Die Spitze des Taktstocks zitterte, als ob es frösteln würde. Der Paukist beobachtete des Zittern mit scharfen Augen. Nun zuckte die Spitze des Taktstockes entschlossen nach oben, und der Paukist hieb mit aller Kraft auf die B-Pauke, die Pauke mit dem tiefen melodischen Klang in B major. Das Publikum schrak auf.
Alfie zog Julia ganz eng in seine Umarmung. Er mußte sie festhalten, denn der Paukenschlag würde wie ein Blizzard über sie drüberfegen.
"Julia, ich muß dir mein größtes Geheimnis anvertrauen, denn unseren Weg in die Freundschaft pflastern wir nicht mit fetten Lügen und Auslassungen, die eigentlich auch Lügen sind. Ich tue mir sehr schwer damit, denn ich habe einen Eid geschworen, dieses Geheimnis niemals zu verraten. Verstehst du mein Dilemma?" Julias Fingerspitzen kreisten auf dem Nicht-Herzschrittmacher. "Nein, eigentlich versteh ich nur Bahnhof. Du willst mir ein Geheimnis anvertrauen, aber du hast geschworen, es niemals aufzudecken. Wenn ich es richtig sehe, habe ich kein Recht, dein Geheimnis erfahren zu wollen und vermutlich wäre es auch besser, wenn du es für dich behältst. Aber du kennst das Dilemma des Sophokles, 'wenn man einen Zipfel des Schleiers gelüftet hat, muß man herausfinden, welche Callipyge darunter verborgen ist,' also welcher schöne Arsch sich darunter verbirgt. Es gibt keinen Undo-Knopf, hätte der alte Mösengucker hinzufügen sollen, man kann diesen Blick unter den Zipfel des Schleiers nicht mehr ungeschehen, ungesehen machen. Ich weiß jetzt, daß du noch ein Geheimnis hast, vielleicht größer als alle bisherigen. Ich kann es nicht mehr Nicht-Wissen." Ihre Fingerspitzen glitten von seiner Brust hinunter zu seinem Bauchnabel und stoppten dort, weiter durften sie nicht. Sie ließ die flache Hand auf seinem Bauchnabel rasten und hielt ihre Fingerspitzen zurück, nur Millimeter vor dem stolzen Haupt des Bacchus, trotz der Verlockung.
Alfie seufzte tief wie Atlas, der die Weltkugel schultern mußte.
"Julia, hör mir bitte genau zu und laß mich ganz ausreden. Mein Geheimnis ist, daß ich ein Zeitreisender bin. Ich bin 2932 hierher aufgebrochen, um die durch den Brand zerstörten historischen Dokumente aufzutreiben, das Weitere weißt du schon. Ich heiße wirklich Alfred von dem Steine, 2.891 geboren. Ich bin wirklich aus Huntington Heights in der Nähe von Chicago und bin wirklich Kurator in der Nationalbibliothek. Alles Weitere weißt du schon, jedes Jota, das ich dir bisher enthüllte, ist wahr. Und ja, ich bin als Kurator für die Zeit von 1968 bis 2038 zuständig. Und dieses Gerät ist kein Herzschrittmacher, es ist ein Kontrollgerät, mit dem jeder Schritt eines Zeitreisenden von einem Gremium überwacht wird, und es ist sozusagen das Gegenstück zu der Maschine, mit der ich hin und zurück reisen kann — oder auch in einer Zehntelsekunde abberufen werden kann, wenn ich Mist baue. Zeitreisen sind unglaublich riskant, nur ganz wenige bekommen dieses Privileg, und nur wenn es nötig ist. Zeitreisen werden vor der Öffentlichkeit geheimgehalten. Im Gegenzug kann ich mit dem Kontrollgerät Kontakt zum Beispiel mit einer Künstlichen Intelligenz herstellen. Das Pulver, dein Heilmittel, stammt aus dem Jahr 2932 und es ist 2025 noch weit davon entfernt, entdeckt zu werden. — Das wäre in groben Zügen alles, Julia." Alfie drückte seine halbgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus.
Das, genau das, das war der Paukenschlag.
Julia hatte ihn ungläubig angestarrt und boxte ihn auf die Brust. "Pfui, Alfie, wir haben uns versprochen, unseren Weg nicht mit Lügen zu pflastern!" Alfie blickte sie ganz ruhig und ernst an. "Jedes Wort ist wahr, jedes Jota" sagte er im Brustton der Überzeugung, "alles was ich dir bisher erzählt habe, ist wahr. Jedes Jota. Ich habe dir Vieles verschwiegen, weil mir vieles peinlich ist, vorwiegend sexuelle Dinge, und weil du dann vielleicht denken würdest, wie versaut ich wohl wäre. Und das wollte ich nicht. Ich bin sexuell viel erfahrener als du, und genau das sind die Peinlichkeiten, die ich mir und uns ersparen wollte. Mit der Tür ins Haus zu fallen hätte uns entzweit, also hielt ich die Klappe, um dich nicht anzulügen, liebe Julia." Er legte seinen Arm sachte um Julias Schultern und drückte sie ganz vorsichtig an sich. "Jedes Wort ist wahr, Julia. Ich lüge dich nicht an, ich breche nur meinen Schwur und denke, das Gremium wird mich in der nächsten Sekunde einbremsen, zurückbefördern und mich vor Gericht zerren." Julia blickte ihn entsetzt an.
"Zeitreisen sind physikalisch gar nicht möglich, das haben schon Tausende kluge Köpfe festgestellt." schnaubte Julia wütend und schwieg, Tränen kullerten über ihre Wangen. "Und ich dachte, wir können Freunde sein, echte, wahre Freunde. Aber nicht in einer Klapsmühle. Nicht, wenn du mich für ein völlig verblödetes Küken hältst, dem du einen solchen Bären aufbinden, so einen Schmarren verzapfen kannst." Sie rückte von ihm ab. Alfie blieb todernst. "Jedes Wort ist wahr, Julia, keine Klapsmühle, keine Bären und auch keine psychedelischen Pilze, die ich geraucht haben könnte. Es ist alles wahr, die Wahrheit zu glauben ist schwer, wenn man in dem falschen Zeitkontinuum ist. Galileo hätte dich ungläubig angestarrt, wenn du ihm dein Handy gezeigt hättest, mit dem du deinen Cousin in Stratford, Australien, sprechen kannst, 12 Tausend Kilometer von hier. Denke nach, bist du kleingläubig wie Galileo?"
Julias Rädchen kamen langsam in Fahrt. "Und wie überwindest du das Zeit/Raum-Paradoxon, Alfie?" Alfie sagte ganz ruhig: "Ich habe ehrlich keine Ahnung, wie dies technisch funktioniert, nicht einmal die Theorie. Ich habe keine Ahnung, wie unsere Wissenschaftler die Einstein-Rosen-Brücke herstellen können, die ermöglichte uns jedoch die intergalaktische Raumfahrt. So konnten wir mit einer sterbenden galaktischen Rasse Kontakt aufnehmen, die Urheber der UFO-Phänomene. Quasi als Nebenprodukt entstand die Zeitreise, das bestgehütete Geheimnis in meiner Welt. Vielleicht nur eine Handvoll Wissenschaftler und Ingenieure verstehen, wie das alles funktioniert. Aber ich bin hier, für mich ein Beweis, daß Zeitreisen möglich sind. Ich bin in einer Zehntelsekunde ins Jahr 2932 gereist, um das Heilmittel für dich zu beschaffen, von dem meine dortige KI wußte. Obwohl ich dort mehrere Tage brauchte, um es zu beschaffen, kam ich in dieselbe Sekunde zurück, in der ich abgereist war. Kein Wunder, kein Hokus-Pokus, sondern Zeitreise."
Julia legte ihren Kopf auf seine Brust. "Mir schwindelt der Kopf, Alfie. Bin ich verrückt geworden, eine solche Räuberpistole zu glauben? Ich habe keine Ahnung, was die Einstein-Rosen-Brücke sein soll, darüber haben wir im Unterricht kein Wort gehört. Aber was immer das ist, du scheinst an dessen Existenz zu glauben." Alfie sagte, "Uns wird diese Brücke so erklärt, daß es ist, wie ein Wurm geradlinig einen Tunnel durch den Apfel beißt und bohrt, die kürzeste Entfernung von A nach B, daher die umgangssprachliche Bezeichnung Wurmloch." Julia sah kritisch zu ihm auf. "Sag mir alles, was du über die Marie Antoinette weißt!" Alfie schien eine Zehntelsekunde nachzudenken.
"Maria Marie-Antoinette, geboren als Maria Antonia Josepha Johanna von Österreich-Lothringen wurde als 15. Kind der Kaiserin Maria Theresia am 2. November 1755 in Wien geboren. Sie wurde am 16. Oktober 1793 in Paris von den Revolutionären, neun Monate nach ihrem Gemahl Louis Capet wie er auf der Guillotine hingerichtet. Schon auf dem Richtbrett festgeschnallt wurde sie von den Henkersknechten ihrer Kleidung völlig entblößt und vor dem johlenden Pöbel mehrfach von ihnen sexuell mißbraucht, die schlimmste Form der Entehrung, jedoch vom Revolutionsrat anbefohlen. Sie war als Ehefrau Ludwigs XVI. vom 10. Mai 1774 bis zum 10. August 1792 Königin von Frankreich und Navarra, seit dem 4. September 1791 hatte sie den Titel 'Königin der Franzosen'. Sie hatte entgegen landläufiger Lehrmeinung zahlreiche heimliche Liebschaften, die man heutzutage als Quickies bezeichnen würde. Sie hatte gegen Ende ihres kurzen Lebens nur eine einzige ernsthafte und erwähnenswerte Liebschaft mit dem schwedischen Diplomaten und Militär Hans Axel von Fersen, der sie im September 1793 aus der Gefangenschaft zu befreien versuchte, was jedoch kläglich fehlschlug...."
Julia unterbrach ihn. "Und das hast du alles von deiner KI in der Zukunft abgerufen?" Alfie nickte, "Ja, mit dem Kommunikator. Nur halte ich keine ständige Verbindung, denn die KI muß all meine Anfragen dem Gremium melden." Julia sagte, sie hätte im Maturajahr vor zwei Jahren eine Hausarbeit über die Königin geschrieben, wo das auch drinstand, "aber ich hätte es so nicht aus dem Stegreif zitieren können. Dies war eine eindrückliche Demonstration, Alfie. Nein, ich glaube nicht, daß du oder ich verrückt sind, also keine Klapsmühle zunächst. Doch einem Zeitreisenden in Fleisch und Blut zu begegnen, das ist schon starker Toback. Yvonne wird ganz aus dem Häuschen sein!"
Alfie sah sie starr an. "Du darfst mit niemandem darüber sprechen, auch nicht mit Yvonne. Das wäre mein Ende, das Ende meiner Mission zumindest. Du hältst mein Leben, mindestens aber meine Zeit hier bei dir, in der Hand. Sei klug und schweige, selbst wenn es sehr schwer sein mag. Das Gremium würde mich sofort zurückkehren lassen und mich vor Gericht bringen. Tu mir das bitte nicht an. Es ist ja schon verwunderlich, daß sie bisher nicht eingeschritten sind, es wird wohl seine Gründe haben. Vielleicht dösen sie oder haben dich auch genau unter die Lupe genommen und vertrauen dir. Unwahrscheinlich, aber möglich. Es muß aber wohl so sein, denn sie haben mich noch nicht zurücktransferiert. Also verhalten wir uns weiterhin so natürlich und unauffällig wie möglich." Julias Fingerspitzen zuckten neugierig und ungehörig. "Das Gremium, das sind keine Freunde von dir, Alfie?" Er schüttelte den Kopf. "Bei Gott, nein. Sie beäugen jeden meiner Schritte kritisch und mißmutig. Nein, das sind bei Gott keine Freunde, aber sie halten meinen Lebensfaden in ihrer Hand. Sie können mich gewähren lassen oder mich in einer Tausendstelsekunde zurücktransferieren oder mich einfach hier stranden lassen und den Schlüssel wegwerfen."
Julias Augen blieben am Köpfchen des Bacchus haften. "Und das, was du mir über das Sexuelle erzählt hast, ist das alles wahr?" Alfie lächelte fein. "Ich habe dir diesbezüglich keine einzige Lüge erzählt, einiges Peinliche jedoch verheimlicht; aber das Wichtigste habe ich dir tatsächlich verschwiegen. Seit fast einem halben Jahrhundert grassiert ein heimtückischer Virus bei uns. Er nistet sich fast ausschließlich im weiblichen Organismus ein, weil es anscheinend deren Hormonmix zum Überleben braucht und wird nur beim Geschlechtsverkehr, beziehungsweise manchmal auch an weibliche Embryos oder Blutspenden übertragen. Frauen dürfen daher kein Blut spenden. Und der Virus ist für den Mann absolut tödlich, seine Symptome ähneln dem des Ebola-Virus. Man hat alles Mögliche und auch Unmögliche unternommen, aber der Virus ist ein Meister der Maskierung, so daß ein Serum zwar kurzfristig wirkt, aber wirklich nur kurzfristig, keine 24 Stunden. So stehen wir jetzt am Abgrund; Geschlechtsverkehr ist der sichere Tod für den Mann.
Kinder werden ausschließlich in Fertilitätskliniken unter größten Hygienevorkehrungen aus Mamas Eizelle und Papas Samenflüssigkeit gezeugt. Eine erniedrigende, beschämende Prozedur, zumindest war es das für mich. Während die Gynäkologin der Mama einige Eizellen sorgsam entnimmt, liegst du neben ihr und die junge Schwesternhelferin erntet deine Samenflüssigkeit mit der behandschuhten Hand. Üblicherweise sind dies asiatische Mädchen, weil amerikanische dafür nicht zu haben sind. Sie macht eine Pause und wartet mit frechem Grinsen, bis Mama dich wieder bereit gemacht hat. Dann packt sie immer wieder zu und hört erst auf, wenn du keinen Tropfen Samen mehr hast. Und deine Ehefrau sieht fassungslos zu, bis zum Ende. Ich bin tausend Tode gestorben. Ich und auch meine Schwestern stammen also aus der Retorte wie meine Kinder auch. Ich war noch niemals mit einem Mädchen oder einer Frau körperlich intim, auch nicht mit meiner Ehefrau." Alfie schluckte, er war ganz nahe bei der Wahrheit geblieben, so gut es ging.
Julia machte große Augen. "Großer Gott! Das muß ja schreckliche Folgen für die Gesellschaft haben. Ich weiß, wie das Leben ohne Sex ist; ich denke, man wird sonderlich und wunderlich, zumindest sehe ich mich selbst ein wenig so. Obwohl ich die Körperlichkeit natürlich erlebt habe und weiterhin erlebe. Andrerseits begreife ich allmählich, wie und wieso deine Mama dich zu sich ins Bett nahm; um zu verhindern, daß du ein gottloser Geselle, ein skurril verdrehter Kauz wirst. Und nun ergeben auch eure kleinen Maschinen Sinn, weil man keinen richtigen Sex haben darf."
Julia verdrehte ihre Augen. "Ich fasse es nicht. Da liege ich neben einem wahrhaftigen Zeitreisenden im Bett und parliere locker über Sex und Nicht-Sex, anstatt das unfaßbare Wesen des Wurmloches zu ergründen. Du mußt eine schlechte Meinung von mir haben, Alfie. Obwohl ich dir versichere, daß du nach Yvonne erst der zweite Mensch bist, mit dem ich so locker über Sex plaudere."
Julia ignorierte das Zirpen ihrer Smartwatch; jetzt war nicht an Arbeit oder Studium zu denken. Ihre Gedanken kreisten um Alfie, um den Zeitreisenden, um das Unfaßbare. "Ich begreife jetzt deine Hauptaufgabe besser. Du sammelst hier alles an Dokumenten aus der Zeit ab 1968 und hast in der Pálffygasse 4 Scanner aufgestellt, die Tag und Nacht unermüdlich alles einscannen. Wenn du fertig bist, wirst mit vielleicht einem Dutzend Festplatten im Rucksack die Heimreise antreten und diese dann in der Nationalbibliothek wieder so aufbauen, wie es zuvor war, oder ein wenig verbessert. — Was für ein Wahnsinn, all das!" rief sie aus und vergrub ihr Gesicht in seiner Achselhöhle, denn wieder schossen die Tränen aus ihren Augen.
Julia öffnete ihre Augen. Sie mußte sich orientieren, sie lag in Alfies Armbeuge und er hatte sie beim Schlafen betrachtet. Sie mußte eingedöst sein, und das zeigte, wie vertraut sie mit ihm bereits war, ohne daß sie sich körperlich nähergekommen waren als nur Haut-an-Haut zu liegen. Ja, sie gestand sich ein, sie hatte vorher ein bißchen darauf spekuliert, Sex mit Alfie zu haben. Doch dann kam der Paukenschlag — Alfie war kein gewöhnlicher Ami auf Europatour, nein, er kam aus der Zukunft. 2932. Julias Augen wanderten über seinen Körper, blieben am schlafenden Bacchus hängen, am schlafenden Dionysos, der sein Köpfchen unter der Kapuze verbarg. Kein Mädchen, keine Frau hatte jemals Sex mit ihm gehabt. Er lebte in einer abstrusen, verwirrenden Zeit, wo die Menschen keinen direkten Sex hatten, wo man die Kinder in Fertilitätskliniken erschaffte, nachdem man den Mann wie eine Milchkuh leer gemolken hatte und wo man die sexuelle Entspannung von 'kleinen Maschinen' bekam.
Ein Schauder lief über Julias Rücken. Nein, in so einer Ära wollte sie nicht leben. Es wäre eine Zeit, wo der Opa ihre Sexualität nicht erwecken würde, wo Götter und Göttinnen in die gähnende Leere des Universums starren würden und keinen Gedanken daran verschwendeten, auch nur ein einziges Menschenkind zu verführen und zu ruinieren. Sie würde ihre Diplomarbeit nicht über das ungezügelte Sexualleben der antiken Götter schreiben, sondern vielleicht eine Abhandlung über die richtige Pflege exotischer Zimmerpflanzen oder das Liebesquaken der Frösche schreiben. Nein, es wäre eine absolute, abstruse Katastrophe, wirklich!
Alfies Hand strich leicht wie eine Feder von ihrer Schulter über ihren Oberarm, ihren Unterarm und bis zu den Fingerspitzen. "Du bist ein wunderschönes Mädchen, Julia, eine wunderschöne junge Frau. Die Glasknochenkrankheit hat deinen Körper nicht entstellt, die Knochenbrüche von früher sieht man heute überhaupt nicht mehr. Ich sehe deinen schönen, stolzen Körper und denke kaum an deine Krankheit, nicht in dieser intimen Situation." Hatte sie etwa laut gedacht? "Deine Diplomarbeit über die antiken Götter schreibst du, weil du dich da mit ihrer und deiner Sexualität beschäftigst; habe ich recht oder irre ich mich da?" Alfie sah sie lächelnd an, er wollte es offenbar wirklich wissen.
"Ja, du magst wohl zumindest in Teilen recht haben," sagte sie nachdenklich. "Schon zu der Zeit, als mir mein Opa aus den dicken Büchern die Legenden vorlas und mich mit sanfter Hand an meine Sexualität heranführte, wurde mir klar, daß die Götter aus einem verwirrenden Knäuel von Inzest, Vatermord und Kindesmord entstanden, daß es ein wüstes Durcheinander von Leibern, Köpfen, Genitalien und Gliedmaßen war, so daß es einen schwindlig machen konnte. Doch der Opa hatte die Übersicht und er führte mich geduldig zu jener Zeit, wo die Götter den Olymp bevölkerten und wo sich nun Inzest, Intrigen und Betrügereien die Hand reichten, ohne viel zu morden. Dies war nun die goldene Phase, wo sich der Sex hauptsächlich zwischen Göttern und Göttinnen abspielte. Wo die Göttinnen in ein verschwiegenes Eck gedrängt wurden wie gewöhnliche Dienstmädchen.
Dann jedoch die Zeit des Niedergangs, da entdeckten die Götter die kleinen, sterblichen Menschen, die die Theaterbühne nach höchstens 60 oder 70 Jahren verließen und zu Staub zerfielen. Die Dämme brachen, Mädchen, Jünglinge und ehrbare Ehefrauen wurden zum Spielball in diesem höllischen Turnier. Das Ende? Götter und Göttinnen brachten sich gegenseitig um und verschwanden hinter die Kulissen. Der Mensch betrat die Bühne, wild schreiend jagten sie Mädchen und Frauen und schlugen sich die Köpfe gegenseitig ein, und sie brüllten der Sonne oder dem Mond entgegen, daß nun sie die Götter wären! — Ja, von dem Moment an, als mich mein Opa mit kundiger Hand zu meiner Sexualität führte, begann ich meine Diplomarbeit zu entwerfen und gestalte sie bis heute, wo ich es zu Papier bringen muß. Du hast völlig recht; ohne diesen Startschuß wäre ich nicht die, die ich nun mal bin und ich würde vermutlich eine ganz andere Diplomarbeit schreiben, über exotische Pflanzen oder das liebestolle Quaken der Frösche bei Neumond."
Alfie sagte, er würde das Manuskript gerne lesen, es war ja ihr Werk und ihre Gedankenwelt. Julia sagte, es gäbe nur eine Rohfassung mit vielen Leerstellen und Notizen, was noch eingefügt werden sollte; es wäre ihr peinlich. Dennoch gab sie ihm später einen USB-Stick mit ihrem Manuskript. Zwei Tage später brachte er ein Blatt mit Korrekturen, wo sie Fehler oder grobe Schnitzer gemacht hatte sowie Gedanken darüber, welche Notiz noch zu ergänzen wäre. Ja, er hatte alles gleich durchgelesen und danach seine KI zu Hilfe genommen, aber das sei okay, sagte Julia. "Ursprünglich habe ich mit Yvonne ausgemacht, daß sie meine Arbeit korrekturlesen würde. Nun aber freue ich mich, daß du es liest, du kannst es prima." Alfie lächelte. "Ich habe insgesamt acht Dissertationen für die Doktoratsstudien verfaßt, ich habe die Arbeiten meiner Kinder gegengelesen. Und als Kurator lese ich Woche für Woche die Arbeiten meiner Studenten und Studentinnen. Also habe ich einige Erfahrungen in diesem Geschäft."
Der Juli und der August überzogen die Stadt mit einer brüllenden Affenhitze aus der Sahara. Sie fuhren mittags täglich zum Teich zu ihrem Vogelvölkchen. Dann war es bereits zur Routine geworden, daß sie sich anschließend in Julias Wohnung nackt aufs Bett legten, Haut-an-Haut, und über Gott und die Welt diskutierten. Julia wollte nicht wissen, welche Kriege in der Zukunft gefochten würden, wie sich die Mächte der Staaten und Kontinente politisch entwickelten; das interessierte sie schlichtweg nicht. Sie wollte viel mehr über das alltägliche Leben wissen, wie die Menschen lebten, arbeiteten und sich unter dem Joch des Virus liebten. Wie sie konkret mit der Sexualität umgingen. Und ob sie sich an die antiken Götter im Olymp erinnerten.
Julias Fachärztin hatte eine Probe ihres Heilpulvers in ein renommiertes Labor geschickt. Der Laborleiter raufte sich die Haare. Ja, es war klar erkennbar, daß es auf mRNA basierte, aber das war auch schon alles. Die Sequenzierung brachte kein brauchbares Ergebnis, man konnte nicht entschlüsseln, welche Codierung da transportiert wurde, jammerte der Laborleiter, es sei ein Kauderwelsch in völlig undurchsichtiger Zusammensetzung. Chinesisch und Zigeunersprache, vermischt. Die Ärztin konnte Julia nur bestätigen, daß es nicht giftig war und tatsächlich eine hochkomplexe Gen-Codierung enthielt, die über einen mRNA-Strang transportiert wurde. Julia nahm das Heilpulver jeden Tag brav, wie angewiesen. Und nach 25-30 Tagen konnte die Ärztin feststellen, daß ihr Körper tatsächlich wieder das spezielle Kollagen produzierte — in winzigen Mengen, aber immerhin.
So bekam Julia wieder Hoffnung, eines Tages vielleicht die Glasknochenkrankheit zu überwinden, wie Alfie gesagt hatte.
Julia, allein auf ihrem Bett liegend, strich lächelnd über die sanften Kurven, die von ihren festen Brüsten hinunter zu ihrem Bauch, zu ihrem Bauchnabel und dann weiter führten. Die Hoffnung ergab einen Sinn, einen guten Grund, ihr Leben, ihre Träumereien über Alfie und ihre Libido überschäumend zu genießen.