Vor dem Paukenschlag

Vor dem Paukenschlag

Vor dem Paukenschlag

Natürlich weiß ich, daß man großartige Komponisten wie Mozart, Beethoven oder Brahms eindringlich davor gewarnt hat, eine Symphonie mit einem Paukenschlag zu beginnen. Aber ich habe es trotzdem getan. Und selbstverständlich bin ich kein Idiot, mich mit diesen Kulturgrößen zu vergleichen. Ich wollte, daß die Leser sofort aufhorchen und sich fragen: "Was ist denn das!?" Und dann, wenn sie sich wieder beruhigt haben, können sie die Lektüre genießen.

Und unterschätzen Sie mich nicht, da reagiere ich meist gemischt süß-sauer, giftig süß und echt sauer. Natürlich weiß ich, was ein Paukenschlag ist, also meckern Sie nicht. Bitte. Der sonst unauffällige Herr im Frack und Fliege hebt seinen Paukenkopf-Schlegel, hoch hinauf, weit hinter seinen Kopf in die Höhe, seine Augen fixiert auf die Spitze des Dirigenten-Taktstockes. Natürlich weiß er, wann genau der Paukenschlag auszuführen ist. Doch der Teufel soll ihn holen, wenn er seine Augen nicht auf die zitternde Spitze des Taktstockes richtete und abwartete, bis der Maestro sein Stöckchen aufzucken läßt. Das ist das Signal, nur eine Tausendstelsekunde später drischt der Paukist mit voller Wucht auf das Trommelfell, das heutzutage aus Kunststoff ist. So, ganz genau so, wollte es der gute alte Haydn haben, 1792 in London. "Den Honoratioren müssen die Monokel herunterfallen," instruierte der Maestro anno dazumal den Paukisten.

So, und nur genau so geht man mit dem Paukenschlag um. Man drischt nicht drauflos wie ein unmusikalischer Esel, nein! Die Symphonie wogt und gleitet majestätisch auf und ab, lullt die gemästeten Honoratioren ein, lädt neckisch zum leichten Dahindösen ein. Die Nereiden umschmeicheln den hohen Herrn mit ihren feuchten, weichen Armen und lächeln, wenn der Gute sanft eindöst. Und dann der Moment der Stille. Der Taktstock zuckt und der Paukist drischt und die Monokel fallen. So gehört's sich. Beginnen wir also mit der Symphonie und warten Sie gespannt auf den Moment der völligen Stille, den Moment des Paukenschlags.

Unsere Protagonistin heißt Julia Herrnthaler. Sie ist 20, bald 21. Fasziniert von der Götterwelt des antiken Griechenlands studiert sie in einem Fernstudium Geschichte. Ja, Fernstudium, denn sie sitzt im Rollstuhl, und die Universitäten sind nicht wirklich barrierefrei. Sie ist eine durchaus hübsche junge Frau, schlank und wohlproportioniert. Sie trägt ihre dunkelblonden Haare meist offen und schulterlang, obwohl das reichlich Pflege und Haarwäschen erfordert. Aber es ist die Frisur, mit der sie sich am wohlsten fühlt. Ihr ebenmäßiges Gesicht erinnert an die klassischen Gesichter antiker Statuen griechischer Göttinnen, ihre Nase gerade wie ein Schwert, aber nicht dominant. Ihre Augen sind mal hellblau, mal graublau, je nach Witterung und der Farbe des Himmels. Man wäre gut beraten, blickte man in ihre Augen, anstatt aus dem Fenster nach dem Wetter Ausschau zu halten. Sie trägt nur leichte Schminke, wenn sie außer Haus rollt, und sie verwendet nur einen farblosen Lippenstift, denn ihre Lippen sind von Natur aus schön, voll und von einer lebensfrohen Farbe. Ihr Körper ist im Großen und Ganzen schön, ebenmäßig und wirklich wohlgeformt.

Sie trägt meist halbtransparente Blusen ohne BH, denn sie ist stolz auf ihre kleinen festen Brüste mit den spitzen Zitzen, die sie gerne herzeigt. Sollen sie doch gucken! Ihr Unterleib und ihre Beine sind meist mit einem Plaid mit schottischem Muster bedeckt, wenn sie außer Haus ist. Es darf getrost angenommen werden, daß sowohl ihr Unterleib als auch ihre Beine wohlgeformt sind, obwohl die Beine wegen des Rollstuhls nicht sehr muskulös sein dürften. Zuhause trägt sie eine Bildschirmbrille, weil sie viel am Bildschirm arbeitet. Ihren elektrisch betriebenen Rollstuhl nennt sie wegen der knallroten Farbe ihren 'Ferrari'. In ihrer Wohnung geht sie frei auf eigenen Füßen, weil sie dort genau weiß, wo sie sich anhalten kann; den Rollstuhl verwendet sie nur außer Haus.

Streng genommen ist Julia eine Waise; aber sie hat eine breit gefächerte Verwandtschaft, so daß sie genug "Familie" hat. Ihre Eltern kennt sie nur von Fotos, sie starben bei einem Autounfall, als sie nicht mal 2 Jahre alt war. Sie hat einige Freundinnen, aber nur eine einzige "beste Freundin", Yvonne. Yvonne ist bereits 26 und hat wechselnde Liebesbeziehungen, und das gibt viel Gesprächsstoff zwischen den Freundinnen. Yvonne schreibt an ihrer Doktorarbeit in Philosophie, sie ist sehr kultiviert, gebildet und bisexuell veranlagt, so daß sie und Julia sich regelmäßig sehr nahe kommen. Yvonne kommt nur einmal in der Woche auf Besuch und verbringt den Dienstag Nachmittag mit Julia. Nein, man kann nicht sagen, daß Julia einsam ist wie viele andere Rollstuhlfahrerinnen.

Fast jeden Tag rollt Julia in ihrem Ferrari zum Teich im Wiener Stadtpark und verbringt dort eine Stunde im Sonnenschein oder im Regen. Sie bringt in einem Papiersack zerkleinertes Altbrot mit, die sie den Enten und anderen Wasservögeln dieses Tümpels zuwirft — und natürlich lächelt sie nachsichtig, wenn sich die Spatzen mit den größeren Vögeln um die Brotkrumen raufen. Sie sieht den Vögeln so gerne zu, und Julia weiß auch, warum. Die Vögel sind Leidensgenossinnen — sie könnten ja wegfliegen, aber etwas fesselt sie an diesen Teich. Vögel, die nicht fliegen, sind quasi auch Rollstuhlfahrerinnen: ihre Beinchen sind sicher nicht zum zu Fuß gehen konzipiert. Julia sieht auf die vom Stadtgartenbauamt schön gepflegten Pflanzen, den Teich, die Büsche und die Vögel — ihr kleines Paradies inmitten der Großstadt.

Die anderen Menschen, meist Passanten oder Rentner, sieht sie nur oberflächlich an. Auch das hat seinen Grund; früher ließ sie sich gerne auf Gespräche ein, doch diese waren meist nur sehr oberflächlich oder nichtssagend. Älter und reifer geworden verspürte sie keinen Drang mehr, mit jedem und allen ins Gespräch zu kommen. Das Weltgeschehen verfolgte sie über Zeitungen und Fernsehnachrichten, mehr war nicht nötig. Es war auch so schon schwer genug, echte und Fake News auseinanderzuhalten. Diese Stündchen am Teich ließ sie sich nicht nehmen, weder das Wetter noch das Studium noch die Lektüre konnten sie davon abhalten. Selbst bei Regenwetter legte sie eine Pelerine um, auch dies hielt sie nicht vom Teich fern. Und das Verhalten der Vögel bei Regenwetter war ausgesprochen interessant.

Hier, am Teich, hatte sie auch den Anmach-Spruch des Jahrhunderts gehört. Ein pickelgesichtiger Junge, kein Apollo fürwahr, hatte lange von einer Parkbank gegenüber herüber gestarrt, hinter seiner dicken Brille versuchte der etwa 14-jährige, den Linien ihrer Innenschenkel unterm Minirock zu folgen, da sie im Sommer weder Tanga noch sonstwas trug. Nun hatte er sich auf die Parkbank neben ihren Ferrari herüber gesetzt, hatte rotzfrech seine Hand auf ihr Knie gelegt und beugte sich neugierig vor, um ihre Spalte zu betrachten. Sichtlich enttäuscht, daß sie ihre Schenkel schnell zusammengepreßt hatte, murmelte er, ob man mit einer Rollstuhlfahrerin überhaupt Sex haben könne!? Mit so einem blöden Spruch war ihr bisher noch nie einer gekommen, Himmelherrgott nochmal! Sie hatte ihn mit einem eiskalten Blick aus der Arktis gestreift und hatte zurückgemurmelt, "Da mußt du meinen Papa fragen, mein Bester, denn der liegt Nacht für Nacht zwischen meinen Schenkeln und meint offensichtlich, daß es sehr wohl geht, und man müsse das Pflänzchen fleißig gießen." Dem Kerl wurde es kalt und heiß und er verzog sich rasch, der unverschämte Rüpel.

Das Interesse für die antike griechische Götterwelt wurde von ihrem Opa geweckt, denn dies war sein Steckenpferd. Opa und Oma behandelten sie wie ein rohes Ei, denn die kleine Julia litt an der Glasknochenkrankheit. Niemals erlitt Julia in deren Obhut einen Knochenbruch, erst später, im Kindergarten und in der Schule — aber sie lernte das Vermeidungsverhalten rasch. Sie saß oft ganze Nachmittage auf Opas Schoß, der ihr aus dicken Büchern über das antike Griechenland Geschichten, Sagen und Märchen vorlas. Da die Götter sexuell sehr aktiv waren, mußte der Opa sie schon recht früh umfassend über die Sexualität aufklären — Julia hörte mit offenem Mund zu, denn das war höchst seltsam und interessant, was Götter und Göttinnen unter sich oder mit den armen Menschenkindern so anstellten.

Die Oma, die im anderen Lehnstuhl saß und strickte, hüstelte ein bißchen verlegen, als der Opa die Fragen des Mädchens zu seiner eigenen Sexualität offen und ehrlich beantwortete — auch das mit den Nachbarinnen. Die Oma hüstelte, aber sie war nicht wirklich dagegen. Geduldig erklärte der Opa, wie und warum Jungs und Mädchen sexuell aktiv waren, nun war Omas Hüsteln stärker und damit bremste sie den Redefluß des Großvaters. "Ich werde unsere Enkelin nicht mit derselben Unwissenheit in die Welt hinausschicken, wie es unsere unwissenden Eltern haben tun müssen!" rief er entrüstet aus und verlegte die heiklen Themen in eine Tageszeit, wo die Oma beim Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen war. Der Opa sorgte liebevoll dafür, daß "sein Mädchen" über die Sexualität bestens Bescheid wußte, sobald sie das Nest verließe.

Natürlich fiel ihr der sympathische Mann gleich auf, der nun schon seit Tagen um die gleiche Zeit wie sie zum Teich kam und sich auf eine der freien Bänke setzte. Sie betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Auffällig war zunächst, daß er keinerlei Haare hatte, keine auf dem Kopf, keine Augenbrauen und keinerlei Bartwuchs. Auf seinem kahlen, runden Kopf trug er eine kleine, mit Gold- und Silberfäden reich bestickte Mütze aus dunkelblauem Samt, die offenbar wirklich nur eine Kopfbedeckung war und keinerlei religiöse oder sonstwie spezielle Bedeutung zu haben schien. Ebenso wie sie betrachtete er die Vögel aufmerksam und nur hie und da schoß ein Blick schnell zu ihr, aber sie tat, als bemerkte sie es nicht. Seine Kleidung, ein Hemd mit offenem Kragen, ein ärmelloses Wams und eine helle lange Hose zeigten, daß er schlank und sportlich sein mußte. Im Gegensatz zu ihr hatte er keinen Papiersack mit Altbrot dabei, doch als er ein Sandwich für die Jause aus seiner Tasche nahm, riß er ein paar Stückchen Sandwichbrot ab und warf es den Wasservögeln und Spatzen hin. Julia lächelte insgeheim, er schien sie mit dieser kleinen Geste auf sich aufmerksam machen zu wollen. Er kam jeden Tag um etwa die gleiche Zeit wie sie.

Einige Tage später war das Wetter trüb, es fiel leichter Nieselregen. Julia unterbrach ihr Studium und machte sich ausgehfertig. Pelerine, Plaid und ein kleiner faltbarer Regenschirm sowie das Papiersäckchen mit Altbrot. Von ihrer Wohnung in der Coburgbastei dauerte die Fahrt im Ferrari exakt 7 Minuten zum Teich im Stadtpark. Der junge Mann saß schon auf seiner Bank, er hatte eine durchsichtige Regenhaut übergezogen, hielt ein Säckchen Altbrot in der Hand und fütterte die Wasservögel und die Spatzen großzügig. Sie rollte mit dem Ferrari auf ihren üblichen Platz und als sich ihre Blicke trafen, nickte er kurz grüßend. Julia blieb stocksteif sitzen, sie waren die beiden einzigen Menschen inmitten dieser Schar futtergeiler Vögel. Sie fütterten die Vögel beide, ohne daß es wie ein Wettbewerb aussah.

Julia kämpfte mit dem kleinen Regenschirm, dessen genialer Konstrukteur zwar den intelligentesten Faltmechanismus ausgearbeitet, aber nicht mit Wind, Seitenwind oder gar Scherwinden gerechnet hatte. Nun aber fegte ein böiger Sahara-Südwester heiß durch den Wiener Stadtpark und suchte, Julia den Regenschirm aus der Hand zu zerren — und schon flog das kostbare Regendach mehrere Meter über den Asphalt. Schnell wie der Blitz war der Mann auf den Beinen, hechtete hinterher und fing das leichtsinnige Stück noch vor den Büschen ab. Er brachte es Julia und überreichte es ihr.

"Haben Sie vielen Dank, mein Herr!" sagte Julia hocherfreut und faltete die widerspenstige Schöne zusammen. "Es nieselt ja nur noch ein bißchen, da reicht meine Pelerine aus," ergänzte sie und schlug die Kapuze zurück, ihr Haar floß wie ein goldener Wasserfall hinab zu ihren Schultern.

"Auch das wird nicht lange anhalten, da hinten hellt es sich bereits auf" sagte er mit einer schönen, melodischen Stimme. Er streckte seine Hand aus, "Ich heiße Alfred, aber alle rufen mich Alfie" sagte Alfie.

Julia blickte auf seine Hand. "Ich kann Ihnen meine Hand nicht geben, Herr Alfred, ich habe die Glasknochenkrankheit und Sie könnten mir die Finger brechen. Und ich heiße Julia und alle rufen mich Julia, einfach nur Julia." Sie lächelte der Hand zu.

Alfie dachte sekundenlang nach. "Leg nur deine Hand auf meine" und streckte die flache Hand aus, "da wird kein Knochen brechen, Julia, einfach nur Julia." Julia legte ihre Hand ganz kurz auf seine flache Hand. "Es freut mich, Sie kennenzulernen, Herr Alfred! Und bitte nur Julia, ohne den lächerlichen Zusatz, bitte."

Alfie lächelte. "In Skandinavien duzen sich alle, jeder, jede und jedermann auch; wollen wir uns nicht auch einfach duzen? Und nenne mich einfach nur Alfie oder Alfred, den Herrn habe ich beim Eingang zum Park in der Garderobe abgegeben." Er lächelte sympathisch und gewinnend.

Julia lächelte fein; so begannen die Gespräche auch auf der Uni, wenn man sich schon darauf einließ. "Du kommst also nicht von hier, vielleicht aus Skandinavien, Alfie? Ich höre da einen kleinen fremden Akzent."

"Nein, aus Huntington Heights, einem Vorort Chicagos. Meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern stammen ursprünglich aus Deutschland, aus der Hannoveraner Gegend, und wir Kinder mußten alle fehlerfreies Hochdeutsch lernen, das ist eine beinahe eherne Familientradition, die mir zu Gute kommt, wenn ich nach Deutschland oder Österreich reise. In der Schweiz ist es eher ein Nachteil, für einen Deutschen gehalten zu werden, aber sei's drum." Alfie setzte sich auf die nächstliegende Bank. "Glasknochenkrankheit, sagtest du? Ich hab mal früher etwas darüber gelesen, aber an viel kann ich mich leider nicht mehr erinnern."

Julia klärte nicht zum ersten Mal über ihre Krankheit auf. "Die Glasknochenkrankheit heißt so, weil einem die Knochen ganz leicht brechen. Es ist ein angeborener Gendefekt, der vornehmlich in der weiblichen Linie weitervererbt wird. Gott sei Dank habe ich eine spezielle Variante, ich leide weder an Übelkeit, Kopfschmerzen oder verminderter Libido wie so viele Leidensgenossen. Allerdings werde ich kaum das vierzigste Lebensjahr erreichen. Das weiß ich schon seit langem und ich richte mich darauf ein."

Alfie beugte sich vor. "Du hast dein Todesurteil schon mit Brief und Siegel? — Bei Gott, unvorstellbar! Ja, gibt es keine Heilung, keine Medikamente, nicht mal irgendein Hokus-Pokus?"

Julia schüttelte den Kopf. "Ja, ich bekomme Medikamente für und gegen dies und das, nur die Libido-Hemmer nehme ich nicht. Meine Libido ist gut so, wie sie nun mal ist." Julia senkte den Blick, hier mußte sie die Handbremse ziehen. Keine weitere Vertiefung ihrer Libido gegenüber einem Fremden.

Alfie schüttelte den Kopf. "Das kann nicht sein, das kann ich nicht so kommentarlos runterschlucken. Wir fliegen zum Mond, wir manipulieren Gene mit der Gen-Schere — und da können wir nichts gegen die Glasknochenkrankheit unternehmen? Oder liegt es nur daran, weil der Absatzmarkt so klein ist, daß es sich für die Pharmakonzerne nicht rechnet? Nicht rechnet!? — 'Nur in einer verkommenen Gesellschaft wiegt man Menschenleben in Gold und Silber auf,' sagte der kluge König Hammurabi von Babylon, vor Jahrtausenden." Alfie war wirklich tief erschüttert.

Julia sagte nichts. Natürlich wußte sie, wer Hammurabi war, und daß dieser Satz wohl schon vor drei oder viertausend Jahren notwendig war, um die Verkommenheit plakativ zu unterstreichen, sagte etwas über die Menschheit aus. "Ich studiere Geschichte an der Uni, zwar mit dem Schwerpunkt Hellenismus, aber ich weiß genau, wer Hammurabi war." Sie wußte selbst nicht, warum sie das sagte. "Du studierst vielleicht nicht mehr, Alfie, doch es zeugt von einer breiten humanistischen Bildung, daß du Hammurabi so gut zitieren kannst." Endlich, nur weg von diesem Medikamenten- und Krankheitsthema. Das gehörte nicht in ein kasuales, zwangloses Gespräch mit einem Fremden.

Alfie nickte. "Ja, Julia, ich habe eine wirklich gute und vor allem profunde Bildung erhalten. Mein Großvater hat mich zu seinem Lieblingsenkel deklariert und mir ein großzügiges Sparbuch für meine Ausbildung vermacht. Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich heute bin."

Julia kam nicht umhin, um hier einzuhaken. "Und wo bist du jetzt, Alfie? Offenbar auf Urlaub, aber sonst?"

Alfie antwortete erst nach Sekunden. "Ja, sieht wie Urlaub aus, ich habe ein Sabbatical-Jahr genommen. Ich bin Kurator, so eine Art Bibliothekar, würde man es in Österreich wohl nennen."

Julia nahm ein Päckchen süße Pastillen aus ihrer Handtasche. "Magst du auch eine? Zuckerfrei, natürlich." Sie reichte ihm ein Bonbon. "Bibliothekar? Meine Vorstellung von einem Bibliothekar sieht wohl sehr altmodisch aus, ein kleiner gichtgeplagter Gnom mit dicker Brille auf der Nase und ständig hüstelnd vom Staub der Jahrhunderte. So siehst du aber nicht aus, Alfie!"

Alfie lächelte. "Ich laufe jeden Morgen meine Runden und gehe, bzw. ging zweimal in der Woche in die Kraftkammer zum allgemeinen Training. Ich achte auf meine Gesundheit, das ist drüben in den Staaten so üblich, also nichts Besonderes. Und was den Staub der Jahrhunderte anlangt, nun, natürlich bewahrt die Nationalbibliothek auch echte Bücher aus Papier auf, aber dort wo ich arbeite, benutzen wir nur Microfilm, Speicherplatten und Germanium-Kristall-Speicher — was eben gerade modern ist. Staub gibts bei uns nicht, und Gicht auch nicht, Gott sei Dank!"

Julia lächelte leicht, "War nur bildlich gemeint, Alfie. Ich sehe ja, du bist kein gichtgeplagter Gnom, beileibe nicht. Eher ein sportlicher junger Mann Mitte dreißig, dem man den Bibliothekar von außen nicht ansieht."

Alfie lächelte. "Ich bin 42, keinen Tag jünger. Und daß ich schon so jung Bibliothekar geworden bin, das verdanke ich wirklich nur meiner profunden Ausbildung. Ich habe wie du Geschichte im Hauptfach studiert, mit Schwerpunkt Jahrtausendwende, und ich habe 7 weitere Nebenfächer studiert und abgeschlossen. Geometrie, Kosmologie, Physik und Chemie, Geologie und Mineralkunde, und Sexualwissenschaften. Ich denke, das war alles. Mit 34 war ich mit dem Studium fertig, hatte acht Doktortitel vorzuweisen und habe mich direkt bei der Nationalbibliothek als Kurator beworben. Ich bekam die Abteilung "1968 bis 2038" und habe mich ganz gut behauptet in diesem Schlangennest, die die Nationalbibliothek nun mal ist."

Julia korrigierte ihn. "Du hast dich versprochen, Alfie, du sagtest 2038, aber du meinst wahrscheinlich 2018, denn wir haben jetzt 2025, wenn ich nicht irre." Alfie klimperte kurz mit den Augen. "Ja, sorry, ich habe mich nur versprochen, natürlich 2018. 50 Jahre. 1968 bis 2018, die Ära der entfesselten Sexualität breiter Schichten der Gesellschaft."

Julia wurde das Gefühl nicht los, daß hier etwas nicht stimmte. Alfie warf einem schwarzköpfigen Vogel einen Brotkrumen hin. "Ein american coot" sagte er erläuternd. Julia lächelte milde. "Zoologie war nicht deins, Alfie. Nein, der ist ein Blässhuhn, ein eurasian coot, die americans haben wir hier nicht. Da drüben, die verliebten Entchen, die nennt man Stockenten, die kleinen putzigen Schwarzen heißen Haubentaucher und die drei langbeinigen Damen ganz hinten sind Graureiher. Ich kenne sie alle schon seit Jahren."

Ein langes Schweigen. Ließ sich Alfie nicht gerne belehren, oder war er mit seinen Gedanken woanders? Julia brach das Schweigen. "Sexualwissenschaft? Das springt aus der Reihe von Naturwissenschaften krass heraus, das wundert mich etwas." Alfie sah auf, offensichtlich war er ganz woanders mit seinen Gedanken.

"Sexualwissenschaft? Ja, das war eine opportunistische Entscheidung meinerseits. Ich spekulierte auf den Job, Kurator für die Zeit ab 1968 zu werden; der damalige Kurator war schon auf dem Weg in die Pensionierung. 1968 begann die sexualisierte Zeit, die Befreiung der Frau mit der Pille, und wenn ich etwas mehr als nur Allgemeines über Sexualität wüßte, würde das meine Chancen für den Job verbessern, und so war es dann ja auch. Es war eine gute Entscheidung. Ich war es dem Andenken an meinen Großvater schuldig, beruflich etwas Besonderes anzustreben. Und er wäre sicher stolz auf meine Erfolge gewesen, der gute Opa Arthur." Alfie sah zu den Graureihern hinüber. Julia merkte, daß sie dem Gespräch eine Wendung geben mußte, weil es wirklich sehr persönlich geworden war.

So teilte sie ein weiteres Bonbon aus. "Ich bin 20, bald 21" sagte sie, "soweit ich weiß, geben die Frauen in Amerika ihr wahres Alter nicht gerne preis. Mir macht es nichts aus, ich bin 20 und unverheiratet, eine ledige Krüppelin mit Ablaufdatum." Alfie warf ihr einen Blick zu, der nicht sehr freundlich wirkte. "Hör auf mit dem Quatsch, Julia, bitte! Okay, du bist zwanzig, fein. Aber ich sehe dich nicht als Krüppel, verdammt nochmal, und das mit dem Ablaufdatum — nun, wir werden sehen. Ich bleibe hier am Teich sitzen und stoße mit Champagner mit dir an deinem 41. Geburtstag an, deal?" Er sah ihr direkt in die Augen. "Ich akzeptiere, daß du an einer Krankheit leidest, aber ich akzeptiere deine Bemerkung Krüppel nicht, überhaupt nicht. Schau mir in die Augen und sag mir, ob du mich verstehst."

Julia zupfte an ihrem Plaid, da sie die Pelerine schon vor Minuten abgenommen hatte. "Es war ein wirklich dämlicher Ausdruck, Alfie. Ich nehme es zurück. Okay, ich bin kein Krüppel und beiße jeden in den Arsch, der mich Krüppel zu nennen wagt. Akzeptiert?" Alfie nickte, "Braves Mädchen!"

Er drückte seinen Rücken durch. "Ich bin 41, demnächst 42. Ich war einmal verheiratet, jetzt bin ich Witwer und ich habe zwei erwachsene Kinder, Waltraud und Heinrich; sie leben in Downtown Chicago, direkt in den Eingeweiden des Monsters. Ich lebe allein in Huntington Heights und ich habe keine feste Freundin — keine Lust auf eine neue Partnerschaft oder eine sinnlose Affäre. Ist dies die Auskunft, die du hören wolltest?"

Julia nickte nachdenklich. "Es tut mir leid zu hören, daß deine Frau gestorben ist, Alfie. Es scheint dich immer noch zu schmerzen. Andrerseits ist es schön zu hören, daß deine Kinder auch in Chicago leben, also nicht weit weg." Sie schwieg für einen langen Moment. "Ich werde vermutlich niemals eigene Kinder haben, ich will meine Krankheit nicht an die nächste Generation weitergeben. Ich habe mir sogar überlegt, mich sterilisieren zu lassen, sollte ich mal einen richtigen Lebenspartner haben."

Alfie legte seine Hand auf ihren Unterarm, Dringlichkeit im Blick. "Eine Sterilisation in unserer Zeit ist unumkehrbar. Und die Krankheit wird matrilinear weitergegeben, also besteht das Risiko nur zu 50%. Überlege es dir gut, vielleicht will dein zukünftiger Ehemann ja Kinder? So, wie du es sagst, scheinst du im Augenblick keinen festen Freund zu haben?"

Julia nickte. "Ja, das stimmt. Zumindest keinen männlichen Sexualpartner. Wer will schon mit einer zerbrechlichen, kranken Frau intim sein!?" Alfie kratzte sich am kahlen Schädel. "Okay, ich verstehe. Es wird wohl schwierig sein, einen Sexualpartner zu finden, unter den gegebenen Umständen. Aber gib die Hoffnung nicht auf, gerade Menschen in deiner Situation widerfahren wahre Wunder, du mußt nur die Gelegenheit beim Schopf packen." Die Smartwatch an Julias Handgelenk fiepte leise. Mit einem Fingerdruck stellte sie den Alarm ab. "Mein freier Nachmittag geht zu Ende, ich muß weiterarbeiten," sagte sie zu Alfie. Sie sagte leise Adieu und rollte mit ihrem Ferrari davon.

Sie fuhr die sieben Minuten nachdenklich in die Coburgbastei. Der Ferrari meisterte die zwei Stufen mühelos und sie rollte zum Lift. Irgendwas stimmte nicht, ganz und gar nicht mit diesem Alfie. Er war freundlich, offen und unerwartet ehrlich in seinen Antworten. Sie wunderte sich selbst über ihre eigene Reaktionen — sie gab ihm völlig selbstverständlich Privates preis, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Vielleicht lag das an seinem Charme, vielleicht gab es etwas an seiner Art, das sie so leicht die üblichen Hürden überwinden ließ, als gäbe es keine. Die Situation ging ihr nicht aus dem Kopf, sie recherchierte brav im Internet und tippte lustlos ein paar Zeilen in ihrer Diplomarbeit, aber sie war mit dem Kopf am Teich, saß neben diesem sympathischen, geheimnisvollen Kerl namens Alfie.

Am nächsten Tag regnete es in Strömen. Sie band sich die Kapuze der Regenpelerine fest ums Gesicht, den Schönwetter-Regenschirm ließ sie mit verächtlichem Blick liegen. Sie fuhr wie immer, wie jeden Tag und bei jedem Wetter, zum Teich im Stadtpark. Der Wolkenbruch stürzte bereits seit länger als eine Stunde herunter und es gab kein Anzeichen dafür, daß er bald aufhören wollte. Sie dachte kurz an Alfie, bei diesem Sauwetter würde er wohl nicht kommen. Umso erstaunter war sie, als sie auf den Teich zurollte. Alfie saß unerschütterlich auf der Bank neben ihrem Stammplatz. Seine dünne Regenhaut, die nicht für einen richtig ekelhaften Wolkenbruch geschaffen war, hing unnütz um seine Schultern. Der arme Kerl war von oben bis unten durchnäßt wie ein begossener Pudel.

Julia rollte auf ihren Platz und begrüßte ihn laut, den Regen übertönend. Er grüßte freundlich und strich sich mit einer Hand über seine Glatze. "Werde heute wohl meine Haare lange mit dem Fön trocknen müssen, Julia" scherzte er. Sie lächelte zurück, doch der Regen war so laut, daß sie ihn kaum hören konnte. Entschlossen fragte sie, "Magst du nicht lieber heimgehen und dich trocknen? Du holst dir noch eine Lungenentzündung!" Alfie schüttelte den Kopf. "Ich wohne in der Pálffygasse, ist wohl ein Stückchen weit von hier," murmelte er. Julia gab sich einen Ruck. "Alfie, ich werde nicht zuschauen, wie du dir eine Lungenentzündung holst, zudem ist bei diesem Sauwetter und dem laut prasselnden Regen eine Unterhaltung nicht gut möglich, obwohl ich mich sehr darauf gefreut hätte, mit dir zu parlieren, mein Freund." Sie blickte zu den Wasservögeln, die sich samt und sonders in die Büsche verkrochen hatten. "Ich gebe ihnen mein Altbrot, dann fahren wir zu mir nach Hause, du kannst dich bei mir abtrocknen und aufwärmen. Punkt. Keine Widerrede," sagte sie resolut. "Das Altbrot werfen wir am Besten unter die Büsche" sagte sie und Alfie stand auf, nahm ihr das Papiersäckchen aus der Hand und leerte es und sein eigenes unter den Büschen aus. Sie rollte mit dem Ferrari voraus und er folgte ihr neugierig. "Du wohnst in einer vornehmen Gegend," kommentierte er, als sie die eiserne Haustür aufschloß.

Alfie blieb bei der Wohnungstüre stehen. "Ich kann doch nicht deine schöne Wohnung versauen" sagte er kläglich. Sie hatte die Pelerine bereits abgestreift und blickte zu ihm. "Okay, alles klar, Herr Kommissar. Alfie, zieh deine nassen Sachen aus und hänge sie dort über den Heizkörper. Und genier dich nicht, ich habe schon mehr als einen Kerl nackt gesehen, sogar einige aus echtem Marmor, also." Sie drehte den Ferrari um und drehte ihm den Rücken zu. Alfie stand noch einige Augenblicke unschlüssig, dann zog er sich nackt aus. Er schloß die Wohnungstür und legte seine nassen Kleider auf die Radiatoren unter den Fenstersimsen. Er drehte sich um und sie betrachtete seine Nacktheit von oben bis unten. Ein schöner Mann, Anfang Vierzig, jedoch eher einer Mitte Dreißig, dachte sie. "Du kannst dich auf die Couch oder mein Bett setzen, ich habe sonst keine Sitzgelegenheiten" sagte sie und errötete kein bißchen, denn natürlich hatte sie ihren Bürostuhl nicht erwähnt. Alfie setzte sich auf ihr Bett und blickte sie offen an. "Vielen Dank, Julia, daß du dies angeboten hast, mir, einem fremden Mann. Ich weiß mich zu benehmen, aber hattest du keine Angst, einem nackten Fremden gegenüberzusitzen?"

Julia schüttelte den Kopf. "Was soll ich schon befürchten? Nur die Knochenbrüche, nur die fürchte ich. Und wenn er über mich herfällt, so what? Das macht mir wenig aus. Sex ist doch etwas Alltägliches, wenngleich nicht für ein Mädchen in meiner Situation." Sie blickte seinen Körper ohne Scheu an. "Wenn es dir peinlich ist, nackt zu sein, kann ich mich ja ebenfalls ausziehen, wenn es dich beruhigt, Alfie."

Alfie schüttelte seinen Kopf. "Nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich bin ein erwachsener Mann, die Nacktheit ist mir absolut nicht peinlich, das ist etwas ganz natürliches." Sie schwiegen noch eine Weile, dann fuhr Julia den Ferrari in seine 'Garage' mit der kontaktlosen Ladestation und stand auf. Sie wußte, wo sie sich in ihrer Wohnung festhalten konnte und ging zur Küchenzeile. "Was sagst du zu einer Tasse heißem indischen Tee, Darjeeling?" Alfie nickte dankbar. "Das wäre fein, Julia. Eine Tasse Tee würde mich von innen wärmen." Julia plauderte weiter, "In der Wollzeile, nur ein paar Minuten von hier, gibt es ein indisches Geschäft, die importieren den Darjeeling direkt, ohne Zwischenhandel." Während das Teewasser kochte, holte sie ein großes Badetuch aus dem Badezimmer und legte es um seine Schultern. "Deck dich zu, das wärmt auch ein bißchen." Sie setzte sich neben ihn und stand erst wieder auf, als der Teekessel pfiff.

Sie brachte die Teekanne und zierliche Porzellantassen aus dünnem chinesischen Porzellan und den passenden Zuckerbehälter auf einem Tablett. Sie schob den Couchtisch näher zum Bett und platzierte das Tablett darauf, dann schenkte sie zwei Tassen ein. Sie tranken in kleinen Schlückchen den heißen Tee. "Mein Opa hat dieses Einzimmer-Appartement gekauft, für den Fall, daß er Witwer würde," sagte sie mit Wehmut in der Stimme. "Nun ist es meine Studentenbude und Opa ruht unter der Erde, gleich neben Oma." Sie warf geistesabwesend drei Stück Würfelzucker in ihre Teetasse.

"Alfie, ich bin die halbe Nacht wach gelegen. Irgendwas an dir ist geheimnisvoll, irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß hinter der Fassade des Bibliothekars ganz wer andrer steckt." Alfie schwieg lange, hielt die Teetasse wie um die Finger zu wärmen in der Hand. "Ich fürchte, ich kann dir da nicht weiterhelfen, Julia. Ich bin tatsächlich ein Bibliothekar, obwohl man es dort drüben curator nennt. Ich bin wirklich ein Witwer und ich habe zwei Kinder, die mitten in der Stadt Chicago leben und ein anständiges, ordentliches Leben führen. Ich habe weder Hund, Katze noch Papagei, ich lebe allein in meinem Haus. Ich habe wirklich keine feste Freundin oder Partnerin, weil es mich noch nicht reizt, eine neue Partnerschaft oder eine Affäre einzugehen. — Nichts an alldem ist geheimnisvoll, ungewöhnlich oder auch nur im Geringsten besonders. Ich kann nicht nachvollziehen, was dich beunruhigt.

Und ich will dich eigentlich nicht beunruhigen, Julia — ich wollte dich ganz einfach näher kennenlernen, das ist alles. Ich habe dich das erste Mal mit dem Rollstuhl aus der Universität rollen gesehen und dein Gesicht faszinierte mich augenblicklich, so einfach ist das. Es war leicht, herauszufinden, daß du jeden Tag zur Mittagszeit hier am Teich sitzt. Und ich habe keine wie auch immer gearteten finsteren Absichten. Ja, ich bin neugierig darauf, dich kennenzulernen und möglichst alles von dir zu erfahren, alles was du preisgeben kannst und willst. Das ist alles, Julia, ich müßte wie ein offenes Buch für dich sein, kein Enigma, kein Similacron, kein Hokus-Pokus."

Julia seufzte. "Ja, genau darum drehten sich meine nächtlichen Gedanken. Ich weiß all das, dennoch sträuben sich meine Haare, und ich werde noch verrückt, weil ich nicht dahinterkomme, was mich stört beziehungsweise was es ist, was mir so geheimnisvoll vorkommt. Ich komme einfach nicht darauf. Ich weiß, du bist Witwer und du hast und willst keine sexuellen Affären haben, okay. Wie aber gehst du mit deinem sexuellen Druck um, Alfie?" Alfie hatte seinen Rücken durchgestreckt, er mußte sehr aufpassen, hier keinen Versprecher loszulassen. "Nun, das ist eine sehr direkte und sehr private Frage. Ich denke, du weißt, wie man im Allgemeinen mit dem sexuellen Druck umgeht, wenn man weder eine Ehefrau noch eine Affäre hat." Julia wand sich vor Mißbehagen. "Sorry, daß ich mit dem Bagger in deinen privaten Garten gerattert bin. Aber das war ein Teil davon, was mich nicht schlafen ließ."

Alfie sah zu Boden. "Stimmt wohl, Julia. Es ist ja auch nicht so simpel, wie du vielleicht denkst. Ich verwende wie jedermann und jede Frau da drüben in den Staaten eine kleine Maschine, die mich sexuell entspannt. Das ist die Wahrheit, doch ich spreche nicht so gern darüber." Julia nickte aufatmend. "Das also ist einer deiner Geheimnisse. Okay, wenn du möchtest, entschuldige ich mich für das Baggerfahren, und ich wollte keinesfalls unziemlich fragen." Alfie schaute auf. "Und wie steht's mit dir selbst diesbezüglich?"

Julia errötete. "Ich? Nun, ich bin da nicht anders als die 'normalen' Mädchen, ich habe meinen Finger und reichlich Gleitgel. Mein Opa hat's mir gezeigt, wie ich es machen muß. Der Opa, weil meine Eltern verunglückt sind, als ich ein kleines Kind war. Ich bin bei Oma und Opa aufgewachsen, mußt du wissen." Alfie nickte. "Ich habe ein bißchen über deine Krankheit im Internet nachgelesen. Dort ist von "häufig Libido-Verlust" die Rede." Julia schüttelte den Kopf. "Das kommt ganz darauf, welche Variante du hast, es gibt mindestens 18 verschiedene Varianten meiner Krankheit. Ich habe eine starke, überschäumende Libido, aber ich nehme keine Pillen, die meine Libido zügeln sollen, wie es meine Ärztin vorgeschlagen hat. Ich denke, man muß nicht an jedem Rädchen drehen und herumpfuschen, wenn es nicht nötig ist. Ich bin ganz glücklich damit, wie meine Libido aktuell ist. Punkt." Sie wartete eine Augenblick. "Ist das ein Problem für dich?" fragte sie leise. Alfie schüttelte den Kopf. "Nein, Julia, wieso sollte es ein Problem für mich sein? Ich versuche es mir vorzustellen und es gelingt mir so halbwegs. Das 'überschäumend' mußt du mir eines Tages erklären."

Julia schenkte wieder Tee ein. "Ich habe mich in der Nacht herumgewälzt, denn es ließ mir keine Ruh'. Als du vom Jahr 2038 gesprochen hast, klang es für dich ganz normal. Mich hat es aufgeschreckt, denn wir haben erst 2025 — und es kam mir seltsam vor, daß das Nationalarchiv schon so weit vorausplant; aber unmöglich ist es ja nicht. Doch dann hast du gesagt, daß du dich versprochen hast — also, wenn ich eine fette Fliege oder eine fette Lüge sehe, dann erkenne ich sie auch, beide. Wir sollten unser Kennenlernen nicht mit Lügen pflastern, Alfie!" Er nickte. "Nein, Lügen können alles zerstören, obwohl es immer wieder Situationen im Leben gibt, wo man keine andere Wahl hat, als zu lügen. Da wirst du mir sicher recht geben. Und ja, im Nachhinein habe ich über meinen Versprecher ebenfalls nachgedacht. In 2038 werde ich voraussichtlich in Pension gehen, ich habe erst kürzlich mit der Direktorin darüber gesprochen. Vermutlich kam der heimtückische Versprecher aus dieser Ecke, vielleicht nur der sogenannte 'kognitive Cross-Talk-Effekt.'" Julia nickte verständnisvoll. "Okay, diesen Effekt kenne ich. Es passiert mir auch manchmal, daß ein Gedanke aus einem Gespräch sich klammheimlich in ein anderes Gespräch hineinschmuggelt." Julias Smartwatch fiepte leise.

Alfie stand auf und ging, seine Kleider zu holen. "Ich weiß, Julia, du mußt weiterarbeiten. Wir sehen uns ja morgen wieder, am Teich?"

Julia arbeitete gewissenhaft weiter an ihrer Diplomarbeit, recherchierte im Internet und las wichtig scheinende Artikel ganz durch und manche kopierte sie sich auch in einen Arbeitsordner, um sie eventuell später in die Fußnoten einfließen zu lassen. Immer wieder kehrten Gedanken an Alfie zurück. Nein, sie hatte nicht gewußt, daß man in Amerika 'kleine Maschinen' für die Selbstbefriedigung nutzte. Sie stöberte ein bißchen im Internet, und ja, da waren sie, jene für den Mann und andere für die Frau. Auf den Bildern wirkten sie unscheinbar und sie konnte es sich nicht sofort vorstellen, wie sie funktionierten. Aber mit ein bißchen Fantasie begriff sie die Mechanismen. Nein, das war wahrscheinlich nichts für sie. Andrerseits hatte Alfie gesagt, daß sie sehr weit verbreitet waren. Ihr Finger schwebte über dem "Bestell-Knopf", aber dann verwarf sie die Idee entschieden.

2038 würde Alfie in Pension gehen, da wäre sie selbst 34. Sie dachte lange nach, ob die kleine, fette Lüge nicht doch ein ganz anderes Geheimnis, ein richtig fettes Geheimnis zu verbergen suchte. Es klang ja nicht unplausibel, er hatte doch vor kurzem mit seiner Vorgesetzten über seine Pensionierung gesprochen. Aber wie plausibel war es, daß ein 42-jähriger sich jetzt schon um seine Pensionierung kümmerte? Und sich dann ein Sabbatical-Jahr nahm? Das ergab keinen Sinn. Sie würde ihn fragen. Denn, was sie überhaupt nicht leiden konnte, dann waren es lose Fäden, die ohne Antwort von der Decke baumelten, elektrische Leitungen, an denen der Elektriker noch keine Lampen befestigt hatte. Nun aber wandte sie sich wieder ihrer Diplomarbeit zu — für dieses Semester war sie damit zu spät dran, aber sie wollte über den Sommer daran arbeiten und es dann zum Anfang des Wintersemesters im September oder Oktober einreichen.

Am nächsten Tag kam der nächste Wolkenbruch eine Viertelstunde, bevor sie sich zum Teich auf den Weg machte. Es schüttete aus vollen Scheffeln und sie war sich beinahe sicher, Alfie würde davon überrascht worden sein. Von der Pálffygasse brauchte er sicher länger als eine halbe Stunde bis zum Teich. Vielleicht hatte er nicht einmal seine mickrige Regenhaut dabei. Sie rollte, gut in ihre Pelerine verpackt, mit dem Ferrari zum Teich. Alfie saß schon auf der Bank, er hatte die unverantwortlich-nutzlose Regenhaut übergestreift und grinste breit, als sie näher rollte. Er grüßte sie, laut gegen den prasselnden Regen rufend und sie rief ihren Gruß zurück.

Sie parkte den Ferrari an seinem Platz und er rief: "Wetten wir, wenn ich mir jetzt so eine gute Pelerine kaufe, wie du sie hast, dann gibt es für die nächsten zweitausend Tage keinen Wolkenbruch, nicht wahr!?" Julia schüttelte ihren Kopf. "Du wirst noch Schwimmhäute zwischen den Zehen bekommen, du unvernünftiger Sturkopf! Wir werden das Altbrot wieder in die Büsche streuen und dann gehen wir zu mir, dich aufzuwärmen und einen heißen Tee zu trinken. Punkt. Keine Widerrede." Alfie verstreute das Altbrot unter den Büschen, strich einem völlig überraschten Stockenterich über das grüne Köpfchen, dann trottete er im Regen neben dem Ferrari her, zu Julias Haus.

Alfie zog seine nassen Kleider aus und legte sie auf die Heizkörper. Er griff sich ein Badetuch aus dem Badezimmer und wickelte es um seine Hüften. Er stellte sich neben Julia in die Küche und ging ihr zur Hand. Er trug das Tablett mit der Teekanne, zwei kleinen Porzellantassen und dem Zuckerbehälter ins Zimmer und stellte es auf den Couchtisch, dann setzten sie sich beide auf ihr zugedecktes Bett. Sie tranken den heißen Tee in kleinen Schlucken und Alfie fragte, wie ihr Vormittag gelaufen sei.

Julia stellte ihre Tasse ab. "Obwohl meine Großeltern mir nicht nur diese Wohnung, sondern auch ein ansehnliches Bankkonto und Wertpapiere vererbt haben, arbeite ich vormittags im Home-office für die Kundenbetreuung einer Möbelhauskette, für IKEA. Früher habe ich vormittags etwa vier Stunden für die Beantwortung der Kundenfragen gebraucht, jetzt lasse ich mir von einer KI, einer Künstlichen Intelligenz Gemini von Google, dabei helfen. Nun brauche ich kaum noch zwei Stunden für die Arbeit, die Vorschläge und Antworttexte der KI sind in aller Regel perfekt und fehlerfrei. Und — ich werde nach wie vor als Teilzeitkraft bezahlt, ich bin sozial- und krankenversichert. Wie gesagt, ich müßte nicht neben dem Studium arbeiten, aber es ist ein gutes Training, um mit wirklichen Menschen in Kontakt zu kommen und ein bißchen auch, mein eigenes Geld zu verdienen. Das ist mir sehr wichtig, Alfie, ich will mich nicht nur auf Opas Bankkonto ausruhen, ich will aktiv und kreativ sein. Das Studium leidet keinen Augenblick darunter; ich feile unentwegt an meiner Diplomarbeit und das ist spannend und fordernd genug."

Alfie nickte. "Ja, das mit dem 'eigenen' Geld verstehe ich recht gut. Meine Kinder, Waltraud und Heinrich, haben auch sehr früh damit begonnen, Jobs anzunehmen, um ihr Taschengeld aufzubessern. Nein, Hilda — meine Frau — war sicher nicht knausrig mit dem Taschengeld, aber wir spürten, wie wichtig es für unsere Kinder war, ihr eigenes Geld dazuzuverdienen. Ich denke jetzt im Nachhinein, dies hat auch mit dazu beigetragen, daß sie sich weder Straßengangs angeschlossen noch zu Drogen gegriffen haben." Julia nickte, es tat gut, mit jemandem auf gleicher Wellenlänge zu sein.

"Und vormittags war ich auch bei meiner Ärztin. Gott sei Dank sind alle Werte im grünen Bereich, auch sie ist zufrieden mit dem Laborergebnis. Sie schüttelte den Kopf, weil mein Geschlecht ein bißchen wundgerieben ist. Ihre Empfehlung, ein Gleitgel zu verwenden, ist sehr richtig; aber es widerspricht der Spontaneität. Folgerichtig diskutierten wir lange über meine Libido, denn sie findet, daß man das einhegen müsse, aber ich bin nicht ihrer Meinung. Ich will nicht unnötigerweise an diesen Rädchen drehen und schrauben, so lange mir selbst die Libido nicht unangenehm oder pathologisch erscheint. Das versteht sie sehr wohl, aber sie ist nicht wirklich zufrieden, ich merke das, selbst wenn sie es nicht laut ausspricht." Alfie wiegte seinen Kopf. "Ich habe zu deiner Libido natürlich noch keine Meinung, Julia, wie sollte ich auch wissen, wie du eine 'überschäumende Libido' definierst!? Aber ich gebe dir in diesem Punkt recht: wenn es dir angenehm ist, so wie es derzeit ist, dann brauchst du auch an keinen Schräubchen zu drehen, wozu denn auch!?" Sie schwiegen lange, nachdenklich.

Dann sagte Alfie, "Als ich noch studiert habe, habe ich einen Nebenjob als Tätowierer gehabt, fünf Jahre lang. Ich mochte die Arbeit, weil man trotz der Schablonen ein Gefühl für Formen, Farben und Kreativität mitbringen mußte. Den Job habe ich eher zufällig angenommen, denn ich selbst bin nicht tätowiert. Aber es war immer gut, in Tuchfühlung mit anderen Menschen zu kommen, jeden Zentimeter ihrer Haut zu berühren, ihre Gliedmaßen oder ihre Genitalien zu berühren — ich denke, dieser Job hat mich auch geprägt, nicht nur der Wunsch, Kurator zu werden, also Bibliothekar. Als Tätowierer entwickelst du ein ganz eigenes Gefühl für menschliche Körper, für Haut und natürlich für weibliche Genitalien. Die Gesellschaft ist ganz verrückt nach Genital-Tattoos, und ich wurde ein gefragter Spezialist. Eins jedoch hat mich von vielen anderen Tätowierern unterschieden, ich habe damals nie etwas Sexuelles angebahnt wie so viele andere. Meine Einstellung zur Sexualität wurde hauptsächlich von meinen Großeltern Arthur und Katharina und von meiner Mutter Isolde geprägt."

Julia hakte ein. "Mich hat auch vor allem mein Großvater in meiner Sexualität geprägt, denn er war der Ansicht, man dürfe junge Menschen — also Kinder und Enkelkinder — nicht unwissend oder halbwissend in die Welt entlassen. Rückblickend gebe ich ihm Recht und bin ihm sehr dankbar, daß er mich geduldig und voller Liebe an meine Sexualität herangeführt hat, selbst wenn ich jetzt, in meinem Zustand nicht an einen Sexualpartner denken kann. Wie hat es sich bei dir zugetragen, kannst du mir davon erzählen, wenn's dir nicht peinlich ist?"

Alfie blickte zu Boden. "Nein, es ist mir nicht peinlich, nur spreche ich selten mit anderen darüber. Meine Großeltern Arthur und Katharina haben mir quasi das Fundament gelegt: Respekt, Hinhören und Diskutieren, die 3 Säulen einer guten Partnerschaft. Meine Mutter brachte mir das Praktische näher. Ich war ihr einziger Sohn und durfte als einziges ihrer Kinder nackt neben ihr schlafen. Ich begriff, daß Nacktheit etwas natürliches ist. Und daß man Vertrauen und Nähe zum anderen haben darf und soll. Und daß es völlig natürlich ist, die kleine Maschine ohne Scham zu benutzen, wenn man sich nahe stand, wie Mutter und Sohn. Das war selbst für die offene und aufgeklärte Gesellschaft wie in Amerika außergewöhnlich. Aber all dies ermöglichte es mir, eine gute, vertrauensvolle und wirklich herzliche Ehebeziehung mit meiner Frau zu führen. Herzlich im Sinne von vom Herzen kommend."

Julia lächelte und ergriff seine Hand. "Schon wieder bewegen wir uns in Themen, die ich sonst meide; beispielsweise meine Libido oder unseren sexuellen Werdegang. Es kommt wohl daher, daß ich das Gefühl bei dir habe, dich schon seit Ewigkeiten zu kennen und zum Freund zu haben. Wir kennen uns vielleicht eine Woche oder 10 Tage — dennoch warst du mir niemals fremd. Dieses Gefühl hatte ich bisher nur bei meiner Freundin Yvonne, meine beste Freundin und einzige Sexualpartnerin. Und ich muß zugeben, dieses Gefühl mag ich, Alfie, wirklich." Alfie entzog ihr seine Hand nicht. "Es ist schon seltsam, mit uns beiden," sagte er. "Ich habe dich aus dem Universitätsgebäude herausrollen gesehen und dein Gesicht, dein Gesichtsausdruck haben mich augenblicklich in ihren Bann gezogen, im Bruchteil einer Sekunde. Ich habe alles unternommen, um dir näherzukommen und dich kennenzulernen, als ob ich es müßte, ohne zum aufdringlichen Stalker zu werden. Üblicherweise mache ich das nicht — es sind genug Menschen innerhalb meines Horizontes, mit denen ich Kontakt habe oder haben muß, beruflich gesehen."

Sie saßen eine Weile stumm nebeneinander, jeder in seine Gedanken vertieft. Dann fragte Julia: "Ich wollte es schon seit Tagen fragen, was deine Kinder machen - beruflich?" Alfies Gesicht hellte sich auf. "Heinrich ist Chirurg, spezialisiert auf die menschliche Hand. Er hat ein großes Projekt gestartet, Operationsroboter auf die sehr komplizierten Operationen der Hand zu programmieren. Und Waltraud, sie arbeitet für das Gesundheitssystem des Staates Michigan, sie hat Psychologie studiert und betreut vorwiegend Schulpsychologen im ganzen Staat. Du kannst dir wohl denken, wie stolz ich auf meine Kinder bin. Und eines Tages werden sie irgendwo Anker werfen und eine Familie gründen, da habe ich keinen Zweifel. Und mich natürlich zum Opa machen, zu einem alten, uralten Opa natürlich." Sie lächelten beide, weil er es mit breitem Schmunzeln gesagt hatte. Julia dachte daran, sie würde niemals Kinder und Enkelkinder haben.

Die Smartwatch an Julias Handgelenk fiepte leise, sie stellte den Alarm mit einer Geste ab. Alfie erhob sich und kleidete sich an. "Alfie, ich gebe dir meine Telefonnummer, damit wir uns absprechen können, wenn der nächste Wolkenbruch uns zur Teekanne jagt. Okay? Die Nummer gib aber bitte nicht an Hinz und Kunz weiter, claro?" Alfie tippte die Nummer in sein Handy. "Ich kenne zwar weder deinen Hinz noch den Kunz, den schon gar nicht, aber die beiden bekommen deine Nummer nicht, nur alle anderen" grinste er, Lachfältchen um die Augen. Er wählte sofort die Nummer, und Julias Smartphone klingelte leise. "Nun hast du auch meine Nummer gespeichert" erklärte er. Er küßte Julia auf die Wange, dann ging er leise.

Julia blickte nur hie und da hinaus, draußen tobte der Jahrhundert-Wolkenbruch. Es gab bereits Überschwemmungen in der Stadt, die U-Bahnlinien U2 und U4 wurden eingestellt, da Teile der Bahnanlagen schon überschwemmt waren. Der Wien-Fluß, sonst ein gemächliches Rinnsal ohne besondere charakterliche Auffälligkeit, hatte sich in einen reißenden Fluß verwandelt und hatte große Teile der Bahnanlagen der Linie U4 beschädigt. Sie wandte sich ihrer Diplomarbeit zu, es ging um den Vergleich deutscher und französischer Legenden und Mythen, die antiken griechischen Götter betreffend. Sie sprach fließend Französisch, ihre Großmutter stammte ja aus Frankreich und so hatte Julia spielerisch von Jugend auf französisch gelernt. Julia hatte hunderte Artikel und Erzählungen aus dem Internet kopiert und las nun in zwei Browserfenstern nebeneinander eine deutsche und eine französische Parabel oder Legende. Es war ein sehr produktiver Nachmittag, sie hatte ihr Manuskript um gute 8 Seiten erweitert, hauptsächlich stichwortartige Notizen gemacht und würde sie später in ganze Sätze, Absätze oder Fußnoten verwandeln.

Sie schreckte hoch, aus einem wilden Traum. Sie saß für Augenblicke aufrecht im Bett und blickte dann auf ihre Armbanduhr. 5 Uhr 20, viel zu früh zum Aufstehen. Was hatte sie geträumt? Wie Nebelfetzen flogen Szenen an ihrem inneren Auge vorbei. Sie war, auf einen Skistock gestützt, durch Tiefschnee auf das alleinstehende Haus zugegangen, sie sank bei jedem Schritt bis zu den Hüften ein und der Sturm, vielleicht ein Blizzard, fetzte Schneeflocken in ihr Gesicht, in ihre Augen. Endlich erreichte sie das Haus und trat ein. Sie ging durch einen langen Korridor und betrat ein Schlafzimmer. Auf dem Doppelbett lagen eine nackte Frau und ein nackter Junge. Es war Alfie und seine Mutter. Sie hielten sich an der Hand und lächelten beide selig-entrückt. Auf ihrem Unterleib je ein kleines Kästchen. Sie wollte herbeispringen und die beiden warnen, aber da brach schon die Schneelast durch die Decke und sie glaubte, im Schnee zu ersticken. Im Ersticken wachte sie auf, schweißnass und verstört. Erleichtert nahm sie im Dämmerlicht des anbrechenden Morgens ihr Wohnschlafzimmer wahr. Es war nur ein Traum. Ein dummer Traum. Nichts als ein dummer Traum. Sie schlief Augenblicke später wieder ein.

Den ganzen Vormittag über erledigte sie eine doppelte Portion an Kundenkorrespondenz für IKEA und blickte besorgt aus dem Fenster. Der rasende Wolkenbruch machte höchstens hie und da 5 Minuten Pause und überließ einem gewöhnlichen sommerlichen Nieselregen die Bühne, nur um nach Minuten den armen Nieselregen rüde beiseite zu schieben und den Wolkenbruch wieder auf die Stadt loszulassen. Sie hörte in den Nachrichten die Meldungen über das Hochwasser in der Stadt. Gegen Mittag rief Alfie an. Er sagte feixend, er habe sich nun doch eine feste Pelerine gekauft, einen wie sie sie hatte. Julia sagte, sie hätte schon zwei Tage in Folge nicht mehr am Teich bei ihren Vögeln gesessen, sie würde trotz des Wolkenbruchs gerne wieder hinrollen. Alfie sagte nach einer Sekunde, "Okay, ich breche auf, bin in ca. 40 Minuten am Teich. Mit der neuen Pelerine natürlich," setzte er hinzu.

Julia war als erste am Teich. Den Wasservögeln gefiel der nasse, matschige Boden offenbar. Julia hatte beim Bäcker noch einen halben Laib Brot extra gekauft und riß nun kleine Stückchen ab und warf sie den Vögeln zu. Sie hatte eigentlich erwartet, daß der Teich übergelaufen sein würde, aber keine Spur. Vielleicht war der Wasserstand einen Zentimeter höher als sonst, aber von Überlaufen keine Spur. 20 Minuten später kam Alfie in seiner neuen Pelerine, sie war dunkelgrün, aber aus festem Material. Er hatte sie in einem Militär- und Jägerei-Shop in der Mariahilfstraße gekauft. Julia nickte anerkennend, als er hinzusetzte, kein bißchen Regen käme durch, garantiert nicht. Julia setzte mit dem Ferrari ein Stückchen zurück, so daß sie direkt neben der Bank parkte, auf der Alfie saß. So konnten sie sich — wegen des lauten Regens — halblaut unterhalten. Julia erzählte, daß sie gestern Nachmittag ganze 8 Seiten Notizen für ihre Diplomarbeit geschafft hatte, das sei recht viel. Und trotz eines blöden Traumes, der sie am Morgen unsanft aus dem Schlaf gerissen habe, hatte sie heute Vormittag vier Stunden für IKEA gearbeitet und den Rückstand aufgearbeitet. Alfie fragte, "Welcher blöde Traum?"

Julia berichtete, an was sie sich noch erinnerte. Alfie hielt den Kopf schräg. "Also, Blizzards gibts in Chicago natürlich, aber nur selten. Und von der Straße führt ein Weg aus Steinplatten zu meinem Haus, dein Kampf gegen den Tiefschnee kommt aus deinem Unterbewußtsein. Und selbst wenn die Schneelast durch das Dach fiele, es sind im Dachgeschoß drei Kinderzimmer und ein Badezimmer, da wir immer schon drei Kinder haben wollten. Und die Bettszene — da ist dir deine poetische, romantische Ader durchgegangen, mein Liebes, denn Mama und ich haben so niemals Händchen gehalten. Es gab niemals irgendwelche Schwulitäten zwischen Mama und mir. Und die Maschinen hüpfen auch nicht, um die Begattung zu simulieren.

Wenn mein Maschinchen mich entspannt hatte, legte ich meine Wange auf Mamas Brust und weinte manchmal, weil ich danach immer so traurig war. Ich hörte dem Galopp ihres Herzschlags zu und beobachtete fasziniert den Stößel ihres Maschinchens, der rhythmisch in ihren Busch vorstieß, ihre Finger tief im Busch vergraben. Aber es ist interessant, wie sehr dich diese Dinge beschäftigen, sogar im Traum." Alfie legte seinen Kopf schief und die Regentropfen kullerten nun über sein Gesicht. "Du hast dir ein Bild gemalt, weil es für dich als etwas Besonderes erscheint, Mama und mich nackt nebeneinander liegen zu sehen. Und, weil du die kleinen Maschinen noch nie gesehen hast. Du spürst aber so feinfühlig, daß die Sexualität Mama und mich innig verband. Das ist interessant, sehr interessant. Und es ist wahr, ..." Er war schon drauf und dran, etwas zu sagen, doch dann schwieg er nachdenklich. Julia schaltete die Sitzheizung des Ferraris ab. "Wir brauchen nicht darüber zu reden, Alfie, es scheint vielleicht nicht die richtige Zeit dafür zu sein." Sie zog den Kopf ein, sie wollte jetzt eigentlich nicht in seinem Sex mit seiner Mama herumstochern. Sie wußte instinktiv, daß es so war.

"Sag mir, Alfie, was machst du so den ganzen lieben Tag lang? Du bist doch quasi auf Urlaub, in einem Sabbatical. Da besucht man doch einen Guru in Indien, besteigt einen Achttausender in Tibet oder erlernt katalanische Liebeslieder. Zum Beispiel." Alfie lachte in seinen nicht vorhandenen Bart. "Katalanische Liebeslieder? Tibetanische Achttausender? Ein übergewichtiger, stinkender Guru in Pondicherry im Tamil Nadu? Du liest zu viele Agatha-Christie-Krimis, Mädchen. Nein, im Sabbatical kann ich mich ungestört einer Hauptaufgabe widmen, ohne auf den Tagesbetrieb als Kurator Rücksicht nehmen zu müssen." Julia hakte sofort nach. "Und welche wichtige Aufgabe hast du dir vorgenommen, lieber Alfie? Etwa pickligen Mädchen von der Universität weg zu folgen und so zu tun, als wär's kein Stalking?" Sie lachten beide lauthals, und der bösartige Dauerregen konnte ihrer lockeren, freundschaftlichen und fröhlichen Unterhaltung nichts entgegensetzen.

Alfie wurde wieder ernst. "Nein, es ist okay, daß du fragst. Vor einem halben Jahr haben randalierende Jugendliche oder junge Randalierer einen Teil unserer Bibliothek bei einem Saufgelage in Brand gesteckt. Natürlich haben die Sprinkleranlage und die Feuerwehr ihr bestes gegeben, aber alle Unterlagen in meiner Abteilung über die Medienberichte und Publikationen Europas von 1968 bis 1985 sind verbrannt. Auch in zwei benachbarten Abteilungen gab es schwere Verluste, aber darum kümmern sich andere Kuratoren. Offiziell bin ich in einem Sabbatical, aber ich habe mit der Direktorin vereinbart, bei vollem Gehalt ein Jahr lang in Europa zu sammeln, was ich sammeln kann, damit es wieder abgespeichert werden kann.

Ich habe in der Pálffygasse zwei nebeneinander liegende Wohnungen gemietet, die kleinere für mich, die größere habe ich leerräumen lassen und die fülle ich nun mit den gesammelten Schätzen. Ich sitze 8 bis 12 Stunden am Computer und bestelle alles, was ich noch kriegen kann. Beim Postamt habe ich ein Kästchen gemietet, wo ich die Schätze täglich mit einem Einkaufswägelchen abhole. Am Anfang brauchte ich ein Lastentaxi, als noch viel geliefert wurde. Die fette Postmeisterin sieht mich immer komisch an, obwohl ich sie mit ihrem unappetitlichen, ungepflegten Damenbart für komisch halte. Einmal in der Woche fahre ich mit dem Lastentaxi zur Altpapier-Sammelstelle. Das ist in groben Zügen meine jetzige Aufgabe. Und ich bin um jede Minute froh, die ich in deiner Gesellschaft verbringen darf. Das wiegt alle Achttausender, katalanische Liebeslieder und eklige indische Gurus bei weitem auf. Ich bin sehr fleißig und will die alten Datenbestände wieder herstellen, das ist irgendwie meine Pflicht. Obwohl die Direktorin meint, das sei eine lobenswerte Fleißaufgabe; andere Kuratoren würden mit den Achseln zucken, das sei halt ein Brandschaden, basta! Aber so bin ich eben nicht gestrickt."

Julia beugte sich vor. "Ich habe jetzt ein viel besseres Bild von dir, Alfie. Bisher hielt ich dich nur für einen Touristen, was an sich auch nicht schlecht wäre. Doch jetzt sehe ich, daß du hier fleißig arbeitest und die Dollars der Nationalbibliothek für eine Rettungsmission aus dem Fenster wirfst. Das ringt mir eine Achtung ab, die ich bisher für dich nicht hatte. Ja, nach wie vor bist du ein geheimnisumwitterter Mann für mich, aber du hast den Schleier über ein Geheimnis gelüftet und mich unter den Schleier blicken lassen, einen Hauch der Callipyge entblößt. Ich sehe dich nun etwas klarer als bisher. Danke dafür!" Sie drückte seinen Unterarm unter der festen Pelerine. "Irgendwie freue ich mich darüber, daß du kein streunender Ami bist wie andere, sondern daß du hier fleißig arbeitest, im Dienste Ihrer Majestät!" Er grinste. "Ja, wie James Bond, aber ganz ohne die Beretta." Sie wurde nachdenklich. "Falls du etwas hast, was ich für dich suchen oder recherchieren kann, sag nur, ich mach's!" Alfie schüttelte den Kopf, "Nein, danke. Ich bin ziemlich fix im Recherchieren, glaube mir. Und natürlich nütze ich auch jede KI, die es auf Gottes Erden gibt. Die kennen mich schon, wie den bunten Hund."

Er grinste. "Du hast übrigens recht, die Taschen der Nationalbibliothek sind tief und ich bekomme jeden Dollar, den ich fordere. Die Schmöker, Wälzer und alten Zeitschriften kosten ein schwindelerregendes Vermögen und ich habe mir schon von Anfang an vier Scanner installiert, die rund um die Uhr vollautomatisch arbeiten. Die Direktorin zuckt nicht mal mit der Wimper, wenn ich wieder einen Sack Dollars fordere. Sie weiß, daß ich's nicht für Wein, Weib und Gesang ausgebe. Ohne ihre Unterstützung säße ich schon längst am Ufer der Seine und würde dort die Schwäne mit Tränen und Altbrot füttern." Julia mußte lachen, was für ein kauziger Kerl war doch dieser Alfie!

"Sag mal, Alfie, ich wollte dich das schon die längste Zeit fragen: du hast keine Haare auf dem Kopf, keine Augenbrauen: ist das die Folge einer Chemotherapie?" Alfie schaute irritiert auf. "Chemotherapie? — Ah, du meinst, eine Krebstherapie? Nein, keineswegs, ich bin vom Krebs bisher verschont geblieben. Nein, meine Eltern haben mir und meinen zwei Schwestern alle Haare in unserer Kindheit epilieren lassen, weil sie einer sehr kontroversen medizinischen Meinung gefolgt sind. Heutzutage macht man das nicht mehr; der Haarwuchs ist etwas Natürliches und die Kontroverse ist auch beendet. Meine Schwestern malen sich Augenbrauen, kleben falsche Wimpern an und tragen Perücken verschiedenster Farbe und Form. Irmgard, meine jüngste Schwester hat einmal halb scherzhaft gemeint, es habe auch etwas Gutes, man spare sich das tägliche Haarwaschen und könne jeden Tag eine andere Frisur tragen. Mich selbst stört es nicht, in den USA gehen viele Männer mit Glatze und es hat auch keinen üblen Beigeschmack mehr, man wäre automatisch ein Gangster." Julia verstand. "Hierzulande gibt es auch viele Männer, die ihren Kopf kahlscheren, und den kriminellen Beigeschmack hat es keineswegs. Aber ich kenne einige, denen die Haare und Augenbrauen bei einer Chemotherapie ausgefallen sind, daher kommt meine Frage."

Der Wolkenbruch hörte so abrupt auf, als hätte Sankt Petrus einen Schalter umgelegt. Sie schälten sich aus den Pelerinen, als der Himmel schnell aufklarte und die Juli-Sonne wieder herunterknallte. "Wird ein heißer Sommer," sagte Julia, "ich höre neben dem Arbeiten mit halbem Ohr Radio." Alfie nickte und murmelte, er hätte es in den Abendnachrichten bereits gehört. Er drückte seine Schultern durch. "Julia, an den beiden kommenden Tagen komme ich nicht hierher, ich verreise, vielleicht sogar einen Sprung in die Staaten. Aber nach zwei Tagen bin ich wieder da, pünktlich." Julia lächelte, "Du bist doch ein freier Mann und bewegst dich, wie du möchtest oder wie es deine Chefin verlangt. Ich werde den Vögeln genug Altbrot bringen, um die brauchst du dir keine Gedanken zu machen." Julias Smartwatch fiepte leise, Ende der Vogelfütterung. Alfie stand auf und reichte ihr seine flache Hand. Sie legte ihre Hand darauf und er sagte, "Auf Wiedersehen, Julia, bis in drei Tagen!" dann wandte er sich um und ging. Julia blickte ihm noch lange nach. Sie wendete den Ferrari und rollte los. Was war das, was sie fühlte? War es nur Wehmut, die nächsten beiden Tage den Gefährten nicht sehen zu können, und war Alfie wirklich nur ein Gefährte oder schon ein Freund, der ihr ans Herz gewachsen war? Ach, heute Nachmittag kam Yvonne, sie würde diese Frage mit ihrer liebsten Freundin erörtern, vielleicht brachte dies mehr Klarheit?

Natürlich konnte auch Yvonne keine Klarheit bringen, obwohl sie beide den Alfie ausgiebig in ihren Mündern drehten und wendeten und ihn von allen Seiten durchkauten und inspizierten. Alfie war ein außerordentlicher, aber auch komplizierter Mann, da waren sich beide Freundinnen einig. Yvonne seufzte, "Julia, du mußt mehr auf dein Herz als auf deinen Verstand hören, wenn es sich um einen Jungen oder einen Mann handelt. Dein Herz ist viel schlauer als dein Kopf. Die üblichen Verdächtigen, den Verführer, den ficksüchtigen Kerl, den Erbschleicher oder Finanzbetrüger hat dein Kopf bereits ausgeschlossen, nun lehne dich zurück und höre auf dein Herz. Vielleicht ist er der erste ernstzunehmende männliche Freund deines Lebens, Mädchen! Ich wünsche mir sosehr, daß es so sei, es würde dich noch glücklicher machen. So, wie du es schilderst, daß er bei deinem Anblick in deinen Bann gezogen wurde, als du aus dem Unigebäude herausrolltest, das ist nicht kitschig, das ist wie es im Leben läuft. Auch ich erlebe dies, daß man nur einen Sekundenbruchteil braucht, um sich in einen Kerl zu vergucken. Und meist liegt man richtig, selbst wenn sich später die Probleme wie Staub unter der Kommode anhäufen und die flirrende Faszination zerstören. Das ist das echte Leben, das ist die reale Welt, in der wir leben und uns verlieben." Ja, die Yvonne, die war eine echte Freundin. Julia lächelte, vom Verliebtsein sei man noch Meilen entfernt, aber kaum hatte sie es laut ausgesprochen, setzte sich ein nagender Zweifel in ihrem Herzen fest. Du verstehst, so ein häßlicher Zweifel mit schlechten Zähnen, heimtückischen Äuglein und schiefem Grinsen und in Lumpen gehüllt. So einer, der sich hochmütig und hoffärtig sicher ist, es auf jeden Fall besser zu wissen als du selbst. Halb panisch fragte sie sich, ob sie in Alfie verliebt sei, kann das überhaupt sein?

Alfie kam am dritten Tag pünktlich zum Teich. Er gab Julia einen Kuß auf die Wange, als sie sich freudig begrüßten. Mit keinem Wort nahm er Bezug auf seine Reise, er fragte im Gegenteil, wie ihre Arbeit mit den IKEA-Kunden und ihrer Diplomarbeit vorankam. Julia berichtete, sie hatte in einem versteckten Winkel des Internets eine bescheidene, unauffällige Seite entdeckt, von wo auf ein sehr altes Buch aus dem 19. Jahrhundert verwiesen wurde. Damals, in der Hochblüte des Neoklassizismus um 1870 herum, hatte ein kauziger Schriftsteller namens François Anatole Thibault alte, zumeist mündlich tradierte Sagen und Legenden aus dem antiken Griechenland gesammelt und aufgeschrieben, die ganz wunderbar in ihre Diplomarbeit paßten. Sagen, in denen Hera noch keinen Heiligenschein hatte und Zeus emsig hörnte. Sie war sich sicher, daß heutzutage kaum einer noch an diesen alten Kauz dachte, dieses Fundstück wäre ein kleiner Edelstein, etwas Besonderes in ihrer Arbeit.

Alfie hatte aufmerksam zugehört, ihm gefiel ihre Leidenschaft und Begeisterung für das Sujet. Sie sahen eine Weile schweigend den Vögeln zu, die sich die Brotkrumen teilten, einer ganz bestimmten Hierarchie folgend. Zuerst nahmen sich die Graureiher-Damen einen Teil, zuletzt die Haubentaucher. Und all dies ohne Gekreische, drohendes Flügelschlagen oder Schnabelschnappen. "Wohlerzogene Dinosaurier" murmelte Julia.

Alfie griff in seine Tasche und holte ein Gefäß aus dunkelbraunem Glas heraus. Es war achteckig und etwa 15cm hoch. Der Inhalt konnte ein Viertelkilo oder 300ml sein. "Julia, es hat mir keine Ruhe gelassen, deine Glasknochenkrankheit und die unerträgliche Aussichtslosigkeit. Ich habe dir ein Pulver mitgebracht, es dämpft oder lindert nicht, nein, es heilt deine Krankheit binnen 90 Tagen vollständig. Das Medikament ist kein Experimentelles, es ist zugelassen. Und nur sehr schwer erhältlich, weil es sauteuer ist, selbst für amerikanische Begriffe. Aber die Taschen der Nationalbibliothek sind tief, ich habe mir die Freiheit genommen. Natürlich habe ich der Direktorin den Zweck genau erklärt, und sie hat nur verschmitzt gelächelt, als sie es bewilligte: "Aber daß du dein Herz nicht in Europa verlierst, mein Guter!" hat sie mich halb im Ernst ermahnt. Aber diese Gefahr besteht nicht. Ich wollte dir nur helfen, weil ich dir helfen kann und die anderen nicht."

Julias Herz machte einen Sprung, der ihr den Atem nahm. "Aber — wie kann das sein? Ja, wissen wir Europäer denn nicht, was ihr Amerikaner forscht und herstellt?" Sie starrte auf das Gefäß. Alfie öffnete es und schüttete ein weißes Pulver, etwa einen halben Teelöffel, in seine Handfläche. Er leckte es auf und schluckte es. "Es ist nicht giftig, sonst würde ich jetzt tot umfallen. Die Pharmazeutin hat mir erklärt, daß es jene Gene stimuliert, die für die Bildung von Typ-I-Kollagen verantwortlich sind — was immer die genau sein mögen. Deswegen hast du die Krankheit. In den Staaten hat niemand mehr diese Krankheit, Kleinkinder werden mit dieser 90-tägigen Therapie bereits im zweiten Lebensjahr behandelt und geheilt. Punkt. Deswegen wußte ich so wenig über deine Krankheit. Also, nimm bitte jeden Morgen einen gestrichenen Teelöffel von diesem Pulver 20 Minuten vor dem Frühstück, und du kannst dazu Tee trinken, wenn du magst. Man hat nur einen süßen Orangengeschmack beigefügt wegen der Kinder. Wenn dein Körper auch nach 90 Tagen immer noch kein Kollagen bildet, hole ich noch ein ganzes Faß von diesem Pulver, verdammtnochmal! Ich will dich gesund sehen, und vor allem, daß du nicht schon mit 40 zu deinen Ahnen reitest, Mädchen!" Alfie reichte ihr den Behälter. "Werde gesund, Julia!"

Julia wurde es heiß und kalt zugleich, als sie das Gefäß auf ihren Schoß legte. "Ich — ich bin wie erschlagen, Alfie. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Daß du eine weite Reise in die Staaten machtest, nur um mir ein Heilmittel zu besorgen. Daß du dir überhaupt Gedanken über meine Krankheit gemacht hast, obwohl man mich schon aufgegeben hatte, nach hiesigem Wissensstand. Daß du die Zeit findest, neben deiner eigentlichen Aufgabe noch an mich und meine Krankheit zu denken. Du bist ein wirklich außergewöhnlicher Mann, ein Freund, wie man ihn nicht alle Tage findet. Ich danke dir, ich danke dir aus tiefstem Herzen! Ein normales, gesundes Leben ohne Furcht vor Knochenbrüchen zu führen, das ist wie der Heilige Gral, unerreichbar und unwirklich." Julia verstummte. "Ich werde meiner Ärztin eine Probe bringen müssen, denn sie wird es untersuchen wollen. Wir haben gesundheitsmäßig ein Vertrauensverhältnis, und da muß ich ihr davon berichten." Alfie nickte. "Das weiß ich natürlich, diese Ärztin kümmert sich sehr gewissenhaft um dich, meine Liebe. Bring ihr eine kleine Probe, nicht allzuviel, denn der Inhalt ist für eine 90-tägige Heilkur ausgelegt. Dein Körper wird jedes Körnchen brauchen."

Plötzlich liefen Julia die Tränen über die Wangen. "Yvonne und ich haben hin- und her überlegt, ob du kein Freund oder doch ein Freund für mich bist. Und ich habe ihr gesagt, meinem Gefühl nach bist du ein Freund, den mir der Himmel unerwarteterweise in den Schoß hat fallen lassen. Und jetzt weiß ich es, in aller Klarheit: du bist mein bester Freund, ein Mann der nichts verlangt, sondern mich großzügig beschenkt. Ich werde alles tun, für dich eine ebenso gute Freundin zu sein, Alfie, mein Freund!" Sie legte eine Hand vorsichtig auf seinen Unterarm, eine körperliche Geste des Vertrauens und der Freundschaft, die sie damit besiegelte. Alfie blickte sie direkt an, seine Augen tief und unergründlich wie ein tausend Meter tiefer Bergsee. "Ich will dein Freund sein, Julia, und es wäre eine Ehre für mich, mich deinen Freund nennen zu dürfen. Du bist meine einzige Freundin — er stockte kurz — meine einzige Freundin hier in Europa."

Julias Smartwatch fiepte und unterbrach die intime Situation rüde. Ärgerlich brachte sie den Alarm zum Schweigen. "Alfie, vor vier oder fünf Tagen noch war es ein Wolkenbruch, vor dem wir in meine Wohnung geflüchtet sind. Nun brennt uns die Juli-Sonne das Hirn aus dem Schädel. Würdest du mich in meine Wohnung begleiten und vielleicht eine kalte Limonade trinken? Ich hätte dich jetzt so gerne ganz für mich allein, ganz egoistisch." Sie stockte kurz. "Ich fühle mich so glasknochenartig und zerbrechlich wie hauchdünnes chinesisches Porzellan. Ich fürchte, jeden Augenblick zersplittern zu können. Selbst die 'überschäumende' Libido brachte mir nur Sekunden des Vergessens, dann stürzte wieder dieses Gefühl über mich herein, wie eine feindlich gesinnte Glasglocke über meine Seele gestülpt."

Alfie nickte und stand auf. "Aber natürlich, Julia, dazu sind ja Freunde da — wenn man jemanden um sich haben will, wenn man gemeinsam sich vom öffentlichen Trubel losreißen will. Wenn man sich verletzlich wie dünnes chinesisches Porzellan fühlt und selbst deine 'überschäumende' Libido nicht wirklich hilft." Sie rollte mit dem Ferrari los und er trottete neben ihr her. In der Wohnung angekommen stellte sie den Glasbehälter mit dem Heilmittel auf die Küchenkredenz und stellte den Ferrari auf seine Ladestation. Sie stand auf und hielt sich an einem Regal fest.

"Bitte, verstehe mich nicht falsch, Alfie, aber ich habe das Bedürfnis, nackt neben dir auf dem Bett zu liegen, Haut an Haut und deinen Körper zu streicheln, kennenzulernen. Nein, ich will keinen Sex, daran denke ich nicht im Entferntesten. Ich will nur Nähe, nichts als intime Nähe." Alfie nickte zustimmend. Julia nahm zwei Flaschen aus dem Kühlschrank. "Ein naturtrüber Holundersaft, direkt vom Bauernmarkt, mit Mineralwasser die beste Erfrischung bei dieser Affenhitze." Sie schenkte ein und stellte die Gläser auf das Nachtkästchen, ebenso einen Aschenbecher und Zigaretten. Sie begann, sich auszuziehen und Alfie ebenso. Sie legten sich aufs Bett und Alfie sagte, "Als Teenager vor dreißig Jahren habe ich auch geraucht, aber seither nicht mehr. Ich bin nicht vom Nikotin abhängig. Aber wenn wir es als gemeinsames Lagerfeuer betrachten, dann ist es okay für mich." Seine Augen glitten über den schmächtigen, schlanken Körper seiner schönen Freundin. "Du bist ein sehr schönes Mädchen, Julia, innen wie außen!"

Alfies Fingerspitzen folgten den beiden tätowierten Schlangen, die auf ihren Innenschenkeln hoch schlängelten. "Wirklich, erstklassige Arbeit!" sagte er. Sie sah ihn mit großen Augen an. "Es gibt noch eine, die Große Schlange!" flüsterte sie und öffnete ihre Schenkel. Alfies Augen glänzten. Ein riesiger Schlangenkopf zierte ihr Geschlecht, mit weit aufgerissenem Rachen und Giftzähnen. "Sieh ihn dir ruhig an, Alfie," hauchte Julia. Seine Hände tasteten vor. Ihre Schamlippen waren in seinen Rachen kunstvoll eingearbeitet, ihr Kitzler bildete das Gaumenzäpfchen, die uvula. Die kleinen Schamlippen zogen sich messerscharf vom Kitzler weg bis ganz hinunter, sie bewachten ihr Heiligtum vor unziemlichen Blicken. Er betrachtete den Kitzler sehr aufmerksam, er war gerötet und wundgerieben. Er sagte nichts dazu und griff nach ihren Knien, um sie wieder sanft zu schließen. "Ich habe früher selbst solche Schlangen tätowiert, meist wollten die Mädchen ihren Liebhaber vor dem Akt zurückschrecken lassen. Welch törichter Gedanke! Das hält keinen auf."

Julia legte ihre Hand auf seinen Handrücken. "Ich habe es in Brad's Tattoo Shop machen lassen, weil er es verstand, mir keine Knochen zu brechen. Erst die beiden Schlangen, die mir immer mehr gefallen, sie wirken von Tag zu Tag irgendwie noch erotischer. Und ich liebe die verwirrten Blicke der Passanten auf die beiden Schlangen, ich verdorbenes Mädchen! Zwei Wochen später kam die Große Schlange, Brad hat ganz genau verstanden, was ich von ihm erwartete. Als er aber verlangte, ich müsse mich selbst mit eigener Hand beim Tätowieren entspannen, da wäre ich am liebsten davongerannt.

So hat es mir seine Assistentin gemacht, die Leila, ein perverses Weib. Sie machte es mir immer wieder grinsend, weil sie sich daran ergötzte, daß ich jedesmal vor Scham am liebsten gestorben wäre. Dem Brad war das egal, er putzte seine Geräte sorgfältig und guckte kaum hin. Ich weiß nicht, wieso ich so zimperlich war, Alfie, vermutlich bin ich nur eine dumme Kuh, weiter nichts. Brad verlangte ja nichts anderes als es mir gleich dort im Studio zu machen, vor den Augen der eifersüchtigen Leila. Ich fühlte eine gewisse Genugtuung, weil ihre eifersüchtigen Augen fast aus dem Kopf fielen." Alfie legte seine Hand auf ihre, beruhigend und stumm.

Er stützte sich auf die Ellenbogen und blickte in ihre Augen. "Du hast vorhin Yvonne erwähnt. Du hast früher einmal gesagt, sie sei deine beste Freundin und einzige Sexualpartnerin. Habe ich das so zu verstehen, daß du eine unberührte Jungfrau bist, Julia?" Julias Fingerspitzen, die sanft und neugierig über seine Brust und seine Innenschenkel gestrichen hatten, stockten in der Bewegung. "Nein, Alfie, ich bin seit vielen Jahren keine Jungfrau mehr, nicht seit ich 16 war. Ich habe mit 16 meine Jungfernschaft meinem Opa geschenkt, sie stand ihm zu, und nur ihm. Es war ein erhabener, heiliger Akt und ich habe vor Freude geweint, damals in Venedig. Seither hatte ich immer wieder Sex, ich mußte nur darauf achten, daß meine Knochen heil blieben. Und noch vor kurzem hatte ich wunderbaren Sex mit einem süßen Jungen; ich beherbergte zu Anfang dieses Jahres für zwei Wochen Reginald, einen gleichaltrigen Cousin dritten Grades, der in Neuseeland lebt und uns, seine Verwandtschaft in Wien, besuchen kam. Mich und meine drei unkeuschen Kusinen, das flatterhafte Trio." Alfie lächelte, sie hatte ihm von den sündig-unkeuschen Achterbahnfahrten der versauten Drillinge berichtet.

"Er schlief hier, wo du jetzt liegst. Er lebt in Stratford, einem Städtchen am Fuße des Vulkans Taranaki. Und er hat ein Verhältnis mit seiner älteren Tante Jamie, die ebenfalls an der Glasknochenkrankheit leidet wie ich. Er ist ausgebildeter Physiotherapeut und hat die Jamie erst als Patientin gehabt. Sie hat ihm ihr Herz geöffnet, sie hatte viel Sex in ihrer Jugend, aber seit mit 22 die Glasknochenkrankheit erbarmungslos ausgebrochen war, mied sie die Männer und den Sex. Sie weinte, wie sehr ihr die körperliche Nähe und der Sex fehlten. Er nahm die weinende 32-jährige in den Arm und sie wurden ein Liebespaar. Daher weiß er ganz genau, wie man mit solch einer Frau Sex haben kann, ohne ihr jeden Knochen im Leib zu brechen.

Ich mochte ihn, ich vertraute ihm und erlaubte ihm, Sex mit mir zu haben, obwohl ich natürlich wußte, daß er tagsüber die Felder meiner Kusinen bestellte, in den Furchen pflügte und fleißig Samen säte, vormittags und den ganzen Nachmittag über. Ich habe diese zehn Tage Sex mit ihm als sehr schön in Erinnerung, er ist ein sanfter und zärtlicher Mann, der Reginald. Und überschäumend wie ich, denn unter drei Runden gab er sich nicht zufrieden, der Teufelskerl, bis lange nach Mitternacht fand ich keinen Schlaf" sagte Julia leicht errötend. "Also nein, Alfie, ich bin schon seit langem keine Jungfrau mehr."

Sie schwieg und sah ihn forschend an. Alfie nahm zwei Zigaretten und zündete sie an. "Danke, daß du mir so etwas Intimes anvertraust, Julia. Ich habe eher mit einer Ja/Nein-Antwort gerechnet. Aber es tut wohl, zu wissen, daß du Sex hast und weißt, daß du es nach deiner Heilung auch weiter bedenkenlos haben wirst, vielleicht etwas entspannter und furchtloser." Julias Finger stockte auf seiner Brust. "Ist das ein Herzschrittmacher, ein pacemaker?" fragte sie und betastete das kaum sichtbare Kästchen, die unter seiner Muskulatur zu ertasten war. Alfie schüttelte den Kopf, "Nein" und dann dachte er lange nach. Sehr lange.

Der Taktstock in der erhobenen Hand des Dirigenten zitterte, die Spitze zitterte, als ob sie fröstelte. Nur der Paukist wußte, daß er gleich seinen Paukenkopf-Schlegel mit voller Wucht auf die Pauke dreschen würde, in einer Tausendstelsekunde das Publikum aus der wohligen sanften Umarmung der Nereiden und dem Heben und Senken der langen Atlantikwellen der Sinfonie reißen würde.

Dies, dies war die Stille vor dem Paukenschlag.