Verschieben wir das nächste Verhör über die Mädchen vom Gymnasium auf nächsten Donnerstag, um die gleiche Zeit!?" Rocky nickte und stand wackelig auf. Er brachte sie hinunter zur Tiefgarage. "Ich weiß nun, wir werden gute Freunde, Julia. Sehr gute Freunde, ohne Ficki-Facki, Schnickschnack und sonstwas. Du willst es so, stimmt's?" Sie nickte und rollte los.

Alfie grunzte und schnaubte, als sie ihm alles erzählte. "Wir wissen beide, auf die Größe kommt's nicht an. Interessant, wie er auf seine Mama abfährt. Ich weiß ganz genau, was in seinem Herzen vorgeht, auch ich war mal in seinem Alter. Diesen Traum haben wohl die meisten Jungs, wenn ihre Mama nicht gerade aus dem Mund stinkt. Und, wenn wir den Statistiken glauben, bleibt es für die meisten nur ein Traum. Gott sei Dank!" Julia verkniff sich eine Replik. Sie dachte an das inzestuöse Treiben im Olymp, das sich wohl Männer ausgedacht haben. Zumindest in den Legenden und Mythen spielte sich es ab, daß den Statistikern die Zahlen nur so um die Ohren fliegen würden.

Wieder holte Rocky sie in der Tiefgarage ab, wieder kam er ohne Rollstuhl, sondern im T-Shirt und in Boxershort. "Ich trainiere jetzt jeden Tag zu Gehen und zu Stehen, ohne Rollstuhl. Ich habe die Mama und den Arzt belauscht, mein Rückgrat ist echt hin und geht von innen her kaputt, jeden Tag. Ich werde wohl keine 30 werden, sagte der Arzt mit Bedauern und Mama hat geweint wie ein Schloßhund. Ich will wenigstens wieder gehen können, bevor ich sterbe, Julia." Oben angekommen standen zwei Gläser und die geeiste Limonade bereit. Rocky ging schnurstracks in seinen Schlafbereich und legte sich aufs Bett, Julia parkte den Ferrari und folgte ihm, etwas bange. "Kein Ficki-Facki und kein Schnickschnack, Rocky, bitte nicht! Du kannst dich an mich schmiegen, das ist okay, Wärme und Nähe will ich dir ja gerne geben." Rocky schmiegte sich tatsächlich an sie und legte einen Arm um ihren Busen, seine Lippen direkt an ihrem Ohr. "Ich habe mich immer schon nach jemandem gesehnt, mit der ich Interessen diskutieren und an die ich mich körperbetont anschmiegen kann. Denn das fehlt mir sehr!" Julia verstand, was er meinte.

Rocky lag neben ihr und genoß die Nähe und Wärme ihrer Körper. Seine Hand lag auf ihrem T-Shirt, auf ihrem Busen, doch nur ganz unschuldig. Er flüsterte, wie Anni ihn jeden Morgen badete und es ihm widerwillig machte, voller Ekel. Die Anni war sehr aufgebracht, einen so großen Jungen zu baden wie ein Kleinkind, das war doch das Allerletzte! Aber sie macht es, grollend und widerwillig. Die Chefin, seine Mama, hatte es befohlen. Rocky erzählte Julia seine Phantasien, wie er die Anni zu erobern gedachte. Ja, er beschrieb minutiös genau, wie er sie manipulieren und über sie herfallen könnte. Wie er zum Ziel gelangte, ganz ohne Gewalt. Sie würde es sicher tun, sie würde keinen ernsthaften Widerstand leisten, denn sie will ihren Job nicht verlieren.

Julia sah ihn von der Seite an. "Junge, denk doch nochmal nach! Ist es keine Gewalt, wenn du sie zwingst, dir zu Willen zu sein, damit sie ihren Job behält? Dies ist eine ganz perfide Form von Gewalt, Rocky. Schäm dich! Und dann noch etwas. Man sollte es nie mit Angestellten oder Untergebenen tun. Wie freiwillig lassen die sich auf dich ein? Kein bißchen, glaub es mir. Da steckt immer Dynamit drin, es kann jeden Augenblick explodieren und dir um die Ohren fliegen! Und letzter Punkt: würdest du ein Bild von Anni ausdrucken und es hier, unter deinen Spielgefährtinnen, auf die Wand kleben?" Rocky schluckte. "I wo, die Anni paßt nicht hierher, sie ist doch keine Schönheit, verdammt nochmal!" Julia lächelte. "Siehst du, das ist mein letzter Punkt. Ich sehe rundum, daß du Geschmack in der Auswahl deiner Gespielinnen hast, einen guten Geschmack sogar. Schöne, anmutige, streichelweiche Mädchen, alle ausnahmslos. Wozu jagst du dann der Anni hinterher? Ich würde sagen, die ist potthäßlich, obwohl kein Mensch wirklich häßlich ist. Du willst sie nur, weil sie immer in Griffnähe ist. Ein sehr bequemer, fauler und unwürdiger Standpunkt, meine ich. Aber was ist mit den Mädchen im Gymnasium?" Rocky schluckte schwer. "Sie gehen mit mir nur hinter die Büsche, weil sie neugierig auf meinen Zwerg Nase sind. Von Zuneigung keine Spur, Julia. Diese Art von Neugier ist wie eine direkte Beleidigung, sie wollen nur wissen, wie es sich mit dem Zwerg Nase anfühlt. Ich hasse sie dafür, obwohl ich die Nähe, die Nacktheit und das feuchte Nasse genieße."

Julia streichelte seine Haare, seinen Kopf. "Bleib an den Mädchen vom Gymnasium dran. Die eine oder andere wird erkennen, was für ein verwunschener süßer Prinz in Zwerg Nase verborgen ist. Erinnere dich immer daran, wie beliebt der Zwerg Nase früher mal war, da hatten die Mädchen keine Scheu vor dir." Rocky vergrub sein Gesicht in ihrer Achsel, sie sollte nicht merken, wie bitterlich er wegen der Mädchen im Gymnasium weinte, ihr Zwerg Nase.

Ein andermal kam er auf seine Mama zu sprechen. Sie hatten die Anni-Phase hinter sich gelassen, er sah ein, die Angestellte in Ruhe zu lassen. Nun getraute er sich, seine geheimsten Phantasien über Mama der großen Freundin anzuvertrauen. Wie intensiv er von Mama und ihrem Körper träumte. Wie sehr es ihn zu ihr zog. Julia schüttelte den Kopf. "Würdest ein Bild von deiner Mama hier an die Wand kleben?" Rocky nickte mit dem Kopf bejahend. "Oh ja, sie ist eine wahre Schönheit und würde all die Mädchen ausstechen in punkto Aussehen und Schönheit!" Julia mußte ihre Strategie ändern, einen Umweg machen. "Aber du siehst sie doch nackt, wenn sie mal Zeit hat und dich badet, undsoweiter?" Rockys Kopf wackelte auf und ab. "Ja, Julia. Sie ist nur Zentimeter entfernt und doch unerreichbar! Niemals erlaubt sie mir, ihre Haut zu berühren. Vor langer Zeit verirrte sich meine Hand unter ihrem Podex hindurch, gerade als sie es mir so schön machte, du verstehst. "Behalte deine Griffel gefälligst bei dir, Sohnemann!" sagte sie streng. Seither habe ich sie nie mehr berührt, Julia."

Und nun erzählte er ihr in bunten, deutlichen Bildern, wie der Körper seiner Mama aussieht. Aufgeregt kniffen seine Finger geistesabwesend Julias Brustnippel durch das T-Shirt. Sie ignorierte es und hörte ihm intensiv zu. Ach, die Details kannte sie alle, das war nicht das Wichtige. In seiner Stimme klang die Sehnsucht nach Mamas Berührung, nach ihrer Umarmung, nach ihren Küssen, Kinderküssen. Julia schauderte oder fröstelte, während sie ihm und seinem Tonfall zuhörte. Nein, das war nicht der sexgierige Knilch, der auf Inzest aus war. Das war nicht der Teenager, der sie unbedingt vögeln wollte, gleichgültig was die Konsequenzen wären. Nein, dies war ein Junge, der in höchster Not war, dem die Mutter als Mutter fehlte, nicht als Sexpartnerin. Rocky gab sich einen Ruck, als er sein Spionieren eingestand. Mama lebte neben Papa mehr oder weniger dahin und sie hatte die eine und andere Affäre, meist mit Männern. Und Rocky, der Unglücksrabe Zwerg Nase, verfiel in häßliche Depressionen, je intensiver und leidenschaftlicher Mama in den Armen einer Geliebten oder eines Liebhabers lag. Rocky erkannte ganz präzise diese Depressionen und schüttelte sie erfolgreich ab. Julia drückte ihn an sich. Er tat ihr so leid.

Julia blies den Rauch in kleinen lustigen Kringeln in die Luft. "Ich werde dich zum Thema Inzest nicht belehren, Rocky, ich habe doch selbst meine Geschichte. Aber deine Mama hat recht, da versündigt man sich gegen Gott und die Natur, nicht nur gegen menschliche Gesetze, die letzteren können uns ja wurscht sein." Rocky starrte auf die Kompanie seiner Mädchen an der Wand und nickte. "Ich träume von meiner Mama, aber natürlich nur Träume, nichts Handgreifliches. Ich bin vielleicht over-sexed, aber kein Blödmann, Julia. Es sind nur Gedanken und Sehnsüchte, die in meinem Kopf Karussell fahren. Nicht meine Griffel, die habe ich unter Kontrolle." Julia drückte ihn an sich. "Ich verstehe sehr gut, daß dir Nähe und Wärme fehlt. Gleichzeitig bin ich überzeugt, daß du der Stern in den Augen deiner Mama bist, selbst wenn sie zurzeit in Arbeit ersäuft und kaum Zeit für dich hat, mein Junge."

Julia sah auf die Smartwatch, noch einige Minuten bis zum Aufbruch. Sie setzte sich auf und nahm Rockys Gesicht in ihre Hände. "Rocky, ich muß dir etwas sagen, was vielleicht ein bißchen weh tut. Ich werde nicht mehr hierher zu dir kommen. Nein, du hast nichts falsch gemacht. Ich muß wegleiben, wegen mir. Wir haben ausgemacht, kein Schnickschnack und kein Ficki-Facki, und du hast dich wie ein Ehrenmann daran gehalten. Ich befürchte nur, daß ich diese Vereinbarung nicht werde halten können. Ich merke, wie wir beide Schritt für Schritt weiter und weiter gehen. Ich muß mir selbst einen radikalen Schnitt verpassen. Ich werde keinen 14-jährigen verführen und ihn verderben. Sei ein guter Junge, Griffel weg von Anni und der Mama, konzentriere dich bitte auf die Mädchen im Gymnasium. Zeig ihnen den verwunschenen Prinzen, der in Zwerg Nase steckt. Verliebe dich, laufe ihnen nach, lüfte ihre Röckchen und laß sie gerne neugierig sein — so muß es sein, so ist es richtig für einen schlauen Jungen wie dich. Es tut mir selbst im Herzen weh, aber ich darf nicht mehr kommen. Wirklich nicht." Rocky rannen Tränen über die Wangen.

Er verstand und begriff jedes Wort, und er fand nichts Falsches daran. Julia kannte sich selbst besser als er, und wenn sie ihre rote Linie nicht übertreten wollte, dann ging das in Ordnung. Aber trotzdem tat es verdammt weh, sie zu verlieren. Er wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus den Augen. "Ja, dich als Freundin zu verlieren tut verdammt weh. Und nicht, weil wir etwas falsch gemacht hätten oder weil wir die rote Linie übertreten hätten. Ich werde lange weinen, weil du mir ans Herz gewachsen bist. Aber dennoch, du hast mir etwas geschenkt, Julia. Du bist Donnerstag für Donnerstag zu mir gekommen, du hast mir geduldig wie eine Freundin zugehört, du hast mir in einigen Dingen die Augen geöffnet und mir den rechten Weg gezeigt. Donnerstag für Donnerstag durfte ich mich an deinen warmen Leib anschmiegen und etwas wie Zuneigung und Willkommensein spüren. Diese Geschenke werde ich tief in meinem Herzen einrahmen und sie an die Wand hängen. Es ist nicht wichtig, ob ich jetzt weine. Wichtig ist, daß du weiter irgendwie in meiner Seele bist, in meinem Herzen. Ja, ich werde meine Griffel von der Anni und von Mama fernhalten, weil es sich falsch anfühlt. Ich werde mich mehr um die Mädchen in der Schule kümmern, ganz wie du gesagt hast. Du hast dem Zwerg Nase Zuversicht und Hoffnung gegeben, daß ein Aschenputtel den verwunschenen Prinzen eines Tages entdeckt und willig mit Zwerg Nase hinter die Büsche geht. Und dafür danke ich dir, Julia, meine beste Freundin!" Er vergrub sein Gesicht an ihrem Busen und heulte, weinte seinen ganzen Schmerz aus dem Leibe.

Julia lag neben Alfie und schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. Er hörte schweigend zu, als sie ihm wie jeden Donnerstag berichtete, wie sie sich vom kleinen Rocky, von Zwerg Nase hatte umarmen lassen, am Nachmittag, bis ihre Smartwatch fiepte. Alfies Hand lag warm und beruhigend auf ihrem Rücken. Lächelnd hörte er zu, er konnte ihre Erregung und ihre sexuelle Lust ganz deutlich spüren. "Schön, daß es dir mit ihm so gut gefällt, Liebes. Er ist zwar definitionsgemäß ein Kind, aber er ist auch ein 14-jähriger mit großen, hungrigen Augen. Er wollte Nähe und Haut-an-Haut, und du hast es ihm gegeben, weil du ein großes, mitfühlendes Herz hast, Julia." Alfie war froh, daß sie so eins war mit ihren mütterlichen Gefühlen und ihrer sozialen Empathie. Das war etwas, was definitiv zu ihr gehörte.

"Ich werde nicht mehr zu ihm gehen, Alfie. Ich habe mich von ihm anständig und ehrlich verabschiedet. Ich kenne mich und meinen Körper ziemlich gut. Erst liegen wir bekleidet nebeneinander. Dann liegen wir nackt nebeneinander, Haut-an-Haut. Und das nächste Mal übertreten wir den Orkus. Ich werde es mir nicht gestatten, einen 14-jährigen zu ruinieren. Das bin ich nicht, das ist nicht mein Charakter. Ich muß noch lange nicht jeder Regung meines Sexualtriebs nachgeben. Ich bin ein Mensch, ich habe einen eigenen Willen und ich will alles selbst verantworten, was ich tue oder nicht tue. Und was ich ganz sicher nicht tun werde, ist, den 14-jährigen Robert zu verführen und seine Kindheit zu ruinieren."

Alfie nahm ihr den Joint aus der Hand und machte einen tiefen Zug. "Das mit dem Robert tut mir sehr leid. Mir wäre es recht gewesen, wenn du auch mal über die Stränge geschlagen hättest. Aber du hast es dir sicher gut überlegt und machst, was du vor dir selbst verantworten kannst."

Julia stützte ihr Kinn auf ihre Handfläche. "Das ist etwas, was du in meiner Dissertation nicht lesen wirst: der Göttervater hatte bei aller Macht keine Macht über seine Begierden. Kurz formuliert, ein schwanzgesteuerter Idiot. Ja, das war er, und kein Mann, der die Welt veränderte und ihr einen positiven Schubs gab wie Hammurabi oder Ramses III. Er war der Weiberheld schlechthin, nichts weiter, und die alten Griechen waren einfach blöde genug, das auch noch wie in einer Massenpsychose zu bewundern. Das alles wirst du natürlich nicht in meiner Doktorarbeit finden, du hast mich ja gelehrt, zielorientiert zu arbeiten und es nicht gleich mit meinem Wahrheitsfimmel kaputtzumachen."

Alfie nahm ihr den Joint erneut aus der Hand und machte einen tiefen Zug. "Du sagst es, und ich kann dir nur auf ganzer Linie zustimmen. Ich sollte mich darüber wundern, warum ich das bisher nicht so klar ausgesprochen habe. Aber ich weiß den Grund: Zeus und die Götter sind aus unserer Kultur sang- und klanglos verschwunden, weil wir allmählich erkannten, daß er nur ein schwanzgesteuerter Idiot war, nichts weiter. Sein Atem hatte ein Ablaufdatum, so einfach ist das. Selbst wenn wir es nicht explizit in deiner Dissertation lesen werden." Er schob den Träger ihres Negligés gedankenlos herunter. "Sex ist mächtig. Sex ist großartig. Sex kann uns wunderbar glücklich, entspannt, verliebt und zu einander hingezogen fühlen lassen. Aber Sex ist kein eierlegendes Wollmilchvehikel, das unser Ein und Alles ist. Es gibt da mehr, wesentlich mehr im Lande Ophir, das wir nur entdecken und erleben müssen. Wir sind dazu verdammt, den Schleier ein bißchen zu lüften und einen Blick auf die Callipyge zu erhaschen, auf die wunderschönen Rundungen unterm Schleier, das wußte bereits der alte Sophokles, das alte Ferkel."

Julia schmunzelte. Ja, so war er, der Alfie. Er konnte so poetisch formulieren, daß ihre Finger zuckten, um es zu notieren, zu zitieren. Und er hatte recht damit. Wir sind wirklich dazu verdammt, Schleier zu lüften und neugierig auf die Callipyge zu gucken, obwohl der Verstand gelangweilt gähnt und abwinkt, denn das hat er schon tausendmal gesehen. Yvonne fiel ihr ein, wie sie den schlafenden Alfie zum ersten Mal sah, wie sie das Laken ganz unspektakulär anhob und sich vergewisserte, daß der Kerl mit der Glatze tatsächlich ein Kerl war.

Ja, so sind wir.

Sophokles wußte das.

War wohl ein heller Kopf, der Sophokles.