Ich saß am Teich im Wiener Stadtpark. Für einen älteren Mann mit Gehstock ist es ein Segen, eine Bank zu finden, wo man sich ausruhen kann. Ich war allein, aber ich war nicht der Einzige hier am Teich.
Gegenüber, auf einer anderen Bank saß ein junges Mädchen. Nein, eigentlich eine junge Frau, etwa 35. Sie hatte einen Papiersack auf dem Schoß, aus dem sie Stückchen von Altbrot nahm und sie den Teichbewohnern, den Wasservögeln, zuwarf. Es waren alte Bekannte; Stockenten, Haubentaucher, Blässhühner und drei majestätische Graureiherdamen.
Natürlich beobachtete ich die junge Dame ganz genau, denn für die Fernsicht benötige ich noch keine Brille. Sie war jung, sehr schlank und wohlproportioniert, um es kurz zusammenzufassen. Ihre langen blonden Haare fielen wie eine wellige Wasserkaskade bis über die Schultern herab. Sie trug ein kurzes, geblümtes Sommerkleid, das sowohl ihre entblößten Schultern wie auch den Ansatz voller Brüste zeigte. Bei dieser Affenhitze trug jedermann so wenig wie möglich, nur wir älteren Herren schwitzen in unseren langen schwarzen Jeans, mit Gürtel und Hosenträgern, versteht sich. Die junge Frau mit dem traurigen Blick warf den Vögeln Altbrotstückchen zu und redete mit ihnen. Das war ungewöhnlich, nur wenige Menschen sprechen mit Tieren — wohl meinend, verstanden zu werden.
Ihre schneeweißen Knie faszinierten mich. In Gedanken war ich natürlich seit dem Vormittag dabei, eine Idee für ein neues, jugendfreies Buch zu entwerfen. Mir ging es auf die Nerven, daß jeder und alle sich aufplusterten, weil ich es bisher nicht geschafft habe, ein jugendfreies Buch zu schreiben. Meine über 40 Romane lesen Tausende, weil ich sie gratis ins Netz gestellt habe. Doch das war nicht der Punkt. Konnte ich überhaupt noch etwas Jugendfreies schreiben, oder war mein altes Gehirn schon so verrottet, daß ich es nicht zustande brachte? Vergangenes Jahr habe ich mit den besten Absichten einen Krimi geschrieben, und der war zu Anfang wirklich und ernsthaft absolut jugendfrei. Doch im Schreiben glitt meine Feder ab und der Krimi las sich dann viel besser und flüssiger mit nicht jugendfreier Fortsetzung. Es war zum Verzweifeln; KONNTE ich es wirklich nicht?
Begonnen hatte es, als ich meine Deutsch-Maturaarbeit ablieferte, "Goethe und sein Frauenbild" lautete die Vorgabe. Ich, dem 'Einser' oder 'Ausgezeichnet' nachjagend und ohne die geringste Ahnung, was der Dichtervater über Frauen im Allgemeinen oder gar im Speziellen dachte, ich schmierte das Heft rotzfrech bis zur letzten Seite voll. Die Vorgabe machte deutlich, daß der Knabe nicht schwul war, und unvorsichtigerweise überließ man es meiner überschäumenden Phantasie, ihm Weib um Weib ins Kämmerlein zu lotsen, und da war ich nicht mehr zu bremsen. Klar, es wurde ein 'Einser', denn ein 'Ausgezeichnet' gab es damals schon lange nicht mehr. Wie groß mein Erstaunen, als mich der alte Deutschlehrer — dessen erklärter Liebling ich all diese Jahre war — mich ins Lehrerzimmer rufen ließ. Ich mußte all meinen Professoren und Professorinnen mein Elaborat vorlesen. Ach, gütiger Gott! Der Turnlehrer, immerhin ein ehemaliger Olympionike, schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen, wohl wie es der Dichterfürst auch getan haben würde. Ich las, geriet in heilige Verzückung über das Liebesdenken, Liebesleben und Liebesfühlen des göttlichen Geheimrats Wolfgang von G. — und meine Französischlehrerin heulte Rotz und Wasser vor Ergriffenheit, was folgerichtig wenig später zu einem handfesten Techtelmechtel führte. Ich war für einen Moment verwirrt; hatte ich da einen goldenen Pfad entdeckt, der schnurstracks zum Unaussprechlichen führte? — Aber ich schweife ab.
Entzückende Knie hatte sie, die junge Dame, deren Anblick mich so erfreute. Mein Blick folgte dem Blick der Stockenten, die aus perfekter, günstigerer Position heraus den feinen Linien ihrer schneeweißen, entzückenden Innenschenkel folgten. Ach, Leda und der Schwan! Ich bin ein für immer verdorbener alter Mann, niemals werde ich einen jugendfreien Roman schreiben können, um zu beweisen, daß ich nicht nur Versautes zu Papier bringen konnte.
Es muß der Gott Hermes gewesen sein, der nun eingriff. Ein junges Pärchen ging nun an uns, am Teich vorbei. Ein junges Mädchen in einem Ferrari-roten elektrischen Rollstuhl und ihr glatzköpfiger Freund. Händchenhaltend und fröhlich schnatternd gingen und rollten die beiden dahin, der Ferrari summte leise. Oh, Hermes, du bist der Beste!
Eine Idee keimte auf. Ein roter Rollstuhl, Ferrari-rot, ein behindertes Mädchen und ihr Freund, fröhlich schnatternd und händchenhaltend. Die Idee zuckte auf. Ein Außerirdischer, der junge Kerl mit der glänzenden Glatze, wie es heutzutage so modern ist? Außerirdischer? Nein, das klang falsch und abgelutscht. Ein Zeitreisender? Oh ja, genial — das war es!
Die junge Frau gegenüber, die mit den Vögeln sprach wie einst der Heilige Franziskus, sie blickte so unsäglich traurig drein, daß es mir ganz weh ums Herz wurde. Sie erzählte den Vögeln ihr Leid, ihre traurige Geschichte. Yvonne, ja, ich werde sie Yvonne nennen, sie hat ihrem Alessandro aus Argentinien gerade den Laufpaß gegeben, denn sie war ein Kind des 21. Jahrhunderts und kein Mädel aus dem Mittelalter, das sich von einem Macho versklaven läßt. Die junge Frau wischte sich trotzig eine Träne aus den Augenwinkeln und die Stockenten nickten befriedigt. Einem Macho aus Südamerika gab man nicht nach, wenn man Rückgrat hat! Die junge Frau lächelte trotz ihres Grams, als sich unsere Blicke trafen. Ich ließ meinen Blick Fröhlichkeit und Aufmunterung versprühen. Ach, ich sollte mich neben sie setzen, sie in den Arm nehmen und mir ihr Leid anhören. Aber so bin ich nicht, ich setze mich nicht ungefragt neben eine schöne junge Frau und spende ihr großväterlichen Trost, obwohl ich es sehr wohl könnte.
Hermes, du bist ein Freund! Ich hatte alles für eine kleine Geschichte beisammen, vielleicht wird es ja nur eine Kurzgeschichte mit jugendfreiem Inhalt. Aber halt — mein Zeitreisender war doch Sexualwissenschaftler, gerade verwitwet und hatte sich eine Auszeit genommen, um über alles nachzudenken. Hier, in unserer Zeit?
Ja, alle Zutaten waren da. Der Ferrari und das Mädchen, der glatzköpfige Freund und die Yvonne. Götter und Göttinnen der antiken griechischen Mythologie, und meinen besonderen Freund, den Kalifen Harun Al-Raschid, werde ich als verschmitzten Alten auch noch irgendwie unterbringen. Jugendfrei. Ehrensache.
Mein Freund Hermes lächelte. "István, ich habe gerade mit dem Dionysos, den du auch als Bacchus kennst, um ein Fäßchen Schnaps gewettet, daß du es diesmal schaffst. Also, reiß dich zusammen und laß mich nicht verlieren!"
Ja, genau. Yvonnes schneeweiße Innenschenkel bleiben draußen, versprach ich. Nur um den Anschein zu wahren, der Text wäre erstaunlicherweise jugendfrei. — Denn, oh ihr Götter und Göttinnen, es wird unweigerlich um — natürlich jugendfreien — Sex gehen, vom ersten bis zum letzten Kapitel.
Sorry, Hermes!
István Rudas
Wien, am 29. August 2026
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