Dieser August war der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Polkappen schmolzen, die Polarbären irrten verwirrt durch die schmutzig-graue Landschaft. Die Meteorologen konnten die Menschheit nicht oft genug warnen: 'das Klima wird wärmer, viel zu schnell. Und wir sind selbst schuld daran, wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.'
Und wir Dummen gucken reichlich blöd und verständnislos aus der Wäsche: was, wer, wieso!?
Julia blickte verwundert an sich herunter. Ihre Brüste wuchsen, eindeutig. Die Ärztin hatte gelächelt, "... das kommt von der Pille, Frau Herrnthaler. Setzen Sie die Pille ab, wenn der Kerl es nicht wert ist!" Julia lächelte zurück und schwieg. Alfie, Alfie war ihr Mann und er war alles wert, alles. Sie werde die Pille weiternehmen, sagte sie zu der Ärztin. Die nun obligatorische Knochendichtemessung zeigte steil nach oben. "Ich habe so etwas noch nie gesehen, Frau Herrnthaler. Die Pülverchen, die Sie nehmen, zeigen eine überraschende Wirkung. Machen Sie weiter, werden Sie der erste Mensch, der die Glasknochenkrankheit besiegt. Ich wäre überglücklich!" sagte die Ärztin.
Julia fuhr weiterhin mit dem Ferrari außer Haus. Daheim getraute sie sich nun öfter frei zu stehen oder zu gehen, ohne sich anzuhalten. Es war ein berauschendes Gefühl. Sie ließ ein bißchen mehr Hoffnung aufkommen. Vielleicht, ja vielleicht würde sie die Krankheit überwinden. Sie hatte über die mRNA-Technologie viel nachgelesen. Es war wie eine Impfung auf Gen-Ebene. Die Gene wurden quasi umprogrammiert und gaben die Informationen an die Schwester-Gene links und rechts weiter. Dies war die Entdeckung, mit der man die Menschen seit 2020 erfolgreich gegen den Corona-Virus impfte. Ein medizinischer Sprung, eine Stufe, deren ganzes Ausmaß man noch nicht ganz absehen konnte. Ganz vorsichtig verglich man es mit der Entdeckung des Penicillins.
Alfie blickte an ihr hoch, als sie bereit zur Ausfahrt waren. Julia trug ein semi-transparente Bluse, die ihre Brüste schön zeichneten, einen schwarzen Minirock aus Leder und römische Sandalen, sonst nichts. Keinen BH, kein Höschen oder Tanga. Alfie schnalzte mit der Zunge. "Von den Zehen bis zum Bauchnabel, vom Hals bis zum Bauchnabel, alles nur Natur, alle Achtung!" Zwei Schlangen wanden sich von ihren Knöcheln den Innenseiten ihrer Schenkel hoch und trafen sich über ihrem Heiligtum. "Er soll sich zu Tode fürchten, der tumbe Parsifal, und dieses Portal nie durchschreiten, nicht wahr!?" scherzte Alfie. Julias Blick ein Mysterium. "Ich will die Schlangen nur auslüften, nach dem langen, düsteren Winter" sagte Julia. Alfie grinste frech. "Auslüften, aha!" Sie zog den Minirock etwas tiefer. "Ich bin stolz, etwas zum Herzeigen zu haben," sagte sie patzig. "Ach Quatsch, du bist eine Exhibitionistin, eine verdammt heiße sogar!" sagte Alfie, und das war's dann.
Julia lächelte, wenn sie mit Alfie am Teich saß und die Passanten auf ihr T-Shirt starrten — das Mädchen im roten Rollstuhl hatte einen beachtlichen Vorbau! Oh ja, sie war immer noch stolz auf ihre Brüste wie ein Pfau, das gestand sie sich ein. Auch Alfie kaufte nun halbe Laibe Brot für die Vögel, sie gingen gemeinsam in die Zoohandlung und kauften Vogelfutter, damit die Vögel alles bekamen, was sie brauchten. Julia wischte sich die Träne aus dem Augenwinkel, als ein Stockenten-Pärchen mit acht kleinen Küken im Schlepptau erschien. Sie fühlte einen Stolz, als wäre sie selbst Mama geworden. Alfie lächelte ebenfalls, hatte er dem Enterich doch öfters schon das grüngefiederte Köpfchen gestreichelt, um ihm Mut zuzusprechen, sein Weibchen zu bespringen — und voilà, da waren nun die Küken, ganz ohne Fertilitätsklinik.
Alfie stand neben ihr in der Küche, er hatte eine italienische Kaffeemaschine gekauft, eine, wo man oben die Kaffeebohnen einfüllte, die vor der Zubereitung die Bohnen fein mahlte und die zwei Tassen Kaffee zugleich machen konnte. Er hatte - 900 Jahre später - so eine Maschine gesucht, aber es gab sie schlichtweg nicht, ebensowenig wie ungemahlene Arabia-Kaffeebohnen. Seine Augen leuchteten, ein solcher Kaffee schlug alles, was man im Chicago der 2930-er Jahre einem als "Kaffee" verkaufte. Seine Nasenflügel bebten, als er den ersten Caffè aus echten Arabia-Bohnen durchlaufen ließ. Julia war bisher eher eine Teetrinkerin, aber einen fein duftenden, wohlriechenden Espresso lehnte sie nicht ab. Alfies Hand ruhte auf ihrem Po, seine Augen glänzten. "Das ist etwas, das wird es in 900 Jahren nicht geben, Liebste. Einen vor deinen Augen frisch gemahlenen Bohnenkaffee, der schnurstracks in die Tasse fließt. Nur eine von Millionen Sünden, nur eine der wundervollen "alten" Dinge, die wir unterwegs in die neue Zukunft verloren haben." Für sie waren weder Kaffeebohnen noch eine Kaffeemaschine etwas Besonderes, aber sie konnte die Erregung und Freude Alfies spüren und irgendwie auch nachvollziehen. In der Zukunft werden die Menschen nur noch die in Fabriken hergestellten Lebensmittel-Einheitsfuttermittel kennen. Geruchs- und Geschmackssinn waren unbedeutend geworden, die Gewinne der Lebensmittel-Monopolisten waren wesentlich wichtiger.
Alfie trank die erste Tasse Kaffee mit geschlossenen Augen, ohne seine Hand von Julias Rückseite zu nehmen. "Verweile doch, du bist so schön" zitierte er aus Goethe's Faust. Julia sah in sein Gesicht, es schien von innen zu leuchten. Alfie war weder großspurig noch großmannssüchtig. Er konnte eine Tasse Kaffee genießen, als wäre es ein Texas-Steak vom Holzkohlengrill oder eine Luxusyacht von Ferretti. Sie lächelte; "Wir sollten öfters so bleiben wie Kinder," sagte sie leise, "Kinder, deren Augen groß und kugelrund werden können bei einem Waffeleis mit 5 Kugeln Eis. Wir verlernen, die kleinen Dinge zu lieben und ihren Wert zu schätzen, das ist nun mal wahr."
Alfie öffnete die Augen und stellte die leere Tasse ab. "Weißt du, was ich als erstes getan habe, als ich in deine Zeit gekommen bin? Ich fuhr sofort nach Downtown Chicago und machte meine Ur-ur-Ahnen ausfindig. Ja, fast wie ein Stalker, aber sie waren im Telefonbuch leicht zu finden. Ich habe die Familie meiner Urahnen 10 Tage lang nur beobachtet. Ich konnte sie nicht ansprechen, ohne meinen Auftrag zu gefährden. Aber sie sind für mich etwas ganz Besonderes. Und Morgens den Mädchen und den jungen Mamis beim Morgenlauf zuzuschauen, die schönen Körper in den hautengen Leggings, da wurde es mir warm ums Herz." Julia stupste ihn in die Rippen. "Du hast nur auf ihre Ärsche gestarrt, du kleines Ferkel!" Alfie lachte. "Und wie! Ich spreche nicht als voreingenommenes Familienmitglied, aber sie haben alle wirklich schön geformte Leggings, ohne Frage." Sie lachten beide und es war gut so.
Julia blickte von ihrem Bildschirm auf und nahm die Brille herunter. "Ich bin jedesmal aufs Neue entzückt, wie die französischen Schriftsteller lächelnd und ohne Scheu mit dem Verhalten der Götter umgehen. In den deutschen Quellen wird die Vereinigung des Zeus mit der Leda in Gestalt eines Schwans nüchtern und trocken "erwähnt" wie ein Wetterbericht. Die Franzosen beschreiben die ungläubigen Blicke derjenigen, die Zeuge des ungewöhnlichen Geschehens wurden. Natürlich, denn nur die spartanische Königin Leda konnte den Göttervater erkennen und sich ihm hingeben. Doch die französischen Beschreibungen scheuen nicht vor der Unziemlichkeit der Situation zurück und beschreiben das Unziemliche direkt und mit vielen lockeren Schnörkeln, ohne daß es sich wie eine Schweinerei liest. Das würde einem Deutschen nicht im Traum einfallen. Ich widme Leda, Zeus und dem Schwan ein ganzes Kapitel, weil es die Unterschiede am besten erhellt. Ich bin gespannt, wie dies bei meiner Doktormutter ankommen wird. Ich ahne, sie spitzt bereits ihren Rotstift." Alfie hob den Kopf, denn er hatte ein bißchen gedöst und nächtlichen Schlaf nachgeholt. "Verliere nicht das Ziel vor den Augen, Julia. Deine Aufgabe ist es, das Diplom zu erhalten, und nicht Vorkämpferin für Wahrheitsfindung zu sein. Du kannst ja später ein ausführliches Buch schreiben, wenn du den akademischen Titel in der Tasche und an der Wand eingerahmt hast." Es war gut, daß Alfie diesen klaren Blick hatte, daß er das eine nicht mit dem anderen vermischte. Er leitete sie zur Zielstrebigkeit an, das war alles.
Julia saß mit angezogenen Knien neben dem schlafenden Alfie, sie hatte ihre Arme um die Knie geschlungen und ihr Kinn auf die Knie aufgestützt. Sie weinte lautlos aber bitterlich. Alfie erwachte. "Oh, Liebling, was ist, was hast du?" Julia ließ sich nach vorne auf seine Brust sinken, ihrer Tränen liefen nun über seine unbehaarte Brust. Es dauerte Minuten, bis sie sich — seinem Herzschlag lauschend — leise schluchzend beruhigte. "Ich weine, weil ich todtraurig bin. Eines Tages wirst du deine Arbeit beendet haben und dann kehrst du in deine Zeit zurück. Der Gedanke daran macht mich fertig. Zu wissen, daß wir nur einen Wimpernschlag Zeit miteinander haben. Daß dieser Tag näherkommt, unausweichlich und du eines Tages gehen mußt. Nein, ich werde dich nicht zurückhalten wollen. Als ich deine Frau wurde, habe ich es ganz genau gewußt, daß es nur eine Ehe auf Zeit ist. Daß jeder Tag ein Geschenk ist, daß ich keinerlei Ansprüche an dich habe. Aber es macht mich unsagbar traurig, Alfie, mein Mann!" Alfie umarmte sie und versuchte sie zu trösten, seine Hand strich über ihre Haut, liebkoste sie und er murmelte unzusammenhängende Worte des Trostes. Er würde sich eher die Zunge abbeißen als ihr leere Versprechungen zu machen.
Nein, Julia weinte nicht sehr oft. Sie stand mit beiden Beinen auf dem Boden, es gab nicht viel, was ihr die Tränen in die Augen trieb. Alfie hatte gesagt, er werde nicht innerhalb des Sabbatical-Jahres fertig werden, es werden noch ein paar Monate mehr werden und die Direktorin hatte eingewilligt. Sie war froh, daß Alfie ein dermaßen engagierter Kurator war, wie kaum ein andrer. Welcher anderer Kurator opferte ein Jahr seiner Lebenszeit, um sich um das Material für die Nationalbibliothek persönlich zu kümmern? Der nicht die Achseln zuckte und sich nicht mit der Tatsache zufrieden gab, daß es ein von ihm nicht verschuldeter Brandunfall war? Nein, die Direktorin wünschte sich mehr Kuratoren mit seinem Charakter in ihrer 200-köpfigen Mannschaft. Alfie verlängerte seinen Aufenthalt nicht künstlich. Er ließ die Scanner Tag und Nacht laufen, er mailte mit aller Welt, um Dokumente, Briefe, Fotos und noch so unwichtige Zeitungsartikel zu bekommen, da war er wie ein Raubtier, das Blut geleckt hatte und nicht von seiner Fährte abzubringen war, obwohl es so einige Rückschläge gab. Doch das gehörte zu dem Job; er konnte nicht immer gewinnen.
Julia hatte sich herausgeputzt, sie legte ihr schönstes Kostüm an, die neuen festen flachen Schuhe und schminkte sich dezent. Alfie wunderte sich, was das werden soll? Julia lächelte und hakte sich bei ihm ein. "Wir feiern heute den Tag 90, seit ich dein Heilmittel nehme. Ab nun übernimmt mein Körper die Steuerung, das Pulver hat seine Schuldigkeit getan. Ich habe den leeren Glasbehälter oben auf die Kredenz platziert. Dann habe ich ein Etikett geschrieben: "Hier drin, was von der Glasknochenkrankheit übrig geblieben ist." Ich möchte heute an deinem Arm zum Teich gehen, ohne den Ferrari. Meine Vögel sollen sehen, daß ich auf eigenen Füßen gehen kann, daß ich keine Behinderte mehr bin. Heute nicht mehr." Alfie lächelte. Wie glücklich sie doch war! Er nahm sein mit Gold- und Silberfäden besticktes dunkelblaues Samtkäppi aus dem Rucksack. "Das ist das Käppchen eines Kurators, damit erkennt man uns in der Bibliothek. Das ist das einzig elegante, was ich zum anziehen habe." Sie gingen zum Teich, Julia brachte großzügig einen großen Papiersack Altbrot und Vogelfutter. Dann gingen sie ins Hotel Marriott am Ring, einem der vornehmeren Hotels der Stadt. Sie saßen hoch oben im Tagesrestaurant, tranken Wein und aßen Steaks vom schottischen Angusrind. Es war Julias Festtag.
Julia fuhr mit dem Ferrari in die Universität. Sie legte ihrer Doktormutter die Rohfassung ihrer Diplomarbeit vor und sie besprachen alle Details. Die Professorin war nicht unzufrieden. Julia hatte die feine Linie zwischen Porno und Berichterstattung über Sex fein getroffen, so daß hier kein Problem entstehen würde. "Natürlich," schmunzelte Julia, "wenn ich Quellen wörtlich zitiere, kürze ich kein Jota. Man soll ja ein Original lesen und keine kastrierte Fälschung." Die Professorin schob ihren Sessel zurück und sinnierte. "Julia, reiche die Reinschrift noch im September ein, und du bekommst dein Master-of-science-Diplom, garantiert. Worüber ich immer wieder nachdenke, ist, ob du nicht ein Doktoratsstudium anhängen kannst und willst. Du brauchst nur deine Diplomarbeit ausbauen, ergänzen, aufhübschen. Ich denke, dies wäre für dich genau das Richtige. Auf deinem Gebiet bist du eine richtige Expertin geworden, und darauf kannst du getrost stolz sein. Und ich gehe in weniger als 10 Jahren in Pension, meine Liebe." Julia schluckte, aber sagte nichts dazu. Die Karriere als Assistenzprofessorin bei der Johanna würde ihr gefallen, sehr sogar, dachte sie.
Julia begann, ihr Manuskript ganz von vorne zu bearbeiten und eine Reinschrift zu erstellen. Sie mußte ja die Diplomarbeit vierfach einreichen, und eine Kopie würde in der Nationalbibliothek archiviert werden. Sauberes Arbeiten und Präzision waren nun gefragt. Dennoch, sie behielt ihre Tagesroutine ein. Sie bearbeitete die Korrespondenz für IKEA jeden Morgen, fuhr Mittags zum Teich und fütterte mit Alfie die Vögel. Der Nachmittag war für ihre Diplomarbeit reserviert und sie war fleißig wie ein Bienchen. Die Reinschrift wuchs und wuchs. Sie achtete ganz genau darauf, für jedes Zitat eine Fußnote mit der Quelle anzugeben, darauf legte man Wert. Alfie las ihr Manuskript immer wieder; er hatte keine Einwände, er hatte nur hie und da eine Idee, wie sie den Lesefluß einer bestimmten Textstelle verbessern konnte.
Yvonne durchlebte eine schwere Zeit. Sie hatte ihrem argentinischen Macho den Laufpaß gegeben. Er hatte machohafte patriarchale Züge entblößt, mit denen sie nicht zurechtkam. Sie war, gottverdammt nochmal, eine erwachsene Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts und kein Mauerblümchen aus dem Mittelalter, die der Kerl versklaven konnte. Sie hatte ihn mit einem symbolischen Arschtritt hinausbefördert, das Ding hatte keinerlei Zukunft.
Sie lagen zu dritt auf Julias Bett. Es war Dienstag Nachmittag, und sie rauchten friedlich nach dem Mädchensex. Alfie hielt mit Kommentaren zurück, denn die Beziehungsprobleme dieser Zeit waren sehr komplex. Emotionale Nähe, frei und ungezügelt ausgelebter Sex und das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Charaktere waren viel komplexer, als er es in Erinnerung hatte. Julia hingegen diskutierte angeregt mit Yvonne, denn sie hatte die Entstehung dieser Beziehung und die folgende Zeit hautnah miterlebt. Sie hatte Yvonne schon zu Anfang gewarnt, der Knabe sei nicht koscher. Doch Yvonnes Hormone spielten verrückt und tanzten Cha-Cha-Cha beim zugegebenermaßen guten Sex mit Alessandro. Dagegen waren Julias Kassandra-Rufe machtlos. Und nun, nun war das Fiebrige abgekühlt. Das heiß geschmiedete Eisen zischte im Eiswasser und kühlte langsam aus.
Julia schüttelte energisch den Kopf, Freundinnen konnten sogar eine Zahnbürste teilen, nicht aber ihren Mann. Auf keinen Fall! Ja, es war schon klar, daß Yvonne einen sexuellen Notstand hatte, aber Julia lieh ihren Alfie nicht aus. Nicht in einer Million Jahren! — Nein, Julia ging es nicht um Eifersucht oder gar um Mißgunst. Es ging darum, daß Alfie ihr Mann war und nicht Yvonnes, auch nicht ausnahmsweise. Yvonne sollte sich jemanden suchen, der verfügbar war; Alfie war es jedenfalls nicht.
Sie sprach später mit Alfie darüber, natürlich. Alfie rückte auf seinem Hintern herum. "Julia, zwischen uns dürfen keine Lügen stehen, sie würden uns alles verderben. Ich gebe zu, daß die Yvonne sexuell wirklich ein verlockendes Mädchen ist, vielleicht sogar eine Sex-Bombe oder auch Sex-Göttin, wie man in dieser Zeit sagt, ich habe ja Augen im Kopf. Wenn ich euch beim Mädchensex sehe, da ist es klar. Ich wäre ein gottverdammter Lügner, wenn ich dir nicht sagte, wie gerne ich Yvonnes Leib und sie in Aktion betrachte. Und sie hält nicht damit zurück, daß sie mich will, unbedingt will. Du hast mit mir Sex, weil wir uns nicht vor einem tödlichen Virus fürchten müssen. Die Frauen deiner Zeit nehmen die Pille und steuern ihre Schwangerschaft selbst. Nichts, aber gar nichts würde dem entgegenstehen, daß Yvonne mich zwischen ihre Schenkel nimmt — tausendmal habe ich daran gedacht, ehrlich. Aber trotz alldem, ich habe dich zur Frau genommen, nicht sie. Ich habe dir versprochen, daß du meine einzige Frau bist, ohne Ausnahmen. Und du bist die einzige, die ich liebe, wie ich schon lange keine Frau mehr geliebt habe." Julia schmiegte sich an ihn. "Und du bist mein Mann, mein einziger Mann, wenn auch einer mit Ablaufdatum." Tränen kullerten über ihre Wangen. "Ich mag gar nicht daran denken, daß du eines Tages aufbrichst und nicht mehr wiederkommst. Ich fürchte, ich werde dann sofort sterben, weil ich ohne dich verloren bin in diesem Leben." Alfie sagte nichts, was hätte er auch darauf sagen können? Es gab keine Yvonne-Option, das wußten beide und sie hielten sich eisern daran.
Am Freitag war Julias Promotion. Die Wiener Universität, die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis, hielt die Promotionsfeier seit Jahrhunderten nach einem festlichen Ritual ab. Der Dekan und die anderen Professoren trugen mittelalterliche Festgewänder und Kopfbedeckungen. Vor ihnen, im Halbrund, die frischgebackenen Doktoren und Magister, alle in ihren festlichsten Kleidern. Die Zuschauer, zumeist Familienmitglieder der Doktoranden und der Magistrae, hatten sich ebenfalls herausgeputzt. Alfie hatte sich einen exquisiten Anzug und ein Rüschenhemd samt glitzernder Krawatte gekauft und hatte sich das mit Gold- und Silberfäden bestickte Bibliothekarskäppi aufgesetzt. Er tat es Julia zuliebe, er mußte als ihre Familie einfach gut aussehen. Julia trug einen rosafarbenen Einteiler, der ihre schönen Formen betonte und hatte sich vom Friseur eine sehr elegante Frisur machen lassen, sie trug nur ein dezentes Makeup. Sie saß in ihrem blitzblank geputzten Ferrari und hielt einen schönen Blumenstrauß auf ihrem Schoß, ein Geschenk von Alfie.
Die Zeremonie dauerte so lange, wie sie immer dauerte. Die Kleinkinder waren schon unruhig, doch alle hielten durch. Alfie brach in frenetischen Applaus aus, als Frau Magister Julia Herrnthaler vor die Honoratioren rollte und ihre Urkunde in der dunkelroten Dokumentenrolle entgegennahm. Selbst die beisitzenden Professoren kamen hinter dem Festpult hervor und schüttelten Julia die Hand. Sie rollte zurück in die Reihe und nun erst kullerten ihre Freudentränen über ihre Wange.
Die Frau Professor Johanna Newerkla, Julias Doktormutter, hatte zum Festessen ins Restaurant Kupferdachl in der Innenstadt eingeladen. Sie war sehr stolz, sie hatte einen Doktoranden und fünf Magister über die Ziellinie gebracht, das war schon eine Leistung. Im Hinterzimmer des Kupferdachl war ein schönes Bankett für 12 Personen hergerichtet und die Frau Professor sparte nicht, denn dies war ihr Fest, ihr Weihnachten und Ostern in einem, da wollte sie nicht sparen. Der Zufall wollte es, daß Julias Ferrari zu ihrer Linken und Alfie zu ihrer Rechten Platz nahmen. Bewegt und den Freudentränen nahe hielt die Professorin eine kurze Ansprache, berichtete über die Höhen und Tiefen jeder einzelnen Abschlußarbeit und den Mut, den Fleiß und die Bemühungen ihrer "Kinder".
Man tafelte, man trank und man plauderte. Der Doktorand und die Magister kannten sich natürlich bestens, da flogen Scherzworte und Anekdoten durch den Raum. Julia unterhielt sich ausgiebig mit der Professorin. "Hanna," sagte Julia, denn in diesem Kreis duzten sich alle, "Hanna, ich will nichts versprechen, was ich nicht halten könnte. Doch ich kann dir schon jetzt fix versprechen, daß ich mich für ein Doktoratsstudium einschreiben werde. Ich will dich stolz machen, Hanna, denn du hast dich um uns Küken gekümmert, gesorgt und uns auch manchmal ins Bürzel getreten, wenn's nicht rund lief. Ja, ich will das Doktorat machen, und ich sehe im Augenblick auch kein unüberwindbares Hindernis. Zeit und Geld sind absolut nicht kritisch, mein Opa hat gut für mein Studium vorgesorgt, Gott hab' ihn selig! Und ich weiß, du wirst mich störrischen Esel in den Stall zerren, mit Zähnen und Klauen." Die Professorin strahlte. "Oh, dann habe ich schon eine Doktorandin für das nächste Semester. Eine Doktorandin in Hellenistik. So eine gab es schon seit dem Krieg nicht mehr. Es wird eine Rodelpartie, meiner Seel'. Und ich weiß, daß ich dir nichts schenken und nachsehen muß. Du willst selbst Perfektion und akademische Akkuratesse, und darauf kann ich mich verlassen." Sie wandte sich zu Alfie.
"Und Sie Herr Alfred, Sie sind der Freund von Julia?" Alfie nickte. "Wir sind nun seit knapp einem Jahr zusammen, ich bin sozusagen ihr Lebensgefährte. Erst durch Julia habe ich mehr über den Olymp gelernt, also wesentlich mehr als im Gymnasium." Die Professorin befragte ihn weiter. Alfie hangelte sich der Vita entlang, die großteils der Wahrheit entsprach und nur das Thema Zeitreise verschwieg. "Nein, ich lebe in Chicago und arbeite in der Nationalbibliothek als Kurator. Ich bin seit einem Jahr verwitwet und habe mir ein Sabbaticaljahr genommen, um über mein Warum, Wieso und Wohin nachzudenken. Ich habe eigentlich Geschichte und Sexualkunde studiert, drüben, in den Staaten, bevor ich als Kurator aufgenommen wurde. Ein Kurator ist ein Mittelding zwischen Bibliothekar, Museumsverwalter und Mädchen für alles."
Die Professorin war entzückt, daß Alfie noch den alten Professor Hans Strotzka gekannt hatte, der ein weltbekannter Psychiater und Schüler der Schule Sigmund Freuds war. Alfie schwindelte, er hätte 2 Semester beim Strotzka hier in Wien studiert, denn natürlich wußte er über den Strotzka gut Bescheid. Und die Professorin war noch entzückter. "Das muß schon eine Weile her sein," sinnierte die Professorin, denn der Strotzka war schon seit Jahren tot. "Ich denke, es war 1989 oder 1990," setzte Alfie nach, der seine Lügerei bereits wieder bedauerte. Kurze Kopfrechnung — die Zeitangabe war reiner Bockmist. Aber er war nunmal losgeritten, und es gab keine Umkehr.
Vorsichtig lenkte er das Gespräch wieder auf Julia. "Julia und ich haben lange über das Doktoratsstudium diskutiert. Ihre Hauptbedenken drehten sich um ihre Energie. Sie hat alles gegeben, um eine perfekte Diplomarbeit herzustellen. Nun, auf dem Gipfel, blickt sie mit Stolz auf das Panorama. Sie sieht den nächsthöheren Gipfel und ist unsicher, ob sie noch die Energie für diesen Aufstieg zusammenbringt. Doch solange ich noch hier bin, werde ich sie tatkräftig unterstützen. Man muß zwar am Morgen alleine aufstehen, aber manchmal hilft einem der andere, im Text weiterzukommen. Ohne die Hilfe meiner Mutter hätte ich meine Thesis, meine Doktorarbeiten, niemals zu Ende gebracht." Alfie schwieg und dachte an seine verstorbene Mama, die ihn mit fester Hand, Routine und Biß bei der Stange gehalten hatte.
Die Professorin wandte sich wieder zu Julia. "Und, Julia, wohin fährt ihr beiden jetzt auf Urlaub?" Julias Atem stockte für einen Augenblick. "Alfie und ich haben noch gar nicht darüber gesprochen. Ich bin mit dem Rollstuhl wohl nicht die beste Urlaubsbegleitung, denke ich. Verreist sind wir noch nie." Julia suchte Alfies Augen. Er nickte ihr beruhigend zu und antwortete. "Wir werden es daheim bei einer Tasse feinem arabischen Kaffee erörtern. Ich verspüre momentan nicht den Wunsch eine Reise zu unternehmen, ehrlich." Die Professorin lächelte. "Ich fliege kommende Woche für 6 Wochen auf die Insel Santorini, ich habe dort eine hervorragende Unterkunft und einen ganz lieben Freund, Challos. Er ist so ganz anders als die Menschen hier in Wien, und ich tauche gerne tief in die griechische Kultur und das wunderbare Meer ein." Julia grinste. "Ist der Challos dein Liebhaber, Hanna?" Die Professorin gab das Grinsen zurück. "Also, wenn du es nicht weitererzählst, ja, er ist mein Sommerflirt, mein griechischer Liebhaber seit Jahren. Und laß es meinen Geschiedenen ja nicht wissen, er würde Amok laufen, obwohl wir seit Jahren geschieden sind. Er war immer schon eifersüchtig wie ein gelber Eiterpickel, mein Karl."
Julias Grinsen wurde noch breiter. "Hanna, solange uns die Beine tragen, wir die Hüften schwingen und unsere Zehen noch mit den Fingerspitzen berühren können, so lange sollten wir es den antiken Göttern nachmachen, uns zu den Erdenmenschen herunterbeugen und sie nach Strich und Faden verführen, in allen Ehren natürlich." Die Professorin blickte auf Julias Rollstuhl. "Das mit dem Hüftschwingen meinst du nicht im Ernst, mein Kind?" Doch Julia grinste weiter. "Oh, mach dir keinen Kopf, Hanna. Der Alfie und ich, wir machen's wie die Stachelschweine: vorsichtig, gaanz gaaanz vorsichtig." Alfie, Julia und die Professorin lachten hellauf.
Der Doktorand beugte sich vor, "Worüber lacht ihr?" Julia wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln und sagte, "Wir lachen darüber, wie die Stachelschweine wohl Sex machen?" Der Doktorand guckte verständnislos. Julia platzte heraus: "Ganz, gaaanz vorsichtig!" Nun lachte der Doktorand auch, doch es war wohl ungewöhnlich, daß Hanna über solche Scherze lachte. Er hatte nie darüber nachgedacht, daß Hanna ein weibliches Wesen war. Sie hatte ihn bei seiner Arbeit über Griechenlands Weg aus dem finanziellen Desaster von 2009 bis zum Jahr 2022 unterstützt, und es wurde eine vielbeachtete Arbeit.
Julia war froh, daß sie den Ferrari genommen hatte. Die lange Zeremonie und das Bankett hätte sie auf ihren eigenen Füßen kaum gut überstanden. Und dem Ferrari war es egal, daß sie jetzt ein bißchen beschwipst war. Sie fuhr Hand in Hand mit Alfie durch die Innenstadt und fühlte sich sauwohl. Daheim angekommen, gestand sie Alfie, daß sie beschwipst war, nur ein bißchen, aber sie brachte seine Hilfe, um vom Ferrari aufzustehen. "Heute werden unsere Vögel wohl hungern müssen" meinte sie bedauernd. Doch Alfie widersprach. "Als ich heute Morgen meinen Lauf machte, habe ich den Vögeln ein Futter gegeben, weil ich mir schon dachte, daß wir später nicht mehr dazu kommen würden." Julia atmete durch.
Wie aufmerksam er war, wie genau er sich die nächsten Schritte überlegte und danach handelte. Sie kannte keinen anderen, der so klar und vorausschauend war. Yvonne war das genaue Gegenteil, eine Chaotin wie aus dem Lehrbuch. Nur, sie lebte nicht mit Yvonne, sie lebte mit Alfie. Alfie, ihr Lebensretter. Der ihr das Heilmittel besorgt hatte. Alfie, der ihre Diplomarbeit wieder und wieder korrekturgelesen hatte. Alfie, der als ihre Familie zur Promotionsfeier gekommen war, der sich herausgeputzt hatte, um kein Aufsehen zu erregen. Alfie, der sich mit ihrer Professorin prächtig unterhielt. Alfie, der immer zur Hand war, wenn sie ihn brauchte. Alfie, der so ein aufmerksamer Mensch war wie sie sich ihren Ehemann immer vorgestellt hatte. Ja, sie war dem Schicksal, dem Himmel, ja den Göttern Griechenlands dankbar, daß sie Alfie getroffen hatte. Oder, daß sie Alfie aufgefallen war und er sich sofort unsterblich in sie verliebt hatte. Und ihr nachgejagt war wie ein Geist, beharrlich und zielbewußt. — Julia ließ sich ausziehen und döste auf dem Bett sofort ein.